Für ein "Abendland", das aus christlichen Werten lebt
May 23, 2009
Wortlaut der Predigt von Kardinal Christoph Schönborn beim Hochamt zum Fest Christi Himmelfahrt, 21. Mai 2009, im Wiener Stephansdom.
"Abendland in Christenhand": so wirbt zur Zeit eine politische Gruppierung in Österreich für die Europawahl. Es ist nicht üblich, dass wir Bischöfe zu Wahldebatten Stellung nehmen, zu Recht, denn die Zeit, da Priester und Bischöfe Wahlempfehlungen für bestimmte Parteien und gegen andere abgegeben haben, ist vorbei, und das ist gut so. Das Konzil lehrt uns, dass in politischen Angelegenheiten die Gläubigen nach eigenem Wissen und Gewissen in Freiheit ihre Wahl treffen sollen. Tatsächlich gibt es heute in allen wahlwerbenden Parteien aktive Christen. Das ist auch recht so, solange die Parteien im Rahmen der Verfassung und der Menschenwürde sind.
Wie Kardinal König immer wieder betont hat, geht es in der Haltung der Kirchenleitung gegenüber den politischen Parteien nicht um eine "neutrale" Äquidistanz, also sozusagen allen gegenüber gleich offen und gleich distanziert zu sein. Vielmehr sagte Kardinal König immer wieder: Die politischen Parteien selber bestimmen ihre Nähe oder Distanz zum christlichen Glauben und zur Kirche. Aufgabe der Bischöfe, der Priester und der Kirchenleitung ist es, vor allem die leitenden Prinzipien in Erinnerung zu rufen, die christlichen Grundwerte einzumahnen und notfalls auch einzufordern. Das sehe ich auch heute als meine Aufgabe. Ausgangspunkt dafür kann nur das Evangelium, die Lehre, die Botschaft und die Person Jesu Christi sein. Auf Ihn zu blicken, lade ich Sie heute ein, um in der gegenwärtigen Debatte den politischen Gebrauch von Worten wie "Abendland in Christenhand" oder von christlichen Kernsymbolen wie dem Kreuz vom Glauben her zu beleuchten. Ich lade Sie ein, mit mir einfach auf das Evangelium zu hören.
Da steht eines fest: Jesus Christus hat seinen Gläubigen einen weltweiten Missionsauftrag gegeben. Er hat sie "in die ganze Welt" geschickt und ihnen den Auftrag gegeben, allen Geschöpfen das Evangelium zu verkünden. Hätten die Christen diese Aufgabe nicht ernst genommen, dann gäbe es heute im "Abendland" kein Christentum, aber auch nicht in den vier anderen Kontinenten. Von seinem Gründer her ist das Christentum missionarisch. Daran erinnert uns das Evangelium von heute.
"Missionarisch" - das hat bei vielen heute eine schlechte Presse. Das klingt nach "Zwangsbeglückung" und weckt alte Vorurteile gegen das Christentum. Sollten wir nicht besser auf Mission verzichten und stattdessen auf Dialog setzen? Mission oder Dialog - ist das wirklich die Wahl?
Eines ist sicher: auch andere Religionen sind "missionarisch". Der Islam breitet sich weltweit aktiv aus. Alle Menschen sollen sich Allah unterwerfen, nach der Lehre und den Gesetzen des Korans. Aber auch andere Religionen "missionieren", auch wenn sie es nicht so nennen. So wächst etwa der Buddhismus in Europa. "Missionarisch" sind auch manche Atheisten. Sie werben etwa in England oder in Spanien auf Autobussen öffentlich für den Atheismus und gegen jede Form von Religion.
"Mission" kann intolerant sein, wenn sie mit Zwang und Gewalt vorgeht. Jesu Methode war das sicher nicht, auch wenn wir Christen uns nicht immer an Jesu Weg orientiert haben. Jesus will keinen Zwang. Vielmehr spricht Er die Herzen und die Vernunft an. Er lädt zum Glauben, zum Dienen, zur Selbstlosigkeit ein. Sein Kreuz ist alles andere als ein Machtsymbol. Es ist das Zeichen einer Liebe, die bis zum Letzten geht.
Wir Christen haben das Kreuz sicher auch als Machtsymbol gebraucht und missbraucht. Wenn wir es auch heute in der Öffentlichkeit sehen und behalten wollen, dann geht es uns vor allem darum, im Kreuz ein Zeichen der Liebe zu sehen, einer Liebe, die Gewalt nicht mit Gewalt und Hass nicht mit Hass beantwortet, sondern Hass und Feindschaft durch Hingabe und Verzeihen überwindet. Deshalb schmerzt es uns, wenn das große Zeichen der Versöhnung von anderen abgelehnt wird, wenn in manchen Ländern das Zeichen des Kreuzes nicht toleriert wird.
