Kardinal Schönborn würdigt Erfindung der Weltjugendtage
Jul 17, 2008
Interview zum Nachhören und weitere audivisiuelle Angebote rund um Sydney.
WIEN, 17. Juli 2008 (ZENIT.org).- „Starke Glaubenserfahrungen, starke Kirchenerfahrungen, starke Erfahrungen der Gemeinsamkeit des Glaubens“: Mit diesen Worten hat der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn die besondere Bedeutung der Weltjugendtage im Leben zahlreicher Menschen auf den Punkt gebracht.
Der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, der jetzt in Sydney mit dabei ist, wurde von Doris Frei, einer Mitarbeiterin von Radio Horeb, im Anschluss an eine Katechese über den Heiligen Geist interviewt. Kardinal Schönborn ging auf mehrere Fragen ein. Zum Thema Weltjugendtag verwies er auf die fruchtbaren Erfahrungen vieler junger Menschen und erklärte, dass diese Erfindung mit Sicherheit „eine ganze Generation geprägt“ habe.
„Und die, die dabei waren, haben wieder weitergewirkt, weitergeprägt. Ich bin überzeugt, dass war ein ganz wichtiger Impuls für die Kirche in dieser Wendezeit der beiden Jahrtausende.“
Das ganze Interview kann man sich auf kathTube anhören, das in Kooperation mit K-TV Direktübertragungen der Highlights vom Weltjugendtag anbietet. Wer nicht auch sehen, sondern nur hören will, der ist beim schon genannten „Radio Horeb“, bei Radio Maria Österreich und natürlich bei Radio Vatikan gut aufgehoben.
Tägliche Radioberichte aus Sydney bietet der Schweizer Sender Radio Gloria, tägliche Videobeiträge h2onews.
Wallfahrt nach Levoca - Fest Maria Heimsuchung
Jul 13, 2008
Wortlaut der Predigt von Kardinal Christoph Schönborn zum Fest Maria Heimsuchung bei der Wallfahrt nach Levoća (Slowakei) am 6. Juli 2008.
In jedem Ave Maria ist auch die Heimsuchung gegenwärtig, die Begegnung Marias und Elisabeths. Wir beginnen das "Ave Maria" mit dem Gruß des Engels an Maria: "Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum". Doch gleich nach dem Gruß des Engels folgt der Gruß Elisabeths: "Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes (Jesus)."
Täglich gedenken zahllose Menschen auf der ganzen Welt des heutigen Festgeheimnisses, ob sie daran denken oder nicht. Denn wie viele Ave Maria werden täglich gebetet! In jedem "Ave Maria" sprechen wir Maria mit dem Gruß an, mit dem Elisabeth sie begrüßt hat. Auch hier, in diesem berühmten Heiligtum der Mutter Gottes, grüßen wir Maria mit den Worten ihrer Verwandten Elisabeth: "Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes."
Betrachten wir diesen Gruß! Betrachten wir diese Szene, die das Evangelium uns heute vor Augen stellt. Beginnen wir mit der ganz natürlichen Ebene, ehe wir das übernatürliche Geheimnis dieser Begegnung meditieren.
Erstens: Zwei schwangere Frauen
Maria und Elisabeth begegnen einander. Zwei schwangere Frauen - zwei Frauen, die jede ein Kind unter dem Herzen tragen. Zwei Frauen, Trägerinnen neuen Lebens. So hat die Kunst sie dargestellt: Zwei schwangere Frauen begegnen einander, umarmen sich gegenseitig, küssen sich.
Es ist ein ganz schlichter, einfacher Vorgang, wie er oft vorkommt. Und doch ist es etwas Wunderbares! Das Geheimnis der Schwangerschaft! Das Wunder eines neuen Menschenlebens! Mich bewegt immer der Gedanken: wir alle, ohne Ausnahme, wir alle, die vielen Tausenden Pilger, die heute in Levoca zusammengekommen sind, waren im Schoß unserer Mütter, wurden von unseren Müttern unter dem Herzen getragen, wurden von ihnen, wie man auf Deutsch sagt, "ausgetragen", die volle Zeit der Schwangerschaft. Wir alle verdanken unser Leben dem "Ja" unserer Mütter. Manche haben lange gewartet und gehofft, bis sie ein Kind bekommen konnten, wie Elisabeth, die unfruchtbar war. Andere wurden unerwartet Mütter, waren erschrocken, als sie merkten, dass sie schwanger waren. Sie machten sich Sorgen: Wie wird das gehen? Wie werden wir das schaffen? Aber sie sagten dann doch "ja" zum Kind, das sie empfangen hatten. Sie vertrauten dann doch auf Gott: Er wird helfen! Seine Gnade wird nicht fehlen! Und so sagten sie "ja" zu ihrem Kind und zu ihrer Mutterschaft!
Heute, am Fest der Heimsuchung Mariens, dürfen wir allen unseren Müttern danken, dass sie zu uns "ja" gesagt haben, dass sie uns das Leben geschenkt haben. Elisabeth sagt zu Maria: "Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ." Ähnlich dürfen wir heute dankbar zu unseren Müttern sagen: Selig, die geglaubt, die vertraut hat, die "ja" gesagt hat zu dem Kind, das sie empfangen hatte.
Liebe Pilger! Ich lade sie heute auch ein, für die Mütter zu beten, die nicht "ja" gesagt haben zu dem Kind, das sie empfangen hatten und die es nicht zur Welt gebracht haben. Es sind in unserem heutigen Europa sehr viele, und es ist ein großes Drama, ein Tragödie. Es ist eine schmerzliche Wunde. Christus verurteilt keine Frau, die diese Sünde begangen hat. Christus hilft jedem, die Sünde zu bereuen und seine Barmherzigkeit und seine Vergebung zu erfahren. Wieviel Not, wieviel Leid, wieviel seelische Qualen, Selbstvorwürfe gibt es wegen der Sünde der Abtreibung! Ich lade Sie heute alle ein, für die Mütter zu beten, die nicht zu ihrem Kind "ja" gesagt haben, aus Sorge vor der Zukunft, aus Panik: "Wie soll das gehen?", aus welchen Gründen auch immer. Immer ist es eine tiefe Wunde, wenn eine Mutter ihr eigenes Kind nicht annehmen kann. Immer aber ist Jesus bereit, ihr zu verzeihen, wenn sie es bereut und Ihn, den Barmherzigen Heiland, um Verzeihung bittet.
Liebe Pilger! Maria und Elisabeth hatten tiefe Freude, einander zu begegnen mit ihren Kindern unter dem Herzen. Maria kam eilends zu Elisabeth ins Bergland von Judäa, um ihrer älteren Verwandten zu helfen. Elisabeth war ja schon im 6. Monat schwanger. Wie wichtig ist das, dass auch heute die Mütter einander helfen, und auch die Väter und die Familien. Viele Menschen haben heute nicht mehr die Hilfe einer großen Familie, wo es viele Kinder, die Eltern, die Großeltern, die Verwandten gab, wo die Familie ein Sicherheits-Netz war, das den Einzelnen auffangen konnte, wenn es Schwierigkeiten gab. Heute leben viele von Ihnen in Kleinstfamilien, in "Pannelaki", in großen anonymen Wohnblocks, wo wenig Platz für Kinder ist. Meist müssen Mann und Frau arbeiten. Da kann man verstehen, dass eine unerwartete Schwangerschaft Schrecken auslöst: "Wie werden wir das schaffen?" Dann ist die Versuchung groß, das Kind abtreiben zu lassen.
