Wortlaut der Predigt von Kardinal Christoph Schönborn am Stephanitag, 26. Dezember 2011, im Dom zu St. Stephan in Wie
Liebe Brüder und Schwestern!
Liebe Diakone!
Liebe Familien, Gattinnen und Kinder der Diakone!
Jahr für Jahr schauen wir am Fest des heiligen Stephanus auf zum Hochaltarbild, das uns das Martyrium des Heiligen Stephanus darstellt, wie er mit leuchtendem Gesicht hinaufschaut zum Himmel und zu Christus, dem Menschensohn zur Rechten des Vaters. Wir sehen auch, wie sich schon die Wut gegen Stephanus entlädt und einer kräftig und muskulös die Steine auf ihn wirft. Ich möchte heute ein wenig auf den geschichtlichen Zusammenhang dieses Martyriums hinweisen.
Wie kam es überhaupt zu diesem Martyrium, zum Tod des ersten Christen nach Jesus, der gewaltsam ums Leben gekommen ist? Das mag uns helfen zu verstehen, warum heute noch, und heute wieder in besonderer Weise, Christen in der ganzen Welt verfolgt sind. Zweifellos aus den verschiedensten Gründen, aber wohl in der Mitte auch aus dem Grund, der schon Stephanus zum Märtyrer gemacht hat. Wir erfahren es in den Texten der Apostelgeschichte, vom getreuen Zeugen Lukas, der alles sorgfältig untersucht und seine Erinnerungen aufgeschrieben hat.
Wir erfahren, dass es zuerst zur Wahl der sieben Diakone kam. Die Gemeinde hat gespürt: Wir brauchen mehr Hilfe. Die Apostel merkten, dass sie mit der Arbeit alleine nicht zurechtkamen. So wählten sie sieben bewährte, geisterfüllte Männer, offensichtlich hervorragend qualifiziert, menschlich, religiös und wohl auch kulturell und professionell. Das ist in der Wahl der Diakone bis heute so geblieben. Es zeigte sich freilich sehr schnell, dass diese Diakone nicht nur die Diakonie, den Dienst an den Tischen, d.h. die ‚Caritas‘ der Urgemeinde wahrnehmen, sondern dass sie offensichtlich auch sehr begabte Prediger sind. So sehen wir Stephanus, den Erstgenannten unter den Sieben, von Anfang an auch intensiv damit beschäftigt zu verkündigen. Auch das ist bis heute geblieben und soll auch in Zukunft so bleiben: der Dienst der Verkündigung, der Dienst der Evangelisierung und der Verkündigung Jesu Christi.
Wie haben sie das gemacht? Die urkirchliche Missionsmethode geschah ganz konkret in den Synagogen. Damals gab es zahlreiche Synagogen in Jerusalem neben dem Tempel, also Gebetsräume, Gebetsstätten, wo sich verschiedene Gruppen getroffen haben, und auch verschiedene Richtungen. Es waren durchwegs hier die Griechisch sprachigen Synagogen, die weltläufigen, die weltoffenen unter den Juden: die Libertiner, die Zyrenäer, die Alexandriner, die Zilizier und die aus der Provinz Asien, also die heutige Türkei, ganz im Unterschied zu der strengen pharisäischen Richtung.
Stephanus ging offensichtlich von Synagoge zu Synagoge und hat dort das getan, was im Gottesdienst der Synagoge üblich ist: nach der Schriftlesung ein Wort der Erklärung zu geben, und er hat Jesus als den Messias Israels verkündet. Warum löst das so einen Widerstand aus? Warum hat das zu dieser Katastrophe geführt, zum Martyrium des Stephanus, zu einer Lynchjustiz? Wir müssen uns dazu die ganze lange Rede des Stephanus anhören. Eines ist sicher: Man wirft ihm vor, er habe gegen das Gesetz Gottes, gegen die Thora und gegen den Tempel gesprochen. Das hat er sicher nicht! Kurz davor hören wir in dem Bericht der Apostelgeschichte, dass eine große Zahl von Priestern sich zu Jesus bekehrt hat, also Priester, die im Tempel gedient haben. Sie haben offensichtlich keinen Widerspruch darin gefunden, an Jesus zu glauben und im Tempel Dienst zu tun. Es muss die Verkündigung Jesu selber gewesen sein, die provoziert hat. Was war das?
