Christoph Cardinal Schönborn, O.P. Christoph Cardinal Schönborn, O.P.
Function:
Archbishop of Wien, Austria
Title:
Cardinal Priest of Gesù Divin Lavoratore
Birthdate:
Jan 22, 1945
Country:
Austria
Elevated:
Feb 21, 1998
More information:
www.catholic-hierarchy.org, Stephanscom.at, The Schonborn Site
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German Das Reich Gottes sehen
Apr 21, 2007
Predigt zum Geburtstag von Papst Benedikt XVI. im Dom zu St. Stephan.

WIEN, 21. April 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die Christoph Kardinal Schönborn beim Festgottesdienst anlässlich des 80. Geburtstags von Papst Benedikt XVI. am 16. April im Wiener Stephansdom gehalten hat.

* * *

Gelobt sei Jesus Christus!

"Wer nicht von oben geboren wird", sagt Jesus zu Nikodemus, "kann das Reich Gottes nicht sehen". Das Reich Gottes sehen verstehe ich meistens so, dass es darum geht, dass man in den Himmel kommt. Das Reich Gottes sehen, heißt, nach dem Tod heimkehren in die himmlische Heimat bei Gott dem Vater. Vielleicht heißt dieses 'das Reich Gottes sehen', auch etwas anderes noch. Wer nicht von oben geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen, jenes Reich Gottes, das ja schon mitten unter uns da ist. Das Reich Gottes ist nicht da oder dort, sagt Jesus einmal, sondern es ist mitten unter Euch (Lk 17,21).

Wir sind heute in dieser österlichen Zeit eingeladen, an diesem 16. April des Heiligen Vaters zu gedenken. Gerade in seinem Leben ist das, was Jesus zu Nikodemus gesagt hat, so sichtbar und greifbar: "Das Reich Gottes ist mitten unter uns". Ich darf ein Wort aus seiner Autobiographie, seinen Erinnerungen zitieren, aus seinem jungen Leben, seiner Kinderzeit bis hin zu seinem Eintritt ins Priesterseminar: "Geboren bin ich am Karsamstag, dem 16. April 1927, zu Marktl am Inn. Dass der Geburtstag der letzte Tag der Karwoche und der Vorabend von Ostern war, wurde in der Familiengeschichte immer vermerkt, denn damit hing es zusammen, dass ich gleich am Morgen meines Geburtstages mit dem eben geweihten Wasser in der zu jener Zeit am Vormittag gefeierten 'Osternacht' getauft worden bin: Der erste Täufling des neuen Wassers zu sein, wurde als eine bedeutsame Fügung angesehen.

Dass mein Leben so von Anfang an auf diese Weise ins Ostergeheimnis eingetaucht war, hat mich immer mit Dankbarkeit erfüllt, denn das konnte nur ein Zeichen des Segens sein. Freilich - es war nicht Ostersonntag gewesen, sondern eben Karsamstag. Aber je länger ich nachdenke, desto mehr scheint mir das dem Wesen unseres menschlichen Lebens gemäß zu sein, das noch auf Ostern wartet, noch nicht im vollen Licht steht, aber doch vertrauensvoll darauf zugeht."

Gestern hat der Heilige Vater in Rom in der Heiligen Messe noch einmal auf diesen Zusammenhang hingewiesen. Diese Predigt ist so schön und mit jener immer faszinierenden Geisteskraft und geistlichen Kraft, die so ganz unverkennbar seine Handschrift ist. Er lud gestern auf dem Petersplatz die vielen Gläubigen und die vielen, die übers Fernsehen teilgenommen haben, nicht so sehr dazu ein, dass man "über sein Ich redet", wie er sagte, sondern das eigene Leben darf dazu dienen, Gottes Barmherzigkeit zu verkünden. Es war ja gestern der Sonntag der Barmherzigkeit. Er zitiert den Psalm "Alle, die ihr Gott fürchtet, kommt und hört, was Gott meiner Seele getan hat"(Ps 66,16).

So lade ich ein, dass wir noch einmal hinhören auf das, was er selber über das Wunderbare sagt, dass Gott seiner Seele getan hat, und dass wir so als die, die die Gnade haben, von "oben geboren zu sein" durch die Taufe aus dem Wasser und dem Heiligen Geist wirklich das Reich Gottes sehen dürfen. Er sagt da: "Ich habe es immer als ein Geschenk betrachtet, dass mir Geburt und Wiedergeburt am selben Tag im Zeichen des anfangenden Osterfestes geschenkt worden ist", an einem und denselben Tag Geburt und Wiedergeburt. Er fügt dieses wunderbare Wort hinzu, das wie eine Verheißung über seinem ganzen Leben steht. "So wurde ich zugleich in meine eigene Familie und in die große Familie Gottes hineingeboren".

