Christoph Cardinal Schönborn, O.P. Christoph Cardinal Schönborn, O.P.
Function:
Archbishop of Wien, Austria
Title:
Cardinal Priest of Gesù Divin Lavoratore
Birthdate:
Jan 22, 1945
Country:
Austria
Elevated:
Feb 21, 1998
More information:
www.catholic-hierarchy.org, Stephanscom.at, The Schonborn Site
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German Glaube und Vernunft in Zeiten der Krise
May 23, 2009
Vortrag von Kardinal Christoph Schönborn beim IBM Management Cercle im Liechtenstein Museum, am 29. April 2009.

Sie alle wissen - wahrscheinlich viel besser als ich -, dass Wirtschaft sehr viel mit Vertrauen zu tun hat. Wenn das Vertrauen schwindet, wächst die Krise. Hat die Welt bis vor kurzem zu viel vertraut? Was waren "Triple A"-Aktien noch vor einem Jahr? Wer traut heute noch einer "Triple A"-Aktie? So vertraut man jetzt wohl zu wenig. Von der Notwendigkeit des Glaubens will ich heute sprechen und vor allem von der Vernünftigkeit des Glaubens. Denn ein Leben ohne Glauben ist unvernünftig, aber nicht nur das, es ist sogar unmöglich. Die Frage ist nur: ist der Glaube, ohne den wir nicht leben können, auch wirklich vernünftig? Ist das, worauf wir vertrauen, vernünftig?

Lassen Sie mich beginnen mit einem Zitat aus einem Artikel, der vor kurzem im "Economist" erschienen ist:

"Much in modern economics is taken on trust. Even the most basic goods depend on complex links between suppliers strewn across the globe. The glue that binds the whole system together is trust – trust that suppliers will deliver the right goods on time; trust that payments will duly pass down the supply chain. That raises a question: What makes people who might not even lend to their neighbours happy to lend their life savings to unknown borrowers whom they will never meet?"

Wie ist es zu beurteilen, wenn das Geld in einem Fonds, etwa einem Pensionsfonds, von irgendwelchen Managern verwaltet wird, die wir sicher nie sehen werden und die keine Ahnung von uns haben? Ist es vernünftig, so zu vertrauen, wie es in der Finanzwelt in den letzten Jahren geschehen ist?

Wirtschaft hat eindeutig mit Glauben zu tun. Die Banker sind "gläubiger" als viele andere, denn sie glauben, dass ihre Kunden das geborgte Geld (mit Zinsen) wieder zurückzahlen werden. Deshalb nennt man sie auch "Gläubiger". Wenn sie aber unvernünftig Glauben schenken und leichtfertig Credite vergeben (das Wort Kredit kommt auch von  "credere", glauben), dann machen sie sich strafbar, oder wenigstens sollten sie haftbar sein. Wer einen Kredit will, sucht glaubwürdig zu sein. Er will zeigen, dass man ihm glauben kann und dass man ihm deshalb vertrauen kann, ihm Geld anvertrauen kann, dass sein Kreditwunsch vernünftig ist, weil sachlich und menschlich verantwortbar. Und so ist es nicht nur im Bankwesen. Alle Wirtschaftsbeziehungen basieren auf Vertrauen.

Gegenseitiges Vertrauen: Sie werden sicher kein Geschäft mit jemandem Unglaubwürdigen beginnen, wenn Sie selber nicht leichtgläubig sind. Das wäre auch unvernünftig. Wie bitter ist es, wenn alles so vernünftig aussah, wenn man daraufhin vertraut hat und schließlich spektakulär betrogen wird, wie zum Beispiel von Herrn Bernard Madoff.

Mein Vortrag wird drei Teile haben:

  1. Glaube ist eine urmenschliche Haltung.
  2. Braucht der zwischenmenschliche Glaube ein transzendentes Fundament? Kann man glauben an Menschen, ohne an Gott zu glauben? Oder anders gefragt: Wie steht der natürliche Glaube zum religiösen Glauben?
  3. Gibt der christliche Glaube eine Antwort, die vielleicht doch für die heutige Wirtschaftskrise etwas zu sagen hat, die ja wohl, wie ich einleitend gesagt habe, als Vertrauenskrise eine Glaubenskrise ist.