Maria kam, um Elisabeth zu helfen. Auch wir sind heute herausgefordert, zu helfen. Es ist leicht, gegen die Abtreibung zu sein. Es ist auch richtig, gegen die Abtreibung zu sein. Aber das genügt nicht. Die selige Mutter Teresa von Kalkutta hat immer gesagt: "Tötet die Kinder nicht, gebt sie mir!" Sie hat nicht verurteilt, sondern geholfen. Viele, viele Tausende Kinder hat Mutter Teresa so gerettet. Und vielen Eltern in der ganzen Welt, die keine Kinder haben konnten, hat sie es ermöglicht, Kinder adoptieren zu können.
Mein großer Vorgänger Kardinal König hat 1975 den "Hilfsfonds für Schwangere in Not" gegründet, als positive Maßnahme gegen die neue Abtreibungsgesetzgebung. In den über 30 Jahren seiner Existenz konnte vielen Tausenden Müttern in schwierigen Situationen geholfen werden, sodaß sie nicht abgetrieben haben und zu ihrem Kind ja sagen konnten.
Nicht richten und urteilen, sondern klug und praktisch helfen: das können wir alle tun, damit möglichst viele Mütter zu dem Kind, das sie empfangen haben, "ja" sagen können. Dazu gebe uns die Mutter Gottes Ermutigung und Hilfe, die ihrer Verwandten Elisabeth zu Hilfe geeilt ist.
Zweitens: Christus im Herzen tragen
Die Begegnung der beiden heiligen Frauen ist aber auch ein übernatürliches Geheimnis. Maria trägt Christus unter ihrem Herzen. Ihr Kind ist Jesus, der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes (vgl. Mt 16,18). Sie bringt das Kind, das der menschgewordene Gott ist, zu ihrer Verwandten Elisabeth. Das Kind, das Elisabeth erwartet, das schon im 6. Monat ist, bewegt sich kräftig im Schoß Elisabeths. Es "hüpft" vor Freude. Es spürt das Kommen "der Mutter meines Herrn".
Maria bringt Gott zu uns. Sie wird deshalb die "Bundeslade" genannt. Denn im Alten Testament war die Bundeslade der Ort der Gegenwart Gottes. Sie enthielt die Tafeln des Gesetzes, das Gott dem Mose gegeben hatte. "Wer bin ich, dass die Lade meines Herrn zu mir kommt?" fragt König David ganz ergriffen, als die Bundeslade zu ihm gebracht wird (vgl. 2 Sam 6,9). Elisabeth fragt ganz ähnlich: "Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?" (Lk 1,43).
Auch wir staunen, mit König David, mit Elisabeth: "Wer bin ich, dass die Lade, die Mutter meines Herrn, zu mir kommt?" Wie habe ich es verdient, dass Du, Mutter meines Herrn, zu mir armem Sünder kommst? Seit Maria Christus, den Erlöser, empfangen hat, hört sie nicht auf, zu uns Menschen zu kommen und ihren Sohn Jesus zu uns zu bringen.
Liebe Pilger! Ist es nicht etwas Wunderbares, dass Maria, die Mutter unseres Herrn, zu allen Völkern der Erde kommt? Gibt es ein Land auf Erden, wo sie nicht verehrt und geliebt wird? Jedem Volk ist sie nahe. Kein Volk ist für sie verachtet, wertlos. Heute darf ich als Erzbischof von Wien mit Ihnen Maria danken, für die vielen Zeichen ihrer Nähe und Hilfe! Ich erinnere an den Mitteleuropäischen Katholikentag in Mariazell im Jahre 2004, als viele Pilger aus acht Mitteleuropäischen Ländern zusammenkamen. Ich erinnere an das Heiligtum von Kleinmariazell bei Wien, wo wir vor einigen Monaten mit Ihrem Bischof Tondra die Erhebung zur Basilika feiern konnten. Überall erfahren die Menschen "die Heimsuchung Mariens", ihre Nähe, ihre mütterliche Liebe.
Liebe Pilger! Es bewegt mich, dass ich heute mit ihnen Maria danken kann. Ich bin gestern in die Slowakei gereist - ohne Grenze! Wie genau erinnere ich mich an den "Eisernen Vorhang"! An die schrecklichen Grenzkontrollen der kommunistischen Staaten. Heute gibt es nicht einmal mehr Grenzposten. Europa wächst zusammen. Ich bin darüber sehr froh und dankbar. Auch wenn es so manche Schwierigkeit gibt, manche Sorgen über die weitere Entwicklung der europäischen Integration. Aber eines ist sicher: Niemand verbindet die Menschen mehr als Maria. Denn sie bringt Jesus zu allen Völkern, zu allen Menschen. Deshalb ist das "Europa der Marienheiligtümer" eine solche Hoffnung: von Fatima bis Levoca - Maria versammelt ihre Kinder und lädt sie ein zur Versöhnung, zum Frieden, zur gegenseitigen Hilfe. Gehen wir unter Marias Schutz und Schirm den Weg der Völkerverständigung! Bitten wir Maria um ihre Hilfe, damit in Europa das Ja zum Leben wieder stark und kraftvoll wird!
Maria, Du Königin des Friedens, bitte für uns!
9. Katechese: Barmherzigkeit für alle?
Jul 13, 2008
Wortlaut der 9. Katechese 2007/08 von Kardinal Christoph Schönborn am Sonntag, 8. Juni 2008, im Dom zu Stephan.
Jesus,
könnte ich doch allen Menschen sagen,
wie unaussprechlich groß
deine barmherzige Liebe ist.
Würdest du eine schwächere,
eine kleinere Seele finden als mich
- was mir zwar unmöglich scheint -,
so hättest du dein Wohlgefallen daran,
sie mit noch größeren Gnaden zu überhäufen,
wenn sie sich nur mit vollem Vertrauen
deiner unendlichen Barmherzigkeit überließe.
Aber warum soll ich danach verlangen,
die Geheimnisse deiner Liebe mitzuteilen,
Jesus, hast nicht du allein sie mich gelehrt?
Kannst du sie nicht
Auch den anderen offenbaren?
Ja, ich weiß, du kannst es,
und ich beschwöre dich, es zu tun.
(Gebet der Kl. Hl. Theresia, Ms B, Selbstbiographische Schriften S. 207f.)
