Erschließen, verbreiten, bewahren
Nov 18, 2008
Die Stiftung „Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.“ stellt sich und ihre Ziele in München vor – „Keine Konkurrenz zum Regensburger Institut“
München (DT) Stiftungsrat, Vorstand und Kuratorium der „Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.- Stiftung haben sich am vergangenen Mittwoch in der Katholischen Akademie München vorgestellt. Nach der gesungenen Vesper in der überfüllten Hauskapelle begrüßte der Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung, Kardinal Christoph Schönborn aus Wien, die zahlreichen Gäste, unter denen sich auch der Erzbischof von Salzburg Alois Kothgasser, und der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke befanden. Kardinal Schönborn versteht sich nur als filius adoptivus des Schülerkreises von Joseph Ratzinger, da er in den Jahren 1972/73 als Gast am Doktorandenkolloquium in Regensburg teilgenommen hatte.
Die Vorstellung der Stiftung übernahm dann der Salvatorianerpater Stephan Horn, von 1972 bis 1977 Assistent bei Ratzinger in Regensburg. Der emeritierte Dogmatikprofessor ist der Vorsitzende der Stiftung. Horn und die anderen ehemaligen Ratzinger-Schüler „verspüren ihre Verantwortung, die Theologie von Joseph Ratzinger, die sie geprägt hat, für andere fruchtbar zu machen“. Zu den Themenbereichen aus dem umfangreichen theologischen Werk Joseph Ratzingers mit besonderer Bedeutung für die Gegenwart zählte Horn die Einheit von Theologie und Spiritualität, die Schöpfungstheologie, die eucharistische Ekklesiologie, das Verhältnis des Glaubens zur Vernunft und seine ökumenischen Ansätze. Als Stiftungsziele nannte Horn: „Theologie im Geiste von Joseph Ratzinger-Papst Benedikt fördern, ferner sein wissenschaftliches Werk und sein spirituelles Erbe erschließen und verbreiten und schließlich die Erinnerung an ihn bewahren.“
Neben der Unterstützung der wissenschaftlichen Erforschung des Werkes sieht Horn eine weitere Aufgabe darin, die Schriften Ratzingers „weiten Kreisen zugänglich“ zu machen. Daneben will die Stiftung sich bemühen: „Der Öffentlichkeit ein von gängigen Vorurteilen gereinigtes und echtes Bild ihres Lehrers zu vermitteln, darin sehen seine Schüler und die Stiftung eine besondere Berechtigung und Verpflichtung.“ Wie viel hätte daran gelegen, wäre dem Präfekten der Glaubenskongregation solche Unterstützung zuteil geworden, da er als „Mitarbeiter der Wahrheit“ einsam ging und kämpfte.
Während hier allgemein von der Förderung der Rezeption der Theologie des Papstes gesprochen wurde, ist soeben die erstmalige Publikation aller liturgischen Schriften Ratzingers unter dem Titel „Theologie der Liturgie“ mit dem ersten von sechzehn Bänden der Werkausgabe „Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften“ durch das Regensburger „Institut Papst Benedikt XVI.“ erfolgt. Nicht ohne Brisanz ist die Ankündigung von Pater Horn, in Regensburg „zusammen mit der Katholisch-Theologischen Fakultät eine Gastprofessur zu errichten. Dabei ist jeweils an das Sommersemester gedacht. Die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen, führten aber schon zu einem grundlegenden Konsens.“
In Salzburg soll der Sitz des Kuratoriums angesiedelt werden, wobei eine Zusammenarbeit mit dem „Internationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung, insbesondere mit der Initiative ,Scientia et Caritas‘“ vereinbart wurde. In Rom möchte die Stiftung in der „Casa Balthasar“, vage umschrieben als Haus für Studenten „die eine Art von Freijahr erleben, in welchem sie ihre spirituelle und kirchliche Berufung klären wollen, andererseits aber tiefer in die Theologie von Hans Urs von Balthasar und Henri de Lubac und auch von Joseph Ratzinger eindringen können“, ebenfalls ein Zentrum für das Werk des Papstes errichten. Als bereits weit fortgeschritten bezeichnete Horn die Aufzeichnung der Erinnerungen der Ratzinger-Schüler in Ton und Bild.
