"Es müsste ein Ruck durch das Land gehen"
Apr 02, 2011
Wiener Erzbischof plädiert im Gespräch mit den Chefredakteuren der Bundesländerzeitungen für Förderung der Familie
Wien, 10.03.11 (PEW) "Es müsste ein Ruck durch das
Land gehen", betonte Kardinal Christoph Schönborn unter Bezugnahme
auf eine Aussage des früheren deutschen Bundespräsidenten Roman
Herzog in einem Gespräch mit den Chefredakteuren der
Bundesländerzeitungen. Derzeit sei vieles in Bewegung, so der Wiener
Erzbischof, "negativ wie positiv". Negativ seien die demografische
Entwicklung und die Entwicklung der Verschuldung. Aber es gebe auch
positive Entwicklungen, wie den Aufbruch der jungen Generation in den
südlichen Mittelmeerstaaten. Die Ressource Mensch sei "die große
Ressource für Überraschungen", betonte der Kardinal.
Es gebe zwar ein weit verbreitetes Gefühl der Stagnation, "bei
Jüngeren und bei Älteren", sagte der Wiener Erzbischof. Man müsse
aber an die eigene Brust klopfen, nicht nur an die der Politiker.
"Ich wünsche mir von den Bürgern, speziell auch von den Katholiken,
dass sie sich mehr zu Wort melden zu gesellschaftlichen Fragen, zu
Zukunftsfragen. Dieser Ruck sollte durch unser Land gehen im Sinne
einer bewussten Teilnahme der Zivilgesellschaft am Leben des Landes",
so Kardinal Schönborn. Die katholische Soziallehre sage, dass sich
das Maß der Lebendigkeit einer Gesellschaft am Maß ihrer
Partizipation bemisst.
Der Übergang von einer "Phase des Überflusses" zu einer "Phase der
Knappheit" beschwöre die Gefahr von Verteilungskämpfen, auch von
sozialen Spannungen herauf, sagte Kardinal Schönborn. Dass die Schere
zwischen niedrigen und hohen Einkommen seit 15 Jahren kontinuierlich
auseinander geht, sei Anlass zur Sorge. Aber das könne auch eine
Chance für mehr Solidarität, für mehr Zusammenrücken sein. Die große
Ressource in dieser Beziehung sei die Familie. Wörtlich sagte der
Wiener Erzbischof in diesem Zusammenhang: "Ich kann nur allen
politischen Kräften sagen: Wenn Sie an die Zukunft denken, denken Sie
an die Familie. Alles, was Familienzusammenhalt stärkt, ist gute
Investition für eine schwieriger werdende Zukunft". Österreich habe
eine Spitzenposition in Europa, was Transferleistungen betrifft.
Trotzdem fehle es an Kinderfreundlichkeit.
Im Hinblick auf den Rückgang der religiösen Praxis erinnerte der
Erzbischof von Wien daran, dass in anderen Teilen der Welt
Säkularität und Religiosität zueinander passen. Wörtlich meinte
Kardinal Schönborn: "Ich prognostiziere, dass die Vereinbarkeit von
einem sehr säkularen Lebensstil mit einer religiösen Grundhaltung in
Europa wieder wachsen wird. Das heißt für die Religionsgemeinschaften
in Europa, speziell für die katholische Kirche, zu leben mit der
säkularen Gesellschaft und mit dem Pluralismus. Zu lernen, eine
Gemeinschaft unter anderen zu sein". Auch in den Dörfern sei die
Kirche ein Verein unter anderen, die Pfarrgemeinde eine Realität
unter anderen. Die Kirche als Ganze in Österreich mit ihrer
"kaiserlichen Geschichte des Katholizismus" müsse einen positiven
Umgang mit Pluralität lernen. Das sei ein Zugewinn an Freiheit, sich
ohne staatlich gestützte Machtposition in einer Gesellschaft zu
artikulieren, in der es eine Pluralität von Lebensentwürfen gibt.
Kardinal Schönborn: "Wir müssen uns positiv darauf einstellen, ein
Player unter anderen zu sein - nicht mit Ängstlichkeit, sondern mit
Selbstbewusstsein, dass unser Angebot gut ist".
Auf die Frage nach der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle sagte der
Erzbischof von Wien: "Wir haben von uns aus - man kann sagen spät,
aber doch - die Initiative ergriffen und an die Adresse von Opfern
gesagt: Bitte meldet euch. Ich habe im Stephansdom am Mittwoch der
Karwoche vor einem Jahr gesagt: Gott spricht zu uns durch die Opfer".
Die Kommission von Waltraud Klasnic - "die sie ohne jegliche
kirchliche Einflussnahme zusammengestellt hat" - arbeite
hervorragend. Es sei hoch an der Zeit, dass andere Bereiche der
Gesellschaft eine ähnliche Arbeit unternehmen.