Die letzte Betrachtung unseres katechetischen Weges durch das Thema der unerschöpflichen göttlichen Barmherzigkeit gilt dem Ende, dem "Endspiel": Wird es für alle Barmherzigkeit geben? Wird die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes sich an den Grenzen menschlicher Bosheit oder Verschlossenheit als begrenzt erweisen? Wird Gottes Barmherzigkeit doch nicht alle Menschen erreichen, obwohl sie allen Menschen gilt? Das Jüngste Gericht wird der Sieg von Gottes Gerechtigkeit sein. Wird es auch der Sieg von Gottes Barmherzigkeit sein? Wenn Gottes Gerechtigkeit bedeutet, dass wir Menschen auch die Möglichkeit haben, uns für immer und ewig vor Gott verschließen zu können - genau das bedeutet "Hölle" - bleibt dann Gottes Barmherzigkeit auf der Strecke? Wie sähe ein Himmel aus, der seine Seligkeit mit der Hölle anderer verbinden müsste? Was bleibt dann von der Barmherzigkeit? Könnte eine Mutter den Himmel "genießen", wenn ihr Kind in der Hölle wäre? Und selbst wenn eine Mutter so sehr ihr Kind vergessen könnte, wie der Prophet Jesaja sagt, Gott könnte sein Kind, sein Geschöpf, das er geschaffen hat, niemals vergessen. Könnte Er, der nicht gezögert hat, seinen eigenen Sohn zu unserer Rettung zu geben, es ertragen, dass eines seiner Kinder für immer verloren geht (vgl. Jes 49,15; Röm 8,32)? Oder sind hier unsere Vorstellungen zu "menschlich", zu "irdisch"? Was wissen wir schon von der ewigen Seligkeit? Was wissen wir von den letzten, tiefsten Geheimnissen? Müssen wir nicht vor den "letzten Dingen", vor dem unfassbaren Geheimnis Gottes, wie Hiob es am Schluss tat, den Finger auf den Mund legen und schweigen (vgl. Ijob 40,5)?
Wir müssen versuchen, auf das Wort Gottes zu hören, die Lehre der Apostel zu befragen, die Erfahrung der Kirche, besonders der Heiligen anzuschauen um zumindest wenn schon das Ziel dieses Weges geheimnisvoll verborgen bleibt, wenigstens den Weg zum Ziel hin müssen wir kennen.
I.
Eine Perikope aus dem Matthäusevangelium (Mt 9,9-13) weist uns diesen Weg. Jesus beruft den Zöllner Matthäus, auch Levi genannt. Das Gastmahl mit den Zöllnern und Sündern provoziert die Frommen. Jesu Antwort auf ihre Fragen lautet: "Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten."
Es ist klare, eindeutige Lehre der Kirche, dass Gott das Heil aller Menschen will. Paulus sagt es ausdrücklich: "Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen." Und er fügt als Begründung hinzu: "Denn es gibt nur einen Gott und einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, den Menschen Jesus Christus, der sich selbst als Lösegeld für alle dahingegeben hat" (1 Tim 2,4 f.). Petrus spricht ebenso: "Gott will nicht, dass jemand verlorengeht, sondern dass alle sich bekehren" (2 Petr 3,9). Es ist keine Frage: Gott will das Heil aller Menschen.
C.S. Lewis sagt über seinen "geistlichen Vater", den schottischen Dichter George Mac Donald: "Er hoffte wirklich, dass alle Menschen einmal gerettet werden, aber das nur, weil er hoffte, dass sich alle bekehren. Er weiß (und keiner weiß es besser), dass selbst die Allmacht keinen Unbekehrten erlösen kann" (Die Weisheit meines Meisters. Anthologie aus George Mac Donald, Einsiedeln 1986, S. 17). Ist es also doch eine Barmherzigkeit mit Bedingungen? "Wenn - dann" - wie Eltern ihren Kindern sagen: "Wenn du brav bist, dann darfst du, je nach Alter, ins Kino oder in den Prater gehen." Ist Barmherzigkeit also doch nicht unbedingt? Ist sie durch unsere Begrenztheit begrenzt, bedingt durch unsere Halbheiten? Wer kann da noch auf Barmherzigkeit hoffen, wenn sie so sehr abhängt von meiner Bekehrung?
Wenn ich nur gerettet werde im Falle meiner Bekehrung - ist denn nicht auch die Bekehrung Gnade, und eben nicht mein Verdienst? Wenn aber die Bekehrung die Voraussetzung für Gottes Barmherzigkeit ist, und die Bekehrung andererseits ein Geschenk der Gnade und Barmherzigkeit Gottes ist - sind wir dann nicht wieder in einem "circulus vitiosus"? Anders gefragt: Wer bekommt die Gnade der Bekehrung? Der, der es verdient hat? Aber kann ich das verdienen? Oder der, dem Gott es schenkt? Aber warum schenkt er die Gnade der Bekehrung dem einen und dem anderen nicht? Gibt es so etwas wie eine Vorherbestimmung, eine Prädestination? Ist Gottes Barmherzigkeit eine willkürliche Zuteilung? Er erbarmt sich, wessen er sich erbarmen will - und entzieht sein Erbarmen, wem er es eben vorenthält? Spricht nicht der Apostel Paulus selber eindeutig von einer solchen Voraus- und Vorherbestimmung? "Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind; denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der erstgeborene von vielen Brüdern sei. Die aber, die er vorausbestimmt hat, hat er auch berufen, und die er berufen hat, hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht" (Röm 8,29-30). Und was ist mit den anderen? Sind sie einfach die "massa damnata", jene viel größere Zahl an Seelen, die für immer verlorengehen, wie es viele Theologen und Prediger angenommen haben? Nicht wenige haben so gedacht, dass viel mehr Menschen in der Hölle sind als im Himmel, während nur eine Schar von Auserwählten zum Himmel gelangt.
Der Heilige Augustinus schreibt dazu etwas, was für uns doch schwer zu verkraften ist: "Die gesamte Masse (der Menschheit) verdient die Strafe, und wenn sämtlichen die geschuldete Qual der Verdammnis zuteil würde, so geschähe dies sicherlich nicht zu Unrecht. Welche somit durch Gnade daraus befreit werden, heißen nicht Gefäße ihrer eigenen Verdienste, sondern "Gefäße des Erbarmens" (Röm 9,23). Wessen Erbarmens? Dessen, der Christus Jesus in diese Welt sandte, um Sünder gerecht zu machen (1 Tim 1,15); der sie vorauserkannte und vorausbestimmte (praedestinavit) und berief und rechtfertigte und verherrlichte (Röm 8,29 f.). Wer also wäre derart mit Tollheit geschlagen, dass er nicht unendlichen Dank der Barmherzigkeit dessen sagte, der, die er wollte, befreite, und keinesfalls die Gerechtigkeit dessen beschuldigen könnte, der alle ausnahmslos verdammt hatte?" (De natura et gratia 5, zitiert nach Hans Urs von Balthasar, Kleiner Diskurs über die Hölle, Einsiedeln 31999, S. 40).
In diesem Text ist eine für uns heute schwer verständliche Weisheit klar und sicher ausgedrückt: dass wir alle der Rettung, der Erlösung bedürfen. "Es gibt keinen Unterschied", sagt Paulus, "denn alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren" (Röm 3,22f.). "Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen" (Röm 11,32). Paulus wiederholt hier nur, was Jesus selber seinen erschreckten Jüngern sagt. Nach der Belehrung über die Ehe und ihre Unauflöslichkeit, über die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen, über die Schwierigkeit, als Reicher ins Reich Gottes zu gelangen, reagieren die Apostel schockiert: "Wer kann da noch gerettet werden?" Jesu Antwort ist so absolut, dass sie keine Ausnahme zulässt: "Für Menschen ist das unmöglich. Für Gott aber ist alles möglich" (Mt 19,3-26).
