„Ich lade die Landsleute des Papstes herzlich ein“
Jun 03, 2007
„Die Religion muss sich vor der Vernunft ausweisen als menschenfreundlich, als gesellschaftstragend, als lebensfördernd, als zukunftseröffnend.“
(Passauer Neue Presse, 02.06.2007) Der Wiener Erzbischof, Christoph Kardinal Schönborn, erhofft sich „viele weiß- blaue Fahnen“ beim Besuch des Papstes im österreichischen Wallfahrtsort Mariazell.
Herr Kardinal, Sie haben am Pfingstmontag das Jubiläum „600 Jahre gotischer Dom St. Stephan“ in Passau mitgefeiert. Welche Bedeutung hat für Sie die Nachbarschaft der bayerischen und der österreichischen Kirche? Gibt es auch im Glauben ein „Europa der Regionen“?
Kardinal Schönborn: Zunächst einmal muss man sagen, dass Passau die Mutter vieler Diözesen in Österreich ist - da gibt es eine lange historische Verbindung. So weit es die Gegenwart betrifft, muss man differenzieren. Oberösterreich und Salzburg etwa haben eine sehr starke regionale Nähe zu Bayern. Das Gravitationszentrum Wien dagegen strahlt sehr viel stärker in die mitteleuropäische Region aus. Für die Hauptstadt Wien ist sicher die Nähe zu Ungarn, Tschechien und den Balkanländern prägend. Aber, kein Zweifel: Wirtschaftlich, kulturell bestehen starke Bezüge zwischen Österreich und Bayern. Im Kirchlichen sind die Beziehungen natürlich Jahrhunderte alt, und ich denke, Papst Benedikt XVI. ist hier ein ganz lebendiges Bindeglied.
Im Herbst 2006 hat der Papst Altötting, München und Regensburg besucht. Am 7. und 8. September 2007 kommt er nach Wien und Mariazell. Wenn man weiß, wie sehr Joseph Ratzinger Österreich schätzt, wird auch das wohl eine Art „Heimatbesuch"?
Schönborn: Die Beziehungen von Papst Benedikt zu Österreich sind sehr intensiv und reichen viele Jahre zurück. Insofern ist es für ihn und für uns sicher so etwas wie ein Stück Heimatbesuch. Dazu kommt aber, dass Mariazell auch eine europäische Adresse ist. Mariazell ist ein Wallfahrtsort, der sehr stark mit Mitteleuropa verbunden ist - mit den Ungarn, den Tschechen und Slowaken, den Kroaten. Wir sehen den Besuch des Heiligen Vaters deshalb als eine europäische Dimension seines Wirkens, und wir hoffen, dass es in diese Richtung Impulse gibt.
Beim Bayern-Besuch des Papstes haben viele Österreicher an den Gottesdiensten teilgenommen. Rechnen Sie umgekehrt auch mit einer großen weißblauen „Abordnung“ in Mariazell?
Schönborn: Ich möchte sehr herzlich alle Landsleute des Heiligen Vaters einladen, bei seinem Besuch in Österreich dabei zu sein. Zwar wird nicht ganz Bayern in Mariazell Platz finden, aber ich kann mir vorstellen, dass es für den Papst schön und wünschenswert wäre, wenn er in Mariazell viele weißblaue Fahnen sieht.
Die österreichische Kirche scheint sich nach einer Reihe turbulenter Jahre - Fall Groer, Fall Krenn - wieder konsolidiert zu haben. Kann der Papst-Besuch zu einer weiteren Festigung beitragen?
Schönborn: Ich glaube tatsächlich, dass die akuten Krisenjahre im Großen und Ganzen überwunden sind. Nicht überwunden ist die tiefergehende Krise des Christentums in den stark katholisch geprägten Ländern Europas. Die Auseinandersetzung damit ist ein Kernthema des Pontifikats von Benedikt XVI., und ich glaube, was der Papst den Jugendlichen in Köln gesagt hat, was er in Bayern gesagt hat, was er nicht aufhört, uns als Ermutigung zu sagen, das wird auch für Österreich eine wichtige Botschaft sein: „Vertraut auf die geistige, die religiöse Kraft des Christentums, lasst euch nicht einschüchtern von den Statistiken, die man zwar sehr ernst nehmen muss, die aber nicht alles sind.“ Papst Benedikt hört nicht auf, uns daran zu erinnern, dass der christliche Glaube vor allem etwas Schönes ist, etwas Ansprechendes. Diese Dimension gerade in Österreich zu betonen, wo wir Österreicher doch eher zum Nörgeln neigen, zu einem gewissen Pessimismus, das wird uns sicher sehr, sehr gut tun.
Herr Kardinal, Sie haben kurz vor dem 80. Geburtstag des Papstes dessen Buch „Jesus von Nazareth“ in Rom präsentiert. Über die Kritik Joseph Ratzingers an der historisch-kritischen Methode in der Theologie ist mittlerweile eine Kontroverse entstanden. Der evangelische Theologe Gerd Lüdemann spricht sogar von einer „peinlichen Entgleisung“ des Papstes.
