Gedanken zum Evangelium am Christkönigssonntag
Nov 24, 2005
"Das große Weltgericht findet nicht erst am 'Jüngsten Tag' statt. Es hat schon längst begonnen", erinnert der Wiener Erzbischof.
(stephanscom.at, 20.11.2005) Das liturgische Jahr, das "Kirchenjahr" geht zu Ende. Es ist kaum zu glauben: Der nächste Sonntag ist bereits der erste Adventsonntag.
Jedes Jahr bringt uns alle einen Schritt näher zu dem, was heute im Evangelium angesprochen ist: dem letzten Gericht. Jesus spricht von seiner Wiederkunft und vom Weltgericht. Das "Jüngste Gericht" hat die Phantasie der Künstler früherer Jahrhunderte beflügelt. Die wohl berühmteste Darstellung ist Michelangelos monumentales Fresko an der Stirnwand der Sixtinischen Kapelle im Vatikan. Vor diesem gewaltigen Gemälde haben die Kardinäle am 18. und 19. April dieses Jahres ihre Stimmen in die Urne der Papstwahl gelegt.
So beeindruckend, ja packend diese Darstellung ist, so sehr sie die Gewissen aufrütteln will, das heutige Evangelium führt uns doch in eine recht andere Bildwelt. Das große Weltgericht findet nicht erst am "Jüngsten Tag" statt. Es hat schon längst begonnen. Es geschieht täglich. Am Ende der Tage wird es sozusagen nur noch veröffentlicht.
"Was ihr für einen dieser Geringsten (nicht) getan habt, das habt ihr mir (nicht) getan." Was mich an diesem Evangelium schreckt, ist das Gewicht des Versäumten. Die Verdammten haben nicht böse Taten getan, sondern gute unterlassen. Sie haben sie einfach übersehen. Da war ein Kranker, und sie haben sich nicht die Zeit genommen, ihn zu besuchen. Eine Not leidende Nachbarin - einfach versäumt, ihr zu helfen. Hungernde Kinder - nichts mit ihnen geteilt. Ein Gefangener im Strafvollzug oder in den Fängen eigener Sucht und Not - keine Aufmerksamkeit für ihn aufgebracht.
Was mich wirklich schreckt, ist die Gefahr, an Gott vorbeizuleben, der auf mich im Nächsten wartet. Was mich wirklich tröstet, ist die Zusage Jesu, dass alle die vielen, zahllosen kleinen Aufmerksamkeiten nicht verloren sind. Was wird das für eine schöne Überraschung sein, wenn Jesus dir sagt: Erinnerst du dich, wie du mir damals geholfen hast? Wann? Ich dir geholfen? Ja, wird Jesus sagen: Der Not leidende Nachbar, der war ich. Komm jetzt mit mir ins Ewige Leben. Denn damals schon fand dein Jüngstes Gericht statt.