Predigt zur Priesterweihe 2010
Jul 14, 2010
Wortlaut der Predigt von Kardinal Dr. Christoph Schönborn bei der Priesterweihe im Dom zu St. Stephan am 25. Juni 2010.
Gelobt sei Jesus Christus!
Liebe Weihekandidaten!
Liebe Mitbrüder, die ihr in Kürze durch Handauflegung des Bischofs die Priesterweihe empfangt!
Liebe Brüder und Schwestern!
Die Evangelienstelle, die wir am heutigen Tag hören, - es ist das Evangelium vom heutigen Tag -, steht am Ende der Bergpredigt. Jesus hat lange zu den Menschen gesprochen und jetzt steigt er herab vom Berg, und mit ihm die Menschen, die in Scharen ihm zugehört haben. Die erste Wirklichkeit, die ihn beim Herabsteigen vom Berg erwartet, ist die schmerzliche Wirklichkeit, das unbeschreibliche Elend eines Aussätzigen, eines Leprakranken, ein Untouchable. Einer, den man nicht anrühren darf, der ausgegrenzt und ausgeschlossen, der isoliert ist. Das ganze unbeschreibliche Elend der Niederungen erwartet Jesus als erstes nach der Bergpredigt. Das hat uns doch was zu sagen, das hat Euch etwas zu sagen. Oben auf dem Berg der Seligpreisungen mit der wunderbaren Aussicht auf den See Genezareth, hat er ihnen den Weg gezeigt, der selig macht, der glücklich macht. Und jetzt kommt er hinunter und er ist mitten im menschlichen Elend.
Von diesem Elend lässt er sich berühren, und er berührt diesen Elenden. Er tut etwas ganz Unerlaubtes, denn dieser Aussätzige ist ja "unrein", kultisch und menschlich, gesundheits-hygienisch. Er berührt ihn, weil er berührt ist und er tut die Urgeste, die ich nachher an Euch vollziehen werde. Er legt ihm die Hand auf, er berührt ihn, haptisch, heißt es im Griechischen. Er lässt sich berühren und er berührt. Es gibt noch eine andere ähnliche Szene nach der Verklärung, auch auf dem Berg, wo sie heruntersteigen. Raphael hat das in dem berühmten Gemälde dargestellt, oben die Verklärung und dann der Abstieg hinunter, und dort stoßen sie auf das Elend, das Elend der Welt. Einen vom Dämon geplagten Buben mit seinem verzweifelten Vater.
Herabsteigen, das ist das erste Wort des heutigen Evangeliums, "Herabsteigend". Vielleicht steht das nicht umsonst heute an der ersten Stelle im Evangelium. Wer Jesu Bergpredigt folgen will, wird mit ihm herabsteigen. Es ist eine Karriere nach unten, nicht eine Karriere nach oben. Ja, man sagt manchmal: Oh, der hat eine schöne kirchliche Karriere gemacht, krieg ich gelegentlich zu hören! Oh, der nächste, höhere Sprung wäre sogar ein Karrieresprung nach Rom. Nein! Das ist nicht der Weg Jesu. Die christliche Grundrichtung ist der Abstieg, die kenosis, von der Paulus spricht. Er hat sich selbst entäußert und ist Knecht geworden. Das ist die christliche Grundrichtung. Wir sehen sie an den großen christlichen Gestalten an einer Mutter Teresa, die nicht am Elend vorbeigegangen ist, die nicht zuschauen wollte, wie die Menschen in der Straße elend zugrunde gehen. Ein Damian de Veuster, der heiliggesprochene große Helfer der Leprakranken, der auf die Toteninsel Moloka’i gegangen ist, wo niemand hin wollte, weil dort die Aussätzigen, die Ausgesetzten waren. Er ist zu ihnen gegangen, er ist hinuntergestiegen, Karriere nach unten.
Dass uns das allen nicht ganz spontan gelingt, es möge für Euch und für uns alle ein Trost sein. Das gilt nicht nur für die Priester, das gilt für alle Christen, dass es den Aposteln auch nicht leicht gefallen ist. Ja, dass sie Karrieregedanken bis zum Schluss hatten: Wer von Ihnen der größte ist, wer von Ihnen der Beste, der Gescheiteste ist, der Mächtigste ist unter den Apostel? Ihr kennt diesen Kampf, er ist in jedem Menschenherzen. Schon unter den Kindern: Wer von ihnen ist der Bessere?
