Kardinal Schönborn wird 65
Jan 27, 2010
Feier im Stephansdom am 24. Jänner - Der Kardinal ist in der
katholischen Weltkirche "zu Hause", vor allem aber ist er "mit
Leidenschaft" Erzbischof von Wien
Wien, 19.01.2010 (KAP) Die Erzdiözese Wien und das Wiener Domkapitel
laden am kommenden Sonntag, 24. Jänner, um 16 Uhr zu einer
Pontifikalvesper aus Anlass des 65. Geburtstags von Kardinal
Christoph Schönborn ein. Beim anschließenden Festakt im Dom werden
dem Wiener Erzbischof zwei Festschriften überreicht. Für die
Erzdiözese Wien wird Generalvikar Msgr. Franz Schuster gratulieren,
für das Domkapitel Domdekan Prälat Karl Rühringer. Auch Vertreter
des Klerus, der Ordensleute und der Laienchristen werden das Wort
ergreifen.
Christoph Schönborn wurde am 22. Jänner 1945 im böhmischen Skalken
(Skalka) geboren. Noch im selben Jahr musste die Familie nach
Österreich flüchten, obwohl Schönborns Vater sich von der deutschen
Wehrmacht getrennt hatte und der britischen Armee als Dolmetscher
angehörte. Seine Kindheit verbrachte Christoph Schönborn in Schruns
in Vorarlberg. Nach der Matura 1963 trat er im westfälischen Warburg
in den Dominikanerorden ein. Er studierte Theologie und Philosophie
in Walberberg bei Bonn, in Wien und Paris. Am 27. Dezember 1970
wurde er von Kardinal Franz König in Wien zum Priester geweiht.
1971/72 absolvierte Schönborn ein Doktoratsstudium am Institut
Catholique in Paris, 1972/73 ein Studienjahr in Regensburg, wo der
heutige Papst Benedikt XVI. sein Lehrer war. Seit damals gehört
Schönborn dem "Schülerkreis" von Joseph Ratzinger an; dieser
Schülerkreis trifft einmal im Jahr zusammen, seit der Wahl
Ratzingers zum Papst jeweils in Castel Gandolfo.
Von Kirchenvätern inspiriert
1974 erwarb Schönborn am Institut Catholique in Paris den Doktorgrad
mit einer Dissertation über das Thema "L'Icone du Christ", einer
ersten Frucht seiner profunden ostkirchlichen Studien. Die
Inspiration seines theologischen Denkens durch die Theologie der
Kirchenväter des ersten Jahrtausends hat dem Wiener Erzbischof hohe
Achtung im Bereich der orthodoxen Kirchen eingebracht. Der Kardinal
konnte - auch in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Kuratoriums
der Stiftung "Pro Oriente" - die Rolle Wiens für den ökumenischen
Dialog mit Konstantinopel, Bukarest und Moskau stärken. Seine
Besuche bei den orthodoxen Patriarchen dieser Städte fanden ein sehr
positives Echo.
Ab 1975 lehrte Christoph Schönborn - zunächst als Gastprofessor und
später als Ordinarius - Dogmatik an der Katholischen Universität
Fribourg (Schweiz) und betreute auch einen Lehrauftrag für die
Theologie des christlichen Ostens. Der Wiener Erzbischof ist Autor
zahlreicher wissenschaftlich-theologischer, aber auch populärer
Werke. Charakteristisch für den Kardinal ist bis heute, dass er gern
schreibt, nicht am PC, sondern mit der Füllfeder in gestochen
schöner Handschrift - u.a. auch Kolumnen für zwei populäre Wiener
Tageszeitungen (einen Evangelienkommentar am Sonn- und Feiertag,
eine aktuelle Kolumne am Freitag).
1980 wurde er Mitglied der Internationalen Theologenkommission des
Heiligen Stuhls, 1987 Redaktionssekretär des "Weltkatechismus". In
dieser Funktion lernte Christoph Schönborn viele Repräsentanten der
Weltkirche aus unterschiedlichen Sprachgebieten kennen; es
entstanden Verbindungen, die bis heute andauern. Sein Sprachentalent
- von der perfekten Zweisprachigkeit deutsch/französisch bis zu
slawischen Sprachkenntnissen - ist für den Wiener Erzbischof eine
wichtige Hilfe bei der Erfüllung weltkirchlicher Aufgaben, auch im
Sinn der von seinem Vorvorgänger, Kardinal Franz König, betonten
Berufung der Erzdiözese Wien als "Ort der Begegnung" im Herzen des
europäischen Kontinents.
