Christoph Cardinal Schönborn, O.P. Christoph Cardinal Schönborn, O.P.
Function:
Archbishop of Wien, Austria
Title:
Cardinal Priest of Gesù Divin Lavoratore
Birthdate:
Jan 22, 1945
Country:
Austria
Elevated:
Feb 21, 1998
More information:
www.catholic-hierarchy.org, Stephanscom.at, The Schonborn Site
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German Gedenkgottesdienst für Frère Roger Schütz
Sept 24, 2005
"Wie eine Mutter für ihre Kinder sorgt, so war ich euch zugetan." Predigt von Kardinal Christoph Schönborn beim Gedenkgottesdienst für Frère Roger Schütz am Dienstag, 23. August 2005 im Dom zu St. Stephan in Wien (Lesung: 1 Thess 2,1-8, Evangelium: Mt 13,44-46).

Liebe trauernde Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern hier im Dom und an den Empfangsgeräten von Radio Stephansdom!

Mutter Teresa, Papst Johannes Paul II., Frère Roger: drei große Gestalten, die wie kaum andere in dieser Zeit, in dieser Welt, junge Menschen angesprochen haben. Jeder und jede auf ihre, auf seine Art und doch in einer großen Verbundenheit. Nun ist der dritte von diesen drei Großen von uns gegangen.

Es war während des Weltjugendtages in Köln, als die Nachricht kam. Und die Frage sofort: Wieso ist so etwas scheinbar Sinnloses möglich? Während des Abendgebetes; ein so friedlicher Mensch. Ein Mensch, der wie wenige andere für zahllose junge Menschen oder ehemals junge Menschen in der ganzen Welt das bedeutet, was das Evangelium, was der Herr mit dem Wort "Frieden" meint. Hier unter uns ist Pfarrer Dechant Balint. Er war Kaplan in dem Ort, aus dem die Täterin stammt, und er kannte sie gut, er kennt die Familie. Er wird nachher eine Fürbitte auch für sie und ihre Familie sprechen. Verwirrt. Was ist es? Hass? Fehlgeleitete Wünsche oder Vorstellungen, Enttäuschungen, psychische Krankheit? Wir wissen es nicht. Und wenn wir es wissen: Es ändert nichts daran, dass Frère Roger während des Gebetes, ja, fast möchte ich sagen, wie ein Lamm geschlachtet wurde. So wehrlos, wie er immer mitten unter den jungen Menschen war. Während des Gebetes.

Der Apostel Paulus sagt in der heutigen Tageslesung: "Wie eine Mutter für ihre Kinder sorgt, so war ich euch zugetan und wollte euch nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern auch an meinem eigenen Leben." Wir könnten kein besseres Wort finden für Frère Roger. "Wie eine Mutter für ihre Kinder sorgt, so war ich euch zugetan; denn ihr wart uns sehr lieb geworden." Zweifellos war es das, was junge Menschen an ihm gespürt haben: "Ihr wart uns sehr lieb geworden." Und wir wollten euch nicht nur das Evangelium geben, sondern mit dem Evangelium uns selber. So ist es doch nicht einfach sinnlos, dass er sein Leben gegeben hat, dass die Hingabe seines Lebens auch durch diesen gewaltsamen Tod besiegelt wurde.

"Ihr wart uns sehr lieb geworden." Wenn man in den Tagebüchern von Frère Roger nachliest, wie sie stückweise, teilweise veröffentlicht wurden, kommt immer wieder dieses Motiv, dass er versucht zu verstehen, was junge Menschen bewegt. Ich darf Ihnen ein paar Sätze vorlesen aus dem, was er Anfang der 70er Jahre schrieb, also vor 35 Jahren. Was ihn bewegt hat, was ihn und seine Brüder in Taizé bewegt hat und was sie zu ihrer Überraschung zu einem solchen Zentrum für junge Menschen aus der ganzenWelt hat werden lassen. Ein Zentrum, das dann auch zu wandern begonnen hat, mit den großen Taizé-Treffen. Zweimal durften wir hier in Wien Frère Roger und seine Brüder für die Taizé-Treffen beherbergen und ihre, ich möchte es wirklich sagen, wie Paulus es sagt, völlig selbstlose, mütterliche Sorge um junge Menschen und ihre Suche nach Gott, nach dem Glauben zu leben.

Damals vor 35 Jahren schrieb Frère Roger: "Immer mehr und schneller nimmt die Zahl derer zu, die man ehemalige Christen nennt. Vor allem eine große Anzahl junger Menschen hat im Lauf der letzten Jahre die institutionelle Kirche verlassen. Die Absonderung der Christen vom säkularisierten Menschen wird Wirklichkeit." Und dann sagt er: "Aber es ist doch normal, dass junge Menschen, in dem Bestreben, inmitten sich schnell verändernder Gesellschaften ein diesen entsprechendes christliches Engagement zu finden, bei ihrem Suchen und Forschen kritische Situationen, Wachstumskrisen durchzustehen haben." Und ganz nüchtern fragt er: "Aber es gibt doch auch bei uns älteren Menschen Krisen im reiferen Alter, bei Menschen, die ihren Weg schon gemacht haben. Man erkennt solche Krisen daran, dass diese Menschen schwer erträglich werden." Damit meint er uns Ältere. "Allerdings gibt es auch Altersjahre, aus denen uns Gott entgegenstrahlt." So waren die Altersjahre von Frère Roger. Was er damals vor 35 Jahren schrieb, das ist in seinen Altersjahren wirklich geworden. "Es gibt auch Altersjahre, aus denen uns Gott entgegenstrahlt." Und er fügt hinzu: "Wir, die wir Johannes XXIII. erlebt haben, wissen darum aus Erfahrung." Frère Roger - in seinen alten Jahren strahlte Gott aus seinem Leben.

