Christoph Cardinal Schönborn, O.P. Christoph Cardinal Schönborn, O.P.
Function:
Archbishop of Wien, Austria
Title:
Cardinal Priest of Gesù Divin Lavoratore
Birthdate:
Jan 22, 1945
Country:
Austria
Elevated:
Feb 21, 1998
More information:
www.catholic-hierarchy.org, Stephanscom.at, The Schonborn Site
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German Kirche hat "keine glorreiche, aber eine lebendige Zukunft"
Jul 20, 2010
Wortlaut der Begrüßungsansprache von Kardinal Christoph Schönborn zur Eröffnung des Pfarrgemeinderätekongresses in Mariazell am 13. Mai 2010.

Liebe Schwestern und Brüder!

Willkommen in Mariazell! Willkommen am Fest Christi Himmelfahrt! Willkommen bei Maria, der Mutter des Herrn, in ihrem Haus im Herzen Österreichs! Willkommen aus allen Teilen unseres Landes, aus den 3.000 Pfarrgemeinden, den Gemeinschaften, den anderssprachigen Gemeinden, aus allen Diözesen unseres Landes. Gemeinsam, mit meinen Mitbrüdern im Bischofsamt, haben wir sie eingeladen. Danke, dass Sie die Einladung angenommen haben. Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben und diese Ihre Zeit so großherzig schenken und einsetzen!

In meinen Begrüßungsworten werde ich nicht mit "der Krise" beginnen, die in aller Munde ist, sondern mit einer Verheißung. Sie steht in der heutigen Lesung aus der Apostelgeschichte. Die Jünger fragen Jesus: "Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?" (Apg 1,6) Sie träumen immer noch von einem machtvollen, siegreichen, offenkundigen Reich Gottes in dieser Welt. Wie gut kann ich sie verstehen. Der Traum einer starken, überzeugenden, anerkannten Kirche, von einem greifbaren Sichtbarwerden des Reiches Gottes - wer träumt ihn nicht ein wenig? Und durchaus mit guten Gründen, echten Hoffnungen.

Jesu Antwort klingt wie ein Ausweichen, ein Wegschieben, ein Vertrösten: "Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat". Vertröstung? Nach dem Typus: "Das geht euch nichts an!" Oder doch Verweis auf das Ertragen des Unvollendeten, Zumutung der Reife des Wartens, der Geduld des Wachsens? Spannung des Schon-und-noch-nicht! Aushalten, dass das Reich Gottes im Stillen wächst! Das ist die Zumutung Jesu an die beginnende Kirche. Es ist die bleibende Herausforderung an eine Kirche auf dem Weg, ein Volk Gottes, das noch pilgert, das das Ziel im Auge, aber es noch nicht erreicht hat.

Diese Aufforderung zur Geduld wäre aber unerträglich, ja sogar zynisch, gäbe es nicht sogleich eine konkrete Verheißung, die der Herr auch wirklich eingelöst hat: "Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird, und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an die Grenzen der Erde" (Apg 1,8).

Nicht Macht hat er uns verheißen, aber Kraft! Nicht Macht auf Erden, aber Kraft von oben!

Es fügt sich schön, dass wir unsere drei Tage in Mariazell mit dem Beginn der Pfingstnovene beginnen und im Vertrauen auf das immer neue Pfingstereignis sind wir hier beisammen. Hätten wir nicht die Hoffnung auf den Heiligen Geist, wir würden uns kaum für die Kirche, für unsere Gemeinden einsetzen.

"Ein neues Pfingsten" hat der selige Papst Johannes XXIII. für die Kirche erhofft, als er 1962 das Zweite Vatikanische Konzil begann. Ich war damals 17 Jahre alt. Wir haben mit Begeisterung das Konzil verfolgt, die Nachrichten darüber gehört. Das ist fast 50 Jahre her. Mich bewegt heute die Frage: Was werden die heute 17-jährigen im Rückblick sagen, wenn sie 2062 die 100-Jahr-Feier der Eröffnung des Konzils begehen werden?

Schwestern und Brüder! Ich habe eine große Bitte im Herzen. Denken wir in diesen Tagen bewusst und beherzt an die, die einmal die Kirche in unserem Land tragen werden. Hören wir auf sie! Fragen wir sie! Sie bekommen von uns ein schweres Erbe. Sie werden es schwer zu tragen haben: Dieser Tage haben Katholiken in Deutschland, Laien, Bischöfe, Ordensleute, einen "Aufruf für eine prophetische Kirche" angesichts drohender "Krisen biblischen Ausmaßes" veröffentlicht.

