Christen verzichten auf jede Form der Judenmission
Apr 15, 2008
Kardinal Christoph Schönborn verweist in der englischen katholischen Zeitschrift "The Tablet" auf die Last der Geschichte, die diesen Verzicht notwendig macht. Die Botschaft des Evangeliums muss zwar "den Juden zuerst" verkündet werden, aber nur mit den "reinsten Mitteln", vor allem mit der "Anerkennung der religiösen Identität" der Juden.
(stephanscom.at, 15.04.08) "Die Christen verzichten in unwiderruflicher Weise auf alle Formen des Proselytismus gegenüber den Juden": Dies betonte Kardinal Christoph Schönborn in einem Artikel für die englische katholische Zeitschrift "The Tablet", in dem er - unter dem Titel "Judaism's way to salvation" (Der Weg der Juden zum Heil) - zur Auseinandersetzung um die neuformulierte Karfreitagsfürbitte für die Liturgie nach "altem Usus" Stellung nahm.
"Anerkennung der religiösen Identität"
Der Verzicht auf jede Form der Judenmission sei durch die "verschiedenen Formen des religiösen Zwangs" begründet, denen die Juden im Verlauf der Geschichte der Christenheit ausgesetzt waren und für die die Kirche um Vergebung gebeten habe, stellte der Wiener Erzbischof fest. Dies könne jedoch nicht bedeuten, dass die Christen auf jene "Mission" verzichten, "die die Apostel von Christus empfangen und der Kirche übermittelt haben, das Evangelium 'den Juden zuerst' zu verkünden". Aber diese Verkündigung müsse mit den "reinsten Mitteln" geschehen, so Kardinal Schönborn: Mit dem Gebet, der Hingabe des Lebens, der absichtslosen Nächstenliebe, vor allem aber mit der "Anerkennung der religiösen Identität" der Juden.
Im jüdisch-christlichen Verhältnis, besonders in den Beziehungen zwischen Judentum und katholischer Kirche, habe sich in den letzten 40 Jahren vieles zum Besseren gewendet, erinnerte der Wiener Erzbischof. Die Erklärung "Nostra Aetate" des Zweiten Vatikanischen Konzils sei hier zweifellos ein Wendepunkt gewesen. Der Besuch von Johannes Paul II. in der Großen Synagoge von Rom, seine Pilgerfahrt des Papstes ins Heilige Land im Jahr 2000 "mit den unvergesslichen Momenten in Yad Vashem und an der Westmauer" - all das und viele andere Gesten, theologische Bemühungen und geistliche Begegnungen hätten die positiven Momente der christlich-jüdischen Beziehungen verstärkt.
Immer wieder Irritationen
Aber es gebe immer wieder Irritationen, stellte Kardinal Schönborn fest. Die Diskussionen um Pius XII., die Seligsprechung von Pius IX., oder die erneuerte Formulierung der Karfreitagsfürbitte für den Ritus von 1962 seien nur einige Beispiele. Nach den Jahrhunderten "eines oft massiven Antijudaismus von Seiten der Christen", mit den Erinnerungen an Jahrhunderte der Verfolgung, Vertreibung und der Pogrome sei es nur zu verständlich, dass Irritationen leicht entstehen. Die Shoah bleibe das "alles übertreffende Dunkel" in dieser langen Leidensgeschichte.
Immer wieder, auch anlässlich der neuformulierten Karfreitagsfürbitte für den "alten Usus", tauche in diesem Zusammenhang die Frage der "Judenmission" auf. Manche neueren theologischen Versuche hätten gemeint, von christlicher Seite solle gänzlich auf jede Mission gegenüber den Juden verzichtet werden. Manche seien noch weiter gegangen und wären der Ansicht, der "nie gekündigte Bund Gottes mit seinem Volk" mache es gar nicht notwendig, den Juden den Eintritt in den Neuen Bund in Jesus Christus anzubieten: Der "Alte Bund" sei der Heilsweg für die Juden, der "Neue Bund" sei der für die Heiden bestimmte Heilsweg. Diese Theorie der "Zwei Heilswege" werde aber zu Recht als mit dem katholischen Glauben vom einzigen Heil in Jesus Christus unvereinbar gesehen, wie es etwa auch Kardinal Avery Dulles im Jahr 2002 in der Zeitschrift "America" dargelegt habe.
Zwei deutlich verschiedene Modalitäten
Kardinal Schönborn betonte in seinem "Tablet"-Beitrag ausdrücklich, dass es in "neutestamentlicher und christlicher Sicht" zwar nur ein Heil in Jesus Christus gibt, aber "zwei deutlich zu unterscheidende Modalitäten, dieses Heil zu verkünden und anzunehmen". In diesem Sinn müsse auch klargestellt werden, dass das Angebot an die Juden, in Jesus von Nazareth den Messias Israels zu erkennen, nicht einfach gleichgesetzt werden kann mit dem Auftrag Jesu, alle (heidnischen) Nationen zu seinen Jüngern zu machen. Wörtlich stellte der Wiener Erzbischof fest: "Den Juden vor allem ist das Heil verheißen und die Heiden, die 'fremd und von dem Bund der Verheißung ausgeschlossen' waren (der Heilige Paulus im Epheser-Brief 2,12), erlangen es nur, indem sie sich ihnen anschließen".
Die Erwählung der Juden im Ratschluss Gottes sei "unwiderruflich", erinnerte Kardinal Schönborn. Dies verlange von der Kirche besondere Aufmerksamkeit im Hinblick darauf, wie ihre Kinder den Juden das Evangelium verkünden. "Abgesehen von dem Respekt vor dem Gewissen jedes Menschen, wie ihn die Religionsfreiheit erfordert", müssten die Christen jenes Mysterium anerkennen, dessen Träger die Juden sind.