Dem emeritierten Dogmatikprofessor Siegfried Wiedenhofer, wissenschaftlicher Assistent bei Ratzinger von 1967 bis 1977 an den Universitäten Tübingen und Regensburg, war der Part zugedacht, in einem Kurzreferat „Schwerpunkte der Theologie“ seines Doktorvaters vorzustellen. Charakteristisch für Ratzinger sei das dialogische Denken, seine Theologie entwickle sich „nicht nur im Hören auf das, was die Quellen zu sagen haben, sondern auch im kritischen, zum Teil polemischen Gespräch mit anderen Auffassungen“. Zugleich gehöre zu Ratzingers Theologie eine „entschiedene Diagnose der Gegenwart als einer grundlegenden Übergangszeit und Krisensituation.“ Darum sei es Ratzinger immer auch um die Ganzheit des Glaubens und seine Wesensschau gegangen. Zum Wesen des Glaubens gehörten für Ratzinger der Wahrheitsanspruch des Christentums, die Geschichtlichkeit des Glaubens mit dem Höhepunkt in der Menschwerdung des ewigen Logos in der Person und Geschichte Jesu Christi, sowie die Personalität des Glaubens. Niemals sei es das Ziel ihres Lehrers gewesen, eine eigene theologische Schulrichtung zu begründen.
Die anschließenden fünf Statements betrachteten Lehre und Person des Papstes unter verschiedenen Perspektiven. Den Anfang machte Kardinal Schönborn, der sich seiner Aufgabe, den Lehrer Joseph Ratzinger zu beschreiben, durch die Schilderung der Bedeutung des Beitrages des Präfekten der Glaubenskongregation zur Entstehung des „Weltkatechismus“ entledigte. Vielfach habe Schönborn als Redaktionssekretär die Gabe Ratzingers bewundert, „eine Diskussion zusammenzufassen, sodass die Teilnehmer oft erst in seiner Synthese ihren eigenen Gesprächsbeitrag besser verstanden“.
Weihbischof Jaschke, er studierte bei Ratzinger in Münster und war sein Assistent in Tübingen und Regensburg von 1967 bis 1977, unterstrich, dass es Professor Ratzinger darum gegangen sei, die Einzelstimmen in der Geschichte der Theologie zusammenzuführen: Er habe bei seinen Schülern „Freude an den vielen Stimmen der Kirche geweckt und ihnen den Blick für die schöne Gestalt des Glaubens eröffnet.“ Daneben habe Professor Ratzinger auch seine Schüler als „vielstimmigen Chor erlebt – die Misstöne waren eher die Ausnahme –, und er hatte seine Freude daran. Seine lockere, fast spielerische Hand der Begleitung hat uns allen gut getan“.
Das Gewissen als einen zentralen Begriff für Theologie und Leben Joseph Ratzingers stellte der irische Steylerpater Vincent Twomey, er promovierte bei Ratzinger in Regensburg 1974, heraus: „Ratzinger hat das Gewissen primär als subjektive Fähigkeit verstanden, die sachliche oder objektive Wahrheit zu erkennen, eine Wahrheit, die oft nur mühsam erkennbar und immer persönlich herausfordernd ist.“ Als Vertreterin der jungen Theologengeneration sprach die promovierte Pastoraltheologin Michaela Hastetter. Mittels der Begriffe Klarheit, Schönheit und Einheit charakterisierte sie die Anziehungskraft des Denkens von Benedikt XVI.
Abschließend kam noch Prälat Michael Hofmann, der Vorsitzende des Stiftungsrates, zu Wort. Er unterstrich, dass kein Konkurrenzverhältnis zum Regensburger Institut Papst Benedikt XVI., dessen Direktor Professor Voderholzer unter den geladenen Gästen anwesend war, bestehe, da die Stiftung „eine eigene Prägung und Zielsetzung habe“. Es sei der Wunsch des Papstes gewesen, dass diese Stiftung, gegründet von Theologen, die bei ihm promoviert und (oder) habilitiert haben, Forschungsarbeiten junger Nachwuchswissenschaftler nicht nur auf dem Gebiet der systematischen Theologie, sondern auch in den Fächern Bibelwissenschaft, Patristik und Fundamentaltheologie unterstützen möge. Ein Anfang sei bereits in diesem August mit der Einladung von Promovenden nach Castel Gandolfo zum Treffen des Schülerkreises mit dem Papst gemacht worden. Dort hatten junge Theologen Gelegenheit, ihre Arbeiten auch dem Heiligen Vater kurz vorzustellen. An der Präsentation haben einige von ihnen ebenfalls teilgenommen.
Hofmann stellte das Erscheinen der bereits seit längerem angekündigten vollständigen Ratzinger-Bibliographie in Aussicht. Es bleibt zu hoffen, dass die verschiedenen Unternehmungen mit päpstlichem Segen zu einem fruchtbaren Miteinander finden mögen. Beim anschließenden Empfang vereinten sich Weggefährten des Papstes, Schüler ersten und zweiten Grades, junge und ältere Theologen, Gründer der verschiedenen Stiftungen in der sicheren Gewissheit, dass der Papst doch allen gehört. Gegenüber dem Barockdunkel vom Fass aus dem Regensburger Bischofshof bestanden sichtbar keinerlei Vorbehalte.