Maria-Namen-Feier 2011
Oct 15, 2011
Wortlaut der Predigt von Kardinal Christoph Schönborn bei der Maria-Namen-Feier am Sonntag, 18. September 2011, im Stephansdom.
Gelobt sei Jesus Christus!
Lieber hochwürdigster Apostolischer Nuntius!
Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst!
Liebe geistliche Schwestern!
Lieber Herr Präsident des Nationalrates! Und mit dir begrüße ich alle aus der Politik und der Öffentlichkeit, auch die Vertreter der Exekutive, die auf uns wachen und für uns sorgen.
Liebe Mitbrüder, besonders aus dem Franziskanerorden!
Ein wenig nostalgisch denken die meisten von uns an die Stadthalle, die uns sozusagen vor die Tür gesetzt hat wegen der sportlichen Ereignisse, die dort offensichtlich wichtiger sind als die Maria-Namen-Feier. Aber wir freuen uns, heute im Hohen Dom sein zu dürfen und mit Maria auf den Herrn zu hören.
Jesus erzählt Gleichnisse. Doch was will er damit erreichen? Sie enthalten offensichtlich eine Lehre.
Warum? Jesus lehrt durch sie. Es geht nicht vor allem um mehr Wissen, freilich das auch, aber es geht um eine Veränderung, diese Veränderung heißt Umkehr. Nur wenn sich die Menschen ändern, werden sich auch die Gesellschaft und die Kirche ändern.
Es fällt auf, dass er das heutige Gleichnis nicht einer großen Menschenmenge erzählt sondern nur den Jüngern. Er will also bei seinen Jüngern etwas bewirken, sie schulen für die Aufgabe, die ihnen bevorsteht, für den Dienst, zu dem sie gerufen sind: für die Mission. In Kirche und Gesellschaft ist heute viel von Reformen die Rede. Vorschläge werden gemacht, manche tragen diese Vorschläge als Forderungen vor. Energisch und mit großer medialer Unterstützung werden bestimmte Reformen gefordert.
Welche Reform will Jesus von seinen Jüngern? Schauen wir zuerst einmal in das heutige Gleichnis. Es spricht eine für die damalige Zeit alltägliche soziale Situation an. Der Arbeitsmarkt kennt vor allem Taglöhner. Bis heute ist das in vielen Teilen der Welt so. Der Gutsbesitzer sucht sich Tag für Tag die Arbeiter aus, die er für die Arbeit braucht. Es gibt keine fixen Anstellungen, keine Sicherheit für die Zukunft, weit entfernt so etwas wie Arbeitsschutz, Gewerkschaft, Arbeitslosengeld, Krankenversicherung, Altersversicherung, Pensionszusagen. Alle diese Dinge, die bei uns heute selbstverständlich sind, sind fern von der sozialen Welt, in der dieses Gleichnis spielt.
Frühmorgens heuert er Arbeiter für seinen Weinberg an und vereinbart mit ihnen einen Tageslohn, einen Denar. Die Experten sagen uns, das ist der angemessene, aber auch bescheidene Tageslohn damals. Um 9 Uhr vormittags, dritte Stunde; dann noch einmal um 12 Uhr, zur sechsten Stunde; noch einmal um 3 Uhr Nachmittag, zur neunten Stunde, geht er auf den Marktplatz, da stehen immer noch Männer herum, die keine Arbeit haben, und er engagiert auch sie. Natürlich erwarten sie sich nur halben Lohn für die kürzere Arbeitszeit. Um 5 Uhr Nachmittag, elfte Stunde, geht er noch einmal, da stehen immer noch welche, niemand hat sie gedungen. Das heißt, sie und ihre Familien gehen an diesem Tag leer aus. Zu Hause wäre dann der Hunger der Koch. Der Gutsherr aber gibt selbst ihnen noch die Chance, eine Stunde zu arbeiten.
