Christoph Cardinal Schönborn, O.P. Christoph Cardinal Schönborn, O.P.
Function:
Archbishop of Wien, Austria
Title:
Cardinal Priest of Gesù Divin Lavoratore
Birthdate:
Jan 22, 1945
Country:
Austria
Elevated:
Feb 21, 1998
More information:
www.catholic-hierarchy.org, Stephanscom.at, The Schonborn Site
Send a text about this cardinal »
View all articles about this cardinal »
German Predigt zur Maria-Namen-Feier
Sept 22, 2007
Wortlaut der Predigt von Kardinal Christoph Schönborn bei der Maria-Namen-Feier in der Wiener Stadthalle am 16. September 2007.

Gelobt sei Jesus Christus!

Lieber Bischof Paul, lieber Bischof Franz, liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst!
Liebe geistliche Schwestern, liebe franziskanische Gemeinschaft!
Liebe Brüder und Schwestern hier in der Stadthalle oder an den Empfangsgeräten von Radio und Fernsehen!

Wenn in einer Familie der Vater zu seiner Frau sagt "Wo war denn deine Tochter gestern Abend wieder einmal?", dann wissen wir, was es geschlagen hat, "deine Tochter". Warum sagt er nicht "unsere Tochter"? Er distanziert sich von ihr. Warum will dieser Vater mit "seiner Tochter" nichts zu tun haben? Warum ist sie auf einmal nicht mehr "unser Kind", sondern "deine Tochter"?

"Dein Sohn da", so sagt der ältere Bruder ganz empört zum Vater, "dein Sohn da, der dein Vermögen mit den Dirnen durchgebracht hat". Aber der Vater spricht ganz anders von dem jüngeren Sohn. "Mein Kind", sagt er zum älteren Bruder, "mein Kind, dein Bruder war tot und lebt wieder, er war verloren und ist wiedergefunden".

Wir wissen nicht, wie die Geschichte ausgegangen ist, Jesus erzählt es uns nicht. Ist der Ältere hereingekommen ins Haus, um mitzufeiern oder nicht? Die Antwort darauf können nur wir geben. Denn das Gleichnis richtet sich an uns! Welche Antwort geben wir auf dieses Gleichnis? Welche Antwort, Brüder und Schwestern, geben wir heute als Kirche?

Ich vermute, dass mit Ausnahme von Peter Seewald und vermutlich einigen anderen die meisten von Ihnen und uns eher auf der Seite des älteren Bruders sind. Wir waren immer brav bei der Kirche. Wir sind brav in die Kirche gegangen, haben unseren Kirchenbeitrag gezahlt, wir sind nie weggegangen, sind auch nicht ausgetreten. Auf uns trifft dieses wunderschöne Wort zu, das der Vater dem grantigen, verärgerten älteren Sohn sagt: "Mein Kind, alles was mein ist, ist dein."

Was ist das für ein wunderbares Wort? Wir dürfen in der Kirche sein, wir dürfen in der Kirche zu Hause sein. Voll Liebe sagt uns der Vater: Seid doch dankbar, dass ihr nicht weggelaufen seid! Seid doch dankbar, dass ihr daheim geblieben seid! Manchmal haben wir den Eindruck, dass wir ein wenig wie die letzten Mohikaner oder eine kleiner werdende Schar sind. Sind wir wirklich sozusagen die letzten Getreuen? Wir sind in der Kirche geboren, - jedenfalls die meisten von uns -, in ihr aufgewachsen, und manchmal kommt es mir so vor, dass wir schon vergessen haben, was für ein unglaubliches Glück es ist, einen solchen Weg ein Leben lang gehen zu dürfen. Was für ein Geschenk und eine Gnade es ist, glauben zu dürfen, den Glauben nicht verloren zu haben, Christ sein zu dürfen!

Aber wenn wir uns so wenig in dem älteren Bruder wieder finden, dann müssen wir uns die Frage stellen - und diese Frage stellt uns Jesus: Brennt in uns die Sehnsucht des Vaters nach seinem jüngeren Sohn? Spüren wir diese leidenschaftliche Liebe, dieses Mitleid, diese Barmherzigkeit des Vaters?