Ausnahmslos unmöglich und ausnahmslos möglich - das ist wohl der Punkt an der christlichen Lehre, der heute am fremdesten geworden ist. Ich bin absolut erlösungsbedürftig. Wie keiner sich selber das Leben geben kann, so kann keiner sich selber das ewige Leben geben. Weder Leistung noch Bemühen können den Himmel verdienen. Das heißt aber: Ohne sein Erbarmen bin ich hoffnungslos verloren.
Aber ist das nicht der alte "Pfaffentrick"? Zuerst macht man den Leuten die Hölle heiß, droht ihnen mit allen möglichen Qualen, mit ewigen Höllenstrafen, um sie dann zur Bekehrung aufzurufen und Gottes gnädige Barmherzigkeit in die verängstigten Herzen hineinzupredigen?
Ich hoffe, es ist anders. Mit der Höllenpredigt wurde sicher viel Schlimmes angerichtet. Heute droht die andere Gefahr: dass wir unsere eigene Gefährdung nicht mehr wahr nehmen, dass wir nicht mehr spüren, dass unser ewiges Heil gefährdet ist. Früher wurde sie durch Höllendrohung und den drastisch ausgemalten Ernst der Todsünde ins Bewusstsein gebracht. Im Stift Vorau (Steiermark) findet sich zum Beispiel in der Sakristei das erschreckende Gemälde vom jüngsten Gericht. Jeder Priester muss an diesem Bild vorbei, bevor er in der Kirche die Heilige Messe feiert. Immer sollte er sich daran erinnern, dass er sich, wie Paulus uns mahnt: "Wer isst und trinkt, isst und trinkt sich das Gericht, wenn er den Leib [des Herrn] nicht unterscheidet" (1 Kor 11,29 wörtl.). In der Sixtina wählen die Kardinäle im Blick auf das Jüngste Gericht von Michelangelo den Papst und bekennen in ihrer Eidesformel, dass sie ihre Wahlentscheidung im Angesicht Gottes treffen, "qui me iudicaturus est" ("der mich einmal richten wird").
II.
Das Gericht schreckt heute nicht mehr. Viel mehr bewegt heute wohl die Frage nach der Gerechtigkeit in dieser Welt. Die Frage des Gerichts nach dem Tod lässt eher kalt. Die Frage des innerweltlichen Gerichts ist viel stärker geworden. Wie Gott so viel Unrecht, Ungerechtigkeit und Leid in dieser Welt zulassen kann, bewegt die Herzen viel tiefer als die Frage, was mit den großen Unrechtstätern nach ihrem Tod geschieht. Papst Benedikt schreibt in seiner zweiten Enzyklika "Spe salvi" ("Durch Hoffnung sind wir gerettet") hierzu großartig:
"Der Ausblick auf das Gericht hat die Christenheit von frühester Zeit an als Maßstab des gegenwärtigen Lebens, als Forderung an ihr Gewissen und zugleich als Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit bis in das alltägliche Leben hinein bestimmt … In der Gestaltung der christlichen Kirchenbauten,… wurde es üblich, an der Ostseite den königlich wiederkommenden Herrn - das Bild der Hoffnung - darzustellen, an der Westseite aber das Weltgericht als Bild der Verantwortung unseres Lebens, das die Gläubigen gerade auf ihrem Weg in den Alltag hinaus anblickte und begleitete" (n. 41).
Der Heilige Vater sieht einen tiefen Umbruch in der Neuzeit:
"Der Gedanke an das Gericht verblasst: Der christliche Glaube wird individualisiert und vor allem auf das eigene Seelenheil ausgerichtet; die Betrachtung der Weltgeschichte wird stattdessen weitgehend vom Fortschrittsgedanken geprägt. Dennoch ist der tragende Gehalt der Gerichtserwartung nicht einfach verschwunden … Eine Welt, in der ein solches Ausmaß an Ungerechtigkeit, an Leid der Unschuldigen und an Zynismus der Macht besteht, kann nicht Werk eines guten Gottes sein. Der Gott, der diese Welt zu verantworten hätte, wäre kein gerechter und schon gar nicht ein guter Gott … So schien es, da kein Gott ist, der Gerechtigkeit schafft, dass nun der Mensch selbst gerufen ist, die Gerechtigkeit herzustellen … Dass daraus erst die größten Grausamkeiten und Zerstörungen des Rechts folgten, ist kein Zufall, sondern in der inneren Unwahrheit dieses Anspruchs begründet. Eine Welt, die sich selbst Gerechtigkeit schaffen muss, ist eine Welt ohne Hoffnung. Niemand und nichts antwortet auf das Leiden der Jahrhunderte. Niemand und nichts bürgt dafür, dass nicht weiter der Zynismus der Macht, unter welchen ideologischen Verbrämungen auch immer, die Welt beherrscht" (Nr. 42).
Die Lügen dieser Ideologien, die die innerweltliche Gerechtigkeit mit Gewalt erzwingen wollte, ist vor allem dann deutlich, wenn man die Leiden von Millionen von Menschen ist vor allem dadurch als Lüge entlarvt, dass sie zeigt, dass das Leid des Einzelnen in dieser Sicht keine Platz hat. Im Kommunismus hat man gesagt: Wo gehobelt wird, fliegen eben Späne. Aber das Leiden derer, die da unter die Räder der Geschichte gekommen sind, für die gibt es keine Hoffnung und keine Gerechtigkeit. Denn was nützt es den Opfern, wenn es vielleicht einmal eine bessere Zukunft gibt, aber sie selber ohne Gerechtigkeit bleiben?
"Ich bin überzeugt", schreibt Papst Benedikt, "dass die Frage der Gerechtigkeit das eigentliche, jedenfalls das stärkste Argument für den Glauben an das ewige Leben ist" (Spe salvi Nr. 43). Das Unrecht darf in der Geschichte nicht das letzte Wort haben." Nur Gott kann Gerechtigkeit schaffen. Und der Glaube gibt die Gewissheit: "Er tut es" (Spe salvi Nr. 44). Das ist das wunderbare an der Idee, an dem Glauben an das Jüngste Gericht. Er wird auch den Schrei der Leidenden, der Gefangenen, der Gequälten nicht verhallen lassen. Das Bild des letzten Gerichts ist nicht zuerst ein Schreckens-, sondern ein Hoffnungsbild. Furcht-Bild? Ja, auch, aber mehr noch "ein Bild der Verantwortung"! Ich denke, eine der ganz großen Herausforderungen unserer Zeit ist es, das Gericht wieder in Erinnerung zu rufen, um die Verantwortung in Erinnerung zu rufen. Wir werden einmal Rechenschaft geben müssen. Auch über die Ungerechtigkeiten unserer Zeit, an denen wir mitschuldig sind.
"Gott ist Gerechtigkeit und schafft Gerechtigkeit. Das ist unser Trost und unsere Hoffnung", sagt der Papst. "Aber in seiner Gerechtigkeit ist zugleich Gnade…" - Wie ist das Verhältnis der beiden?
