Christoph Cardinal Schönborn, O.P. Christoph Cardinal Schönborn, O.P.
Function:
Archbishop of Wien, Austria
Title:
Cardinal Priest of Gesù Divin Lavoratore
Birthdate:
Jan 22, 1945
Country:
Austria
Elevated:
Feb 21, 1998
More information:
www.catholic-hierarchy.org, Stephanscom.at, The Schonborn Site
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English Wallfahrt nach Levoca - Fest Maria Heimsuchung
Jul 13, 2008
Wortlaut der Predigt von Kardinal Christoph Schönborn zum Fest Maria Heimsuchung bei der Wallfahrt nach Levoća (Slowakei) am 6. Juli 2008.

In jedem Ave Maria ist auch die Heimsuchung gegenwärtig, die Begegnung Marias und Elisabeths. Wir beginnen das "Ave Maria" mit dem Gruß des Engels an Maria: "Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum". Doch gleich nach dem Gruß des Engels folgt der Gruß Elisabeths: "Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes (Jesus)."

Täglich gedenken zahllose Menschen auf der ganzen Welt des heutigen Festgeheimnisses, ob sie daran denken oder nicht. Denn wie viele Ave Maria werden täglich gebetet! In jedem "Ave Maria" sprechen wir Maria mit dem Gruß an, mit dem Elisabeth sie begrüßt hat. Auch hier, in diesem berühmten Heiligtum der Mutter Gottes, grüßen wir Maria mit den Worten ihrer Verwandten Elisabeth: "Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes."

Betrachten wir diesen Gruß! Betrachten wir diese Szene, die das Evangelium uns heute vor Augen stellt. Beginnen wir mit der ganz natürlichen Ebene, ehe wir das übernatürliche Geheimnis dieser Begegnung meditieren.

Erstens: Zwei schwangere Frauen
Maria und Elisabeth begegnen einander. Zwei schwangere Frauen - zwei Frauen, die jede ein Kind unter dem Herzen tragen. Zwei Frauen, Trägerinnen neuen Lebens. So hat die Kunst sie dargestellt: Zwei schwangere Frauen begegnen einander, umarmen sich gegenseitig, küssen sich.

Es ist ein ganz schlichter, einfacher Vorgang, wie er oft vorkommt. Und doch ist es etwas Wunderbares! Das Geheimnis der Schwangerschaft! Das Wunder eines neuen Menschenlebens! Mich bewegt immer der Gedanken: wir alle, ohne Ausnahme, wir alle, die vielen Tausenden Pilger, die heute in Levoca zusammengekommen sind, waren im Schoß unserer Mütter, wurden von unseren Müttern unter dem Herzen getragen, wurden von ihnen, wie man auf Deutsch sagt, "ausgetragen", die volle Zeit der Schwangerschaft. Wir alle verdanken unser Leben dem "Ja" unserer Mütter. Manche haben lange gewartet und gehofft, bis sie ein Kind bekommen konnten, wie Elisabeth, die unfruchtbar war. Andere wurden unerwartet Mütter, waren erschrocken, als sie merkten, dass sie schwanger waren. Sie machten sich Sorgen: Wie wird das gehen? Wie werden wir das schaffen? Aber sie sagten dann doch "ja" zum Kind, das sie empfangen hatten. Sie vertrauten dann doch auf Gott: Er wird helfen! Seine Gnade wird nicht fehlen! Und so sagten sie "ja" zu ihrem Kind und zu ihrer Mutterschaft!

Heute, am Fest der Heimsuchung Mariens, dürfen wir allen unseren Müttern danken, dass sie zu uns "ja" gesagt haben, dass sie uns das Leben geschenkt haben. Elisabeth sagt zu Maria: "Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ." Ähnlich dürfen wir heute dankbar zu unseren Müttern sagen: Selig, die geglaubt, die vertraut hat, die "ja" gesagt hat zu dem Kind, das sie empfangen hatte.

Liebe Pilger! Ich lade sie heute auch ein, für die Mütter zu beten, die nicht "ja" gesagt haben zu dem Kind, das sie empfangen hatten und die es nicht zur Welt gebracht haben. Es sind in unserem heutigen Europa sehr viele, und es ist ein großes Drama, ein Tragödie. Es ist eine schmerzliche Wunde. Christus verurteilt keine Frau, die diese Sünde begangen hat. Christus hilft jedem, die Sünde zu bereuen und seine Barmherzigkeit und seine Vergebung zu erfahren. Wieviel Not, wieviel Leid, wieviel seelische Qualen, Selbstvorwürfe gibt es wegen der Sünde der Abtreibung! Ich lade Sie heute alle ein, für die Mütter zu beten, die nicht zu ihrem Kind "ja" gesagt haben, aus Sorge vor der Zukunft, aus Panik: "Wie soll das gehen?", aus welchen Gründen auch immer. Immer ist es eine tiefe Wunde, wenn eine Mutter ihr eigenes Kind nicht annehmen kann. Immer aber ist Jesus bereit, ihr zu verzeihen, wenn sie es bereut und Ihn, den Barmherzigen Heiland, um Verzeihung bittet.

Liebe Pilger! Maria und Elisabeth hatten tiefe Freude, einander zu begegnen mit ihren Kindern unter dem Herzen. Maria kam eilends zu Elisabeth ins Bergland von Judäa, um ihrer älteren Verwandten zu helfen. Elisabeth war ja schon im 6. Monat schwanger. Wie wichtig ist das, dass auch heute die Mütter einander helfen, und auch die Väter und die Familien. Viele Menschen haben heute nicht mehr die Hilfe einer großen Familie, wo es viele Kinder, die Eltern, die Großeltern, die Verwandten gab, wo die Familie ein Sicherheits-Netz war, das den Einzelnen auffangen konnte, wenn es Schwierigkeiten gab. Heute leben viele von Ihnen in Kleinstfamilien, in "Pannelaki", in großen anonymen Wohnblocks, wo wenig Platz für Kinder ist. Meist müssen Mann und Frau arbeiten. Da kann man verstehen, dass eine unerwartete Schwangerschaft Schrecken auslöst: "Wie werden wir das schaffen?" Dann ist die Versuchung groß, das Kind abtreiben zu lassen.

