Christoph Cardinal Schönborn, O.P. Christoph Cardinal Schönborn, O.P.
Function:
Archbishop of Wien, Austria
Title:
Cardinal Priest of Gesù Divin Lavoratore
Birthdate:
Jan 22, 1945
Country:
Austria
Elevated:
Feb 21, 1998
More information:
www.catholic-hierarchy.org, Stephanscom.at, The Schonborn Site
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German "Religionen haben Konfliktpotenzial"
Dec 04, 2005
„Wie es den großen Umbruch in der Physik gegeben hat, von der klassischen Physik zur Quantenphysik, zur modernen Physik mit ihrer tief greifenden Weltbildveränderung, so habe ich den Eindruck, dass sich auch in den Biowissenschaften ein Paradigmenwechsel ankündigt“. Wiener Zeitung, 18. November 2005

"Wiener Zeitung":Herr Kardinal, hat Sie das gewaltige Echo auf Ihren Artikel in der New York Times über "Intelligent Design", über Glaube und Evolution, überrascht?

Kardinal Christoph Schönborn: Ich habe natürlich Reaktionen erwartet, aber bei weitem nicht dieses wirklich weltweite Echo. Es ist wohl aus einer gewissen Konstellation zu erklären: Erstens brachten der Tod von Papst Johannes Paul II. und die Wahl von Benedikt XVI. große Aufmerksamkeit für Kirchenthemen, zweitens hat der amerikanische Kontext das Thema verstärkt, und drittens erwies sich die Aktualität des Themas. Es hätte sicher nicht dieses starke Echo gehabt, wenn sich in dieser Frage nicht vielleicht so etwas wie ein Paradigmenwechsel ankündigt.

Der worin besteht?

Wie es den großen Umbruch in der Physik gegeben hat, von der klassischen Physik zur Quantenphysik, zur modernen Physik mit ihrer tief greifenden Weltbildveränderung, so habe ich den Eindruck, dass sich auch in den Biowissenschaften ein Paradigmenwechsel ankündigt, dass man von einem stark mechanistisch, noch dem 19. Jahrhundert verhafteten Verständnis von Leben zu einer sehr viel komplexeren und damit neueren Sicht des Lebens kommt.

Das heißt aber noch nicht, dass jetzt alle Biowissenschafter anfangen, an Gott zu glauben?

Die religiösen, weltanschaulichen Implikationen der Evolutionsfrage sind sicher ein ganz starkes Motiv, warum die Diskussion so intensiv weitergeht. Das alleine ist es aber sicher nicht. Es gibt auch eine neue Nachdenklichkeit über alle Fragen, die mit dem Leben zusammenhängen, weil die Biotechnik hier so ungeheure Fortschritte gemacht hat, dass wir heute auch vor einer neuen Stufe der Verantwortung in diesem Bereich stehen. Manche Leute haben das prophetisch schon vorausgesagt, etwa der Philosoph Hans Jonas in den 70er und 80er Jahren. Das bedeutet eine neue Verantwortung für ein gesteigertes Wissen, für ein enorm gewachsenes Können in diesem Bereich, und von daher auch in den Grundsatzfragen eine neue Aufmerksamkeit und vielleicht auch einen neuen Schub in der Theoriebildung.

War nicht Ihr Appell an die Wissenschafter: Erklärt euren heutigen Wissensstand nicht zu Dogmen. Spielten vielleicht in den Reaktionen Ressentiments eine Rolle? Motto: Von einer Institution, die selbst Jahrhunderte lang Dogmen verkündet hat, lassen wir uns das nicht sagen.

Das ist natürlich als Retourkutsche von einigen Leuten sehr massiv gesagt worden. Das akzeptiere ich, es ist aber kein Sachargument. Es ist ein emotionales Argument. Die Sachfrage bleibt: Wo sind die Grenzen einer wissenschaftlichen Theorie? Und vor allem: Wo zeigen sich neue Horizonte, auch durch die gesteigerte Verantwortung in diesem Bereich?