Gnade, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit - Der Heilige Vater sagt: "Die Gnade löscht die Gerechtigkeit nicht aus. Sie macht das Unrecht nicht zu Recht. Sie ist nicht ein Schwamm, der alles wegwischt, so dass am Ende dann eben doch alles gleichgültig wird, was einer auf Erden getan hat. Gegen eine solche Art von Himmel und von Gnade hat zum Beispiel Dostojewski in seinen "Brüdern Karamasow" mit Recht Protest eingelegt. Die Missetäter sitzen am Ende nicht neben den Opfern in gleicher Weise an der Tafel des ewigen Hochzeitsmahls, als ob nichts gewesen wäre…"
Der Heilige Vater erinnert daran: "Was wäre das für eine Barmherzigkeit, wenn sie einfach über alles Leid und Unrecht hinwegginge? Das Gericht Gottes ist Hoffnung, sowohl weil es Gerechtigkeit, wiewohl weil es Gnade ist. Wäre es bloß Gnade, die alles Irdische vergleichgültigt, würde uns Gott die Frage nach der Gerechtigkeit schuldig bleiben - die für uns entscheidende Frage an die Geschichte und an Gott selbst. Wäre es bloß Gerechtigkeit, würde es für uns alle am Ende nur Furcht sein können" (Spe salvi Nr. 47).
Auch wenn die Neuzeit den Gedanken an das Gericht ins Innerweltliche verlagert hat, die schrecklichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts haben gezeigt, dass wir uns der Frage nach dem göttlichen Gericht nicht entziehen können. Wie aber stehen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit im Angesicht des Gerichtes Gottes zueinander? Hören wir nochmals Papst Benedikt XVI:
45. …Die Lebensentscheidung des Menschen wird mit dem Tod endgültig," - so war es immer kirchliche Lehre - "dieses sein Leben steht vor dem Richter. Sein Entscheid, der im Lauf des ganzen Lebens Gestalt gefunden hat, kann verschiedene Formen haben. Es kann Menschen geben, die in sich den Willen zur Wahrheit und die Bereitschaft zur Liebe völlig zerstört haben. Menschen, in denen alles Lüge geworden ist; Menschen, die dem Hass gelebt und die Liebe in sich zertreten haben. Dies ist ein furchtbarer Gedanke, aber manche Gestalten gerade unserer Geschichte lassen in erschreckender Weise solche Profile erkennen. Nichts mehr wäre zu heilen an solchen Menschen, die Zerstörung des Guten unwiderruflich: Das ist es, was mit dem Wort "Hölle" bezeichnet wird." - Kein Zweifel, die Kirche hat immer gelehrt, dass es diese Möglichkeit gibt, auch wenn die Kirche nie von einem bestimmten Menschen gesagt hat, dass er in der Hölle sei. - "Auf der anderen Seite kann es ganz reine Menschen geben, die sich ganz von Gott haben durchdringen lassen und daher ganz für den Nächsten offen sind - Menschen, in denen die Gottesgemeinschaft jetzt schon all ihr Sein bestimmt und das Gehen zu Gott nur vollendet, was sie schon sind."
Wo stehe ich selber? Wahrscheinlich schätze ich mich selber ein, und ich vermute, die meisten von Ihnen auch, irgendwo in der Mitte. Dass die Liebe in mir völlig erstorben sei, dass das Böse von mir völlig Macht ergriffen hat, das will ich wahrhaft nicht hoffen. Dass die Liebe in mir völlig rein sei, dass "sie mich durch und durch prägt", so wie der Heilige Vater es sagt, das wage ich von mir nicht zu behaupten. Wie sieht es wohl für die meisten Menschen aus?
46. Aber weder das eine noch das andere ist nach unseren Erfahrungen der Normalfall menschlicher Existenz. Bei den allermeisten - so dürfen wir annehmen - bleibt ein letztes und innerstes Offenstehen für die Wahrheit, für die Liebe, für Gott im tiefsten ihres Wesens gegenwärtig. Aber es ist in den konkreten Lebensentscheidungen überdeckt von immer neuen Kompromissen mit dem Bösen - viel Schmutz verdeckt das Reine, nach dem doch der Durst geblieben ist und das doch auch immer wieder über allem Niedrigen hervortritt und in der Seele gegenwärtig bleibt. Was geschieht mit solchen Menschen, wenn sie vor den Richter hintreten? Ist all das Unsaubere, das sie in ihrem Leben angehäuft haben, plötzlich gleichgültig?" (Spe salvi Nr. 46).
Der Heilige Vater bietet hier eine großartige Zusammenfassung der kirchlichen Lehre vom Fegfeuer, vom "Purgatorium", die sich als tröstlich und wunderschön erweist. Das Feuer, von dem der Apostel Paulus spricht, durch das unser Lebenswerk hindurch muss, wenn wir sterben, dieses Feuer ist Christus selber (vgl. 1 Kor 3,12-15). Es sind starke Worte des Heiligen Vaters, die ich hier zitiere und ihn so gewissermaßen bitte, die Abschlusskatechese zu halten. Er schreibt weiter:
"47. … Die Begegnung mit ihm ist es, die uns umbrennt und freibrennt zum Eigentlichen unserer selbst. Unsere Lebensbauten können sich dabei als leeres Stroh, als bloße Großtuerei erweisen und zusammenfallen. Aber in dem Schmerz dieser Begegnung, in der uns das Unreine und Kranke unseres Daseins offenbar wird, ist Rettung. Sein Blick, die Berührung seines Herzens heilt uns in einer gewiss schmerzlichen Verwandlung "wie durch Feuer hindurch". Aber es ist ein seliger Schmerz, in dem die heilige Macht seiner Liebe uns brennend durchdringt, so dass wir endlich ganz wir selber und dadurch ganz Gottes werden. So wird auch das Ineinander von Gerechtigkeit und Gnade sichtbar: Unser Leben ist nicht gleichgültig, aber unser Schmutz befleckt uns nicht auf ewig, wenn wir wenigstens auf Christus, auf die Wahrheit und auf die Liebe hin ausgestreckt geblieben sind. Er ist im Leiden Christi letztlich schon verbrannt. Im Augenblick des Gerichts erfahren und empfangen wir dieses Übergewicht seiner Liebe über alles Böse in der Welt und in uns. Dann dieser wunderbare Satz: Der Schmerz der Liebe wird unsere Rettung und unsere Freude sein."
In diesem Sinn ist das Purgatorium ein Bild der Hoffnung, um vieles hoffnungsvoller als die Idee der Reinkarnation, der vielen Wiedergeburten, die sich bei uns enorm verbreitet. Danach muss der Mensch selber durch viele Wiedergeburten die Last seines Karmas, seiner angehäuften Schuldberge abtragen. Dagegen zeigt die Glaubenslehre vom Fegfeuer ein hoffnungsvolles Bild.
Aber neben diesem Hoffnungsbild bleibt die Frage der Hölle, sie ist ein dunkles Mysterium. Ja, es gibt die unheimliche Wirklichkeit der in sich zertretenen Liebe, des alles durchprägenden Hasses. Es gibt diese unwiderrufliche Zerstörung des Guten. Dabei kommen uns Namen in den Sinn, wie Stalin und Pol Pot, Hitler und Himmler. Aber auch sie hatten Mütter, vielleicht fromme Mütter (Stalin sicher). Auch für sie ist Christus gestorben, hat er sein Leben hingegeben. Wären es viele, die diese "Hölle" gewählt hätten? Dachte die augustinische Tradition an eine große Menge, die Mehrheit der Menschen, so ist heute unser spontaner Gedanken: Es ist sicher nur eine kleine Zahl. Doch nicht die Zahl entscheidet, sondern das Faktum, dass es diese Möglichkeit gibt. Die große Frage ist, wie dieses Faktum mit der Barmherzigkeit Gottes zusammengeht.