1. Glaube als menschliche Grundwirklichkeit

Je komplexer eine Gesellschaft ist, desto mehr müssen wir vertrauen, weil wir das allermeiste, das sich in unserem Leben abspielt, gar nicht beherrschen können. Wir sind zum Glauben "verurteilt". Aber wir leben in einer Zeit, in der das Glauben schwieriger wird, zum Beispiel weil das Vertrauen in Beziehungen schwächer wird, Beziehungen weniger halten und auch, weil die Wirtschaft unsicherer geworden ist. Ich lade Sie zu einem Gedankenexperiment ein: Versuchen Sie einmal sich vorzustellen, was für eine Vielzahl an Glaubensakten sich implizit jetzt in diesem Moment vollziehen, ohne die Sie gar nicht in Ruhe hier sitzen könnten. Ich nenne nur fünf Punkte, wo wir einfach glauben müssen, um leben zu können:

1. Die Naturgesetze: Was würde geschehen, wenn wir uns Sorgen machen müssten, ob unser Planet jetzt wirklich in Ruhe seine Bahn um die Sonne zieht; dass die Gezeiten plötzlich nicht mehr funktionieren, dass die Schwerkraft auslässt, dass die vielen Vorgänge, die Naturgesetzen folgen, plötzlich einfach nicht mehr funktionieren? Wir setzen ständig voraus, dass das so ist. Wir gehen davon aus, dass die Sonne morgen aufgehen wird (auch wenn sie nicht wirklich aufgeht, wie wir alle wissen).

2. In jedem von uns laufen in diesem Moment Milliarden von biochemischen Vorgängen ab, in den Zellen, zwischen den Zellen. Wir denken überhaupt nicht daran, aber wir können – Gott sei Dank – aus dem Vertrauen leben, dass alles funktioniert, dass das Herz in aller Ruhe arbeitet und dass die Lunge funktioniert etc.

3. Sie gehen vermutlich davon aus, dass hier niemand mit einem Revolver sitzt und anfängt, wild um sich zu schießen, obwohl das in unserer heutigen Gesellschaft immer wieder vorkommt. Wir gehen davon aus, dass wir heute Abend normal nach Hause gehen können und dass normalerweise überhaupt das Leben so funktioniert, dass die Menschen sich normal benehmen. Wir könnten gar nicht anders leben, als mit dieser Annahme. Das Leben wäre sonst nicht lebbar.

4. Wir gehen davon aus, dass die Institutionen im Allgemeinen funktionieren, dass das Wasser aus dem Hahn kommt, dass der Strom da ist, wenn ich das Licht anschalte, dass der Straßenverkehr funktioniert. Wir setzen voraus, dass das funktioniert und Sie setzen mit mir ganz selbstverständlich voraus, dass dieses Haus heute hält.

5. Wir setzen auch laufend voraus, vom Generaldirektor angefangen, über alle MitarbeiterInnen, dass unsere Beziehungen im Allgemeinen funktionieren. Das Eltern ihre Kinder nicht vergiften, sondern aufziehen, sich um sie kümmern, dass Geschäftsleute einander im Allgemeinen nicht betrügen, denn sie wollen ja weiter Geschäfte machen und wenn sie ein Geschäft betrügerisch machen, dann machen sie es einmal und nie wieder, wenn man rechtzeitig draufkommt. Wir gehen alle miteinander davon aus, dass unsere Geschäftsbeziehungen auf Vertrauen basieren.

Ich habe Ihnen fünf Beispiele genannt, dass ein Leben ohne Grundvertrauen nicht möglich ist. Wir glauben unglaublich viel. Ein Leben ohne Glauben ist nicht lebbar.