Der Apostel Paulus, der persönlich die Erfahrung gemacht hat, ganz weit weg von Christus gewesen zu sein und ihn dann gefunden hat, sagt in der heutigen Lesung: "Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der erste." Christus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Paulus sagt: "Ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat."

Brüder und Schwestern, ist uns dieses Wort bewusst, das Paulus sagt, und was für so viele Menschen heute gilt: "In meinem Unglauben wusste ich nicht, was ich tat"? Brennt dieses Anliegen in uns? Es ist ja das Herzensanliegen Jesu, es ist der Grund, warum Gott, der Vater, ihn in die Welt gesandt hat: dass er die Verlorenen heimführt, dass er die, die tot waren, wieder lebendig macht, dass er die verlorenen Kinder heimführt.

Wie ist das mit uns? Zeigen wir mit dem Finger auf die, die wie der verlorene Sohn im Dreck liegen? Zeigen wir voll Verachtung auf die, die weit weg sind von der Kirche und vom Glauben und von denen Jesus uns in dem Gleichnis sagt: Das sind doch eure Brüder und Schwestern!

Der Heilige Vater hat uns auf die Gnadenstatue von Mariazell hingewiesen. Dieser übergroße Zeigefinger der Muttergottes, der auf das Kind zeigt, zeigt uns Jesus. So ist auch das Motto unserer heutigen Feier: "Zeige uns Jesus". Sie tut es und sie hilft uns, auf Christus zu schauen. Aber wer auf Christus schaut, der sieht den Vater, von dem er uns heute spricht, und diesen Vater will er uns in sich zeigen.

Maria zeigt uns Jesus, sie lehrt uns, mit ihren Augen auf Jesus zu schauen und mit ihren Augen auf die Menschen zu schauen, mit ihren barmherzigen Augen zu sehen, wie Christus barmherzig ist.

Brüder und Schwestern, was sehen wir denn, wenn wir hinschauen mit den Augen Jesu, mit dem Blick Mariens?

Lassen Sie mich drei Hinweise geben:

Wir lernen zuerst, die Not des jüngeren Bruders zu sehen. Der ältere Bruder glaubt nur, er hat das Geld des Vaters, sein Erbteil, mit den Dirnen verjubelt. Er hat sich ein leichtes, lustiges und lustvolles Leben gemacht. In Wirklichkeit sagt uns der Vater in dem Gleichnis, was das Leben dieses jüngeren Bruders war. Papst Benedikt hat in dem wunderbaren Jesusbuch, das er uns geschenkt hat, dieses Gleichnis ausgelegt. Er weist darauf hin, was im griechischen Urtext steht: "Er hat seine ganze Substanz vertan". Was heißt das, fragt Papst Benedikt, "seine Substanz vertan"? Er hat sein Wesen vertan, er hat das Kostbarste seines Lebens verloren. Er ist ein erbärmlicher Sklave geworden, er hat sich selbst verloren.

Brüder und Schwestern, ahnen wir, die wir in der Kirche zu Hause sind und die Geborgenheit des Glaubens kennen, was es für ein Elend ist, von Gott nichts zu wissen, keinen Glauben zu haben? Ich habe das so erschütternd erlebt damals beim Tsunami 2005: In welchen Abgrund der Verzweiflung sind die Menschen ohne Glauben gestürzt, die den Tod ihrer Kinder erfahren mussten? Was ist es für ein Tod, ohne Glauben in dieser Welt leben zu müssen? Berührt uns diese Not? Spüren wir etwas von der Barmherzigkeit des Vaters, der ausschaut, der wartet auf die Heimkehr des verlorenen Sohnes? Wissen wir etwas von der Not der Süchte, ob das die Drogen oder der Alkohol oder die Spielsucht sind? Wissen wir etwas von der Not der Verzweiflung durch eine immer größere Schuldenlast, mit denen man nicht mehr fertig wird? Wissen wir von dem Leid der Kinder, wenn die Ehe der Eltern auseinander geht? Ja, wir haben schon manches davon vielleicht sogar selber erlebt. Aber bewegt uns diese Sehnsucht Jesu, die Sehnsucht Gottes, dass seine Kinder heimfinden?