Dazu sei noch einmal in Erinnerung gerufen: Nie hat die Kirche sozusagen mit "dogmatischer Gewissheit" verkündet, jemand Bestimmter sei in der Hölle. Auch von Judas wird das nicht ausdrücklich gelehrt. Dagegen hat die Kirche über viele mit Bestimmtheit gesagt, sie sind im Himmel. Die Heiligsprechung beansprucht einen hoher Grad an Verbindlichkeit.
III.
Gehen wir noch einmal davon aus, dass es Gewissheit unseres Glaubens ist, dass Gott seinen Sohn nicht in die Welt gesandt hat, um sie zu richten, sondern, um sie zu retten (Joh 3,17). Wenn das das Innerste der Sendung Jesu ist, dann ist es nicht verwunderlich, dass die Heiligen in der Liebe Christi ganz Ähnliches wollten: retten, nicht richten. Ich nenne nur ein Beispiel unter vielen: In seinem "Kleinen Diskurs über die Hölle" bringt Hans Urs von Balthasar einen Text der Heiligen Katharina von Siena. Ich habe ihm den damals geschickt, und er sagte zu: "Diese heiligen Frauen, die an Augustinus vorbei evangelisch gebetet haben…" Katharinas Biograph, der selige Raymund von Capua, ihr Beichtvater, hat folgendes von ihr berichtet:
"Wäre ich ganz vom Feuer der göttlichen Liebe entbrannt, bäte ich dann nicht mit brennendem Herzen meinen Schöpfer, den wahrhaft Barmherzigen, all meinen Brüdern Barmherzigkeit zu erweisen?" Sie sprach mit leiser Stimme zu ihrem Bräutigam und sagte ihm: "Wie könnte ich denn, Herr, mich damit abfinden, dass ein einziger von denen, die Du wie mich nach Deinem Bild und Gleichnis geschaffen hast, verlorenginge und Deinen Händen entglitte? Nein, auf gar keinen Fall will ich einen einzigen meiner Brüder zugrundegehen sehen, einen einzigen derer, die mir durch eine gleiche Geburt zur Natur und zur Gnade geeint sind. Ich will, - typisch Katharina, so hat sie mit Gott geredet - dass sie alle dem alten Feind entrissen seien, dass Du sie alle zur Ehre und zur größeren Verherrlichung Deines Namens gewinnst." Der Herr erwiderte ihr, wie sie Raymund heimlich bekannte: "Die Liebe kann sich in der Hölle nicht halten, sie würde die Hölle völlig vernichten; leichter höbe man sie auf, als dass man die Liebe in der Hölle hausen ließe." Dann antwortet Katharina an Jesus: "Wenn nur Deine Wahrheit und Deine Gerechtigkeit sich offenbarten", "so begehrte ich, dass es keine Hölle mehr gäbe oder zumindest keine Seele dorthin geriete. Könnte ich Dir in Liebe vereint bleiben und mich dabei vor den Eingang der Hölle aufstellen und sie derart verschließen, dass niemand mehr darin eintreten könnte, so wäre das die höchste meiner Freuden, denn so würden alle, die ich liebe, gerettet." (Balthasar, Kleiner Diskurs über die Hölle 27).
Dieser Text hat Hans Urs von Balthasar zu Recht begeistert. Einen zweiten großen zitiert Balthasar in seinem kleinen Büchlein "Traktat über die Hölle" als Schluss. Eine andere heilige Frau, Theresia Benedikta a Cruce, die selge Edith Stein geht damit in den 1930er Jahren ganz tief in das Geheimnis der Frage ein, wie Gott mit dem widerständigen Willen umgeht, wenn die menschliche Freiheit Gottes Gnade und Barmherzigkeit widersteht, Gott kann sie nicht zwingen, und nicht brechen. Edith Stein sagt, Gott kann die menschliche Freiheit überlisten. Es gibt eine letzte Möglichkeit Gottes, ohne die menschliche Freiheit zu vergewaltigen ihr von innen her das Tor der Gnade und der Barmherzigkeit zu öffnen. Dies ist sicher ein letztes Geheimnis. (vgl. Welt und Person, Freiburg 1962, 158 ff.).
IV.
In einer anderen Stelle aus dem Werk der heiligen Edith Stein, wird aufs Genaueste das zusammengefasst, was ich in dieser Katechese zu entwickeln versuchte:
"Wir suchten zu verstehen, welchen Anteil die Freiheit am Werk der Erlösung hat. Dazu reicht es nicht aus, wenn man die Freiheit allein ins Auge fasst. Man muss ebenso prüfen, was die Gnade vermag, und ob es auch für sie eine absolute Grenze gibt. Das sahen wir schon: die Gnade muss zum Menschen kommen. Von sich aus kann sie bestenfalls bis ans Tor kommen, aber niemals sich den Eintritt erzwingen. Und weiter: sie kann zu ihm kommen, ohne dass er sie sucht, ohne dass er sie will. Die Frage ist, ob sie ihr Werk ohne seine Mitwirkung vollenden kann. Es schien uns, dass diese Frage verneint werden muss. Das ist ein schwerwiegendes Wort. Denn offenbar liegt darin, dass Gottes Freiheit, die wir Allmacht nennen, an der menschlichen Freiheit eine Grenze findet. Die Gnade ist der Geist Gottes, der sich zur Seele des Menschen herabsenkt. Sie kann darin keine Stätte finden, wenn sie nicht frei darin aufgenommen wird. Das ist eine harte Wahrheit. Sie besagt - außer der erwähnten Schranke der göttlichen Allmacht - die prinzipielle Möglichkeit eines Sichausschließens von der Erlösung und dem Reich der Gnade. Sie besagt nicht eine Grenze der göttlichen Barmherzigkeit. Denn wenn wir uns auch nicht dem Faktum verschließen können, dass für Unzählige der zeitliche Tod kommt, ohne dass sie der Ewigkeit einmal ins Auge gesehen haben und das Heil für sie zum Problem geworden ist; dass weiterhin viele sich zeitlebens um das Heil bemühen, ohne der Gnade teilhaftig zu werden - so wissen wir doch nicht, ob nicht für alle diese an einem jenseitigen Ort die entscheidende Stunde kommt, und der Glaube kann uns sagen, dass es so ist. Die allerbarmende Liebe also kann sich zu jedem herabneigen. Wir glauben, dass sie es tut. Und nun sollte es Seelen geben, die sich ihr dauernd verschließen? Als prinzipielle Möglichkeit ist das nicht abzulehnen. Faktisch kann es unendlich unwahrscheinlich werden. Eben durch das, was die vorbereitende Gnade in der Seele zu wirken vermag. Sie kann nur eben anklopfen, und es gibt Seelen, die sich ihr schon auf diesen leisen Ruf hin öffnen. Andere lassen ihn unbeachtet. Dann kann sie sich in die Seelen einschleichen und sich mehr und mehr darin ausbreiten. Je größer der Raum ist, den sie so illegitimer Weise einnimmt, desto unwahrscheinlicher wird es, dass die Seele sich ihr verschließt. Sie sieht nun die Welt schon im Lichte der Gnade. Sie erblickt das Heilige, wo es ihr begegnet und fühlt sich davon angezogen. Sie bemerkt ebenso das Unheilige und wird davon abgestoßen, und alles andere verblasst gegenüber diesen Qualitäten. Dem entspricht in ihrem Innern eine Tendenz, sich im Sinne der Gnade, der ihr eigenen Vernunft gemäß und nicht mehr der natürlichen oder der des Bösen zu verhalten. Folgt sie diesem innern Drange, so unterwirft sie sich damit implicite der Herrschaft der Gnade. Es ist möglich, dass sie das nicht tut. Es bedarf dann einer eigenen gegen den Einfluss der Gnade gerichteten Aktivität. Und diese Leistung der Freiheit bedeutet eine größere Anspannung, je mehr sich die vorbereitende Gnade in der Seele ausgebreitet hat. Diese Abwehrtätigkeit stützt sich - wie alle freien Akte - auf ein andersgeartetes Fundament, etwa auf natürliche Impulse, die neben denen der Gnade noch in der Seele wirksam sind.