Es gibt gesellschaftliche Entwicklungen, die auch das Leben und das Menschenbild betreffen, zum Beispiel die Forderung nach Homosexuellen-Ehe oder nach Euthanasie, nach Freigabe des Lebens an dessen Ende, wo sich die Kirche gegen den gesellschaftlichen Strom stellt. Aus welcher Überzeugung?

Es ist etwas nicht schon deshalb richtig, weil es im Trend ist. Und es ist nicht etwas schon deshalb gut, weil es sozusagen der Mainstream ist. Ich denke, die Euthanasieentwicklung in den Niederlanden ist ja ein deutliches Warnsignal, wohin die Reise gehen kann. Wenn einmal der Grundsatz der Unantastbarkeit des Lebens in Frage gestellt wird, gibt es kein Halten mehr. Deshalb, glaube ich, ist die richtige Reaktion auf diese Entwicklung: Wehrt den Anfängen.

Sehen Sie die Gefahr auch in Österreich?

Nein, Gott sei Dank nicht. Wir haben nach wie vor von allen politischen Parteien in dieser Frage einen soliden Konsens, ich hoffe, er bleibt bestehen. Es gibt einen schmerzlichen Punkt, das ist die Freigabe der Abtreibung von Behinderten bis zur Geburt. Ganz abgesehen von der Frage der Abtreibung überhaupt, halte ich es für etwas Gravierendes, dass behinderte Kinder bis zur Geburt zur Tötung freigegeben sind. Ich würde mir wünschen, dass sich ein gesellschaftlicher Diskurs auch darüber bildet, dass man dieses Thema nicht verschweigt. Was ist das für ein Verständnis vom behinderten Menschen? Das sind lebensfähige Kinder, die da getötet werden.

Ihre Position zur Homosexuellen-Ehe, die vor allem die Grünen fordern?

Das möchte ich nicht weiter kommentieren, ich habe oft darüber gesprochen. Ich erinnere nur an einen Grundsatz: Die Ehe ist eine dauerhafte Beziehung und Partnerschaft zwischen einem Mann und einer Frau. Daran kann und wird man nichts ändern, deshalb ist die Rede von Ehe in diesem Kontext einfach nicht sinnvoll.

Wie bewerten Sie die Bestrebungen im Vatikan, Personen mit homosexueller Neigung nicht mehr in Priesterseminare aufzunehmen?

Es wird an einem Dokument über diese Frage gearbeitet. Es ist aber bisher, so weit ich weiß, nicht zu einer offiziellen Äußerung darüber gekommen.

Sind Sie persönlich dafür? Muss nicht ein Priester, ob hetero- oder homosexuell, so oder so keusch leben?

Das ist eine zu komplexe Frage, um das kurz zu behandeln. Sie haben aber im Grunde schon das Entscheidende gesagt. Wer sich auf diesen Weg einlässt, verspricht, dass er auf eine sexuelle Partnerschaft verzichtet. Und das gilt natürlich für jeden. *

Wie weit sehen Sie die großen Konflikte unserer Zeit von religiösen Aspekten geprägt? Stichwort: Clash of civilizations. Wie weit können Religionen auch zur Lösung solcher Konflikte beitragen?

Der Faktor Religion ist unbestreitbar einer der ganz zentralen Faktoren der heutigen Weltsituation. Die These von der Säkularisation als fortschreitendem Verschwinden der Religion ist einfach falsifiziert. Zweitens: Die These, dass Religion automatisch zum Frieden führt, ist nicht erwiesen. Religionen haben auch ein Konfliktpotenzial, das zeigt ihre Geschichte, das zeigt ihre Gegenwart.

