Schönborn: "Nicht mit patriarchalischem Modell"
Dec 26, 2008
Der Wiener Erzbischofbleibt auf Konfrontation: Die "Sünde" der Bischöfe lässt er unwidersprochen, die "Maria Troster Erklärung" brauche eine Weiterschreibung
Standard: Sie haben sich für die Aufnahme von irakischen Christen ausgesprochen. Nun gibt aber auch in anderen Ländern Christen, die verfolgt werden, etwa in Ägypten. Da müsste man eigentlich aus diesen Ländern auch Menschen aufnehmen, oder?
Schönborn: Es gibt natürlich unendlich viel Not und Leid in der ganzen Welt, und es gibt Flüchtlinge in einem erschreckend hohen Ausmaß. Es kann natürlich keine Global-Lösung für Flüchtlinge aus der ganzen Welt geben. Es geht hier um eine ganz präzise Aktion der EU, und meine Bitte an die Bundesregierung ist, dass sie sich an dieser Aktion beteiligt.
Standard:Die Zukunft im Ayslwesen heißt „mehr privat, weniger Staat". Angedacht sind "Patenschaften" für Asylwerber. Drückt sich da nicht der Staat vor seiner Verantwortung?
Schönborn: Ich fühle mich in dieser Frage nicht wirklich kompetent, da ist unsere Caritas viel näher am Thema dran. Ich habe aber solche Patenschaften bereits selbst praktiziert - ohne einen gesetzlichen Rahmen. Ich halte es grundsätzlich für etwas Positives, dass man wie der barmherzige Samariter an einem konkreten Leid Anteil nimmt und hilft. Aber es braucht auch einen staatlichen Ordnungsrahmen, der ist mindestens genau so wichtig wie das persönliche Engagement.
Standard:Auch in der jüngsten Asyl-Debatte hat sich die Kirche bislang vornehm zurückgehalten. Stehen Sozialthemen nicht mehr auf der Agenda des Kardinals?
Schönborn: Das ist ein eigenartiges österreichisches Syndrom. Irgendwie hat man in gewissen Kreisen das Zweite Vatikanische Konzil noch nicht nachvollzogen. Die Kompetenz der Kompetenten ist hier gefragt. Wenn Vertreter der Caritas zu solch einem Thema sprechen, dann sind das die Äußerungen der Kirche zu diesem Thema. Es ist ein Missverständnis zu glauben, wenn der Kardinal nichts gesagt hat, hat die Kirche nichts gesagt. Ich will auf jeden Fall nicht der Lehrmeister der Nation sein.
Standard: Wird es aber nicht von den Menschen erwartet, dass gerade der Kardinal als moralische Instanz zu bestimmten Themen klar Stellung bezieht?
Schönborn: Ich werde dieses Bild systematisch bekämpfen. Die Kirche ist nicht mit Hierarchie identisch. In Amerika ist diese Haltung selbstverständlich, da äußern sich Laien auch zu großen, gesellschaftsrelevanten Themen. In Österreich sind wir aber noch viel zu viel obrigkeitsfixiert, das ist ein Erbe aus der Kaiserzeit.
Standard: In Deutschland etwa ist es schon so, dass sich auch Kardinäle ganz bewusst in öffentliche Diskussionen einbringen.
Schönborn: Ich bin, glaube ich, ziemlich oft zu hören, zu sehen und zu lesen. Und ich darf diskret daran erinnern, dass die Stimme eines Bischofs zuerst einmal die Stimme des Evangeliums sein soll. Und ich glaube, ich tue einiges für die Verkündigung des Evangeliums. Ich werde daher auch in Zukunft nicht auf jeden Zuruf einer Provinzpolitikerin reagieren.
Standard: Es fällt aber auf: Wenn Sie Diskussionen auslösen, ist das sehr häufig im Ausland. Etwa Ihre Evolutions-Thesen in der "New York Times" oder jüngst eben die Jerusalem-Predigt. Zufall oder göttliche Fügung?
