Die Jünger sollen die Kirche aus der Krise führen
Nov 03, 2010
Kardinal Christoph Schönborn skizziert bei der Diözesanversammlung dringend notwendige Strukturreformen
Erzbischof von Wien präsentiert Masterplan.
Aufwertung der Laien in Gemeinden
Wien. Die katholische Kirche steckt in einer Krise. Das weiß auch Kardinal Christoph Schönborn und will es gar nicht bestreiten. Aber: Der Wiener Erzbischof hat bereits einen Masterplan ausgearbeitet, wie er aus der aktuellen Situation das Beste zu machen gedenkt. Welche kirchlichen Strukturreformen dringend notwendig sind, hat Schönborn am Donnerstag beim Dritten Diözesanversammlung im Wiener Stephansdom skizziert.
Aktion statt Reaktion lautet das Motto des Kardinals: "Jetzt ist der Moment, Veränderungen aktiv anzugehen. In zehn Jahren können wir sie nur noch erleiden." Er will es aber anders machen als vielen Diözesen in Europa, deren Reformen nach einem Rasterplan geschehen und radikale Einschnitte mit sich bringen. So wurden in der französischen Diözese Carcassone per Dekret aus 250 Pfarren 17, in einigen deutschen Diözesen war es ähnlich.
Die Strukturreform solle aber Hand in Hand mit dem Missionsgedanken einher gehen, betonte Schönborn vor den rund 1400 Delegierten aus den Pfarren der Erzdiözese Wien, die bis Samstag über den zukünftigen Weg der Kirche in Wien beraten werden.
Man könnte auch von Zweckoptimismus sprechen. Denn einerseits gibt der Kardinal unumwunden zu, dass das kirchliche Krisenjahr 2010 mit seiner "enormen Zahl an Kirchenaustritten schmerzlich deutlich gemacht hat, dass die Entwicklung schneller als gedacht vor sich geht". Andererseits sieht er in der aktuellen Krise die Chance für die Kirche, "sich mitgestaltend im beschleunigten Umwandlungsprozess zu beteiligen". Ein Kirchen-Masterplan müsse jedenfalls "am Meister, Jesus Christus, Maß nehmen".
Im Zentrum müsse die "Jüngerschulung" stehen. Es gehe darum, die missionarischen Initiativen in den Gemeinschaften, Orden und Pfarren zu stärken, um "neue Gemeindebildungsprozesse zu fördern".
Schönborn: "Vielleicht war ich zu ängstlich"
Zur Aufwertung der Laien sagte der Kardinal wörtlich: "Vielleicht war ich da in den letzten Jahren zu ängstlich bei der Zulassung und Förderung des Miteinanders in der Leitung unserer Gemeinden." Tatsächlich gebe es zahlreiche positive Erfahrungen, wo die Leitung von Gemeinden gemeinsam mit Laien gut funktioniere. "Da haben wir viel zu lernen." Überhaupt will Schönborn "Menschen sammeln", wie es Jesus vorgemacht hat.
Weitere zentrale Elemente seines Masterplans sind ein "Ja zur Welt und die Bereitschaft, sich wirklich als Kirche auf die säkulare Welt einzulassen". Weiters bedürfe es einer bewussten Wahrnehmung der Vielfalt der Religionen – auch des Islam – und der christlichen Konfessionen in Österreich. So bilden die orthodoxen und altorientalischen Konfessionen mit rund 500.000 Christen die zweitgrößte religiöse Gruppe im Land nach den Katholiken. "Unser vitales Interesse muss sein, diese zu fördern, ihnen zu helfen – auch mit Kirchen und Gebäuden", so Schönborn. Derzeit steht im Raum, die Kirche Neulerchenfeld in Wien-Ottakring an die serbisch-orthodoxen Gemeinde zu übergeben.
Wichtig sei auch, sich um die fremdsprachigen katholischen Gemeinden in Wien zu kümmern, betonte der Erzbischof: "Sie sind Teil unserer Zukunft, schließlich hat schon jetzt gut jeder vierte Katholik Migrationshintergrund."
Seitens der Pfarrgemeinden scheint die Zustimmung zu den jüngsten Aktivitäten der Diözesanleitung recht groß zu sein. An der derzeitigen Dritten Diözesanversammlung nehmen zumindest mehr Delegierte teil als an den beiden ersten. Auch Pfarren, die sich bisher ferngehalten hatten, sind diesmal vertreten.