Das zweite Wort in diesem Evangelium ist eine flehentliche Bitte: "Herr, wenn du willst, kannst du mich rein machen!" Auch sie passt so gut zu diesem heutigen Tag. Natürlich ist es die Bitte der Heilung, heil werden von der schrecklichen Krankheit, die Stück für Stück die Glieder verfaulen und abfallen lässt. Aber es ist die Sehnsucht nach der tiefen Heilung unseres verletzten, verwundeten Menschenherzens. Papst Benedikt hat im Blick auf die heutigen vielen suchenden Menschen, die mit der Kirche nichts anfangen können, die auch keinen Zugang zu ihr haben, darauf hingewiesen, dass bei so vielen Menschen eine "Sehnsucht nach Großem und Reinen" zu finden ist. Das klingt paradox, und doch wie tief ist diese Sehnsucht, letztlich die Sehnsucht nach dem, was Jesus in der Bergpredigt gesagt hat: "Selig, die reinen Herzens sind". Das sind die, die gerade sind, die aufrichtig sind, keine Naivität, sondern die Lauterkeit des Herzens. Wie sehr berührt das, solchen Menschen zu begegnen! Wie sehr sehnen wir uns danach, Menschen zu sein, die geraden Herzens sind. Ich bitte Euch, wenn Ihr Priester seid: Schaut auf solche Menschen. Sie sind für uns große Vorbilder. Es sind oft ganz unscheinbare Menschen, aber sie überzeugen und beeindrucken uns durch die Geradheit ihres Herzens. Es sind nicht immer die, die immer ganz nahe beim Weihwasserkessel sind, sondern oft auch ganz außen gesehen, fernstehende, aber gerade Menschen. Habt ein Auge für diese Menschen, von denen Jesus so wunderbar über Nathanael sagt: "Da kommt ein wahrer Israelit! Ein Mann ohne Falsch". Herr, mache mich rein. Wenn du willst, kannst du mich rein machen. Der Heilsdienst, der Euch aufgetragen ist durch die Weihe.
Das ist das dritte, das große Wort, das Paulus in der Lesung zu uns gesprochen hat. Der Dienst der Versöhnung, der den Aposteln und uns aufgetragen ist, nicht aus eigener Kraft, sondern weil Christus uns mit Gott versöhnt hat. Das geht nicht von uns aus, das geht von Christus aus. Er hat uns mit Gott versöhnt. Deshalb hat er uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen. Und über allem steht dieses wunderbare Wort am Anfang, das erste Wort der heutigen Lesung: "Die Liebe Christi drängt uns". Das ist zuerst die Liebe zu Christus. Sie soll Euch drängen, sie soll Euch Grundanliegen sein, die Liebe zu Christus. Aber es ist noch mehr. Es ist die Liebe Christi selbst. Die Liebe Christi zu den Menschen. In dieser Liebe sollt Ihr bereit sein, vieles zu tragen und auch manches zu ertragen. Wenn einer für uns alle die Last getragen hat, damit wir frei werden davon, dann ist der Dienst des Priesters ein ganz besonderes Verdienst, anderen Lasten abzunehmen. Wie Franziskus gesagt hat, nicht zuerst suchen getröstet zu werden, sondern zu trösten.
Die Liebe Christi drängt uns. Die Liebe Christi drängt mich jetzt die Geste zu vollziehen, die Jesus an dem Leprakranken getan hat. Ihr habt nicht die Lepra, aber Ihr bittet den Herrn: Wenn du willst, kannst du mich rein machen, ganz machen, innerlich, stark und lauter, damit ich glaubwürdig dich bezeugen kann. So wie Jesus diesen Armen die Hände aufgelegt hat, so darf ich Euch in Jesu Namen die Hände auflegen und Euch mit der Kraft von oben ausrüsten, damit Ihr von der Liebe Christi gedrängt zu den Menschen geht, so wie Jesus es getan hat. Er gibt Euch die Kraft dazu. Amen.