Bischofsweihe 1991
1991 wurde Christoph Schönborn zum Weihbischof für die Erzdiözese
Wien ernannt. Seine Bischofsweihe am 29. September 1991 im Wiener
Stephansdom gestaltete sich nach den Jahren der innerkirchlichen
"Turbulenzen" wieder zu einem "Fest der Diözese".
1993 wählte die Österreichische Bischofskonferenz den neuen
Weihbischof zu ihrem Europa-Referenten. Das Thema Europa ist für den
Wiener Erzbischof bis heute von zentraler Bedeutung; auch der
Mitteleuropäische Katholikentag, der im Mai 2004 mit einer großen
"Wallfahrt der Völker" in Mariazell seinen Höhepunkt fand, war
wesentlich seiner Initiative zu verdanken. Seine Vorstellung von
Europa ist differenziert. Europa müsse sich seiner christlichen
Wurzeln bewusst bleiben, aber es sei auch klar, dass das Christentum
für viele ein Fremdkörper in einer durch Vernunft, Aufklärung und
Demokratie bestimmten Welt ist. "Europa wird seine geschichtliche
Rolle nur erfüllen können, wenn es sich den 'Fremdkörper
Christentum' als Teil seiner Identität erhält", so der Kardinal.
Am 13. April 1995 wurde Schönborn von Johannes Paul II. unter
dramatischen Umständen (es war das Jahr der "Causa Groer") zum
Erzbischof-Koadjutor von Wien ernannt, am 14. September 1995 zum
Erzbischof von Wien. Der Festgottesdienst zu seinem Amtsantritt fand
am 1. Oktober 1995 statt, dem Fest der "kleinen" Heiligen Theresia
von Lisieux. Die französische Karmelitin ist für den Wiener
Erzbischof mit ihrer Nähe zur Not der Nichtglaubenden und ihrer
Option des "kleinen Weges" ein Vorbild für die suchenden Menschen
von heute.
Am 29. Juni 1996 wurde ihm das Zeichen des Erzbischofs, das Pallium,
übergeben. Am 21. Februar 1998 wurde der neue Wiener Erzbischof zum
Kardinal erhoben. Seine Titelkirche ist "Gesu Divin Lavoratore" in
den südlichen Vorstädten Roms, eine Pfarre mit einer besonders
intensiven Seelsorge. Im selben Jahr 1998 übernahm Schönborn auch
den Vorsitz der Österreichischen Bischofskonferenz.
Konzept der "Stadtmission"
Das Pastoralkonzept des Wiener Erzbischofs ist stark davon geprägt,
dass die Kirche wieder missionarisch sein muss, dass sie in der
Öffentlichkeit für das Evangelium Zeugnis abzulegen hat. Dies
bedeutet für ihn keinen Rückgriff auf die Vergangenheit, sondern
eine Umsetzung des Schreibens von Johannes Paul II. "Duc in altum"
zum Jahrtausendbeginn auf die Situation der lokalen Kirche.
Gemeinsam mit den Erzbischöfen von Paris, Brüssel, Lissabon und
Budapest hat Kardinal Schönborn das Konzept der "Stadtmission"
entwickelt. Auch die neue Initiative "Apostelgeschichte 2010" hat
diese missionarische Ausrichtung; vor allem sollen die engagierten
Katholiken befähigt werden, mit den suchenden Menschen von heute in
ein Gespräch über den Glauben, über "Gott und die Welt", einzutreten.
Der Wiener Erzbischof unterstreicht die Bedeutung der
Pfarrgemeinden, nahezu an jedem Wochenende ist der Kardinal in einer
Pfarrgemeinde seiner Diözese zu Gast. Zugleich sieht er in den neuen
geistlichen Bewegungen ("movimenti") einen wichtigen Impuls für das
Leben der Kirche. Die Pfarrgemeinden bilden für Kardinal Schönborn
gerade in "Zeiten der dreifachen Krise" (in Wirtschaft, Umwelt und
Moral) das wichtigste Solidarnetz.
