„Es wird auch keine Staatskirche mehr geben - Gottseidank!“
Jan 21, 2005
Kardinal Christoph Schönborn im Gespräch. Diese 10 Jahre des Reinigungsprozesses - ich sags einmal so - haben Sie den Eindruck, dass der innerkirchliche Dialog mit der Basis jetzt leichter wird? Kardinal Schönborn: Ja.
(APA, 20. Jänner 2005) Auch was Abtreibung betrifft, was Zölibat betrifft, die stärkere Einbindung der Frau? Wird dieser innerkirchliche Dialog leichter werden?
Ich glaube, er ist schon leichter. Er geht sehr viel herzlicher zu. Diese Verbitterheit, die in den letzten Jahren viele wirklich verletzt hat, ich glaube, da sind wir wirklich dran, das zu überwinden.
Frage:: Woher kommt diese Herzlichkeit? Was waren da ausschlaggebenden Erlebnisse?
Kardinal Schönborn: Ich erleb's in der Bischofskonferenz - es herrscht einfach wieder ein sehr herzliches Klima untereinander. Mit durchaus unterschiedlichen Akzentsetzungen, die nicht so weit auseinander gehen, aber ... in der Türkeifrage sind wir uns nicht alle einig in der Bischofskonferenz.
Frage: : Aber grundsätzlich was das Klima betrifft: der Herr Krenn geht niemandem ab? Kardinal Schönborn: Ich möchte das nicht so personalisieren, obwohl natürlich auch immer alles personal ist.
Frage: Von 1995 bis 2005 haben Sie in Österreich im Schnitt um die 35.000 Austritte aus der katholischen Kirche pro Jahr. 400.000 in diesen 11 Jahren. Kardinal Schönborn: Und vor allem in Wien! Wien ist eindeutig der Spitzenreiter in der Zahl der Kirchenaustritte.
Frage: Welche Strategie wollen Sie denn wählen, um die Katholiken zu halten bzw. zurück zu holen? Kardinal Schönborn: Wir leben in einer Gottseidank freien und pluralistischen Gesellschaft, und die Optionen auch für die Religionszugehörigkeit sind sehr viel weniger traditionsgebunden wie früher. Das ist ein Faktum. Viele Menschen, die früher durch ihre Familien, durch ihre Dorfgemeinschaften an die Kirche gebunden waren, haben diese Bindung nicht mehr.
Ich glaube, die spannende Herausforderung ist, persönlich anzusprechen auf die Lebensorientierung und die Lebenswahl. Und das geht nur persönlich. Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass durch sozialen Druck Kirchenzugehörigkeit entsteht, wieder entsteht. Das wäre also ein Modell der Gegenreformation durch staatlichen Druck. Ich weiß nicht, wer diesen staatlichen Druck machen würde. Ich würde es mir auf keinen Fall wünschen. Das wird es in keiner Verfassung in Europa geben, es wird auch keine Staatskirche mehr geben - Gottseidank. Kardinal Christoph Schönborn im Gespräch. Diese 10 Jahre des Reinigungsprozesses - ich sags einmal so - haben Sie den Eindruck, dass der innerkirchliche Dialog mit der Basis jetzt leichter wird? Kardinal Schönborn: Ja.