Gesellschaft in Europa ist vom Christentum geprägt
Jun 05, 2006
Kardinal Schönborn fordert die Politiker auf, im Dialog mit dem Islam die Frage der Gegenseitigkeit der Religionsfreiheit stellen. Die Frage des Priestermangels in der Kirche sei "spürbar, schmerzlich, aber noch nicht dramatisch. Eine Lösung ist aber immer Sache der Weltkirche."
(stephanscom.at, 05.06.06) In der ORF-Pressestunde nahm der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn zu brennenden Fragen Stellung. In einem Rückblick auf das erste Jahr Pontifikat von Papst Benedikt XVI. sagte der Kardinal, dass "Papst Benedikt einer der überragenden Geister unserer Zeit" ist, was sich auch im Polenbesuch und seinen klaren Worten im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zeigte, wo der Papst klar gegen eine Generalabsolution für das deutsche Volk, aber auch gegen eine generelle Schuldzuweisung an das deutsche Volk aufgetreten sei.
Priestermangel in Österreich "noch nicht dramatisch"
Ein weiteres Thema, das von ORF-Redakteurin Mathilde Schwabeneder und Andreas Unterberger angesprochen wurde, war das Problem des Priestermangels in Österreich. Zu den diskutierten Lösungen meinte der Wiener Erzbischof: "Ich bin mir nicht sicher, ob die Aufhebung des Zölibates die Lösung des Problems ist." Nach Ansicht des Kardinals ist der Priestermangel in Österreich "spürbar, schmerzlich, aber noch nicht dramatisch". Er ist überzeugt, dass "in dem Maß, in dem die Kirche im Glauben wieder mehr Tritt fasst, auch die Zahl der Priester- und Ordensberufungen wieder wachsen wird". Alleine im Wiener Priesterseminar seien heuer 20 Neueintritte zu verzeichnen.
Die Weihe von "bewährten, verheirateten Männern" gebe es nur beim Diakonat, nicht beim Priesteramt. "In jedem Fall kann diese Frage nicht in Österreich entschieden werden, weil dies eine Frage der Weltkirche ist. Und es ist auch nicht unsere aktuelle Frage", meinte der Wiener Erzbischof.
Verhältnis zwischen Christentum und Islam
Ein wesentlicher Punkt, gerade auch für die Weiterentwicklung Europas sei das Verhältnis zwischen Christentum und Islam. In dieser Frage forderte Kardinal Schönborn die europäischen Politiker erneut auf, die Frage der Gegenseitigkeit der Religionsfreiheit zu stellen. "Es muss offen darüber geredet werden, ob für Christen in islamischen Ländern - wie Saudi-Arabien, Jemen oder auch Türkei - dieselben Bedingungen gegeben sind wie für Muslime in Europa", so der Kardinal in der Pressestunde.
Zur Zukunft gehört ein "Ja zum Leben"
Die Bevölkerungsentwicklung in Europa und in Österreich sei ein besorgniserregendes Problem. Es gebe hier ein "Nein zur eigenen Zukunft - vor diesem Faktum kann man nicht die Augen verschließen. Zur Zukunft gehört ein 'Ja zum Leben'", betonte der Kardinal. Ein Zeichen, dass dieses "Ja zum Leben" fehle, sei das Problem Empfängnisverhütung, die Abtreibung und die Homosexuellen-Ehe. "Ich sehe hier auch in Europa eine gewisse Angst vor dem Leben und vor dem Tod. Jedes Kind, das geboren wird, erinnert mich an den eigenen Tod", betonte der Erzbischof.
Den Selbstanspruch der Religionen kann man nicht relativieren
Gerade im Islam gebe es eine andere Entwicklung: "Der Islam hat sich für den Weg des Kinderreichtums entschieden, wir für einen anderen", so Kardinal Schönborn. Der Islam ist "eine millionenfache Realität in Europa - wir wollen und wir müssen mit ihm leben". Das Gespräch das zu suchen sei, sei jenes der Frage der Mission, denn beide, Christentum und Islam, würden die Botschaft von Gott verbreiten. "Hier muss ehrlich diskutiert werden. Schließlich kann man zwar Religion relativieren, aber den Selbstanspruch der Religionen kann man nicht relativieren", so der Wiener Erzbischof. Und er nannte ein Beispiel einer Wiener Pfarre, wo der Pfarrer sich mit den Imamen trifft. um seelsorgliche Probleme zu besprechen. "Es ist eine sehr gute Basisinitiative, denn wir sind schließlich für die Menschen da."
"Wir brauchen diese letzte Verankerung auf Gott"
Neuerlich sprach sich der Erzbischof für einen Gottesbezug in einer europäischen Verfassung aus. "Wir brauchen diese letzte Verankerung", um die Werte, die Europa ausmachen, auch zu garantieren. Die Christen prägten Europa, das habe kürzlich der orthodoxe jüdische Professor Josef Weiler in Wien betont. Aber auch die griechische, römische, jüdische und islamische Kultur prägten diesen Kontinent, erklärte der Kardinal. Wichtig seien vor allem die "Werte der Nächstenliebe". "Wenn wir diese nicht an die Spitze stellen, stehen sie auf sehr tönernen Füßen", so der Kardinal.
Und dass die Gesellschaft vom Christentum geprägt sei, das zeige sich gerade in diesen Tagen, "denn 60.000 junge Menschen lassen sich firmen und bekamen im Vorfeld eine intensive Vorbereitung auf dieses Sakrament, die sicher bei vielen in Erinnerung bleibt", so der Kardinal.