Maria kam, um Elisabeth zu helfen. Auch wir sind heute herausgefordert, zu helfen. Es ist leicht, gegen die Abtreibung zu sein. Es ist auch richtig, gegen die Abtreibung zu sein. Aber das genügt nicht. Die selige Mutter Teresa von Kalkutta hat immer gesagt: "Tötet die Kinder nicht, gebt sie mir!" Sie hat nicht verurteilt, sondern geholfen. Viele, viele Tausende Kinder hat Mutter Teresa so gerettet. Und vielen Eltern in der ganzen Welt, die keine Kinder haben konnten, hat sie es ermöglicht, Kinder adoptieren zu können.

Mein großer Vorgänger Kardinal König hat 1975 den "Hilfsfonds für Schwangere in Not" gegründet, als positive Maßnahme gegen die neue Abtreibungsgesetzgebung. In den über 30 Jahren seiner Existenz konnte vielen Tausenden Müttern in schwierigen Situationen geholfen werden, sodaß sie nicht abgetrieben haben und zu ihrem Kind ja sagen konnten.

Nicht richten und urteilen, sondern klug und praktisch helfen: das können wir alle tun, damit möglichst viele Mütter zu dem Kind, das sie empfangen haben, "ja" sagen können. Dazu gebe uns die Mutter Gottes Ermutigung und Hilfe, die ihrer Verwandten Elisabeth zu Hilfe geeilt ist.

Zweitens: Christus im Herzen tragen
Die Begegnung der beiden heiligen Frauen ist aber auch ein übernatürliches Geheimnis. Maria trägt Christus unter ihrem Herzen. Ihr Kind ist Jesus, der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes (vgl. Mt 16,18). Sie bringt das Kind, das der menschgewordene Gott ist, zu ihrer Verwandten Elisabeth. Das Kind, das Elisabeth erwartet, das schon im 6. Monat ist, bewegt sich kräftig im Schoß Elisabeths. Es "hüpft" vor Freude. Es spürt das Kommen "der Mutter meines Herrn".

Maria bringt Gott zu uns. Sie wird deshalb die "Bundeslade" genannt. Denn im Alten Testament war die Bundeslade der Ort der Gegenwart Gottes. Sie enthielt die Tafeln des Gesetzes, das Gott dem Mose gegeben hatte. "Wer bin ich, dass die Lade meines Herrn zu mir kommt?" fragt König David ganz ergriffen, als die Bundeslade zu ihm gebracht wird (vgl. 2 Sam 6,9). Elisabeth fragt ganz ähnlich: "Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?" (Lk 1,43).

Auch wir staunen, mit König David, mit Elisabeth: "Wer bin ich, dass die Lade, die Mutter meines Herrn, zu mir kommt?" Wie habe ich es verdient, dass Du, Mutter meines Herrn, zu mir armem Sünder kommst? Seit Maria Christus, den Erlöser, empfangen hat, hört sie nicht auf, zu uns Menschen zu kommen und ihren Sohn Jesus zu uns zu bringen.

Liebe Pilger! Ist es nicht etwas Wunderbares, dass Maria, die Mutter unseres Herrn, zu allen Völkern der Erde kommt? Gibt es ein Land auf Erden, wo sie nicht verehrt und geliebt wird? Jedem Volk ist sie nahe. Kein Volk ist für sie verachtet, wertlos. Heute darf ich als Erzbischof von Wien mit Ihnen Maria danken, für die vielen Zeichen ihrer Nähe und Hilfe! Ich erinnere an den Mitteleuropäischen Katholikentag in Mariazell im Jahre 2004, als viele Pilger aus acht Mitteleuropäischen Ländern zusammenkamen. Ich erinnere an das Heiligtum von Kleinmariazell bei Wien, wo wir vor einigen Monaten mit Ihrem Bischof Tondra die Erhebung zur Basilika feiern konnten. Überall erfahren die Menschen "die Heimsuchung Mariens", ihre Nähe, ihre mütterliche Liebe.

Liebe Pilger! Es bewegt mich, dass ich heute mit ihnen Maria danken kann. Ich bin gestern in die Slowakei gereist - ohne Grenze! Wie genau erinnere ich mich an den "Eisernen Vorhang"! An die schrecklichen Grenzkontrollen der kommunistischen Staaten. Heute gibt es nicht einmal mehr Grenzposten. Europa wächst zusammen. Ich bin darüber sehr froh und dankbar. Auch wenn es so manche Schwierigkeit gibt, manche Sorgen über die weitere Entwicklung der europäischen Integration. Aber eines ist sicher: Niemand verbindet die Menschen mehr als Maria. Denn sie bringt Jesus zu allen Völkern, zu allen Menschen. Deshalb ist das "Europa der Marienheiligtümer" eine solche Hoffnung: von Fatima bis Levoca - Maria versammelt ihre Kinder und lädt sie ein zur Versöhnung, zum Frieden, zur gegenseitigen Hilfe. Gehen wir unter Marias Schutz und Schirm den Weg der Völkerverständigung! Bitten wir Maria um ihre Hilfe, damit in Europa das Ja zum Leben wieder stark und kraftvoll wird!

Maria, Du Königin des Friedens, bitte für uns!
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