"Wunschliste" an die Regierung
Dec 05, 2008
Wortlaut der Ansprache von Kardinal Christoph Schönborn bei der 30-Jahr-Feier der Katholischen Medien Akademie (KMA) am 3. Dezember
Advent. Dank der wunderbaren Musik sind wir schon mit adventlichen Liedern eingeführt worden. In den Adventliedern kommt eine große Sehnsucht und Hoffnung zum Ausdruck - die Hoffnung der Völker, von der wir glauben, dass sie im Geheimnis der Weihnacht eine alles überragende, alle überraschende, gar nicht zu erwartende Antwort gefunden hat. Worum geht es im Advent und bei Weihnachten? Die APA hat vor einigen Monaten gemeldet, dass nur acht Prozent der Österreicher wüssten, worum es bei Weihnachten geht. Man kann schon Erstaunliches erleben, wenn man nach dem religiösen Wissen der Österreicherinnen und Österreicher fragt.
Es werden in den nächsten Tagen großflächige Plakate im ganzen Land zu sehen sein, die eine Antwort auf die Frage geben sollen, warum wir Weihnachten feiern. Auf diesen Plakatflächen wird schlicht und einfach stehen: "Zu Weihnachten wurde Jesus Christus geboren. Ein Fest der Freude für die Menschen". In 600 Citylights und auf 2.000 Plakatflächen wird in ganz Österreich dieses Plakat zu sehen sein. Mitten in den Weihnachtsmärkten und den endlosen "jingle bells", inmitten der Geschäfte, der Weihnachtsmänner, der Elche und des sonstigen Weihnachts-Schnickschnacks wird plötzlich in Erinnerung gerufen, worum es eigentlich zu Weihnachten geht.
Die Initiative geht nicht von der Kirche aus, wenn man unter Kirche die Hierarchie versteht, sondern schlicht und einfach von engagierten Laien. Seit dem Zweiten Vaticanum wissen wir, dass sie auch wesentlich die Kirche sind. Der katholische Kommunikationsexperte Armin Fehle, ein Landsmann aus Vorarlberg, hat diese Idee geboren, weil er sich darüber große Sorgen machte, dass die Menschen in unserem Land nicht mehr wissen, warum wir Weihnachten feiern. So hat er gratis und uneigennützig zusammen mit der Firma "Epamedia", die gratis ihre Plakatflächen zur Verfügung stellt, diese Aktion gestartet. Ich konnte nur dankbar Ja dazu sagen und ich denke, wir alle können uns über solche Initiativen freuen. Auf den Plakaten wird also eine ganz einfache und klare Antwort gegeben, warum feiern wir Weihnachten: "Weil Jesus Christus geboren wurde: ein Fest der Freude für die Menschen".
In schlichten Worten wird die Kernbotschaft des christlichen Glaubens gesagt. Mir erscheint an dieser Kampagne besonders signifikant: Sie ist ein Zeichen, dass wache Christen in diesem Land sich bewusst sind, wir müssen etwas tun, wir müssen initiativ werden, in die Öffentlichkeit gehen. Wir müssen sagen, worum es geht, worum es uns geht. Ich glaube, in dieser Form hat es in Österreich eine solche Kommunikationskampagne noch nicht gegeben. Ich hoffe, sie wird Nachfolgetäter finden. Diese Initiative ist auf jeden Fall sehr zu begrüßen.
Ein zweites Beispiel: Heute Nachmittag haben "zufällig" einige Personen, darunter auch ich, eine Petition unterschrieben, nicht in einer Kirche, nicht in einer katholischen Veranstaltung, sondern im Billa-Markt der Ringstraßengalerie. Prominente Vertreter der Gewerkschaften, des öffentlichen Lebens und der Kirche haben diese Petition unterschrieben: "Lasst den 8. Dezember nicht verkommen zu einem Einkaufstag". Sie erinnern sich daran, dass der 8. Dezember von den Nationalsozialisten als Feiertag abgeschafft wurde. In der größten Unterschriftenaktion, die es in Österreich je gegeben hat, wurde 1955 die Wiedereinführung des 8. Dezember gefordert. Das Parlament hat daraufhin den 8. Dezember als Feiertag wiederhergestellt. Vor einigen Jahren wurde er dem Ökonomismus und dem Wirtschaftsliberalismus geopfert, dessen dramatische Krise wir in diesen Wochen erleben. Es ist das Anliegen dieser Petition, darüber nachzudenken, ob die Freigabe des 8. Dezember für das Weihnachtsgeschäft nicht doch ein Zeichen in die falsche Richtung war, oder ob es sich nicht lohnt, sich zu besinnen und darauf zurückzukommen, dass dieser Feiertag wichtig ist.
