Predigt zu Allerseelen
Nov 12, 2007
Predigt von Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn am Allerseelentag, 2. November 2007, im Wiener Stephansdom.
"Herr, gib ihnen die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen! Herr, lass sie ruhen in Frieden, amen."
Liebe Brüder und Schwestern hier im Dom und an den Empfangsgeräten von Radio Stephansdom!
Warum beten wir für die Verstorbenen? Brauchen sie das? Hilft ihnen das? Warum feiern wir ein Requiem? Warum diese innigen, ernsten, berührenden Worte des "Dies irae, dies illa", das wir eben im Mozartschen Requiem gehört haben, mitgebetet haben? Warum diese Sorge um das, was nach dem Tod geschieht? Müssen wir uns darum sorgen? Was hat das alles für einen Sinn, was wir da tun, wenn wir zusammengekommen sind, um der Toten zu gedenken, nicht nur, um uns einfach an sie zu erinnern, wie man heute so gerne sagt: dass sie weiterleben "in unserer Erinnerung". Die Armen! Wie kurz ist unsere Erinnerung! Wie schnell ist sie vorbei! Wenn sie nur in unserer Erinnerung leben, was ist dann mit den Vielen, die hier im Dom begraben sind, deren Grabsteine, deren Grabdenkmäler hier sind, deren Gebeine in den Katakomben zu Tausenden liegen? Wer von uns erinnert sich an sie? Das kann es doch nicht sein, nur sein?
Warum beten wir für die Verstorbenen? Brüder und Schwestern, lassen Sie mich ein wenig unseren Katechismus auffrischen, denn manchmal scheint es mir, dass das ganze elementare Wissen, Glaubenswissen uns verloren geht, fast möchte ich sagen: zerbröselt und abhanden kommt, und damit eine ganz wichtige Orientierung im Leben, die offensichtlich die Alten hatten, und auch ein Mozart, wenn er als letztes, großes Werk ein Requiem komponiert hat. Er hat ja wohl daran geglaubt, was er da komponiert hat. Warum hat er gezittert vor dem Tag des Gerichtes? Warum hat er so bewegend gesagt, gebetet, musiziert "Quid sum miser tunc dicturus" - Was werde ich Armseliger dann sagen, wenn ich vor dem Richter stehe und gefragt werde? "Rex tremendae majestatis": Das ist vielleicht das erste, was uns abhandenzukommen droht, an das wir uns wieder erinnern müssen: Die Un-heimlichkeit Gottes. Die Heiligkeit Gottes. "Rex tremendae majestatis" - König schrecklicher, erschreckender Majestät. Haben wir nicht Gott kleingeredet und banalisiert, dass uns der Schrecken vor der Heiligkeit Gottes abhanden gekommen ist? Aber es gibt Momente, wo uns das wieder zum Bewusstsein kommt. Und als wir vorhin dieses Mozartsche "Rex tremendae majestatis" gehört haben, vielleicht haben wir etwas davon geahnt. Mozart hat es sicher zutiefst gespürt: die Heiligkeit Gottes, das Erschrecken vor Dem, dessen Namen unaussprechlich ist, dessen Größe unbegreiflich ist. Ist nicht das das Erste, was uns das Requiem in Erinnerung ruft? Und dann ein zweites: "Quid sum miser tunc dicturus?" Was werde ich Armer sagen? Ein Buch wird vorgetragen: "Liber scriptus proferetur, in quo totum continetur": Ein Buch wird vorgelegt, in dem alles verzeichnet ist, mein ganzes Leben, jeder Moment, alles, hat Gewicht, nichts ist banal. Ist nicht das Wissen um das Gericht Gottes die Garantie dafür, dass unser Leben nicht banal dahin läuft? Weil jeder Moment wichtig und kostbar ist, einzigartig? Wenn er vergangen ist, ist er vergangen und nicht einholbar. Es ist nur jetzt, in diesem Moment, der hat Gewicht, und er ist für immer verzeichnet in diesem Leben, und im Buch des Gerichts. In diesem Buch wird die Welt gerichtet, haben wir eben gehört. Ist es nicht das große Gegengewicht gegen die alles niederwalzende Platitüde unserer Oberflächlichkeit, unserer Unaufmerksamkeit, unserer Unachtsamkeit, dass wir daran erinnert werden, dass wir einmal über jedes Wort Rechenschaft geben müssen, sagt Jesus selber. Dass in dem Buch, dem Gedächtnis Gottes, jedes Wort, jede Tat, jeder Gedanke festgeschrieben ist.
