Wortlaut der Predigt von Kardinal Christoph Schönborn am Ostersonntag, 8. April 2012, im Dom zu St. Stephan in Wien.
Gelobt sei Jesus Christus!
Sia lodato Gesu Cristo!
Liebe Brüder und Schwestern, hier im Dom und die sie über Radio Stephansdom mit uns verbunden sind. Cari fratelli e sorelle venuti dall’Italia! Dear brothers and sisters from many parts of the world! Chers frères et soeurs, pardonnez moi, si le sermon est en allemand. Perdonnatemi che la predica sia in tedesco, e non in italiano. I think you forgive me, today the sermon is in german, but with your heart you will understand the good news of the gospel.
"Frau warum weinst Du?" Mich bewegt, dass jedes Jahr zu Ostern das erste Wort des Auferstandenen, das erste Wort der neuen Schöpfung, das erste Wort des Neubeginns des Lebens, eine ganz einfache Frage des Mitgefühls ist: "Frau warum weinst Du?" Ist das nicht die erste und größte Botschaft des Osterfestes? Die Auferstehung Jesu Christ ist zuerst eine Botschaft für mich, ganz persönlich, nicht eine allgemeine Theorie über das Leben, den Tod und das Leben nach dem Tod. Es ist eine Botschaft, nein, mehr eine Erfahrung - ganz persönlich für mich, für jeden, für uns persönlich: "Warum weinst Du?" "Was suchst Du?" "Wen suchst Du?". Diese Anteilnahme Gottes ist der Grund, warum Gott seinen Sohn gesandt hat. Weil ihm nicht der Mensch im Abstrakten, sondern wir, ich, jeder, jede, unvergleichlich wichtig sind. Du, was suchst Du? Warum weinst Du? Was bewegt Dich? Gott kommt unserem Suchen und Fragen entgegen. Und noch lange bevor wir ihm begegnet sind, noch lange bevor es zu der österlichen Begegnung kommen konnte, hat er bereits unser Suchen gekannt und ist mir entgegen gekommen. "Frau warum weinst Du?"
Der christliche Glaube, sagt uns Papst Benedikt immer wieder, ist nicht zuerst eine Theorie. Er ist eine Lehre - ja, wir bekennen sie im Glaubensbekenntnis, im Credo; das sind auch Sätze, das sind Inhalte, das ist ein ganz konsistenter, auch denkerisch konsistenter Glaube. Aber zuerst ist er eine Begegnung, eine Freundschaft. "Frau warum weinst Du?" Und die Begegnung, die den Glauben, unseren Glauben, trägt, ist die, in der Jesus mich bei meinem Namen anspricht. "Maria!" - Da erkennt sie ihn, da weiß sie, dass sie erkannt ist, dass er sie kennt, wie keiner sie kennt. Das ist der Moment, wo der Glaube von der Theorie zum Leben wird. Wo er mein Glaube wird, meine Erfahrung, mein Leben.
Brüder und Schwestern, wenn gefragt wird, wie geht es mit der Kirche weiter, wie geht es mit dem Christentum weiter bei uns, wenn Statistiken veröffentlicht werden, wie viele noch oder nicht mehr glauben - das ist alles interessant, aber nur eines ist entscheidend: Haben wir diese persönliche Begegnung erfahren? Sind wir die, die suchen? Die mit dem ganzen Herzen fragen: Wo bist Du? Was ist der Sinn meines Lebens, wo geht mein Leben hin? Woher komme ich und wohin gehe ich? Ein suchendes Herz wird von Gott immer gefunden. Das ist der Anfang unseres Glaubens. Ihm persönlich zu begegnen - ohne das ist der Glaube nur eine Theorie und die Kirche nur eine Organisation.
"Geh und sage meinen Brüdern". Maria von Magdala ist Jesus begegnet, dem Lebenden. Den, den sie geliebt hat, wie keinen anderen, wie keine ihrer Liebschaften ihr schenken konnte. Den, den sie wieder gefunden hat als den Lebenden. Er macht sie zur Apostelin, die Kirche nennt sie Apostel der Apostel. Sie war die erste Botin der guten Nachricht, des Evangeliums. Was ist der Auftrag? "Geh und sage meinen Brüdern", ich lebe. Sie geht zu den Aposteln, alle haben ihn verraten, alle sind sie weggelaufen - und Jesus nennt sie Brüder. Ohne Vorwurf, ohne Kritik - "wo wart ihr, was habt ihr gemacht?" Wird nicht oft der Kirche vorgeworfen, dass sie die Menschen ständig nur kritisiert, nur aufzeigt, was alles falsch ist an ihnen? Jesus schickt Maria von Magdala zu den Aposteln mit all ihrem Versagen - und nennt sie "Brüder".
Brüder und Schwestern, wenn es uns nicht gelingt, als Christen das zu vermitteln, dass Jesus zuerst den Menschen sieht, dass er uns trotz unseres Versagens Brüder und Schwestern, Freunde nennt, dann haben wir noch sehr wenig vom Evangelium begriffen. Maria von Magdala geht zu den Aposteln. Und so wird aus dem Ich des Glaubens, der persönlichen Begegnung, die Gemeinschaft des Glaubens, die Kirche. Die Brüder und Schwestern, die gemeinsam die Erfahrung gemacht haben: Der Herr lebt, er ist in unserer Mitte! Und erst dann kommt es zur dritten Etappe, dass diese Gemeinschaft Zeugnis gibt. Ihr werdet meine Zeugen sein. Zeugnis von dem, was uns geschenkt worden ist. Nicht zuerst Kritik an der Welt, was alles falsch ist in der Welt, nicht zuerst der Welt sagen, was sie alles falsch macht, sondern ihr sagen, was ihr versprochen ist, was ihr zugesagt ist. Welche Hoffnung und welche Freude Gott ihr zugedacht hat.
Brüder und Schwestern, wenn das Kirche ist, dann ist Kirche wirklich für Etwas da. Dann ist sie Gottes Botin in der Welt. Mein großer Osterwunsch an uns alle, an die Kirche in Österreich, an jeden einzelnen von uns, an die Kirche in Europa: die persönliche Begegnung mit dem Auferstandenen, der mich anspricht. Und dann das Hingehen zu den anderen, ohne Kritik, voller Freude, und ihnen sagen: Er lebt, er ist da! Wir dürfen Brüder und Schwestern sein, eine Gemeinschaft der Glaubenden, die nicht ständig die Welt kritisiert, sondern der Welt sagt, was Gott ihr verheißen hat.