Schönborn: Das ist ein österreichisches Schicksal, habe ich den Eindruck. Ich mache das sicher nicht zu Fleiß, es liegt natürlich auch an Gelegenheiten. Meine Äußerungen in Jerusalem waren ursprünglich ja nicht für einen öffentlichen Kreis bestimmt. Aber ich nehme solche Diskussionen gerne auf, und es war gut, dass die demografische Frage auch bei uns ein wenig stimuliert wurde. Statt sich darüber aufzuregen, dass der Kardinal sich doch zu gesellschaftspolitischen Fragen pointiert äußert, muss man die Fragen diskutieren.
Standard: War die vieldiskutierte Jerusalem-Predigt mit der Bischofskonferenz abgesprochen?
Schönborn: Nein. Das war ein aus tiefstbesorgtem Herzen kommendes Wort. Man versteht es in seiner Gewichtigkeit, wenn man daran erinnert, dass ich vor 170 europä-ischen Bischofen gesprochen habe, nachdem wir drei Tage über die _Situation Europas gesprochen haben. Unsere Frage war, wie schaut der Generationenvertrag bei uns aus? Wie ist es mit der Entwicklung des Islam in Europa? Wie sieht die Zukunft der Familie aus? Es ist nicht verwunderlich, dass sich auch katholische Bischöfe diese Fragen stellen.
Standard: Um dem Vormarsch des Islam in Europa Einhalt zu gebieten und die Sozialversicherungssysteme zu erhalten, müssen Frauen also mehr Kinder kriegen?
Schönborn: Sie können es so formulieren. Ich habe es aber so nicht gesagt. Mein Thema war die Bedeutung der Familie für die Zukunft Europas.
Standard: In Ihrer Sichtweise werden die Frauen sehr auf die Rolle des Gebärens reduziert, und es fehlt die andere Seite der Medaille ...
Schönborn: Wo bitte habe ich das gesagt? Was wollen Sie hören: dass Männer auch Kinder kriegen können? Ich habe doch überhaupt nicht von der Rolle der Frau oder des Mannes gesprochen. Sie reagieren sofort, Pardon, mit einem Vorurteil. Ich habe von der Familie gesprochen - und da gehören zwei dazu. Wir wissen alle, dass es mit einem patriarchalischen Familienmodell nicht geht. Es kann eben nur in einem partnerschaftlichen Modell funktionieren. Und da brauchen wir in Österreich sicher einen Umdenkprozess. Es ist vielfach noch die Einstellung gegenüber Familien, die zwei oder mehr Kinder haben, so negativ, dass es schon sehr entmutigend ist.
Standard: Sie haben jüngst Ihre Kritik an der "Maria Troster Erklärung", in der österreichischen Bischöfe die Empfängnisverhütung zur Gewissensfrage erklärten, bekräftigt. Wo liegt Ihr Problem?
Schönborn: Die ganze Diskussion damals fand in einem völlig anderen gesellschaftlichen Kontext statt. Es war der Kontext der demografischen Explosion, es war der Kontext der generellen Liberalisierung, es war kurz nach Mai 1968. Die Enzyklika "Humanae Vitae" wirkte daher damals wie eine kalte Dusche. Zu kurz gekommen ist in der damaligen Diskussion aber der gesellschaftliche Kontext. Die Botschaft war nur: Ist die Pille erlaubt oder nicht? Wenn wir Bischöfe gewusst hätten, was wir heute wissen, hätten wir gewisse Dinge anders formuliert.
Standard: Wird es Änderungen bei der "Maria Troster Erklärung" geben?
Schönborn: Keine Änderung, sondern eine Weiterschreibung. Darüber haben wir in der Bischofskonferenz auch schon gesprochen.
Standard: Sie haben in Zusammenhang mit der Enzyklika "Humanae Vitae" in der Jerusalem-Predigt die Bischöfe der „Sünde" bezichtigt. Bleiben Sie dabei?
Schönborn: Ich bitte Sie, mich nicht auf dieses Wort zu fixieren. Es hat einen ganz bestimmten Platz in einer ganz bestimmten Situation gehabt. Noch einmal: Mit dem Wissen von heute hätten die Bischöfe damals anders entschieden.
Standard: Womit Sie aber das Wort „Sünde" nicht zurücknehmen.
