"Wir haben an die Liebe geglaubt"
Jan 30, 2006
"Ich denke, der Papst will mit der ersten Enzyklika ein Signal setzen", erklärt Kardinal Christoph Schönborn, der von dem Lehrschreiben "Deus Caritas est" tief beeindruckt ist: "Die Worte 'Wir haben an die Liebe geglaubt' berühren mich sehr."
(stephanscom.at, 25.01.06) Kardinal Christoph Schönborn zeigte sich am Mittwoch, 25. Jänner 2005, nach dem Erscheinen der Enzyklika "Gott ist Liebe" sehr beeindruckt von der Themenwahl Papst Benedikts XVI. "Ich denke, der Papst will damit ein Signal setzen", erklärte Kardinal Schönborn: "Er geht in seiner ersten Enzyklika nicht ein auf viele Moral- oder Lehrfragen, sondern spricht das an, was das Herz des christlichen Glaubens ist: dass Gott Liebe ist und dass daher der Mensch für die Liebe geschaffen ist und in der Liebe seine Erfüllung finden kann und soll."
Die Liebe ist stärker
Besonders der Satz "Wir haben an die Liebe geglaubt" gleich zu Beginn der Enzyklika hat den Wiener Erzbischof berührt: "Dieses Wort in eine Welt hineinzusagen, die voller Gewalt, Ungerechtigkeit und Leid ist, da zu sagen die Liebe ist stärker, das ist die Grundbotschaft dieser Enzyklika."
Mit "Deus Caritas est" zeige sich außerdem eine neue Dimension im Leben von Kardinal Joseph Ratzinger, dem heutigen Bischof von Rom auf, ist der Wiener Erzbischof überzeugt: "Kardinal Ratzinger war 23 Jahre damit beschäftigt, dass alles Negative der Kirche auf seinem Schreibtisch landete. Da könnte man eigentlich erwarten, dass er zynisch und skeptisch gegenüber den Menschen und der Welt wird. Aber siehe da: er glaubt mit ganzem Herzen und ganzer Vernunft daran, dass die Liebe siegt."
Enzyklika für alle Menschen lesenswert
Dadurch, dass Papst Benedikt in der ersten Caritas-Enzyklika in der Geschichte den Dichter Vergil "In allem siegt die Liebe und wir haben der Liebe Raum gegeben" zitiert, will er eine grundpositive Botschaft vermitteln, so der Erzbischof, der betont, dass die Enzyklika für alle Menschen lesenswert ist. "Ich denke, diese Lektüre ist für alle, nicht nur für Menschen, die karitativ tätig sind, ein Gewinn", erklärt Kardinal Schönborn: "Ich kann mir gut vorstellen, dass die Enzyklika in Lesekreisen in unseren Gemeinden, aber vielleicht auch bei Politikern auf reges Interesse stößt." Schließlich enthalte das Schreiben Benedikt XVI. eine grundlegende Reflexion über das Verhältnis Staat und Kirche. So betone Papst Benedikt etwa ausdrücklich, dass sich die Caritas nicht entmutigen lassen soll sich für eine "stärkere Ausgestaltung der Gerechtigkeit und eine effizientere rechtliche und wirtschaftliche Gestaltung des Lebensrahmens der Menschen" einzusetzen. In diesem Sinne dürfe die Caritas ruhig politisch sein, wenn auch ohne sich konkret und direkt in die Politik einzumischen, erklärt Kardinal Schönborn.
Eine Ermutigung an Mitarbeiter im karitativen Bereich
Wie der Kardinal weiter unterstrich, sei die Enzyklika auch eine ermutigende Aufforderung an alle Mitarbeiter im karitativen Bereich, die wirkliche Quelle ihrer Arbeit nicht aus dem Sinn zu verlieren. Der Papst wisse um die Schwierigkeiten in der sozialen Arbeit und betone daher die Wichtigkeit des Gebets. Nur im direkten Kontakt mit Gott könne man jene Kraft gewinnen, die es letztlich ermöglicht, sich den Menschen in Not zuzuwenden, ohne selbst dabei auf der Strecke zu bleiben.
In der Tradition der Sozialenzykliken
Sehr positiv beurteilte Kardinal Schönborn die gelungene Verknüpfung des theoretischen ersten Teils der Enzyklika mit dem praxisorientierten zweiten Teil. Stelle der erste Teil die Sicht der Liebe in Bibel und Tradition dar, so entfalte der zweite Teil dies im Hinblick auf die Caritas, die konkrete Gestalt der Nächstenliebe. In diesem Sinne könne man auch von einer "Caritas-Enzyklika" sprechen, so Kardinal Schönborn - "wohl die erste" in der Geschichte der päpstlichen Lehrschreiben.
"Deus Caritas est" stehe dabei aber in der Tradition der päpstlichen Sozialenzykliken und sei ein wesentlicher neuer Schritt nach der Enzyklika "Centesimus annus" von Johannes Paul II. aus dem Jahr 1991. Der Papst habe damit einen deutlichen Akzent in der katholischen Soziallehre gesetzt und es werde auch seine Sorge um Kontinuität im gesellschaftspolitischen Engagement der Kirche deutlich, so Schönborn.