Dabei verschließt der Wiener Erzbischof die Augen nicht vor den
dramatischen Herausforderungen für die Seelsorge wie dem
Priestermangel und der Situation der wiederverheirateten
Geschiedenen. Aber er ist kein Freund der vorschnellen "einfachen
Lösungen" in die eine oder die andere Richtung. In seiner Haltung
wird auch deutlich, dass er aus der Erfahrung seiner eigenen
Herkunftsfamilie weiß, was Scheidung bedeutet. Die Worte des
Kardinals bei der Trauermesse für Bundespräsident Thomas Klestil am
10. Juli 2004 im Stephansdom fanden große Beachtung: "Es fällt auch
der Kirche nicht leicht, den Weg zwischen dem unbedingt notwendigen
Schutz für Ehe und Familie einerseits und der ebenso notwendigen
Barmherzigkeit mit dem menschlichen Scheitern und Neubeginnen
anderseits zu finden".
"Kein Christ kann Antisemit sein"
Kardinal Schönborn erinnert die Katholiken aber auch immer wieder an
ihre jüdischen Wurzeln. "Wir können Jesus nicht am Judentum vorbei
oder gar gegen das Judentum finden", sagte der Wiener Erzbischof bei
seiner Katechese im Stephansdom am 10. Jänner und unterstrich
zugleich die Bedeutung des Konzilsdokuments "Nostra Aetate", das
endgültig Schluss mit der Judenfeindschaft gemacht habe.
Die "Reinigung des Gedächtnisses" im Hinblick auf die
österreichische Geschichte brachte Kardinal Schönborn u.a. auf der
von ihm veranlassten neuen Gedenktafel auf dem Wiener Judenplatz zum
Ausdruck, aber auch bei der öffentlichen Lesung der Neuauflage des
Buches "Antwort an Hitler" von Irene Harand am 12. März 2005 auf dem
Wiener Stephansplatz. Im Vorwort der Neuauflage hielt Kardinal
Schönborn fest, dass kein Christ Antisemit sein kann.
Dialog mit dem Islam
Charakteristisch für den Wiener Erzbischof ist auch sein
unbefangenes Verhältnis zum Islam, das sich etwa bei seiner Reise in
den Iran 2002 zeigte. Hintergrund dafür ist ein konsequentes
Bekenntnis zur Religionsfreiheit für Muslime in Europa und für
Christen in islamisch dominierten Ländern, aber auch die
Überzeugung, dass die Bekenner unterschiedlicher Religionen in der
globalisierten Welt zum Miteinander verpflichtet sind. Wie in
anderen Bereichen lässt sich der Kardinal auch im Hinblick auf das
Gespräch mit dem Islam von einem großen Vordenker aus seinem Orden
inspirieren, dem ägyptischen Dominikaner P. Georges Anawati
(1905-1994), einer Schlüsselgestalt des christlich-islamischen
Dialogs.
Ein weiterer Akzent ist die starke Betonung der Dimension
"Weltkirche". So besuchte der Wiener Erzbischof 1998 das Wiener
Partner-Vikariat Daule in Ecuador, wo eine Gruppe von Priestern und
kirchlichen Mitarbeitern aus der Erzdiözese Wien tätig ist. Im
Februar 2000 ließ er sich weder durch die politischen Troubles in
Österreich noch durch die örtlichen Unruhen davon abhalten, in das
krisengeschüttelte Nigeria zu reisen. Auch im Sommer des Jahres 2002
war Kardinal Schönborn wieder in Afrika, um mehrere Diözesen in
Zambia zu besuchen. Auf Einladung des Apostolischen Nuntius in
Jakarta war der Wiener Erzbischof Ende Dezember 2004 in Indonesien -
gerade in jenem Augenblick, als der Raum des Indischen Ozeans von
der Tsunami-Katastrophe heimgesucht wurde.
Die Österreich-Besuche der Päpste Johannes Paul II. (1998) und
Benedikt XVI. (2007) bedeuteten Höhepunkte der bisherigen Amtszeit
Kardinal Schönborns. Im Juni 1998 war die Seligsprechung der
Märtyrerin Sr. Restituta Kafka, von P. Anton Maria Schwarz und Jakob
Kern bei der großen Messe auf dem Heldenplatz der zentrale
Augenblick, im September 2007 stand Mariazell als heimliche
"spirituelle Hauptstadt Österreichs" im Mittelpunkt.
Kardinal Schönborn ist in der katholischen Weltkirche "zu Hause"; in
erster Linie aber ist er - und das "mit Leidenschaft" - Erzbischof
von Wien, betont dazu sein Pressesprecher, Prof. Erich Leitenberger.