Das Zweite: Der jüngere Bruder sagt, als es ihm ganz schlecht ging: Ich will umkehren. Ich will heimgehen. Ich will zurück zum Vater. Brüder und Schwestern, das, was Peter Seewald uns heute so eindrucksvoll beschrieben hat, ist die Situation vieler Menschen heute. Ich denke, es ist die große Gnade von Papst Benedikt, diese neue Nachdenklichkeit zu unterstützen und ihr entgegenzukommen. Viele fragen sich: Wie soll das weitergehen? Viele sind nachdenklich geworden und manche beginnen zu sagen: Hören wir doch vielleicht einmal auf, auf die Kirche hinzuschlagen. Ist nicht die Kirche doch der sicherste Hort für das, was uns wichtig und wertvoll ist? Viele Fernstehende sind heute nachdenklich geworden. Papst Benedikt kann ihr Nachdenken ganz besonders stark unterstützen und ihnen helfen, darüber nachzudenken, ob es nicht einen Weg nach Hause gibt.

Brüder und Schwestern, beten wir dafür! Ist uns das wirklich ein brennendes Anliegen, dass die vielen Suchenden heimfinden wie der verlorene Sohn?

Aber ich muss auf ein Drittes hinweisen: Der verlorene Sohn konnte sich an ein Zuhause erinnern und an einen Vater erinnern. Peter Seewald hat uns das so eindrucksvoll geschildert. Er konnte sich an eine Kindheit erinnern, die im Glauben geborgen war, in einem nicht hinterfragten und doch bergenden Glauben. Als für ihn die Frage kam "Wo soll der Weg hingehen?", konnte er sich an ein Zuhause in der Kirche erinnern. Aber wie viele Menschen haben heute noch dieses Glück? Für die, die Kirche schlichtweg ein Fremdwort ist, weil schon ihre Eltern nicht mehr in der Kirche zu Hause waren. Für sie gibt es keine Erinnerung mehr an ein Zuhause, in das man zurückkehren kann. Sie wissen nicht, dass ein Vater auf sie wartet und dass sie zu Hause geborgen sein können, weil sie dieses Zuhause nie erlebt haben.Brüder und Schwestern, das ist unsere Kirchenstunde! Immer mehr Menschen wissen nicht, was es heißt, in der Kirche zu Hause zu sein, weil sie nicht von der Kirche weggegangen sind, sondern weil sie noch nie dort waren. Das ist die große Herausforderung. Welches Glück, in der Kirche zu Hause sein zu dürfen, sich erinnern zu können: Da war doch etwas! Zu wissen, da gibt es Geborgenheit. Deshalb ist die große Herausforderung, vor der wir jetzt stehen und insbesondere nach dem Besuch von Papst Benedikt in unserem Land: Brennt in uns die Sehnsucht des Vaters nach denen, die nicht einmal mehr wissen, dass es ihn gibt? Die noch nichts von dem Gottesgerücht gehört haben, die aber doch eine vielleicht diffuse, aber echte Sehnsucht im Herzen tragen. Wie werden sie Kirche erleben, wenn sie sich aufmachen und suchen? Werden sie dem Antlitz eines barmherzigen Vaters begegnen? Werden sie in uns, die wir das Gesicht der Kirche sind, offene Türen und offene Herzen finden? Werden sie Menschen begegnen, die sich strahlend freuen: Schön, dass du kommst, sei willkommen! Helfen wir, das Antlitz des Vaters sichtbar zu machen? Oder ist unsere Haltung so wie die des älteren Sohnes, der nur grantig darüber ist, dass dieser Falott und Taugenichts wieder zurückgekommen ist? Sind wir das Bild des sehnsüchtig wartenden Vaters? Gehen wir denen entgegen, die versuchen, den Spuren ihrer Sehnsucht nachzugehen? Eilen wir wie der Vater mit Tränen und nicht mit Kritik denen entgegen, die den Weg noch nicht gefunden haben, die ihn aber suchen? Sind unsere Pfarrgemeinden Orte des Willkommens? Oder haben wir uns damit abgefunden, dass es bei uns in unseren Gemeinden klein aber fein und beim Pfarrkaffee gemütlich, aber abgeschlossen ist?

