Christoph Cardinal Schönborn, O.P. Christoph Cardinal Schönborn, O.P.
Function:
Archbishop of Wien, Austria
Title:
Cardinal Priest of Gesù Divin Lavoratore
Birthdate:
Jan 22, 1945
Country:
Austria
Elevated:
Feb 21, 1998
More information:
www.catholic-hierarchy.org, Stephanscom.at, The Schonborn Site
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German Predigt zum Christtag
Jan 04, 2007
Predigt von Kardinal Christoph Schönborn am Christtag, 25. Dezember 2006, im Dom zu St. Stephan in Wien.

Gelobt sei Jesus Christus!

Sia lodato Gesù Cristo! Sempre sia lodato!

Liebe Brüder und Schwestern!

'Im Anfang war das Wort', haben wir eben im Johannes-Evangelium gehört. Im Griechischen Urtext heißt es hier: "Im Anfang war der Logos" (Joh 1,1). Was heißt der Logos? Das Wort Logo-therapie bedeutet Sprachtherapie. Aber Logos heißt auch Vernunft. Logik ist die Lehre vom vernünftigen Gebrauch der Vernunft. Psycho-logie ist die wissenschaftliche Lehre von der Seele, Sozio-logie die wissenschaftliche Lehre von der Gesellschaft. Logos, Wort, Vernunft, Sinn - alles das steckt in dem Wort Logos.

Es heißt also: 'Im Anfang war die Vernunft', im Anfang war der Sinn. Im Anfang war der Plan, und tatsächlich ist es völlig sinn-los, un-vernünftig, keinen Plan, keinen Sinn, keine Vernunft anzunehmen. Wie verlockend wäre es, dem ein wenig nachzuspüren, was die Wissenschaft in all ihren Bereichen uns Wunderbares, Großartiges zeigt: der Bauplan des Atoms, die Hundert Milliarden Galaxien unseres Universums, unfassbar, geordnet, wie alles läuft und funktioniert; das Geheimnis des Lebens, der Bauplan des genetischen Codes, die unvorstellbar komplexe Systematik des Gehirns - alles spricht für einen Plan. Natürlich gibt es auch das freie Spiel der Kräfte, das wir Zufall nennen. Aber selbst dieser Zufall steht in einem größeren Sinnzusammenhang, in einem Plan. Ja, es ist sinn-los, un-vernünftig, keinen Plan anzunehmen, keine Vernunft.

Aber ist das der Logos, von dem der Apostel spricht: "Im Anfang war der Logos"? Ist er eine anonyme Kraft, eine kalte Vernunft? Die Vernunft ist immer die Vernunft von jemand: eines Menschen Vernunft oder Gottes Vernunft. Im Evangelium ist die Rede von Gottes Vernunft, aber diese Vernunft Gottes ist nicht nur eine Fähigkeit, sie ist jemand. Im Anfang war die Vernunft, das Wort, der Sinn, war bei Gott und war selber Gott. Er, der Logos, ist der Sinn in Person, die Vernunft in Person. Durch ihn ist alles geschaffen, alles ist sein Werk, alles ist sein Eigentum. Wir sind sein Eigentum, jeder von uns ist ein Gedanke des göttlichen Logos. Er, der Logos, ist der Sinn von allem.

Papst Benedikt XVI. sagte als junger Bischof in seiner ersten Weihnachtspredigt in München: "Aber dieser Sinn, dieser Logos, ist nicht bloß eine allgemeine Idee, die in der Welt dahinter steckt. Der Sinn ist uns zugewandt. Der Sinn ist ein Wort, eine Anrede an uns. Der Sinn kennt uns, ruft uns, er führt uns..."

Zurück zu Johannes: Denn "Er war das Licht und das Licht erleuchtet jeden Menschen. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden..." Der Logos "war das Licht der Menschen und das Licht leuchtete in die Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst". Nun aber das Drama, die unfassbar traurige, oft tödliche tägliche Wirklichkeit: "Die Welt hat ihn nicht erkannt. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf." (Joh 1,11) Warum? Warum dieser Widerstand gegen den Sinn, gegen die Vernunft, gegen das Licht? Warum lieben wir die Finsternis mehr als das Licht? Warum so viel Unvernunft? Sünde ist Widersinn. Sünde ist Unvernunft. Doch der Un-Sinn beherrscht auf weite Strecken unsere Welt und unser Leben, bis hin zur Sinn-losigkeit. Da die Sinnlosigkeit unerträglich ist, da wir Sinn brauchen wie Luft und Lebensmittel, um leben zu können, stürzen wir uns besinnungslos in die Zerstreuung, weg von der Sammlung auf den Sinn. Diesen Widerstand gegen den Logos, gegen den Sinn, gegen Gottes Vernunft nennt die Bibel Sünde. Sünde ist Unvernunft, das sehen wir ständig an ihren Folgen. Sie ist in ihrem Wesen wider-sinnig. Sie ist ein Nein zum Sinn, zu der Ordnung, die uns einsichtig wäre, die wir aber nicht wahrhaben wollen.

Warum ist in uns dieser Widerstand gegen das Licht und gegen den Logos? Ich glaube, der tiefste Grund dafür liegt darin, dass wir (noch) nicht erfasst haben, dass die göttliche Vernunft, der göttliche Sinn, der Logos, nicht eine kalte, abstrakte Vernunft ist, sondern Liebe. "Gott ist die Liebe" (1 Joh 4,8). Alle göttliche Vernunft, aller göttlicher Plan, aller göttlicher Sinn ist im tiefsten Liebe und Ausdruck der Liebe. Die Liebe ist Gottes Wesen und alle Äußerungen Gottes sind Ausdruck der Liebe. Es gibt keinen größeren Ausdruck dieser Liebe als das Wort, das in der Mitte des heutigen Evangeliums steht.

"Und der Logos ist Fleisch geworden" (Joh 1,14). Dieser Kernsatz des Evangeliums ist auch das Anstößigste am christlichen Glaubensbekenntnis. Der göttliche Sinn, die göttliche Vernunft ist Mensch geworden, "Fleisch", sarx, sagt der Apostel ganz provokant, scharf formuliert. "Fleisch", das heißt: Alle Schwäche, alle Ausgeliefertheit und Vergänglichkeit, alles Mühsame an unserem menschlichen Dasein ist er geworden. Nicht äußerlich, wie ein Kleid, das man sich anzieht, sondern Er hat es sich zu Eigen gemacht, Er ist wirklich "Fleisch" geworden.

Was soll Gott im "Fleisch"? Was soll Gott in der Welt? Was soll ein Gott in Windeln? Was hat Gott zu diesem "Un-sinn" bewogen? Wie unvernünftig: ein Gott als Baby. Damit wir unsere Unvernunft der Sünde überwinden, unsere sinn-losen Wege verlassen, hat Gott diese Unvernunft gewählt, um uns seine vernünftige Liebe zu zeigen. Die Torheit der Liebe ist größer als alle menschliche Vernunft, sagt der Apostel Paulus (1 Kor 1,18). Nur Gottes Liebe konnte ihn bewegen, eine solche Unvernunft zu tun, um uns seine Vernunft, seine Liebe zu zeigen. So ist "das Wort Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt".

Die wundersame Vernunft der Liebe kann uns nur der Heilige Geist erschließen. Dann aber dürfen wir anbeten die Macht der Liebe in dieser Heiligen Nacht, an diesem wunderbaren Tag. Amen.
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