Lassen Sie mich ein paar Worte aus der Petition zitieren, die ich heute mitunterschrieben habe: Dort heißt es: "Gesetzliche Feiertage sind fester Bestandteil der kulturellen, sozialen und religiösen Tradition in Österreich. Feiertage erinnern uns daran, dass es mehr gibt als den Alltag. Sie geben den Menschen Zeit für sich selbst und Zeit für gemeinsame Aktivitäten, sei es im Familien- und Freundeskreis, der Nachbarschaft, der Wissenschaft, der Kunst oder der Religion. Die langjährigen Diskussionen rund um die Ladenöffnung am 8. Dezember stehen heute für eine Gesellschaft, die glaubt, immer schneller leben zu müssen. Zeitliche Schutz- und Ruhezonen für die Gesellschaft werden dabei immer mehr in Frage gestellt. Feiertage werden zu normalen Werktagen umfunktioniert. Die Unterzeichnenden sind der festen Überzeugung, dass dem gesellschaftlichen Wert gemeinsamer Ruhezonen in Österreich wieder mehr Beachtung geschenkt werden muss.
Und bitte achten Sie auf den folgenden Satz, ich denke, er spricht vielen Menschen aus dem Herzen und vielleicht uns allen ins Gewissen: "Die Zeit ist gekommen, um innezuhalten und nachzudenken, ob die in der Vergangenheit eingeschlagenen Wege tatsächlich die richtigen waren. Der 8. Dezember hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Symbol für vorweihnachtlichen Einkaufsstress und für Hektik entwickelt. Es geht darum, dem Marienfeiertag am 8. Dezember seinen eigentlichen Charakter wiederzugeben und ein deutliches Zeichen für die neue Bedeutung gemeinsamer Ruhezonen und die Wertschätzung von freier Zeit in unserer Gesellschaft zu setzen". Ich denke, diesen Worten ist nichts hinzuzufügen. Ich habe auch mit einer Verkäuferin über diese Initiative gesprochen, die vier Mal in der Woche aus der Steiermark mit einem Bus nach Wien gebracht wird wie viele andere, um in unseren Geschäften zu arbeiten. Sie hat gesagt, dass sie dankbar ist, eine Arbeit zu haben, aber auch dankbar, am 8. Dezember mit ihrer Familie feiern zu können.
Vielleicht ist eine solche Initiative - und das ist der Zusammenhang mit der vorher genannten Plakat-Initiative - auch deshalb bedeutend, weil Laien hier federführend sind und damit auch Erfolg haben. Ich glaube, die Vorbildwirkung einer solchen Aktion wird Nachfolgetäter haben. Das darf man zumindest hoffen.
Beide Initiativen kommen nicht aus dem, was man den innerkirchlichen Bereich nennt. Für beide Initiativen stehen Katholiken, die in eigener Verantwortung ihre gesellschaftspolitische Aufgabe ernst nehmen, die sich in der Öffentlichkeit als Christen zu Wort melden. Freilich sollte das eine nicht gegen das andere ausgespielt werden. Wir brauchen in Österreich beides, die katholischen Organisationen, das Engagement dieser Organisationen. Wir brauchen aber auch solche Initiativen. Ich halte sie für besonders zukunftsträchtig.
Der Zufall geht noch weiter. Der heutige 3. Dezember ist auch der Welttag der Menschen mit Behinderungen. In anderen Sprachräumen werden diese Menschen als "Menschen mit anderen Begabungen" bezeichnet. Es würde mich freuen, wenn auch im deutschsprachigen Raum eine solche nichtdiskriminierende Sprache Einzug hielte. Ich möchte in diesem Zusammenhang für die klaren und deutlichen Worte danken, mit denen im neuen Regierungsprogramm zur Frage "Kind als Schadensfall" Stellung genommen wird. Ich muss gestehen, dass ich die 256 Seiten des Regierungsprogramms noch nicht zur Gänze gelesen habe. Ich freue mich, dieses positive Element herausgreifen zu können: Kind als Schadensfall. Aufgrund des Regierungsübereinkommens steht jetzt völlig außer Streit, dass die Geburt und die Existenz eines Kindes mit Behinderung kein Schaden ist. Wie groß die Betroffenheit und Trauer der Eltern über die Tatsache der anderen Begabung ihres Kindes auch sein mag - das Kind mit all seinen Eigenschaften ist der Gesellschaft und der Rechtsordnung, so heißt es im Regierungsabkommen, im höchsten Maße willkommen und verdient gerade im Falle der Behinderung die größtmögliche Zuwendung und Förderung. Ich glaube, das ist ein positiver Schritt, der ein Signal in die richtige Richtung gibt. Das bedeutet auch, das darf ich nun als Wunsch formulieren, dass es im Umgang mit pränataler und auch mit Präimplantationsdiagnostik Grenzen geben muss -- es ist ein großes gesellschaftliches Thema, das ich hier nur anreißen kann.