2. Der transzendente Grund des Glaubens

Ich komme zu meinem zweiten Punkt: Braucht dieses Vertrauen oder wie Erik H. Erikson, der große Psychologe, es genannt hat, das Ur-Vertrauen, einen transzendenten Grund? Was sagt uns eigentlich, dass es sinnvoll ist und vernünftig ist, so mit Vertrauen in der Welt zu leben? Ist dieses Grundvertrauen begründet? Haben wir guten Grund im Leben grundsätzlich zu vertrauen? Diese Frage stellt sich meistens erst, wenn das Grundvertrauen erschüttert wird. Das geschieht etwa in einer Beziehungskrise, durch einen plötzlichen Todesfall oder kann auch durch eine Katastrophe kommen. Warum erschüttert uns eine Beziehungskrise? Weil sie nicht der Normalfall ist. Wäre sie der Normalfall, dann müssten wir sagen: Das ist eben so! Wir gehen aber davon aus, dass in unseren Beziehungen, in unseren Wünschen etwas Tragfähiges ist. Wir gehen nicht davon aus, dass Unfälle das Normale sind, dass Katastrophen jeden Tag passieren. Bei solchen Situationen kommt sehr oft die Gottesfrage auf: Warum hat Gott das zugelassen? Ich war selber in Banda Aceh in Westindonesien, drei Tage nach dem verheerenden Tsunami, dort, wo das Epizentrum der Katastrophe war. Drei Tage nach der Katastrophe habe ich gemeinsam mit dem dortigen Erzbischof und Nuntius das unvorstellbare Ausmaß dieser Katastrophe gesehen, die Toten, die lastwagenweise weggebracht wurden. Als ich dann aus Indonesien zurückkam, war ständig die Frage im Raum: Warum kann ein guter Gott so etwas zulassen?

Mir ist in dieser tragischen Situation etwas bewusst geworden: Ich habe dann die Frage zurückgestellt: Wer von Ihnen hat sich schon die Frage gestellt: Warum lässt Gott es zu, dass es Traumstrände und Touristenparadiese gibt wie in Phuket? Hat sich jemand die Frage gestellt, ob das einmal ein Grund wäre, Gott zu danken? Ist es vielleicht problematisch, die Gottesfrage erst dann zu stellen, wenn eine Katastrophe passiert ist? Wer sein Vertrauen auf Gott gründet, der weiß zwei Dinge:

Erstens: Nichts ist selbstverständlich. Ich werde das Wort des sprichwörtlichen "reichen Onkels aus Amerika" nie vergessen, der in der Nachkriegszeit uns Kindern gesagt hat: "Never take anything for granted." Nichts ist selbstverständlich. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir da sein können, dass es uns gibt, dass es uns gut geht, und es ist nicht selbstverständlich, dass es die Traumstrände von Phuket gibt.

Ein zweites ist für den, der sein Vertrauen auf Gott gründet, selbstverständlich: die Grundhaltung der Dankbarkeit. Wer in diesen beiden Grundverfassungen versucht, sein Leben zu leben, wird mit dem biblischen Dulder Hiob im Glück und im Unglück sagen: "der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen" (Ijob 1,21). Das ist aber eine Haltung, die eingeübt werden muss. Sie ist nicht selbstverständlich, und sie ist vor allem nicht auf Knopfdruck da, wenn die Katastrophe kommt. Es ist die Haltung der Frommen im biblischen Sinne. Vor allem muss man das dankbare Bewusstsein Gott gegenüber einüben. Darum verhalten sich glaubende Menschen im Ernstfall vertrauensvoll. So habe ich die Menschen in Banda Aceh erlebt, bei einer unvergesslichen Messe, in einem Militärzelt, unter dem der Boden noch bebte. Wir haben mit Überlebenden der Katastrophe dort Gottesdienst gefeiert, mit vielen Tränen und mit einem Gottvertrauen, das uns Europäer im Innersten bewegt hat.