Brüder und Schwestern, es ist von uns eine Überwindung verlangt. Die Situation des älteren Bruders ist dramatisch, wenn man sie sich genauer anschaut. Der jüngere hat sein Erbteil ausgezahlt bekommen, er hat kein Recht mehr auf das Erbe, weil er es vertan hat. Jetzt kommt er zurück und der Vater schenkt ihm das schöne Kleid, den Ring und macht ein großes Fest. Er nennt ihn sogar "mein Sohn". Das heißt doch im Klartext: Er ist wieder Erbe, der Ältere muss sein Erbteil mit diesem Falott teilen! Das ist das Ärgernis dieses Gleichnisses. Jeder, der Erbstreitigkeiten erlebt hat, weiß, wie bitter das sein kann. Der Ältere muss sein eigenes Erbteil mit diesem, "deinem Sohn" teilen. Das ist das Dramatische an diesem Gleichnis.

Aber, Brüder und Schwestern, das heißt doch: Wenn wir wollen, dass andere zurückkommen, dass sie wieder heimfinden, oder überhaupt zum ersten Mal in ihrem Leben den barmherzigen Vater entdecken, dann müssen wir unser Leben teilen. Dann dürfen wir nicht bequem oder grantig auf unserem Erbteil sitzen, dann müssen wir unseren Glauben teilen, dann müssen wir unser Herzblut geben, dann muss es uns ein brennendes Anliegen sein, andere dorthin zu führen, wo wir sein dürfen: "Mein Kind, alles, was mein ist, ist dein." Teile es mit deinen Brüdern und Schwestern, die noch fern sind von dir.

Was haben wir zu tun? Wir feiern 60 Jahre Rosenkranz-Sühnekreuzzug. Ich frage mich manchmal: Was würde uns P. Petrus heute als Aufgabe für den Rosenkranz-Sühnekreuzzug stellen? Wofür würde er eine Gebetsbewegung initiieren? Ich bin sicher, er würde es für diesen missionarischen Aufbruch, für diese Zuwendung der Liebe zu denen, die das Antlitz des barmherzigen Vaters noch nicht kennen. Ich denke, der Rosenkranz-Sühnekreuzzug sollte in diesem Anliegen beten und damit P. Petrus und seinem Anliegen gerecht werden. Denn wofür hat P. Petrus so inständig gebetet? Für die Freiheit Österreichs. Aber gibt es eine Freiheit ohne den Glauben? Wenn in unserem Land, wie der Heilige Vater uns gesagt hat, nur mehr "die Steine vom Glauben sprechen", sind wir dann nicht ärmer als der verlorene Sohn in der Ferne und in der Hungersnot? Das Brot des Glaubens, die Freiheit des Glaubens, die müssen wir erbeten. Die Freiheit, zurückzufinden zum Glauben, ihn neu zu entdecken.

Brüder und Schwestern, ist das nicht die große Gebetsintention für die nächsten Jahre: ein Österreich, das seine Freiheit neu findet durch eine neue Zuwendung zu dem, der schon längst auf uns wartet? Der barmherzige, der gütige, der liebende Vater unseres Herrn Jesus Christus.

Amen.
13 READERS ONLINE
INDEX
back to the first page
printer-friendly
CARDINALS
in alphabetical order
by country
Roman Curia
under 80
over 80
deceased
ARTICLES
last postings
most read articles
all articles
CONTACT
send us relevant texts
SEARCH