Danach stimmt er so etwas wie ein Danklied an, wie seine irdische Familie und die große Familie Gottes, die Kirche, ineinander verschmilzt: "Ich danke Gott, dass ich erleben durfte, was Familie bedeutet, dass ich erfahren durfte, was Vaterschaft heißt". Dann kommt ein wunderbares Lob über seinen Vater: "Ich danke Gott, dass ich erfahren durfte, was mütterliche Güte bedeutet, zu der die Zuflucht immer offen steht und die mir gerade so Freiheit gibt. Ich danke Gott für meine Geschwister, die mir ein Leben lang treu und helfend zur Seite standen und stehen. Ich danke Gott für die Weggefährten, die Freunde und Helfer, die er mir geschenkt hat. Ich danke ganz besonders dafür, dass ich vom ersten Tag an in der großen Gemeinschaft der Glaubenden hineinwachsen durfte, in der die Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen Himmel und Erde aufgerissen ist."

Dann kommen Worte voller tiefer Dankbarkeit über das, was er der Kirche verdankt und was er uns in so überreichem Maße jetzt weiterschenkt, nicht nur als Theologe, als Bischof, sondern als der Pastor der ganzen Kirche. "Ich danke ganz besonders auch dafür, dass ich vom ersten Tag an in die große Gemeinschaft der Glaubenden hineinwachsen durfte (...) Ihre Weisheit ist nicht bloß Menschenweisheit, sondern in ihr rührt uns die Weisheit Gottes selber an die ewige Weisheit (...)". Wer von oben wiedergeboren ist, wird das Reich Gottes schauen. Die Weisheit, von der er spricht, durfte er in der Kirche finden und so vielen weitergeben. Geburt und Wiedergeburt, so sagt er weiter, irdische Familie und die große Familie Gottes, das ist das große Geschenk der Erbarmungen Gottes, auf dessen Grund wir stehen.

Danach kommt ein tief berührender Abschnitt über die Priesterberufung, und ich sage es in ganz besonderer Weise unseren Seminaristen, die heute mitfeiern und den jungen Ordensleuten. "In meinem Weg ins Leben hinein kam ein neues forderndes Geschenk auf mich zu: die Berufung zum priesterlichen Dienst. Als wir mehr als 40 Weggefährten am Peters- und Paultag 1951 im Freisinger Dom am Boden hingestreckt lagen und über uns alle Heiligen angerufen wurden, kam mir die Armseligkeit meiner eigenen Existenz angesichts dieses Auftrags bedrängend zum Bewusstsein. Ja, es war tröstlich, dass der Schutz der Heiligen Gottes, der Lebenden und der Toten auf uns herabgerufen wurde. Dass ich nicht allein sein würde. (...)"

Brüder und Schwestern, heute wie jeden Tag sind viele Heilige im Kalender. Zwei muss ich nennen. Ich habe nach der Wahl den Heiligen Vater einmal fragen können, ob er sich bewusst ist, dass der Heilige an seinem Geburtstag Benedikt Josef heißt, Benoit Joseph Labre, der große Heilige und arme Pilger, der in Rom 33jährig gestorben ist. Darauf hat der Heilige Vater gesagt, das stimmt, und meine Mutter hatte ihn immer sehr verehrt, Benedikt Joseph Labre, gestorben am 16. April 1783.

Dann auch die heilige Bernadette, von der er in seinen autobiographischen Notizen spricht und sie neben den heiligen Konrad von Parzham stellt, an dessen Heiligsprechung er sich als Kind erinnern kann, wie er mit dem Vater zur Heiligsprechung des einfachen Pförtners und Kapuziners in Altötting war. Bernadette ist heute eine der kleinen Heiligen, die dieser große Papst und Theologe besonders verehrt. "Welche Zuversicht", sagt er weiter, "ging von den Worten Jesu aus, die wir dann in der Weiheliturgie aus dem Mund des greisen Bischofs hören durften: Nicht mehr Knechte nenne ich Euch, sondern Freunde. Ich habe es tief erfahren dürfen: Er der Herr ist nicht nur Herr, sondern Freund. Er hat seine Hand auf mich gelegt und wird mich nicht verlassen".

Brüder und Schwestern, heute hören wir in der Apostelgeschichte, wie Petrus und Johannes freigelassen vom Hohen Rat zurückkehren in die Gemeinschaft der werdenden Kirche in Jerusalem und wie sie dort den Schöpfer des Himmels und der Erde anrufen und wie sie mit den Worten des Psalmes die ganze Bedrängnis der Welt beschwören: "Die Könige der Erde haben sich zusammengetan gegen den Herrn und seinen Gesalbten, den Christus" (Apg 4,26f). Dann aber schließen sie mit ihrem Gebet: "Herr, schenke uns Freimut, Dein Wort zu verkünden. Gib uns Zeichen und Wunder, die das Wort des Zeugnisses beglaubigen". Dann heißt es, dass der Ort bebte, wo sie waren und sie erfüllt wurden von der Kraft des Heiligen Geistes und mit aller Freimut das Wort verkündeten.

In dieser ernsten und dramatischen Situation der Welt, in der so viel Bedrängnis ist, ist Papst Benedikt an die Spitze der Kirche gestellt, er weiß sich nicht allein, sondern ist umgeben von der ganzen Kirche, und wie er selber sagt, "getragen von dem Gebet so vieler". So wollen wir heute für ihn beten, dass er uns ermutige mit aller Freimut und in der Kraft des Heiligen Geistes das Wort Gottes verkünden. Amen.
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