Auch wenn ich - wie gesagt - mir noch nicht erlaube, einen detaillierten Kommentar zum Regierungsprogramm abzugeben, so möchte ich doch grundsätzlich die vom Regierungsprogramm vorgesehenen Maßnahmen zur finanziellen Förderung von Familien dankbar begrüßen, etwa die Anhebung der Kinderabsetzbeträge, die Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten. Es ist dies sicher ein Schritt in die richtige Richtung, dem, so hoffen wir, andere Schritte folgen werden. Wir brauchen mehr materielle und ideelle Maßnahmen, damit es wieder mehr Freude an Kindern gibt, damit junge Menschen wieder den Mut haben, Ja zu sagen zum Leben.
Es ist in den letzten Wochen viel diskutiert worden über meine Predigt im Abendmahlssaal in Jerusalem. Ich stehe zu meiner Überzeugung, dass Europa in den letzten 40 Jahren mehrfach "Nein" zum Leben gesagt hat und damit auch Nein zur Zukunft und ich erinnere noch einmal daran, was ich vor mehr als einem Jahr in einer "Pressestunde" gesagt habe. Ich sage das nicht als moralisches Urteil, sondern als eine Faktenfeststellung: die demografische Entwicklung Europas sagt, diese Kinder fehlen. Sie sind nicht da. Es täte mir leid, wenn die eine oder andere Formulierung in dieser Predigt so verstanden worden wäre, dass ich hier Mitbrüder und Vorgänger im bischöflichen Amt kritisieren wollte.
Ich darf noch einmal daran erinnern, was der Anlass dieser Predigt war: es war ein Treffen von rund 170 europäischen Bischöfen in der Osterwoche im Heiligen Land mit dem ausdrücklichen Thema "Die Evangelisierung Europas". Es genügt, ein wenig in die demografische Entwicklung der meisten europäischen Länder zu blicken, um zu verstehen, dass es hier ganz begründete Anlässe zur Sorge gibt. In diesem Kontext habe ich auch darüber gesprochen, dass die Ermutigung zum "Ja zum Leben" die große Herausforderung für heute ist. Und wenn ich einen Rückblick auf die Situation von vor 40 Jahren gemacht habe, dann geschah das nicht in der Absicht, das, was damals verständlich war, heute "umzuschreiben", sondern um zu sagen, wir müssen uns besinnen, dringend besinnen. Aber: Hätten die Bischöfe von damals vorausgesehen, wie ihre Erklärung einseitig rezipiert wird und wohin sich die Gesellschaft entwickelt, hätten sie dann vielleicht nicht andere Worte gefunden?
Ich habe einige Zahlen genannt, ich kann sie hier noch einmal nennen, die einfach Fakten sind, an denen wir nicht vorbeigehen können. In Deutschland kommen auf 100 Eltern 66 Kinder und 44 Enkel. Wir wissen, dass demografische Prozesse unumkehrbar sind. Zumindest mittelfristig. Und wir müssen uns diesen Fakten stellen. Die Kirche ist vor allem eine Freundin des Lebens, des menschlichen Lebens in all seinen Phasen. Auch wenn sehr oft das Nein herausgehört wird, so ist es doch vor allem das "Ja zum Leben", von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod.
Daher erneuere ich an dieser Stelle auch drei kirchliche Grundforderungen, die sich an die Verantwortungsträger dieser neuen Gesetzgebungsperiode richten. Es geht um das, was Kardinal König wenige Wochen vor seinem Tod in einem bewegenden Brief an den Verfassungskonvent als Forderung gestellt hat, mit der unvergesslichen Formulierung: "Der Mensch soll nicht durch die Hand eines anderen Menschen sterben, sondern an der Hand eines anderen Menschen". Er hat gefordert, dass der in Österreich bestehende Konsens für die Hospizbewegung als humaner Weg der Sterbebegleitung auch in der österreichischen Verfassung verankert sein möge. Das ist die erste Forderung oder vielmehr Bitte an die neue Gesetzgebungsperiode.
