Kardinal Schönborn fordert mehr Zivilcourage
Oct 24, 2008
Mit jungen Christen und Muslimen diskutierte Kardinal Christoph Schönborn im Rahmen eines Podiumsgesprächs der Akademie für Evangelisation. Dabei forderte der Kardinal mehr gesellschaftspolitisches Engagement und mehr Zivilcourage von den katholischen Laien.
"Was fehlt, sind Stimmen von kompetenten Laien", sagte Kardinal Christoph Schönborn am Mittwoch, 22. Oktober 2008, in einer Podiumsdiskussion der Akademie für Evangelisation im Wiener Figl-Haus. In Österreich herrsche noch immer ein zu starkes Obrigkeitsdenken, es werde immer an die Bischöfe appelliert, so der Kardinal.
Im jüngsten Nationalratswahlkampf habe er viele Briefe und E-Mails erhalten, in denen eine Stellungnahme seinerseits eingefordert oder erbeten wurde, berichtete Kardinal Christoph Schönborn. In diesem Zusammenhang erinnerte er an den Grundsatz, dass sich die kirchliche Hierarchie in Österreich nicht in die Parteipolitik einmische. Kardinal Franz König habe hier beispielhaft den Rahmen vorgegeben: Es seien die Parteien selbst, die durch Programm, Praxis und Auswahl der handelnden Personen ihre Nähe oder Distanz zur Kirche definieren. In gesellschaftspolitisch relevanten Grundsatzfragen würden die Bischöfe aber sehr wohl ihre Stimme erheben und auf christliche Werte verweisen, unterstrich Kardinal Schönborn. Von den katholischen Laien hingegen forderte der Wiener Erzbischof mehr gesellschaftspolitisches Engagement und mehr Zivilcourage ein.
In der Akademie für Evangelisation diskutierte Kardinal Schönborn mit jungen Christen und Muslimen.
Übereinstimmung herrschte bei der Diskussion mit jungen Christen und Muslimen darüber, dass es für gläubige Menschen nicht leicht sei, ihre Überzeugung in der gegenwärtigen Gesellschaft zu leben. So berichtete die katholische Studentin Pamila Paulik, dass sie zwar persönlich kein Problem damit habe, sich zu ihrem Glauben zu bekennen. Wenn sie aber beispielsweise für eine christliche Veranstaltung Werbung mache, erfahre sie viel Ablehnung.
Die Studentin Elisabeth Hargassner, die sich selbst als suchenden Menschen bezeichnete, beklagte, dass sie keinen Christen begegnet sei, die sie über den Glauben informieren hätten können. Das erschwere ihr den Zugang zum christlichen Glauben.
Migrationsproblem
Der in einer türkischen Gastarbeiterfamilie aufgewachsene Sinan Ertugrul beklagte, dass man als Muslim derzeit ständig mit der Anschuldigung konfrontiert werde, ein Terrorist zu sein. Es würde ihn auch belasten, dass er sich zwar als Österreicher fühle, die Gesellschaft das aber nicht akzeptiere. Auf das Migrationsproblem angesprochen, verwies Kardinal Christoph Schönborn darauf, klar zwischen Asyl und Immigration zu unterscheiden. Asyl sei ein Menschenrecht, das außer Frage stehe. Migration hingegen sei in erster Linie eine politische Frage. Im Hinblick auf die türkischen Immigranten dürfe man nicht vergessen, so Schönborn, dass die Gastarbeiter in den sechziger und siebziger Jahren von Österreich geholt worden seien. Sie hätten jene Arbeiten übernommen, für die sich keine Österreicher mehr fanden. "Es ist eine Frage des Anstands, dass man solche Dinge nicht vergisst", sagte der Kardinal.
"Verstehen, wie jemand seine Heimat liebt"
Integration könne nicht einfach damit erfüllt sein, so Kardinal Schönborn, dass Türken feststellen, Österreich sei ihre Heimat. Bei seinem jüngsten Türkei-Besuch sei ihm verstärkt bewusst geworden, wie sehr der Begegnung von Völkern die Voraussetzung zugrunde liegt, "dass man versteht, wie jemand seine Heimat liebt", so Kardinal Christoph Schönborn.