Kardinal Schönborn zur Wiederentdeckung der Beichte
Apr 05, 2008
In Rom sprach Kardinal Christoph Schönborn über Sünde und Barmherzigkeit. Es sei an der Zeit wieder nicht nur die Fehler, die Sünden der Menschen zu sehen, sondern auch das Mittel der Versöhnung, die Beichte, ins Blickfeld zu rücken, so der Wiener Erzbischof.
(stephanscom.at, 05.04.08) "Wer hohe Ansprüche hat, kann tief fallen. Das gilt für Christen in besonderem Maße. Eine schwere Sünde, von bekennenden Katholiken begangen, fordert hämische Kommentare oder Entsetzen anderer heraus. Dabei ist allen klar, dass Menschen Fehler machen - Christen sprechen von Sünde. Dass die katholische Kirche für genau diese Fälle ein probates Mittel der Versöhnung parat hat, gerät manchmal aus dem Blickfeld. Und zwar sowohl bei den Skeptikern als auch bei den Gläubigen selbst", erklärte Kardinal Christoph Schönborn, am Donnerstag, 3. April 2008, im Gespräch mit Radio Vatikan. Sünde, Reue, Vergebung, Barmherzigkeit, Beichte genau darum gehe es dieser Tage in Rom beim Ersten Weltkongress der Göttlichen Barmherzigkeit.
Ein Gott, der Opfer braucht
"Wenn die Barmherzigkeit Gottes heute für Christen wieder mehr zum Thema geworden ist als in vergangenen Zeiten, dann ist das auch das Verdienst einer polnischen Ordensfrau, die 1938 starb. Schwester Faustyna Kowalksa, eine Mystikerin des 20. Jahrhunderts, hatte Zeit ihres Lebens hunderte Jesuserscheinungen, die sie in ihrem Tagebuch in allen Einzelheiten schildert. Der Auftrag, den sie von Jesus erhält, ist, die Welt über die göttliche Barmherzigkeit zu unterrichten. Das Gottesbild von Schwester Faustyna macht es zeitgenössischen Gläubigen nicht unbedingt einfach. Es zeigt einen Gott, der Opfer braucht - Ausgleich für begangene Sünden", so Kardinal Schönborn, der darauf hinweist, dass das Gottesbild Schwester Faustynas nahe am Evangelium sei.
"Verhärtet eure Herzen nicht"
Wir würden manche Dinge im Evangelium gerne übersehen, weil sie nicht angenehm sind, erklärte Kardinal Schönborn: "Jesus konnte unglaublich hart reagieren. Und zwar wenn er auf Herzenshärte gestoßen ist. Darum ist das ein urbiblisches Thema: verhärtet eure Herzen nicht, heißt es in Psalm 95, den die Kirche jeden Morgen als erstes betet. Und es gibt eigentlich nur einen Punkt, wo Jesus unbarmherzig erscheint. Doch wo er auch nur der leisesten Öffnung des Herzens begegnet, hat man den Eindruck, da schmilzt er dahin, da ist das Erbarmen ohne Grenzen."
Schwester Faustyna beeindruckt
Schwester Faustyna war eine einfache, bescheidene Frau. Mit 18 trat sie einem eigentlich zufällig gewählten Orden bei, den Schwestern der Lieben Frau der Barmherzigkeit. Dort versah sie Ämter wie die der Köchin, Gärtnerin und Pförtnerin. Ihre mystische Beziehung zum Herrn, ihr Erwählt-Sein, brachte Schwester Faustyna in Konflikt mit den einigen Mitschwestern. Doch bis zu ihrem Tod im Alter von 33 Jahren lebte sie die Botschaft der Barmherzigkeit Gottes, die sie in die Welt tragen sollte.
"Schwester Faustynas Aufzeichnungen beeindruckten ihren Landsmann Karol Wojtyla sehr. In seiner zweiten Enzyklika, 'Dives in Misericordia', beschäftigt er sich mit der Barmherzigkeit Gottes. Er ist es, der Schwester Faustyna im Heiligen Jahr 2000 heilig spricht, er ist es, der das Fest der göttlichen Barmherzigkeit in den liturgischen Kalender einführt. Als Johannes Paul II. am Vorabend dieses Festes stirbt, sehen nicht nur fromme Polen darin ein göttliches Zeichen", erklärte Kardinal Schönborn.
"Große Energiekrise unserer Zeit"
Schwester Faustyna maß dem Sakrament der Versöhnung, der Beichte, allergrößte Bedeutung zu. Damit hätten heute viele Christen, vor allem in der westlichen Welt, ihre Schwierigkeiten. Dennoch sei ein erneuertes Interesse am Thema Barmherzigkeit nicht zu übersehen, betonte Kardinal Schönborn: "Die große Energiekrise unserer Zeit ist noch nicht das Erdöl, aber sicher die Barmherzigkeit. Die Zufuhr an Erbarmen, an Barmherzigkeit, weil wir das alle so sehr brauchen. Warum sich das nicht konkret im Bußsakrament umsetzt, in die Bereitschaft zur Beichte, ich denke, da wird es eine Wiederentdeckung des Bußsakramentes geben."