Schönborn: Papst Benedikt hat in der Einleitung zu seinem Buch sehr klar gesagt, er scheue sich nicht, Kritik zu hören und auch anzunehmen, er erwarte nur jenes Minimum an Wohlwollen, ohne das Verstehen nicht möglich ist. Ich frage mich, ob Herr Lüdemann dieses Minimum an Wohlwollen aufgebracht hat. Ich darf nur daran erinnern, dass seine eigenen Thesen ja auch im Kern der evangelischen Kirche zutiefst umstritten sind - ich denke etwa an Lüdemanns Thesen über die Auferstehung Jesu. Wenn er diese Thesen vertritt, muss man sich ernsthaft fragen, was eine Kritik an einem Buch eigentlich soll, das natürlich davon ausgeht, dass der Glaube an die Gottessohnschaft Jesu, der Glaube an seinen Erlösertod und seine Auferstehung im Zentrum des christlichen Credos steht. Wenn man das alles in Frage stellt, ist das ganze Christentum eine „peinliche Entgleisung". Aber ich glaube, Papst Benedikt steht hier auf solidem Grund - und Lüdemann muss sich fragen lassen, was er überhaupt vom christlichen Glauben hält.
Sie selbst haben ebenfalls harte Kritik erfahren, als Sie 2005 in der „New York Times“ Ihre Meinung zur Evolutionsforschung äußerten. Warum, glauben Sie, reagieren Teile der Öffentlichkeit so gereizt, wenn Kirchenvertreter es „wagen", Anfragen an die Tragfähigkeit wissenschaftlicher Theorien zu stellen?
Schönborn: Ich glaube, das ist ein sehr menschliches Phänomen. Niemand tut sich leicht damit, liebgewordene Thesen oder wohlerworbene Vorurteile in Frage gestellt zu sehen. . . In der Evolutionsforschung gibt es zweifellos vieles, was heute wissenschaftlich erwiesen ist. Wogegen ich mich aber entschieden wehre - und da bin ich ganz und gar nicht alleine -, das ist die Ideologisierung, wonach alles in der Welt sich mit dem Modell Evolution erklären lässt - und zwar Evolution im Sinn von zufälligen und ziellosen Vorgängen. Dagegen kann und darf man - aus Vernunftgründen! - kritisch Stellung beziehen. Zwischen Religion und Naturwissenschaft muss es durchaus keinen Krieg geben - es geht vielmehr um den Konflikt zwischen Vernunft und Ideologie. Zu sagen, alles - vom Urknall bis zu Beethovens Neunter Symphonie - lässt sich mit Zufall, Mutation und Selektion erklären, ist einfach ein ideologischer Fehlschluss. Es gibt sehr wohl Zielgerichtetheit in der Natur, und das zu leugnen, hat sehr wenig mit Wissenschaft zu tun. Die Wirklichkeit ist in einer Sprache geschrieben, die der Mensch entziffern kann. Mit meiner Vernunft kann ich in die Vernunft der Schöpfung, mehr noch: in die Vernunft des Schöpfers Einblick nehmen.
Allenthalben ist von der „Rückkehr des Religiösen“ die Rede. Ist das nur ein Strohfeuer, oder hat es tatsächlich Substanz?
Schönborn: Weltweit betrachtet, ist das Phänomen des Religiösen omnipräsent. Es gibt kein Land, keine politische Krisensituation auf unserem Planeten, die nicht auch von religiösen Faktoren geprägt sind. Das hat durchaus seine Besorgnis erregenden Seiten, weil Religion oft das Potenzial enormer Konflikte in sich trägt - wir kennen das aus dem Islam, aber auch aus der christlichen Geschichte, bis hinein in die Gegenwart (siehe Nordirland). Etwas Anderes ist es, wenn Politologen - etwa in Frankreich - zur Zeit intensiv darüber diskutieren, ob Religion nicht wieder eine aktivere Rolle in der Gesellschaft übernehmen sollte. Hier kommt Papst Benedikt mit seinem großen Thema ins Spiel: Die Religion muss sich, wie es die Aufklärung gefordert hat, vor der Vernunft ausweisen als menschenfreundlich, als gesellschaftstragend, als lebensfördernd, als zukunftseröffnend. Dabei geht es auch um die Frage, ob die eine oder andere Religion diesen Postulaten besser entspricht oder weniger. Deshalb die Herausforderung des Papstes in seiner Regensburger Rede - nicht nur dem Islam, sondern auch dem säkularisierten Europa gegenüber: Wie halten wir es mit der Vernünftigkeit unserer Lebensentwürfe, und was hat der christliche Lebensentwurf an Plausibilität für eine Gesellschaft zu bringen, die neu nach ihren Grundorientierungen fragt?