Je mehr Boden die Gnade dem, was vor ihr die Seele erfüllte, abgewinnt, desto mehr entzieht sie den gegen sie gerichteten Akten. Und für dieses Verdrängen gibt es keine prinzipiellen Grenzen. Wenn alle dem Geist des Lichts entgegenstehenden Impulse aus der Seele verdrängt sind, dann ist eine freie Entscheidung gegen ihn unendlich unwahrscheinlich geworden. Dann rechtfertigt der Glaube an die Schrankenlosigkeit der göttlichen Liebe und Gnade auch die Hoffnung auf eine Universalität der Erlösung, obgleich durch die prinzipiell offenbleibende Möglichkeit des Widerstands gegen die Gnade auch die Möglichkeit des Widerstands gegen die Gnade auch die Möglichkeit einer ewigen Verdammnis bestehen bleibt. So betrachtet heben sich auch die früher bezeichneten Schranken der göttlichen Allmacht wieder auf. Sie bestehen nur, solange man allein göttliche und menschliche Freiheit einander gegenüberstellt und die Sphäre außer Acht lässt, die das Fundament der menschlichen Freiheit bildet. Die menschliche Freiheit kann von der göttlichen nicht gebrochen und nicht ausgeschaltet, wohl aber gleichsam überlistet werden. Das Herabsteigen der Gnade zur menschlichen Seele ist freie Tat der göttlichen Liebe. Und für ihre Ausbreitung gibt es keine Grenzen. Welche Wege sie für ihre Wirksamkeit wählt, warum sie um die eine Seele wirbt und die andere um sich werben lässt, ob und wie und wann sie auch da tätig ist, wo unsere Augen keine Wirkungen bemerken, das alles sind Fragen, die sich der rationalen Durchdringung entziehen. Es gibt für uns nur eine Erkenntnis der prinzipiellen Möglichkeiten und auf Grund der prinzipiellen Möglichkeiten ein Verständnis der Fakten, die uns zugänglich sind."
Schauen wir noch auf eine weitere Frau, jene Heilige, die uns das ganze Jahr über begleitet hat, die heilige Schwester Faustyna.
Der absolute Primat der Barmherzigkeit bedeutet nicht eine Art Verharmlosung des Bösen und auch nicht eine Verharmlosung der Gerechtigkeit. Wie wir in einer früheren Katechese gesehen haben, haben die Gerechtigkeit und noch mehr die Barmherzigkeit ihren Preis. Die Barmherzigkeit hat Jesus das Leben gekostet. Sie zu erbitten, kostete sein Herzblut. Sr. Faustyna sieht ihre Berufung darin, die Menschen, die sich der göttlichen Barmherzigkeit verschließen, gewissermaßen für die Barmherzigkeit zu öffnen, sie zu Jesus zu bringen. Die Seelen, die sich ganz der Barmherzigkeit Gottes öffnen, sind die wahren Mitarbeiter Jesu. Jesus sagt zu Faustyna:
"Ich finde keine vollkommene Hingabe an meine Liebe. So viele Vorbehalte, so viel Misstrauen, so viel Vorsicht gegen meine Liebe. Zu deinem Trost will ich dir sagen, dass in der Welt Seelen leben, die Mich aufrichtig lieben… Die Liebe dieser Seelen und ihr Opfer stützt den Fortbestand der Welt" (Tagebuch 367).
Wie alle Heiligen ist auch Sr. Faustyna überzeugt davon, dass das Gebet und die Hingabe, die Fürbitte und das Opfer Kräfte sind, die alles übersteigen, was Menschen sonst bewirken können. Das Geheimnis der Barmherzigkeit war immer ein Geheimnis der Hingabe, der Sühne, des Opfers, der Liebe. Ohne Umkehr keine Rettung. Ohne Bekehrung keine Erlösung. Aber die Gnade der Umkehr wird von Gott nicht willkürlich zugeteilt. Sie wird erbeten, erlitten, sie wird auf die Fürbitte und die liebende Hingabe der Beter hin von Gott geschenkt. Gott wartet gewissermaßen nur darauf, dass seine Barmherzigkeit "abgeholt" wird. So schließe ich die Katechese dieses Jahres mit einem Text aus einer viel gebeteten Novene der hl. Faustyna vom letzten 9. Tag:
"Heute führe Mir erkaltete Seelen herbei und tauche sie ein in den Abgrund Meiner Barmherzigkeit. Diese Seelen verwunden Mein Herz am schmerzlichsten. Im Ölgarten erfuhr meine Seele den größten Abscheu von einer [einzigen] erkalteten Seelen. Kalte Seelen waren der Grund für Meine Worte: "Vater, nimm diesen Kelch hinweg [doch nur] wenn es Dein Wille ist." Ihr letzter Rettungsanker ist die Flucht zu Meiner Barmherzigkeit.
"Barmherzigster Jesus, Du bist das reinste Erbarmen; ich bringe in die Wohnung Deines Barmherzigsten Herzens erkaltete Seelen. Mögen sich diese vereisten Seelen, die toten Leibern ähneln und Dich mit solchem Ekel erfüllen, am Feuer Deiner reinen Liebe aufwärmen. O Barmherzigster Jesus, gebrauche die Allmacht Deiner Barmherzigkeit und ziehe sie hinein in die Glut Deiner Liebe und schenke ihnen heilige Liebe, denn du vermagst alles". (Tagebuch 1228f).
Kardinal Schönborn: "Sehnsucht nach Wahrheit lebendig halten"
Jul 10, 2008
10. Ökumenische Sommerakademie in Kremsmünster eröffnet - Experten diskutieren bis 11. Juli Frage nach der Wahrheit im Spannungsfeld von Theologie, Philosophie, Naturwissenschaften.
Linz, 9.7.08 (KAP) Im oberösterreichischen Benediktinerstift Kremsmünster wurde am Mittwochnachmittag die 10. Ökumenische Sommerakademie eröffnet. Im Mittelpunkt steht heuer die Frage nach der Wahrheit als eines der wichtigsten Themen der Theologie und der Philosophie. In einem Grußwort wies Kardinal Christoph Schönborn auf das Wort von Papst Benedikt XVI. hin, "dass niemand zur Wahrheit eines Anderen in autoritärer Weise" genötigt werden dürfe. Es entspreche dem Charakter der Wahrheit, dass sie immer geschenkt werde, so Schönborn. Es sei Aufgabe der Kirche, die Sehnsucht nach der Wahrheit lebendig zu halten.