Ich zitiere daraus (siehe "Kathpress-Infodienst" Nr. 417):

"Unsere Wirklichkeit:

Wir leben in einer Zeit, in der das Überleben der Menschheit bedroht ist. Überall sind die Zeichen des Klimawandels sichtbar, der die Existenzgrundlage von Millionen von Menschen zerstört. Öffentliche Güter wie Wasser und Energie, Bildung und Krankenversorgung, ja die Natur selbst werden durch Privatisierungen dem Gesetz des Profits unterworfen. Übermächtige Finanzinstitute haben die weltweite Finanzkrise verursacht und die Gesellschaft in Geiselhaft genommen. Sie haben die Politik unter Druck gesetzt, ihre Spekulationsverluste kommenden Generationen aufgebürdet und gesellschaftliche Verantwortung verweigert.

Die wachsende soziale Kluft zwischen den Wenigen, die sinnlosen Reichtum anhäufen, und den Zahllosen, denen das Existenzminimum vorenthalten wird, führt unweigerlich zu gewaltsamen Konflikten zwischen Bürgern und zwischen Völkern. Eine Wirtschaftsweise, die Geld zu einem Götzen macht, zerstört langsam wie ein Krebsgeschwür die Würde und die Rechte der Person, den Sinn für Solidarität in der Gesellschaft und schließlich die spirituelle Offenheit für alles Göttliche. Dieser Tanz um das goldene Kalb wird zum Totentanz für Mensch und Natur".

Liebe Brüder und Schwestern! Verzeihen Sie, wenn ich diese dramatischen Worte an den Anfang stelle. In den Worten dieses Aufrufs geht es nicht um Resignation, aber um Klartext. Und dann werden Schritt für Schritt die Hoffnungen formuliert - Hoffnungen, die große Herausforderungen stellen. Es sind die Herausforderung, die auf uns und vor allem auf die kommende(n) Generation(en) zukommen. Wir brauchen "die Kraft des Heiligen Geistes".

Wer von uns konnte 1962 ahnen, wie Kirche und Gesellschaft heute aussehen. Wir können nicht wissen, wie sie 2062 aussehen werden. Aber eines ist sicher: sehr, sehr anders. Und doch wird es die Kirche Jesu Christi sein, und sein Heiliger Geist wird ihr gegeben sein.

Wie wird sie aussehen? Die Kirche Österreichs im Jahr 2062? Ich brauche immer Bilder, um die Dinge anschaulich zu sehen. Mein Heimatpfarrer in Schruns sagte mir: "Als ich vor 40 Jahren begann, hatten wir 100 Taufen im Jahr. Heute sind es 20". Und er fügte hinzu: "Wie sollen diese 20 einmal die 100 tragen?"

Das ist die Zukunftsfrage unserer Gesellschaft und unserer Kirche. Eine Teilantwort haben wir in Wien bereits: ein Viertel der Wiener Katholiken hat Migrationsherkunft. Ich begrüße daher ganz besonders die (noch viel zu wenigen) Vertreter der anderssprachigen Gemeinden. Sie sind heute schon ein echter Teil der Kirche Österreichs. Die Kirche in Österreich ist nicht mehr nur die Kirche der Österreicher - sie ist die Kirche der Immigranten, die Österreicher geworden sind oder auf dem Weg sind, Österreicher zu werden.

Eindrucksvoll ist für mich, dass unter den Sorgenfragen unserer Pfarrgemeinderäte in der Pfarrgemeinderäte-Studie an erster Stelle die Frage steht: "Wird es morgen noch (genug) Menschen geben, die den Gottesdienst mitfeiern?"

Wir wissen alle, dass wir in schwierige Zeiten gehen. Das Reich Gottes wird nicht mit Macht auf Erden erscheinen. Jesus hat selber verheißen, dass es "Gewalt leidet". Aber es ist uns der Heilige Geist verheißen und gegeben. Die Kraft von oben, der Beistand, der Tröster, der die Herzen erreicht, wo keine Worte mehr hinkommen.

Der Heilige Geist hat noch in jeder Zeit der Kirche Menschen erweckt, die durch sein Wirken das Antlitz der Erde "neu gemacht" haben. Auf diese Überraschungen dürfen wir hoffen, sie dürfen wir erbitten. Ich bin zuversichtlich, dass der Herr unserer Kirche, unseren Gemeinden Zukunft schenkt. Keine einfache. Keine irdisch gesehen glorreiche. Aber eine lebendige. Denn "wo Gott ist, da ist Zukunft". Danke, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind!

http://stephanscom.at/edw/reden/0/articles/2010/05/14/a18531/
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