Und deshalb ist es auch notwendig, eine Auseinandersetzung zu führen über Grenzen und Pflichten der Religionsgemeinschaften innerhalb der modernen Gesellschaft. Die katholische Kirche hat sich dieser Frage gestellt, etwa mit den Themen Religionsfreiheit, Friede und Gerechtigkeit, Kirche und Staat, Religion und öffentliche Macht. Andere Religionsgemeinschaften wie etwa der Islam müssen sich zweifellos diesen Fragen in vermehrtem Maß stellen. Dazu kann der Dialog der Religionen helfen, aber er kann diese Fragen auf keinen Fall vermeiden.

Die Kirche bemüht sich ja jetzt sehr um einzelne Gruppen, ich denke an die Eröffnung der neuen Jugendkirche in Wien. Es gab aber auch Jugendliche, die meinten, soviel Disco wollen sie nicht in der Kirche.

Es ist niemand verpflichtet, dorthin zu gehen. Es gibt aber offenbar viele, die eine Freude daran haben. Die, die lieber einen stilleren Gottesdienst haben, sind herzlich eingeladen, den Sonntagsgottesdienst in ihren Gemeinden zu feiern.

Ich kann nur diesen einen Abend beurteilen, den ich selber erlebt habe. Es ist sicher nicht meine normale kulturelle Ausdrucksform. Aber von diesem Abend möchte ich mit aller Bestimmtheit sagen: Es war eine Messe, und es war auch eine andächtige Messe. Und ich glaube, auch viele der Teilnehmenden waren wirklich gläubig dabei, in einer kulturellen Ausdrucksform, die auch ihr Recht hat, die aber weiß Gott nicht die einzige ist. Wir haben in der Kirche eine Vielfalt von kulturellen Ausdrucksformen, und es ist immer katholisch.

Das Zweite Vatikanische Konzil ist vor 40 Jahren zu Ende gegangen. Können Sie sich vorstellen, wie die Kirche ohne Konzil dastünde?

Das kann ich nicht, ich kann nur sagen: Gott sei Dank hat es das Konzil gegeben. Es war zweifellos für die Kirche das große Ereignis des 20. Jahrhunderts. Es hat enorm viel in Bewegung gesetzt. Wir müssen auch ganz nüchtern sagen: Es hat auch eine der ganz großen Krisen der Kirchengeschichte nach sich gezogen, nicht unbedingt verursacht. Aber fast immer ist auf ein Konzil eine turbulente Zeit gefolgt. Die Krise nach dem ersten ökumenischen Konzil, nach dem Nicänum, die Arianische Krise, hat 200 Jahre gedauert, zum Teil sogar länger. Ich hoffe nicht, dass die Krise nach dem Zweiten Vaticanum so lange dauert. Man muss aber sicher damit rechnen, dass die volle Umsetzung des Zweiten Vaticanums mehrere Generationen braucht.

Auch statistische Daten, etwa die stabil hohe Zahl an Kirchenaustritten oder der zurückgehende Messbesuch, belegen die Krise. Auf welche personelle und finanzielle Szenarien muss sich die Kirche vorbereiten?

Natürlich muss sich die Kirche in unserem Land wie die ganze Kirche nach dem Konzil auch neu orientieren und hat hier noch manche Schritte vor sich. Ich würde nicht sagen, dass da alles schon geschehen ist. Es ist dieses Weniger-Werden schmerzlich, es hat aber auch seine Herausforderung und seine Chancen. Im Römischen Reich waren die Christen eine stark gläubige und lebendige Gemeinschaft – vergessen wir nicht, zur Zeit Kaiser Konstantins waren die Christen maximal 20 Prozent, aber sie haben enorm viel bewegt, weil sie ein lebendiges, starkes Christentum gelebt haben. Wenn bei uns das Engagement der Christen intensiver wird, dann ist das sehr viel versprechend, auch wenn es eine kleinere Zahl ist.

Wann wird es in Wien die erwarteten zwei neuen Weihbischöfe geben? Ist die Frage vielleicht überholt, wenn dieses Interview erscheint?

Ich weiß selbst nicht genau wann, ich weiß nur, dass es zwei sein werden. Die Frage ist noch nicht, aber hoffentlich bald überholt, weil ich sie schon dringend brauche.
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