Die zweite, damals in den siebziger Jahren Kardinal König und den anderen Bischöfen versprochene Bitte sind die noch immer nicht realisierten flankierenden Maßnahmen zur Fristenregelung. Diese Maßnahmen sind möglich. Sie sind keine unmöglichen Forderungen. Sie sind begleitende Maßnahmen zum Schutz des Lebens und zur Ermutigung zum "Ja zum Leben". Ich darf hier ein Beispiel nennen: Die Erzdiözese Wien hat den von Kardinal König gegründeten Hilfsfonds für Schwangere in Not. Dank dieses Hilfsfonds sind in den letzten 30 Jahren sicher über 10.000 Kinder zur Welt gekommen, die unter anderen Bedingungen wohl nicht geboren worden wären. Seit Jahren bitte ich die Regierung, und ich denke, es gibt ähnliche Einrichtungen in fast allen Diözesen: Verdoppeln Sie doch das Spendenaufkommen, das der Hilfsfonds für Schwangere in Not Jahr für Jahr durch großherzige Spenden von Katholikinnen und Katholiken in unserem Land aufbringt. Verdoppeln Sie diese Hilfe, damit doppelt so vielen schwangeren Frauen in Not geholfen werden kann.
Und schließlich ein drittes, es betrifft die Bio-Ethik. Österreich sollte dabeibleiben, ein klares Verbot der verbrauchenden Embryonenforschung auszusprechen. Bisher war Österreich im europäischen Konzert der bioethischen Debatte immer auf der Seite des Embryonen-Schutzes. Ich glaube, das darf nicht preisgegeben werden. Umso mehr, als die Forschungsergebnisse in diesem Bereich, so sagen uns die Experten, deutlich zeigen, dass adulte Stammzellen für therapeutische Verwendung offensichtlich viel erfolgreicher sind als die embryonalen. Ich gebe hier nur weiter, was ich von Experten höre und was in den einschlägigen Publikationen nachzulesen ist.
Das sind meine drei Wünsche. Es ließen sich natürlich noch viele andere Wünsche formulieren, wenn wir in der Weihnachtszeit sind. In der Vorweihnachtszeit darf man an das Christkind manche Wünsche richten. Und sie sollen doch auch realisierbare Wünsche sein. Zum Beispiel ein Wunsch, den die Caritas seit langem formuliert in der ganzen Pflegedebatte: Die Einstufung der Pflege als eines der Grundrisiken wie Krankheit und Arbeitslosigkeit. Und natürlich ein anderes Thema, das uns seit Jahren beschäftigt: Die Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit im Hinblick auf die Millenniumsziele auf 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens anzuheben.
Aber eine Bitte möchte ich ganz konkret formulieren, die ich vor kurzem schon einmal in der Öffentlichkeit ausgesprochen habe: Die Europäische Union hat sich nach langen Diskussionen dafür entschieden, irakische Flüchtlinge aufzunehmen. Wir wissen um das Drama, es sind vor allem Christen und andere religiöse Minoritäten, die aus dem Irak flüchten und die in sehr prekären Situationen sind. Auch wenn man wünscht, dass sie in ihr Land zurückkehren, so muss man doch auch wissen, dass es für viele nicht denkbar ist, in dieser Situation zurückzukehren. Ich finde es beschämend, dass die bisherige österreichische Bundesregierung, im Unterschied zu den meisten anderen Ländern der Europäischen Union, sich nicht an der Aufnahme von vor allem christlichen Flüchtlingen aus dem Irak beteiligt hat.
Ich komme zum Schluss. Wir sind derzeit in einer dramatischen Finanzkrise, die sich wirtschaftlich auswirken und auch viele Menschen bei uns treffen wird. Diese Krise ist ein Anlass, schlicht und einfach wieder über das Thema Tugend nachzudenken. Wir brauchen die elementaren Tugenden des menschlichen Zusammenlebens. Thomas von Aquin sagt: "Tugend ist das, was den Menschen, der sie hat, gut macht". Es ist unvergleichlich angenehmer, mit Menschen zusammenzuleben, die Tugenden haben. Ein guter Mensch, das ist nicht jemand, der da und dort einmal eine gute Tat tut, sich da und dort anständig benimmt, sondern der einfach gut ist. Es geht darum, dass uns durch die Tugenden gewisse Haltungen in Fleisch und Blut übergehen wie zum Beispiel das Maß halten. Die Krise ist eine Einladung, diese Tugenden wieder zu entdecken. Nur so wird es möglich sein, das Gemeinwohl zu sichern. Für alle, für die Starken, aber auch für die Schwachen, für die Jungen und für die Alten, für die Kranken und für die Gesunden. Und auch für die Journalisten. Danke für Ihr Zuhören!