Schönborn: Es geht nicht um ein Wort, sondern um den Blick auf die Realität - und die ist schmerzlich genug.
Standard: Hat es innerhalb der Bischofskonferenz Kritik an Ihrer Predigt gegeben?
Schönborn: Ja, hat es. Aber ich plädiere dafür, dass wir uns nicht über einen Text streiten, der vor 40 Jahren geschrieben wurde, sondern offen und ehrlich über die Herausforderungen von heute reden.
Standard: Sie haben in Jerusalem vor Vertretern des doch sehr konservativen Neokatechumenats gepredigt. Böse Zungen behaupten, Ihre Rede sei „publikumsorientiert" gewesen, um eine mögliche Karriere in Rom anzukurbeln.
Schönborn: Man kann wirklich schwer Unsinnigeres erfinden. Könnten wir jetzt bitte zu einem anderen Thema kommen?
Standard: Gerne. Sie sehen in der Wirtschaftskrise auch eine „Chance". Wie erklären Sie dies einem Familienvater, der gerade seinen Job verloren hat?
Schönborn: Es ist völlig klar, dass für viele Menschen die Wirtschaftskrise eine Katastrophe ist. Es gibt viele tragische Einzelsituationen. Es ist dennoch zu hoffen, dass es endlich strengere Regulierungen für die Finanzmärkte geben wird.
Standard: Sie haben jüngst sehr offen das Thema Scheidung angesprochen und erklärt, dass auch Sie aus einer geschiedenen Familie kommen. Ist eine Änderung in der katholischen Kirche für wiederverheiratete Geschiedene angedacht?
Schönborn: Ich kann Ihnen das in zwei Richtungen beantworten. Einerseits ist das Wort Jesu unumgänglich. Es ist für uns Wort des Lebens, aber es ist natürlich auch erschreckend, wenn er die Unauflöslichkeit der Ehe so klar anspricht: Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen. Jetzt ist die Frage, ob Jesus Unmögliches verlangt hat. Aber hat nicht der Mensch, der gescheitert ist, bei ihm einen ganz besonderen Stellenwert? Es gilt, beides einzuhalten, die Unauflöslichkeit und die Barmherzigkeit. Wir alle wissen, dass es für Kinder nichts Besseres gibt als eine gut funktionierende Partnerschaft. Und ich weiß es auch aus der Negativfolie. Es ist Aufgabe der Kirche, überall dort zu helfen, wo Lebensentwürfe misslingen. Die Diskussion um Kommunion oder nicht für wiederverheiratete Geschiedene ist für mich sekundär. Viel wichtiger ist die Frage, wie Betroffene mit ihren Kindern und ihren übriggebliebenen Partnern umgegangen sind. Wenn wir dort ein Mehr an Christlichkeit erleben, dann kann man auch die Frage stellen, dass jemand auch in einer wiederverheirateten Situation zu den Sakramenten zugelassen wird. In einer persönlichen, pastoralen Entscheidung.
Standard: Wie sieht es mit dem heiklen Thema Frauenpriesterweihe aus? Ist eine Änderung geplant?
Schönborn: Wir müssen endlich lernen, dass die Kirche nicht der Klerus ist. Und es lebt eine Kirche nicht deswegen, weil alle ins Amt drängen dürfen. Nur 0,5 Promille der österreichischen Bevölkerung sind Priester. Die Kirche sind aber Männer und Frauen. Dass die 0,5 Promille Männer sind, da ist die katholische Kirche eben davon überzeugt, dass uns das unser Herr und Meister so mitgegeben hat. Und Johannes Paul II. hat ganz klar gesagt, er habe nicht die Autorität, das Programm Jesu umzuändern. Aber wo gibt es sonst noch eine ähnliche Grenze, die Jesus gesetzt hat?
Standard: Beim Zölibat?
Schönborn: Stimmt. Grenzen sind auch dazu da, dass man sich daran reibt - aber sie verbinden auch. Ohne Grenzen geht es nicht, und es ist ganz heilsam, dass die katholische Kirche in einer Zeit, in der man ungern Grenzen hat, ebensolche zieht. Ohne Autoritäten, an denen man sich reiben kann, wächst auch nichts.