Dann kommt der Arbeitstag zu seinem Ende, und er lässt auszahlen, beginnt bei den letzten. Lässt die, die den ganzen Tag gearbeitet haben, warten. Er gibt auch den letzten einen Denar, einen vollen Tageslohn. Natürlich erwarten sich die, die den ganzen Tag gearbeitet haben, etwas mehr. Aber er sagt ihnen: Moment, ihr habt mit mir einen Denar vereinbart, den habt ihr, das ist gerecht. Und ich darf mit meinem Geld tun, was ich will. Bist du neidisch, weil ich gut bin? Gut ist er in einer dramatischen Situation. Es geht ihm offensichtlich nicht um seinen eigenen Profit sondern um das Gemeinwohl, wie wir heute sagen würden. Er handelt gemeinwohlorientiert. Das heißt, er will, dass auch die, die keine oder kaum eine Arbeit hatten, am nächsten Tag nicht hungern müssen. Soweit der soziale Rahmen.
Aber welche Reform verkündet Jesus hier? Was will er bei seinen Zuhörern verändern? Sicher auch etwas an der sozialen Wirklichkeit, aber zuerst am Gottesbild. Es geht um ein anderes Gottesbild, damit beginnt er: Gerechtigkeit ja, aber auch Barmherzigkeit. Die letzten sollen auch leben können, und nicht nur die ersten.
Lieber Weihbischof Franz, du hast uns bewegend dein eigenes Zeugnis gegeben, dass du auf die Gottesfrage keine Antwort wusstest. Papst Benedikt XVI. hat im Blick auf seine bevorstehende Deutschlandreise gesagt: Gott in den Mittelpunkt stellen, das ist die große Herausforderung. Das ist die Reform, die wir brauchen. Von ihr hängt alles andere ab, weil sie das Leben, die Einstellung, das Verhalten zum Nächsten und zu sich selber grundlegend verändert. "Sucht den Herrn", heißt es in der ersten Lesung aus dem Propheten. "Sucht den Herrn ... ruft ihn an, solange er nahe ist. Der Ruchlose verlasse seine Wege ... er kehre um zum Herrn, damit er Erbarmen hat mit ihm, und zu unserem Gott, denn er ist groß im Verzeihen."
Brüder und Schwestern! Reform ja, aber diese: Umkehr zum Herrn. Alles andere hängt davon ab.
Im Zweiten Vatikanum, im wunderbaren Text über die Kirche, sagt das Konzil: Die Kirche geht stets den Weg der Erneuerung und der Umkehr (vgl. Lumen Gentium 8). Das ist der wahre Weg: der Umkehr, der Erneuerung. So möchte ich ein Wort sagen über diesen Dauerauftrag Umkehr.
Zuerst für unsere Gesellschaft: An allen Ecken und Enden schreit es nach Reformen: Im Finanzwesen sind es nicht die Pessimisten, die sagen, es steht der Zusammenbruch vor der Tür. Es braucht Reformen. Wir alle wissen, dass das Pensionswesen bald nicht mehr finanzierbar sein wird. Es braucht Reformen. Die Umweltfrage ist brennend. Wir wissen alle, es braucht Reformen. Das Bildungswesen braucht Reformen, auch das wissen wir.
Aber wie geht man Reformen an? Es hat keinen Sinn, da oder dort eine Schraube zu drehen und etwas an den Symptomen herumzuhantieren. Man muss die Ziele neu ins Auge fassen. Was sind die wirklichen Ziele, für die Mittel eingesetzt werden sollen, auf die hin Reformen sich ausrichten müssen? Auch in der Kirche brauchen wir Reformen. Ich nenne nur das Beispiel unserer Pfarrstrukturen, die aus einer Zeit stammen, die nicht mehr die unsere ist: Da sind die josephinischen Pfarren aus dem 18., die Pfarren des 19. Jahrhunderts und die Pfarren der Nachkriegszeit. Die Gesellschaft und auch die Kirche haben sich verändert. Aber wie sollen wir Veränderungen bewirken, wenn wir nicht zuerst auf das Ziel schauen? Wozu ist die Kirche da? Was soll sie? Was will der Herr mit ihr?