Was ist dieser letzte Grund, warum Vertrauen und Glauben sinnvoll und vernünftig sind? Das erste Wort der Bibel sagt: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde" (Gen 1,1). Wenn das so ist, dann ist es gut zu vertrauen. Die große Debatte um Schöpfung und Evolution, bei der ich ein wenig mitmischen durfte – zu meinem großen Vergnügen, ich gestehe es, auch wenn ich international viele "Ohrfeigen" bekommen habe –, diese Debatte geht weiter. Ich freue mich darüber, und werde nicht locker lassen. Denn die entscheidende Frage "Schöpfung und Evolution" ist nicht nur eine wissenschaftliche. Die naturwissenschaftliche Theorie der Deszendenz heißt, dass alle Lebewesen miteinander verwandt sind und dass das Leben sich aus einfachsten Anfängen bis zu hochkomplexen Formen höherer Lebewesen entwickelt hat. Diese Theorie hat beste Argumente und große Wahrscheinlichkeit, im Wesentlichen zutreffend zu sein. Vieles weist in diese Richtung. Es ist ja ein großartiger Gedanke, annehmen zu können, dass zwischen dem Regenwurm und uns eine echte Verwandtschaft besteht. Auch dass der Schimpanse und der Mensch sich im Genom nur um ein Prozent unterscheiden, stört mich nicht. Dieses eine Prozent ist stark genug, dass der Schimpanse sich nur für Bananen und Fortpflanzung interessiert, wir aber dafür, was der Schimpanse für ein Genom hat. That’s the little difference! Aber eine andere Frage ist: Darf ich, muss ich sinnvoller Weise annehmen, dass das Wunderwerk des Lebens Ausdruck einer höheren Vernunft, eines Sinnes, eines guten Willens ist, oder muss ich annehmen, dass alles ein blindes Spiel von Zufall und Notwendigkeit ist? Ich unterscheide klar die wissenschaftliche Theorie der Deszendenz von der weltanschaulichen Frage, ob das alles das Produkt des Zufalls ist oder ob es einen Sinn hat und aus einer Vernunft stammt. Es gehört, das erlaube ich mir jetzt schon etwas polemisch zu sagen, eine große Portion Glauben dazu, anzunehmen, dass sich das alles zufällig selbst organisiert hat. Versuchen sie einmal bei Ihrem Schreibtisch das Zufallsprinzip der Selbstorganisation anzuwenden. Ich halte einen solchen Glauben für unvernünftig, er entspricht nicht meiner täglichen Erfahrung.

3. Ist Glauben vernünftig?

Für den nächsten Schritt muss ich die Perspektive noch etwas weiten. Wenn wir die Bibel befragen, was sie unter "Glauben" versteht, stoßen wir auf einen eigenartigen Befund. Da ist es nicht zuerst der Mensch, der an Gott glaubt, sondern paradoxerweise Gott, der an den Menschen glaubt. Gott glaubt dem Menschen, Gott vertraut dem Menschen. Deshalb vertraut er ihm vieles an und traut ihm Großes zu. Im Alten Testament schließt Gott mit dem Menschen einen Bund. Das heißt, er geht ein wechselseitiges Vertrauensverhältnis ein, er macht den Menschen zum Bundespartner, er traut uns zu, mit uns ein "Joint-venture" zu machen. Dieses Risiko geht er ein im Wissen, dass wir nicht die vertrauenswürdigsten und zuverlässigsten Partner sind. Ist Gott unvernünftig, wenn er an uns glaubt? Macht er ein eigentlich unvernünftiges Risikogeschäft? Woher nimmt Gott das Vertrauen zu uns? Wir wissen aus der menschlichen Erfahrung, wie fundamental es für die menschliche Entwicklung ist, Vertrauen zu erleben. Jüdische Genies gibt es vielleicht deshalb so viele, weil so viele jüdische Mütter glauben, dass ihre Kinder Genies sind. Es hat eine unglaubliche Wirkung, wenn am Grund einer Existenz ein großes Zutrauen steht. Menschliche Entwicklung gedeiht in dem Maß, wie wir Menschen schon von Kind erleben, dass uns vertraut wird: "Ich traue dir das zu, du kannst das." Vor allem aber ist es das implizite Wissen, dass ich gewollt, geliebt bin. Das schenkt Vertrauen und Sicherheit. Nun ist der christliche Glaube der Überzeugung, dass ich immer schon von Gott gewollt, gemocht, bejaht bin. Die berühmte Stelle aus dem Prophet Jesaja sagt: "Selbst wenn eine Mutter ihr Kind vergessen könnte, ich vergesse dich nicht!" (vgl. Jes 49,15).