Gilt es nicht, gerade in unserer Zeit, in der menschenverachtendes Gedankengut, genauer müsste man sagen "Gedankenungut", sich wieder ausbreitet, das Zeichen des Kreuzes als das Zeichen der Versöhnung, der Sühne, der Feindesliebe anzusehen? Die ausgespannten Arme Jesu am Kreuz sind das Zeichen einer alle Menschen annehmenden und an sich ziehenden Liebe. Dieses Zeichen darf daher auch nicht politisch missbraucht werden, quasi als Kampfsymbol gegen andere Religionen, gegen andere Menschen.
Ja, ich wünsche mir ein Europa, das vom Christentum geprägt ist, aber von einem Christentum, das an Jesus Christus Maß nimmt. Ich wünsche mir, dass die Seligpreisungen Jesu (selig die Armen, die Barmherzigen, die Friedensstifter, selig, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten) wirklich tiefer das Leben Europas prägen. Ich wünsche mir das, weil ich überzeugt bin, dass der Weg Jesu ein Weg ist, auf dem eine Gesellschaft menschenfreundlicher und menschenwürdiger wird und es auch bleibt.
Aber der Weg Jesu, "das Christentum", wird in Europa nur lebendig bleiben und wieder lebendig werden, wenn es in den Herzen lebt. Papst Johannes XXIII. hat das Zweite Vatikanische Konzil vor 50 Jahren einberufen und sich von ihm "ein neues Pfingsten" erhofft. Ich lade zur Zeit die ganze Erzdiözese Wien zu einem Weg ein, der unseren Glauben von innen her, aus der Freundschaft mit Jesus, aus der Kraft des Heiligen Geistes, erneuern soll. Wir nennen diesen Vorgang "Apostelgeschichte 2010", weil wir überzeugt sind, dass die Geschichte von den Anfängen der Kirche auch heute weitergeschrieben wird.
Die Kirche geht freilich diesen Weg Jesu Christi nicht alleine. Es ist gut und wichtig, dass es gesellschaftliche Kräfte, auch politische Parteien gibt, die sich für humane und christliche Werte einsetzen. Hier gibt es immer wieder zwischen Kirche und gesellschaftlichen Gruppen gemeinsame Wegstücke, denn nur im Miteinander werden wir die schwierigen Zeiten, die vor uns liegen, meistern können. Dazu gehört vor allem ein intensives Bemühen um die Familie, die das sicherste und grundlegende soziale Netz darstellt. Dazu gehört ein aktiver, kreativer Schutz des Lebens, des ungeborenen, des behinderten, des kranken, des alten und auch des sterbenden Lebens.
Dazu gehört für uns unabdingbar ein vom Christentum inspirierter Umgang mit den Fremden: den Verfolgten, denen wir, wenn sie wirklich bedroht sind, Aufnahme gewähren müssen; den Immigranten, die wir bei unserer niedrigen Geburtenzahl brauchen, um auch unser Sozialsystem erhalten zu können. Zwei Hinweise in diesem Zusammenhang: Solange so viele ungeborene Kinder bei uns nicht zum Leben kommen können, wird diese "Wunde" unser Land belasten. Helfen wir zusammen, dass Kinder leben dürfen, Platz haben in unserer Gesellschaft. Und: Ich habe seit Wochen die Regierung gebeten: Nehmen wir doch wenigstens einige irakische Christen auf, die in ihrem Leben wirklich bedroht sind. Ich finde es erschütternd, dass Österreich nicht dazu bereit ist, während Deutschland 2.500 solche irakische Christen aufgenommen hat. Ja, ich wünsche mir ein Abendland, das wirklich aus den christlichen Werten lebt. Das erfordert aber vor allem einen tiefen christlichen Glauben. Jesus lädt dazu ein. Der Glauben rettet, sagt er. Denn ohne das Vertrauen auf Gott, ohne den Glauben an Ihn, sind wir orientierungslos, sind wir "rettungslos".
Meine Frage ist nicht, ob das Abendland in Christenhand bleibt, sondern ob es Christus im Herzen hat. Ein glaubensloses Abendland, das ist zu fürchten. "Wer nicht glaubt, wird verdammt werden" - ein sehr hartes, ein ernstes Wort Jesu. Wir können das Kapital des christlichen Glaubens in Europa verspielen. Wir können das Ziel und den Sinn unseres Lebens verfehlen. Jesu Ruf an uns ist deshalb: "Glaubt an Gott und glaubt an mich". Glauben wir an seine Liebe - und vertrauen wir auf seine Liebe. Amen.