Was nützen die besten Strukturreformen, wenn die Menschen korrupt sind, wenn kein Gemeinsinn mehr da ist? Wenn der Staat zum Selbstbedienungsladen wird, im Großen und im Kleinen? Ohne die Tugenden sind die besten Gesetze nutzlos. Ohne persönliche Umkehr hilft das Umkrempeln von Strukturen überhaupt nichts. Es braucht gerechte Gesetze, aber ohne gute Menschen bleiben diese Gesetze toter Buchstabe. Was heißt das für die Kirche? Die Lebensschule Jesu, in der wir neu das Ziel unseres Christseins lernen, ist die vorrangige Aufgabe:
Herr, lehre uns leben, so wie es deinem Willen entspricht. Lehre uns, unser Leben so zu gestalten, wie es deinem Evangelium entspricht. Du hast die ersten Jünger in deine Schule genommen. Du hast sie gelehrt und ihnen an deinem Beispiel gezeigt, welche Lebensweise dem Evangelium entspricht. Du hast sie geformt in ihrer Lebensweise. Und das war die entscheidende Reform ihres Lebens. Und daraus ist die Kirche entstanden. Und daraus hat sie sich in allen Jahrhunderten erneuert. Sie hat die großen und die kleinen, die bekannten und die unbekannten Heiligen hervorgebracht, ohne die die Kirche sich nie erneuert hätte.
Brüder und Schwestern, viel wäre über die Jüngerschule Jesu zu sagen. Ich nenne abschließend vier Stichworte für diese Lebensschule Jesu, die die Grundlage jeder Kirchenreform ist:
1. Das Wort Gottes. Wer das Evangelium nicht kennt, kennt Christus nicht. Orientieren wir uns neu am Wort Gottes, am Evangelium. Lesen wir es, betrachten wir es, fragen wir Jesus: Was willst du uns sagen für unser Leben, für die Gestaltung unseres Lebens? Papst Benedikt XVI. ist ein großer Meister im aufmerksamen Lesen des Evangeliums.
2. Das Gebet. Weihbischof Franz hat eindrucksvoll davon gesprochen und das Zeugnis von P. Petrus Pavlicek in Erinnerung gerufen, dem Gründer des Rosenkranz-Sühnekreuzzuges, ohne den wir heute nicht hier wären. Die verwandelnde Kraft des Gebetes lässt uns darauf vertrauen, dass Gott heute Neues wirkt: Bekehrungen, Berufungen.
3. Das Glaubenswissen. Wie dramatisch ist die Situation, lieber Weihbischof Franz, die du angesprochen hast: das Unwissen über den eigenen Glauben. Papst Benedikt hat den Jugendlichen empfohlen, und ich sehe hier so viele Jugendliche, gewesene und aktuelle, dass ich heute nachdrücklich empfehlen kann: Auch die Erwachsenen dürfen den YOUCAT, den Jugendkatechismus, lesen. Es ist das weltweit meistverkaufte religiöse Jugendbuch im Moment, herausgegeben von der Österreichischen Bischofskonferenz. Die Kirche in Österreich pfeift nicht aus dem letzten Loch, nein, sie ist lebendig, und sie bringt gute Früchte hervor.
4. Die Kirche muss stets den Weg der Erneuerung und der Umkehr gehen. Und sie geht diesen Weg mit Petrus und unter seiner Leitung. Ich sage das nicht als ehemaliger Student und Schüler von Joseph Ratzinger, weil ich ihn von ganzem Herzen verehre und schätze, und ihn für einen der ganz großen Meister unserer Zeit halte. Sondern weil es heißt: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen." Der Herr selbst baut Seine Kirche, die Kirche Christi. Das schließt nicht aus, dass Petrus auch Kritik verdient hat, die schärfste hat Jesus selber ihm gegeben. Und trotzdem hat er ihm gesagt: Weide meine Schafe, weide meine Herde. Ubi Petrus, ibi ecclesia – Wo Petrus ist, da ist die Kirche.
Brüder und Schwestern, ich schließe mit einem persönlichen Wort. In wenigen Tagen jährt sich zum 20. Mal der Tag meiner Bischofsweihe. Ich erinnere mich gut, wie ich hier vorne gelegen bin, um die Bischofsweihe zu empfangen. Mit großer Dankbarkeit, aber auch mit dem Wissen um meine vielen Fehler denke ich an diese 20 Jahre zurück, die weiß Gott nicht immer leicht waren, aber sehr segensreich. Und mit Paulus kann ich sagen: "Für mich ist Christus das Leben, und Sterben Gewinn." Herr, ich lebe gerne und darf hoffentlich noch ein paar Jahre leben, die auch weiter ein Dienst für deine Kirche sein mögen
Mein Schlusswunsch an Sie und uns alle, ist der Wunsch des Apostels Paulus, den wir heute in der Lesung gehört haben: "Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium entspricht." Dann hat die Kirche Zukunft. Amen.