Noch einmal die Frage: Verdienen wir dieses Vertrauen? Viele Menschen leiden heute an einem akuten Mangel an Selbstwertgefühl. Es ist ihnen zu oft gesagt worden, dass sie zu nichts taugen. Gott ist hier in seinem Joint-venture weit gegangen. Er hat gewissermaßen selbst die Vertrauensgarantie für uns gegeben. Wir glauben als Christen, dass Gott Mensch geworden ist. Zu Weihnachten geht es nicht um "Jingle Bells" und Elche, sondern wie feiern die Geburt Christi. Ich habe deshalb vor kurzem eine Glosse in der U-Bahnzeitung über "Weihnachtshasen und Ostermänner" geschrieben. Man könnte auch zu Weihnachten Osterhasen verkaufen und zu Ostern Weihnachtsmänner spazieren lassen, weil viele nicht mehr wissen, worum es eigentlich geht. Doch das ist nicht alles völlig gleich. Gott hat selbst die Risikogarantie auf sich genommen. Er hat sozusagen für uns im Voraus das Risiko bezahlt, das ist der Sinn des Kreuzes: He payed the bill!

Der christliche Glaube basiert auf diesem großen Vertrauen, das Gott dem Menschen schenkt. Es ist damit verbunden, dass Gott uns viel zutraut und deshalb glaubt er auch, dass wir viel können. Das vielleicht wichtigste Gleichnis im Neuen Testament für die "Business World" ist das Gleichnis von den Talenten (Mt 25,14-30). Ein reicher Mann ging auf Reisen und vertraute sein Vermögen drei seiner Verwalter an. Dem einen gab er fünf Talente, dem anderen zwei, dem dritten eines. Ein Talent ist eine riesige Geldmenge, etwa eine Million Euro. Sie wissen, wie die Parabel Jesu weitergeht. Der reiche Mann kommt nach Jahren zurück und fordert Rechenschaft von seinen Verwaltern. Der eine hat hundert Prozent Gewinn gemacht, er hat fünf weitere Millionen dazuverdient, der zweite hat ebenfalls hundert Prozent Gewinn gemacht, er hat zwei Millionen dazuverdient und der dritte hat die Million in den "Sparstrumpf" getan und das Geld vergraben. Der reiche Mann tadelt ihn aufs schärfste und sagt zu ihm: "Du hättest mein Geld wenigstens auf die Bank tun können, dann hätte ich jetzt Zinsen" (Mt 25,27).

Mit diesem Gleichnis bringt Jesus zum Ausdruck, dass Gott dem Menschen viel zutraut. Den beiden ersten hat er viel Geld anvertraut, und das war gut investiert. Der dritte war ein Versager. Was ist die Botschaft dieser Erzählung? Wir sind sozusagen für Gott "creditwürdig". Er glaubt an uns! Wir wissen alle, wie schmerzlich es ist, wenn Vertrauen missbraucht und enttäuscht wird. Was ist dann zu tun? Was ist zu tun, wenn Vertrauen enttäuscht wird? Das ist die Situation, in der wir heute stehen, in der Wirtschaftskrise, der Finanzkrise. Die Botschaft Jesu ist klar: Es gilt "umzukehren". Jesu erste Botschaft lautet: "Das Reich Gottes ist nahe, kehrt um und glaubt das Evangelium!" (Mk 1,15). Das griechische Wort für umkehren heißt wörtlich "umdenken", ändert euer Denken, dort fängt alles an. Es bedeutet auch "ändert eure Richtung!" Ihr seid in die falsche Richtung gegangen. Fragen wir uns also: Was bedeutet glauben in Zeiten der Krise? Dazu noch vier Stichworte:

1. Zuerst innehalten. Wenn man sich im Weg geirrt hat, ist es das Beste, zuerst innezuhalten, nachzudenken, genau zu überlegen, woher bin ich gekommen, wo finde ich den richtigen Weg? Man rast nicht wild weiter, man bleibt stehen und denkt nach. Haben wir unvernünftig gehandelt, unvernünftig geglaubt? Die Finanzblasen waren unvernünftig. Wir brauchen eine neue Orientierung.