Versuchen wir das zu verstehen als Hilfe für heute. Was provoziert am Christentum? Stephanus beginnt in einer langen Rede zu erklären, als man ihn vor den Hohen Rat führt. Wir haben diese Rede jetzt nicht gehört, in der er erklärt: Brüder, das war doch immer schon so dieser Widerstand, unser jüdisches Volk hat doch immer Widerstand geleistet gegen die Predigt der Propheten, ja gegen Mose selbst! "Halsstarrig" (Apg 7,51) nennt er das Volk. Aber er macht damit nicht etwas Außergewöhnliches, sondern das, was die Propheten schon sagten: halsstarrig! Dann sagt er: "Ihr habt Jesus getötet, ihr habt den, den Gott gesandt hat, ermordet". Das ist es wohl, was im Hohen Rat, in der Hohen Ratsversammlung wirklich den Zorn ausgelöst hat. Ich denke, hier sehen wir etwas, was bis heute ein Grund ist für Aggression und Feindschaft. Stephanus erinnert einfach an die Schuld. Und die Schuld hört man nicht gerne. Denn in diesem Hohen Rat saßen ja sicher noch eine ganze Reihe von Ratsherren im Kreis der Hohen Priester, die Jesus verurteilt hatten. Jetzt werden sie an dieses Unrecht erinnert. Das trifft sie. Was macht man, wenn man ein schlechtes Gewissen hat? Andere beschuldigen: Du bist schuld! Sie versuchen, den Namen Jesu zum Schweigen zu bringen, sie verbieten schon davor den Aposteln überhaupt diesen Namen zu gebrauchen, sie wollen die Sache zum Schweigen bringen. Deshalb wird Stephanus umgebracht. Das ist der tiefste Grund des Martyriums. Nicht weil Stephanus provozieren wollte, sondern weil er die Dinge beim Namen genannt hat. Ihr habt Jesus umgebracht! Ja, das stimmt! Und ihr wisst ganz genau in eurem innersten Gewissen: es war ein Justizmord. Er war unschuldig. Trotzdem habt ihr ihn verurteilt. Als dann Stephanus sagt: "Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen" (Apg 7,56), so wie es der Maler Pock am Hochaltar dargestellt hat, da ist ihre Wut nicht mehr zu bremsen. Erstaunlich dieser Hass gegenüber dem, was ganz friedlich gesagt wurde: Ich sehe Jesus, ich sehe den Menschensohn. Er lebt.
Brüder und Schwestern, vielleicht ist das der tiefste Grund des Martyriums bis heute. Man sagt, 250 Millionen Christen leben heute weltweit in verfolgter, bedrängter und bedrohter Situation. Man muss aber hinzufügen, dass es viele Gründe für die Verfolgung von Christen gibt, wenn wir vom Martyrium heute reden. Wir müssen vorsichtig sein im Urteil, denn wie viel haben Christen selber an Verfolgung ausgeübt, wie viel Grausamkeit ist im Namen des Christentums geschehen! Aber heute dürfen wir sagen: Christenverfolgung geschieht sicher zum Teil aus soziologischen und wirtschaftlichen Gründen, aber im tiefsten ist es die Ablehnung dieses Glaubens. Und je näher wir Jesus sind, desto eher ist die Ablehnung echt, nämlich wirklich das, was Stephanus erlebt hat, der Jesus einfach verkündigt und bezeugt hat. So müssen wir uns fragen: Warum ist das so, dass Jesus selber so abgelehnt wird? Ich glaube, der tiefste Grund ist, weil er uns persönlich anspricht, weil er uns anspricht und sagt: Willst du mir folgen? Willst du mit mir gehen? Glaubst du mir, vertraust du mir? Weil Jesus eine Provokation ist, die zur Entscheidung herausfordert und weil er uns an unsere Schuld erinnert. Deshalb ist es so schwer: entweder die Ablehnung oder die Bekehrung, entweder der Glauben oder der Hass.
Stephanus betet am Schluss: "Herr Jesus, rechne ihnen diese Schuld nicht an"(Apg 7,60). Das ist das Geheimnis jedes echten Martyriums, es wird zum Segen und es wird zum Gebet für die Verfolger. Das ist die wahre Kraft des Martyriums. Deshalb haben die frühen Christen gesagt: Das Blut der Märtyrer ist der Samen der Christen. So dürfen wir heute für die Verfolger der Christen in der ganzen Welt zu beten. Ich darf Sie dazu einladen: Herr Jesus, rechne ihnen diese Schuld nicht an! Amen.