Zwei kleine Erinnerungen:

Die Erste: Es ist wohl 20 Jahre her. Ich war mit einer Gruppe Studenten in Taizé beim Abendgebet. Frère Roger sprach in seiner ganz einfachen Sprache zu den hunderten jungen Menschen, die da waren. Ich vergesse nie dieses eine Wort, das er sagte und das so viel über ihn sagte, über seine Art, mit jungen Menschen umzugehen, auf sie einzugehen und ihnen doch nicht einfach nachzulaufen, sondern ihnen Weg zu weisen. Er sagte: "Wenn ihr einen Lichtstrahl seht in eurem Leben, dann geht diesem Lichtstrahl nach, denn er führt euch sicher zur Lichtquelle." Ein so einfaches und anschauliches Bild, und es hat eine ganz neue Aktualität bekommen durch das Weltjugendtreffen mit dem Thema "Wir haben seinen Stern gesehen und sind gekommen, um Ihn anzubeten." Geht eurem Stern nach, geht jenem Lichtstrahl nach, der in euer Leben fällt, und da er ein Strahl des Lichtes ist, kommt er von der Quelle des Lichtes. Sucht diese Quelle, indem ihr dem Lichtstrahl nachgeht. Dieses kleine Wort, es ist mir so in Erinnerung geblieben und für mich wie ein Schlüsselwort zu diesem so gesegneten Leben.

Ein Zweites, es steht irgendwo in diesen Tagebüchern von Frère Roger. Es bezieht sich auf die kleine romanische, katholische Pfarrkirche von Taizé, in die Frère Roger gerne zum Gebet ging. Er notiert einmal im Tagebuch, dass er dort gebetet hat, und dann sagt er nur diesen kleinen Satz: "Dieser Ort ist bewohnt." Er meint damit die eucharistische Gegenwart Jesu.

"Dieser Ort ist bewohnt." Ich denke, auch das ist ein Testament von Frère Roger. Der letzte Eindruck, der mir haften geblieben ist, das letzte Mal, als ich ihn aus der Nähe gesehen habe - viele haben es im Fernsehen gesehen -: Es war der Bestattungsgottesdienst für Papst Johannes Paul II., gefeiert von Kardinal Ratzinger, der kurz danach Papst Benedikt wurde. Als Kardinal Ratzinger die Kommunion austeilte, kam als Erster, im Rollstuhl von einem Bruder von Taizé geschoben, Frère Roger herauf zum Altar und empfing die Kommunion aus der Hand dessen, der jetzt Papst Benedikt ist. Manche haben gerätselt, was das bedeutet. Wir haben nicht darüber zu rätseln. Frère Roger war in seiner Person eine ökumenische Brücke. Sein Glauben an die eucharistische Gegenwart Jesu hat das Leben von Taizé und sein persönliches Leben so stark geprägt. So war es ein sehr schönes - heute im Rückblick können wir sagen: ein prophetisches - Zeichen, dass Frère Roger vom nachmaligen Papst Benedikt den Leib des Herrn empfing, fast möchte man sagen: das "Viaticum", die Wegzehrung, wie die alte christliche Sprache sagt.

Ein Letztes: Im Evangelium haben wir die beiden kleinen Gleichnisse vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle gehört. Beide Gleichnisse sprechen uns alle an. Wenn du den Schatz des Reiches Gottes gefunden hast, dann kannst du ihn nur erwerben, wenn du alles gibst. Aber Herr, wann kann ich denn alles geben? Selbst wenn ich glaube, alles gegeben zu haben, habe ich immer noch so vieles behalten. Eines können wir sicher sagen. Frère Roger hat alles gegeben, alles verkauft - bis zu seinem Leben. Er hat sicher den Schatz im Acker erworben.

So dürfen wir sicher sein, dass er, der diesen Schatz, die kostbare Perle des Lebens, des ewigen Lebens, nicht nur gefunden, sondern erworben hat, dass er dieses Leben nicht für sich benützt, sondern weiter für die vielen, vielen suchenden jungen Menschen. Dass auch sie den kostbaren Schatz finden und dass sie alles daran setzen, ihn auch zu erwerben.

Frère Roger wird bei uns bleiben. Wie Papst Johannes, den er so geliebt hat; wie Mutter Teresa, mit der ihn ein tiefe Freundschaft verbunden hat; wie Johannes Paul, der wie Frère Roger die Jugend so geliebt hat.

So dürfen wir vertrauen, dass der Lichtstrahl, den er uns gezeigt hat, uns zur Quelle des Lichtes führt. Amen.
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