Christoph Cardinal Schönborn, O.P. Christoph Cardinal Schönborn, O.P.
Function:
Archbishop of Wien, Austria
Title:
Cardinal Priest of Gesù Divin Lavoratore
Birthdate:
Jan 22, 1945
Country:
Austria
Elevated:
Feb 21, 1998
More information:
www.catholic-hierarchy.org, Stephanscom.at, The Schonborn Site
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German Predigt zu Christi Himmelfahrt
Jun 01, 2012
(25.05.2012)

Wortlaut der Predigt von Kardinal Christoph Schönborn am Hochfest Christi Himmelfahrt, 17. Mai 2012, im Dom zu St. Stephan in Wien.

Gelobt sei Jesus Christus!

Seit langem beschäftigt mich die Bedeutung des Schlusssatzes der heutigen Lesung aus der Apostelgeschichte. Was bedeutet das: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen“ (Apg 1,11). In der liturgischen Übersetzung heißt es, „er wird wiederkommen“, aber im griechischen Text heißt es nur: „er wird kommen“. So wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen, so wird er kommen.

Was heißt das? Wann und wie kommt er? Was heißt dieses Kommen des Herrn, das die Engel ankündigen? Es ist nicht zuerst die Rede von der Wiederkunft des Herrn, obwohl wir natürlich daran glauben, wir hoffen darauf, wir warten darauf. Wir bekennen ja im Glaubensbekenntnis: „Er wird wiederkommen in Herrlichkeit und seines Reiches wird kein Ende sein“. Aber zuerst einmal heißt es einfach: „Er wird kommen“. Wie kommt der Herr? Mehrmals oder erst am Ende? Jetzt? Heute? Wann und wie? Der Herr hat uns sichtbar verlassen, seine sichtbare Gegenwart hat noch 40 Tage gedauert, wenn auch in geheimnisvoller Weise. Manchmal konnten sie ihn sehen, sogar berühren, er hielt Mahl mit ihnen, er sprach über das Reich Gottes. Aber diese Zeit ging zu Ende. Vor ihren Augen wurde er emporgehoben, nicht um irgendwo im Weltall zu verschwinden, sondern um zum Vater heimzugehen. Er hat uns sichtbar verlassen. Aber oft und oft hat er gesagt: „Ich bleibe bei euch“ (Mt 28,16f), ich verlasse euch nicht, lasse euch nicht als Waisen zurück“. Einmal sagt er in den Abschiedsreden: „Ich gehe zum Vater und ich komme“. Was ist dieses Kommen des Herrn? „Ich bin bei euch, alle Tage bis ans Ende der Zeiten“. Also auch heute!

Im Evangelium haben wir eben gehört: „Sie aber zogen hinaus und verkündeten überall das Wort, das Evangelium. Der Herr stand ihnen bei“. Wörtlich heißt es hier: „Der Herr wirkte mit ihnen“. Das griechische Wort ist hier synergie, „er wirkte mit ihnen und bekräftigte ihr Wort durch die Zeichen“. Ja, wir warten auf die Wiederkunft des Herrn. Es ist eine uralte Tradition, die schon im Judentum da ist, der Messias wird kommen. Wir glauben, er wird wiederkommen am Ölberg, dort, wo der Herr vor ihren Augen emporgehoben wurde. Deshalb sind so viele Gräber dort, weil viele Juden sich begraben lassen, um möglichst da zu sein, wenn der Messias kommt am Ölberg in Jerusalem. Auch der Islam erwartet das Kommen des `Îsâ, des Jesus, der nach islamischem Glauben, – nicht nach unserem –,nicht am Kreuz gestorben ist, sondern entrückt wurde zu Gott und wiederkommen wird. Aber Jesus, so kündigen die Engel den Männern aus Galiläa an: „Er kommt!“. Wie kommt er? Jetzt kommt er!

Wir haben viele Erfahrungen im Laufe der Jahrhunderte, dass der Herr auch sichtbar kommt. Gerade gestern konnten wir im Brevier in der Apostelgeschichte lesen, wie der Herr dem Paulus in der Nacht erscheint und ihm sagt: „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir, du musst für mich Zeugnis geben, auch vor dem Kaiser in Rom“.

Viele, viele Menschen haben im Lauf der Jahrhunderte den Herrn sehen dürfen, in Erscheinungen, Visionen, Traum. Die heilige Theresia von Avila, um nur ein Beispiel zu nennen. Die heilige Schwester Faustina, eine Heilige unserer Zeit, die erste heiliggesprochene des neuen Millenniums. Wie oft durfte sie den Herrn sehen? Er kommt! Er ist da. Viele durften und dürfen ihn hören, Worte des Herrn, die ihnen geschenkt werden. Aber es ist nicht allen gegeben. Ich durfte es nie erfahren in dieser Form. Und doch glaube ich, der Herr ist da, er kommt. Er kommt in seinem Wort.

Wie wunderbar ist es, Brüder und Schwestern, wenn das Evangelium verkündet wird und wir die Erfahrung machen dürfen, jetzt spricht der Herr zu mir. Er, jetzt, hier, spricht der Herr zu mir, spricht mich an, er ist da. Er ist in seinen Brüdern und Schwestern da, die er besonders liebt. Den geringsten seiner Brüder und Schwestern, den armen Lazarus vor der Tür des Reichen. Es ist Jesus, da ist er da. Da kommt er, klopft an unsere Tür, wartet, ob wir ihn erkennen, im Bruder oder in der Schwester, die Not leiden, in unserem Nächsten. Er ist da, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Brüder und Schwestern, wir sind hier in seinem Namen versammelt. Er hat uns hier versammelt. Er ist in unserer Mitte. Er ist die Mitte.

Der Altar stellt Christus dar, Christus, um den wir uns versammeln. Er ist da in der Eucharistie. Hier, einzigartig, wirklich, wahrhaft, wesentlich, ganz real. Und doch ungreifbar. So wie er sich den Apostel gezeigt hat zu Ostern. Da, und doch so, dass er Maria von Magdala sagt: „Rühr mich nicht an, ich gehe zum Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott“. So ist seine Gegenwart, jetzt. Was heißt es also, wenn die Engel den Männer aus Galiläa sagen: „So wie ihr ihn habt aufsteigen, so kommt er“. Er kommt jetzt, in dieser Stunde.

Das Fest der Himmelfahrt ist gewissermaßen die Brücke zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch, zwischen uns und ihm, und darum ist es ein so freudiges Fest. Traurig über den Abschied und freudig über sein Kommen. Amen.

http://www.erzdioezese-wien.at/edw/erzbischof/predigten/0/articles/2012/05/25/a27718/
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