Nun sage man nicht, dass ist alles jene alte Welt, in der die Religion dem Menschen Angst gemacht hat, nur um ihn umso besser beherrschen zu können. Wir kennen alle dieses Thema der Religionskritik seit der Aufklärung: "Alles Pfaffenlüge, Pfaffentrug, was man euch da gesagt hat, mit der Angst und dem Gericht, mit der Größe Gottes, das ist nicht so." Wir haben die Gegenprobe: Wir haben die Gegenprobe, was aus einer Welt wird, in dem es kein Erschrecken vor der Heiligkeit Gottes gibt, und in der wir uns zu Tode amüsieren, wie ein amerikanischer Schriftsteller 1 gesagt hat. 19 Jahre durchschnittlich verbringt der Amerikaner vor dem Fernsehen. 19 volle Lebensjahre im Durchschnitt! (Ich weiß nicht, wie ess bei uns ist.) Ist das nicht das große Gegengewicht gegen die Banalisierung, gegen die Oberflächlichkeit, die unser Leben letztlich hohl und uninteressant macht? Aber die Wirklichkeit hat doch Gewicht! Jedes Wort der Güte hat Gewicht und Bedeutung! Jede Träne hat Bedeutung! Jedes Leid ist nicht einfach banal dahingegangen und vergessen. Nicht nur, was wir falsch gemacht haben, sondern alles, was wir getan, gelitten, erhofft, erbetet haben, alles das ist auch gültig und nicht verloren.
So sind wir wieder bei der Frage "Warum beten wir für die Verstorbenen?" Weil wir glauben, dass es mit dem Tod nicht zu Ende ist. Weil wir glauben, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Warum sollten wir für Tote beten, wenn sozusagen "alles abgehakt" ist, aus ist mit dem Tod? Warum wussten alle Religionen darum, dass es darum geht, auch für die Toten Sorge zu tragen, ihnen beizustehen, sie zu begleiten auf einem Weg, von dem uns der Glaube sagt, dass er noch eine Läuterung sein kann, sein muss, hoffentlich sein kann? Denn wenn wir für die Verstorbenen beten, dann haben wir Hoffnung für sie, dann haben wir die Hoffnung, dass das Unfertige in ihrem Leben nicht verloren ist, dass es Gott ergänzen kann, dass Gott das Zerbrochene heilt, dass das Ungesühnte und Unversöhnte von Ihm heil gemacht werden kann. Dann gibt es Hoffnung über den Tod hinaus. Darum beten wir für die Toten. Eines gehört zum Ernst des Gebets: Das Wissen darum, dass es auch die Möglichkeit gibt, dass ich mein Ziel verfehle. In der Bibel heißt das: die Hölle. Ein Wort, das wir nicht gerne gebrauchen, und vielleicht zu Recht. Die kleine hl. Theresia, die größte Heilige der Neuzeit, gebraucht es praktisch nie. Nicht, weil sie nicht gewusst hat um den Ernst des Gerichts, sondern weil sie um das gewusst hat, was im "Dies irae" so wunderbar zum Ausdruck kommt: eine Hoffnung über alle Katastrophen des Lebens hinaus, über alles Scheitern, über alle Sünde und alles Versagen hinaus. "Qui Mariam absolvisti et latronem exaudisti, mihi quoque spem dedisti": Der du Maria, die Sünderin, Maria Magdalena, von ihrer Sünde losgesprochen hast, der du den rechten Schächer erhört hast, auch mir hast du Hoffnung gegeben. Hoffnung sagt, dass Leben nicht verloren geht. Hoffnung, dass nach dem Tod das Unfertige nicht in den Abgrund stürzt, sondern von Gott geborgen und gerettet wird, heimgeholt in seiner Barmherzigkeit. "Recordare, pie Jesu": Erinnere dich, gütiger Jesus, dass ich der Grund dafür war, dass du diesen Weg der Menschwerdung, des Leidens, des Sterbens und der Auferstehung auf dich genommen hast. "Ne me perdas illa die": Lass mich nicht verloren gehen an dem Tag des Gerichtes. Dieser christliche Glaube, der das Gericht so ernst nimmt, (ist) nicht ein Angstmachen, sondern ein Ernstnehmen - ein Ernstnehmen, dass wir ohne die Hoffnung wirklich verloren sind, dass wir ohne den Retter rettungslos sind, darum ist dieses "Dies irae", das so ernst beginnt - "Tag des Zornes" - ein so tröstliches, ein so wunderbares Gebet, eine solche Ermutigung, zu hoffen, auch für die, die gestorben sind.
Brüder und Schwestern, in dieser Hoffnung sind wir hier zusammen, um zu beten für unsere Verstorbenen. Herr, gib ihnen, allen unseren Verstorbenen, die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen. Lass sie ruhen in Frieden, Amen.