Predigt zur Heiligen Messe mit Vorarlberger Chorakademie
Feb 08, 2009
Wortlaut der Predigt von Kardinal Christoph Schönborn bei der "Vorarlbergermesse" im Dom zu St. Stephan am Sonntag, 1. Februar 2009.
Gelobt sei Jesus Christus!
"Konservativ liegt voll im Trend". Das könnte eine Schlagzeile in den Zeitungen dieser Tage sein. Die verständlichen und zum Teil auch leider voll berechtigten Aufregungen über die Geschichte mit den vier unrechtmäßig, aber gültig geweihten Bischöfen, die Erzbischof Lefebvre in schismatischer Entscheidung geweiht hat und denen der Papst die Hand gereicht hat, aber in einer Weise, die wohl nicht sehr glücklich zumindest von den vatikanischen Stellen vermittelt wurde.
"Konservativ liegt voll im Trend". Das könnte eine Schlagzeile sein zu Bischofsernennungen in Österreich oder zu den Widerständen der Bischöfe gegenüber manchen Initiativen. Es ist aber eine Schlagzeile einer österreichischen Bank. Deshalb zitiere ich sie. Eine österreichische Bank wirbt im Moment dafür, dass man Geld bei ihr deponieren soll, weil sie "konservativ" veranlagt. Was ist also konservativ, was ist fortschrittlich? Wenn man die Werbung dieser Bank bedenkt, dann muss man sagen: Ja, konservativ wäre klüger gewesen als spekulativ! Dies hätte uns manche persönliche und kollektive Dramen erspart, wenn man konservativer gewesen wäre in der Anlagepolitik. Soll die Kirche konservativ sein? Was heißt überhaupt konservativ? Verwenden wir diese Schlagworte nicht viel zu schnell und oberflächlich? Ist Paulus konservativ, weil er den Zölibat empfiehlt? Paulus hat diesen Ruf, aber er war ausgesprochen fortschrittlich gegenüber manchen Engen des jüdischen Zeremonialgesetzes.
Aber die entscheidende Frage, die wir uns heute stellen ist doch, ob Jesus selber 'konservativ' ist? Wie soll man ihn einordnen? Da ist die Rede von einem Exorzismus. Wagen Sie heute einmal über Exorzismus zu reden, dann klebt die Etikette 'konservativ' sehr schnell. War Jesus konservativ oder war es einfach die Unwissenheit der damaligen Zeit? Haben die Leute einfach nicht gewusst, was Nervenkrankheiten sind, da es noch keine Psychiatrie und keine Psychiatrischen Spitäler gab?
Schauen wir uns das genauer an: Jesus will eine Heilsbotschaft bringen. Das erste, was am Beginn seines öffentlichen Wirkens in Kafarnaum geschieht, - es ist in der Darstellung des Evangelisten Markus der erste Tag seines öffentlichen Auftretens -, war Staunen über seine Rede, über die Art, wie er spricht. Aber dann auch Manifestationen, die uns befremden. Ein Mann mit einem unreinen Geist beginnt zu schreien: "Wir wissen, wer du bist: der Heilige Gottes" (Mk 1,24). Jesus herrscht diesen unreinen Geist an und vertreibt ihn.
Ist Jesus ein Exorzist? Was bedeutet das, dass dies am Anfang des Evangeliums steht? Was bedeutet es, dass die Zwölf, die er kurz danach auswählt, als Auftrag bekommen: verkünden der Frohen Botschaft und Dämonen austreiben? Ist vielleicht das Evangelium oder Jesus selber hoffnungslos konservativ? Oder stimmen unsere Etiketten nicht? Was heißt denn konservativ? Wenn man an die Wurzel geht: bewahren. Jesus hat im Abendmahlsaal gebetet: "Bewahre sie vor dem Bösen" (Joh, 17,15). Welche Eltern haben diese Bitte nicht im Herzen für ihre Kinder! Wir wissen alle, es gibt das Böse. Manche zweifeln, ob es den Bösen gibt. Ich wundere mich immer nach der Geschichte des 20. Jahrhunderts, dass man noch an der Existenz des Bösen zweifeln kann. Jesus wollte uns vor dem Bösen bewahren, von dem Bösen befreien. Wenn das konservativ ist, dann sind alle Eltern konservativ. Das werfen ihnen ja meistens die Kinder vor. Hoffnungslos konservativ, das haben auch wir unseren Eltern gegenüber gesagt.
Was soll die Kirche in dieser Zeit? Ja, sie hat denselben Auftrag, den Jesus zu verwirklichen gekommen ist: Bewahre sie vor dem Bösen. Wir sind hier im Stephansdom. Was wird nicht getan, um diesen Dom zu bewahren! Die Vorarlberger haben fleißig mitgeholfen. Hier vorne sind die beiden Wappen von Bischof Wechner und das Landeswappen von Vorarlberg. Sie haben dazu beigetragen, den Dom zu bewahren und wiederherzustellen, zu konservieren, wenn Sie so wollen. Aber das war nicht etwas Rückwärtsgewandtes, das war ein Blick in die Zukunft. Wir wollen, dass auch in Zukunft Menschen ein Dach über der Seele haben, dass die Menschen in unserem Land dieses Symbol des Glaubens benützen können, darin geborgen sein können.
Brüder und Schwestern, 'Konservativ liegt voll im Trend'. Nein, es geht nicht um konservativ und fortschrittlich. Sondern um das, was uns wirklich not- und guttut. Es geht um das, was wir alle brauchen. Jedes Leben braucht Bewahrung, Beschützen. Und wenn die Kirche dafür steht, das Leben zu beschützen, dann ist sie in diesem Sinne konservativ. Das heißt aber nicht, dass wir engstirnig sein sollen. Entscheidend ist das Herz. Was Jesus bewegt hat, war nicht die Frage progressiv oder konservativ, sondern der Mensch. Dass dieser von einer bösen Macht besessene, gefangene und gefesselte Mensch von Jesus befreit wird, ist doch ein Zeichen dafür, was Jesus wirklich wollte. Dass wir frei werden von dem Bösen, von dem, was dem Menschen schadet, was ihn kaputt macht. Konservativ liegt voll im Trend, weder fortschrittlich noch konservativ, sondern menschengerecht, gottesgerecht, so wie Jesus es wollte.
Letztlich zählt nur eines: ob wir dem Herzen Jesu ähnlich sind oder nicht, ob wir mit seinem Augen sehen, mit seinen Gedanken denken, mit seiner Leidenschaft für den Menschen leben und anderen begegnen. Darauf kommt es an. Dass es daran oft und oft in der Kirche fehlt, das ist tragisch. Das ist nicht die Frage von konservativ oder fortschrittlich, es die Frage, ob wir im Herzen, mit den Gedanken, den Gefühlen, den Absichten Jesu übereinstimmen oder nicht. Glaubwürdig ist die Kirche dann, wenn sie das tut. Da mag man Etiketten ankleben, konservativ oder fortschrittlich, das ist ganz egal. Das allein wird glaubwürdig sein. Darum wollen wir Jesus heute bitten: Hilf uns, zu verstehen, was Du willst, was Dein Herz bewegt, dann werden wir viele Menschen bewegen, mit uns und mit Dir zu gehen. Amen.