2. Eine amerikanische Studie über die Finanzkrise sagt, diese habe mit der Immobilienkrise begonnen und die Immobilienkrise sei primär – auch für mich überraschend – eine demographische Krise. The origin of the crisis can only be demographic and its solution can only be demographic. Zu Beginn dieses Jahres hatte ich ein schockierendes Erlebnis. Ich war in Schruns, im Montafon in Vorarlberg, wo ich aufgewachsen bin. Ich habe dieses Dorf gekannt, als es noch ein wirkliches Dorf war mit nur einer asphaltierten Straße, kaum einem Auto, vielen Kühen und Wiesen. Heute donnert eine Umfahrungsstraße durchs Tal, pausenlos Autoverkehr. Man hat inzwischen darauf verzichtet, den Ort einen Luftkurort zu nennen, wie es lange stolz getan wurde. Und vor allem ist das ganze Tal verbaut mit Einfamilienhäusern. Nun kenne ich viele Menschen, die in diesen Häusern leben. Ich weiß, die meisten Häuser werden von Singles und älteren Menschen bewohnt. Ich hatte plötzlich die erschreckende Vision: Was wird eigentlich aus diesem Tal, aus diesen vielen, vielen Häusern, die heute schon weitgehend leer stehen. Der Pfarrer, der seit über 40 Jahren dort Pfarrer ist, hat mir gesagt: "Früher habe ich im Jahr hundert Kinder getauft, heute taufe ich zwanzig". Und er hat mir ganz naiv die Frage gestellt: Wie sollen diese zwanzig die hundert erhalten? Die Finanzkrise ist auch eine demographische Krise. Ich darf hier ein Wort von Carl Djerassi zitieren, der als Erfinder der Antibabypille wohl unverdächtig ist. Er schrieb vor einigen Monaten im "Standard" einen Artikel, wo meint: Die Österreicher haben zu 30 Prozent xenophobe, ausländerfeindliche Parteien gewählt, haben aber gleichzeitig keine Kinder. Er meint, wir müssten uns entscheiden: entweder Kinder oder Immigration. Ich bin überzeugt, dass er Recht hat.

3. Das entscheidende Netzwerk für die Zukunft wird die Familie sein. Das sage ich jetzt nicht als "professioneller Katholik", sondern empfehle den Herausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, und seinen Bestseller "Minimum", ein erschütterndes Plädoyer für die Notwendigkeit der Familie in einer Zeit, in der der Sozialstaat schwächer wird. Ich bin überzeugt, dass die Familienwerte nicht umsonst bei Jugendwertestudien an oberster Stelle stehen. Es ist die Sehnsucht nach Familie. Dort, wo Familienwerte nicht gelebt werden können, weil es sie nicht gibt, da brauchen wir Familiensubsistute, Gemeinschaften, Netzwerke, Freundschaftsnetz­werke. Ich überzeugt, dass in unserem Land die 3.000 Pfarrgemeinden für die Zukunft eine große Bedeutung haben werden, auch wenn sie kleiner und schwächer geworden sind. Sie sind existierende Netzwerke der Solidarität, wir werden solche dringend brauchen.

4. Familienwerte schließlich sind Generationenwerte. Sie hängen ab von Geburt und Tod und vom Bewusstsein, dass wir hier auf Erden nur Pilger sind. Die Haltung "everything now" führt zur Katastrophe. Wir haben eine Ewigkeit vor uns, wir müssen nicht jetzt schon alles haben. Dieses Vertrauen hat Generationen vor uns getragen und ihnen geholfen, viel Schwereres, als auf uns heute lastet, zu ertragen. Mit diesem Glauben sind sie durch manche schwere Krisen gekommen. Warum nicht auch wir? Yes, we can!

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