Christoph Cardinal Schönborn, O.P. Christoph Cardinal Schönborn, O.P.
Function:
Archbishop of Wien, Austria
Title:
Cardinal Priest of Gesù Divin Lavoratore
Birthdate:
Jan 22, 1945
Country:
Austria
Elevated:
Feb 21, 1998
More information:
www.catholic-hierarchy.org, Stephanscom.at, The Schonborn Site
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German Und die Moral von der Geschicht'
Apr 27, 2007
Wiens Erzbischof interpretierte auf den Brettern der Burg die Komödie „Maß für Maß“ – burgtheaterreif.

(Die Presse, 26.04.2007) Kardinäle sieht man nicht oft auf der Bühne, echte schon gar nicht. Am Mittwochabend stand einer auf den Brettern des Burgtheaters – und gestand auch noch, sich in eine schöne Dame verliebt zu haben – Isabella, für Shakespeare-Experten Harold Bloom immerhin die „sexiest“ von allen Shakespeare-Frauen. Und um die Verwirrung Shakespeare-reif zu machen, trat Christoph Schönborn in Kutte auf – wie der Herzog in „Maß für Maß“, der sich als Mönch verkleidet, um heimlich zu beobachten, was aus seinem moralisch verlotterten Land wird, wenn ein Tugendbold das Regieren übernimmt. Manche Regisseure halten diesen Herzog für Gott, andere für einen weisen Mann, wieder andere für einen Kasperl.

Welche Rolle auch immer Burgtheater-Dramaturg Joachim Lux dem Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn zugedacht hat, als er ihn bat, im Rahmen der Vortragsreihe „Shakespeare. Eine Republik von Fehlern“ über die Komödie „Maß für Maß“ (Premiere am Samstag) zu sprechen: Der Wiener Erzbischof hat sich seine eigene Rolle geschmiedet – und die war bühnen-, man kann fast sagen burgtheaterreif. Aber wie kommt die Burg bei Shakespeare auf den Erzbischof, außer weil die Komödie in einem märchenhaften „Vienna“ spielt? Weil „Maß für Maß“ ein Stück über Verzeihung und über das rechte Maß zwischen unmenschlichem Rigorismus und unmoralischer Laxheit ist – und vielleicht, weil man bei Rigorismus an die Kirche denkt?

Shakespeare – ein Krypto-Katholik?

Ein „fest verankertes Vorurteil“ für Schönborn, Superstar Shakespeare soll das widerlegen. Erstens würden ihn manche Forscher für einen Krypto-Katholiken halten, zweitens käme das Katholische (Mönchskutte, Nonne) in „Maß für Maß“ besonders gut weg, und drittens hätte der Dichter mit dem „zu selbstsicheren“ rigiden Angelo die Puritaner im Visier, während der gute Herzog die „tolerante katholische Position“ vertrete. Wie zum Beweis scherzt Schönborn mit Shakespeare, scheut keine Textklippen, selbst den „Aufstand im Hosenlatz“ nicht („Bei Shakespeare lernt man, die Dinge beim Namen zu nennen“), zweifelt schalkhaft am Happy-End-Charakter der Ehe und aktualisiert das Problem der Gesetzesstrenge so: „Würde man sie anwenden wie Angelo, müsste man die ganze Wiener Jugend kastrieren!“ Selbst Gesundheitsministerin Kdolsky bekommt ihren Platz im Shakespeareschen Universum. „Zu viel Freiheit, Lucio, zu viel Freiheit! Wie Überfüllung strenge Fasten zeugt, so wird die Freiheit, ohne Maß gebraucht, in Zwang verkehrt“, ruft Claudio. Schönborns Kommentar: „Wo Kondome in der Schule verteilt werden, ist die luxuria offenbar zur Pflicht geworden.“ Im Grunde aber war Shakespeare am Mittwoch nur eine Nebenfigur im Ein-Mann-Drama namens „Der Kardinal und Isabella“.

„Ich habe mich in sie verliebt“, gestand der Erzbischof. Bruderleben gab ich für Keuschheit: Die meisten Interpreten halten das heute für einen schlechten Tausch. Schönborn schmerzt das. Keiner verstehe Isabella heute, weil „unserer Zeit vermutlich zwei Perspektiven abhandengekommen sind“: Ewigkeit und die Erfahrung der Tyrannis. Isabella sei eine Widerstandskämpferin, verteidige das „Humane“.

Die Moral aus „Maß für Maß“: Ohne „Horizont der Gnade“ sei Reue nicht lebbar, könne Schuld nur delegiert oder geleugnet werden. Der Sinn von Strafe: Sie mache die Konsequenzen des eigenen Tuns bewusst. Und: Shakespeare wusste noch, was Erbsünde ist.

Am Ende ist der aber fast vergessen, Zuschauer interessieren sich mehr für die RAF, und wie es denn mit der Gnade bei wiederverheirateten Geschiedenen aussieht. Die Burg ist fromm wie noch nie. Am Ende großer Beifall für ein Naturtalent. Der Erzbischof reagiert, wie es seiner Rolle geziemt: wie ein Herzog im Mönchsgewand. Und man denkt an Friedrich Heer, der „Maß für Maß“ einen „österreichischen“ Shakespeare nannte. So österreichisch hätte er ihn sich wohl nie träumen lassen.
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