Zur Eröffnung der Sommerakademie im Kaisersaal des Stiftes fanden sich am Mittwoch rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein, unter ihnen auch der oberösterreichische Landeshauptmann Josef Pühringer. Von kirchlicher Seite nahmen u.a. der griechisch-orthodoxe Metropolit Michael Staikos, der Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz, der oberösterreichische evangelische Superintendent Gerold Lehner und Msgr. Gottfried Auer - der Ordinariatskanzler der katholischen Diözese St. Pölten ist stellvertretender Vorsitzender des Ökumenischen Rates der Kirchen - teil. Auch Caritas-Präsident Franz Küberl und die Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung, Margit Hauft, waren anwesend (beide sind ORF-Stiftungsräte).
Mit Alexander Wrabetz besuchte erstmals ein ORF-Generaldirektor die Ökumenische Sommerakademie. In seinen Eröffnungsworten unterstrich Wrabetz, dass die Suche nach der Wahrheit für Medienkonsumenten wegen der Vielfalt an Programmangeboten noch intransparenter geworden sei. Umso wichtiger sei daher die Bedeutung von öffentlich-rechtlichen Rundfunkunternehmen, die in der digitalen Überflussgesellschaft "Leuchttürme seien, sagte Wrabetz. Religion sei ein wichtiger Bestandteil des öffentlich-rechtlichen Auftrags im ORF in allen seinen Medien Fernsehen, Radio, Internet und den vielfältigen Aktivitäten der ORF-Landesstudios. Damit werde "öffentlich-rechtlicher Mehrwert" hergestellt.
Der Tübinger Philosoph Otfried Höffe behandelte in seinem Eröffnungsreferat zentrale Gesichtspunkte des Wahrheitsbegriffs. Unter dem Titel "Wahrheiten im Überfluss?" betonte Höffe, dass um die Wahrheit gestritten und gefeilscht werde, weil sie existenziell wichtig sein könne und außerdem "nicht auf der Hand liege", sondern verborgen sei.
Noch bis Freitag werden in Kremsmünster prominente Referenten aus Deutschland und Österreich zum Thema sprechen. U.a. referiert die Leiterin des Wiener Instituts für Praktische Theologie, Regina Polak, über die "Wahrheit als Machtfrage". Mit dem Suchen und Finden von Wahrheiten im Internet beschäftigt sich der Münsteraner Theologe Klaus Müller.
Den Abschluss der 10. Sommerakademie bildet am Freitag, 11. Juli, um 10.15 Uhr eine Podiumsdiskussion mit dem griechisch-orthodoxen Metropolit Michael Staikos, dem Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz und dem Grazer evangelisch-lutherischen Superintendenten Hermann Miklas. Anschließend findet ein ökumenischer Gottesdienst in der Stiftskirche Kremsmünster statt.
Die Ökumenische Sommerakademie wird vom Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich, von ORF-Oberösterreich, der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz, der "Kirchenzeitung der Diözese Linz", dem Evangelischen Bildungswerk Oberösterreich, dem Stift Kremsmünster und dem Land Oberösterreich veranstaltet. (ende)
8. Katechese: Die Mutter der Barmherzigkeit
Jun 22, 2008
Wortlaut der 8. Katechese 2007/08 von Kardinal Christoph Schönborn am Sonntag, 4. Mai 2008, im Dom zu Stephan.
Salve Regina, Mater Misericordiae,
Vita, Dulcedo et Spes nostra salve!
Ad te clamamus, exsules filii Hevae,
Ad te suspiramus, gementes et flentes,
In hac lacrimarum valle.
Eja ergo advocata nostra
Illos tuos misericordes oculos ad nos
Converte
Et JESUM, benedictum fructum ventris tui
Nobis post hoc exilium ostende
O Clemens, O Pia, O Dulcis Virgo Maria
Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit; unser Leben, unsere Wonne, unsere Hoffnung, sei gegrüßt! Zu dir rufen wir, verbannte Kinder Evas, zu dir seufzen wir, trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen. Wohlan dem, unsere Fürsprecherin, wende deine barmherzigen Augen uns zu, und nach diesem Elend [d.h. diesem Exil, diesem Leben in der Fremde] zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes, O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria.
Für mich als Dominikaner gehört es zu den besonders schönen Ordenstraditionen, dass jeden Abend zum Schluss der Komplet, des kirchlichen Nachtgebets, das „Salve Regina“ gesungen wird. Dabei ziehen die Brüder in Prozession, im Dunkeln, nur mit Kerzenlicht, zur Muttergottesstatue. Es ist eine besonders schöne eigene Melodie, ähnlich wie die der Zisterziensermönche. Von ihr sei heute die Rede.
I.
"Wende deine barmherzigen Augen uns zu!" Lassen Sie mich mit einer ganz persönlichen Erinnerung beginnen. Er war mir ein lieber Freund geworden, Robert Hupka, dieser begnadete Fotograf jüdischer Herkunft, Christ geworden, Schottenschüler 1938, vor der "braunen Flut" nach New York emigriert. 1960 hat er dort bei der Weltausstellung 5.000 Fotos von der Pietà des Michelangelos gemacht, in langen, langen Nächten, ganz allein mit der Pietà, durfte er stundenlang fotografieren, sie von allen Seiten beleuchten. Es sind unglaubliche, unvorstellbare Bilder geworden. Manche erinnern sich an die Ausstellung im Schottenkeller vor einigen Jahren, wo die schönsten und stärksten Bilder gezeigt wurden.
Robert Hupka ist im Jahr 2001 verstorben. Kurz vor seinem Tod konnte ich ihn noch einmal in seiner bescheidenen Wohnung in New York besuchen. An den Wänden, die von Archivschränken voll waren, war nur wenig Platz für Bilder, aber es gab dort eines seiner unvergleichlichen Bilder, das Bild der Mutter Gottes, der Pietà, diesem unglaublichen Werk, das Michelangelo (†1564) mit 25 Jahren geschaffen hat, das heute im Petersdom steht. Wir kennen es alle. Die Muttergottes hat den Blick gesenkt. Robert Hupka war damals schon sehr schwach und lag die meiste Zeit auf seinem Bett. Ich sagte zu ihm: "Wenn du dann drüben bist, dann wird sie die Augen aufschlagen und dich anschauen." So haben wir uns verabschiedet, und ich bin sicher, sie hat ihn mit ihren barmherzigen Augen angeschaut.
Eines der schönsten Gebete der Christenheit - leider viel zu wenig bekannt und verwendet - wird bei den Sterbenden gebetet, es kann auch heute noch verwendet werden: "Profiscere, anima Christiana" - "Brich auf, christliche Seele". Im Moment des Sterbens wird gebetet, dass Maria dem Sterbenden entgegen komme und ihn mit ihren barmherzigen Augen ansehen möge. Was muss das sein, ihren Augen, ihrem Blick zu begegnen!
Wie war das, bei Bernadette Soubirous (†1879) oder den drei Kindern von Fatima? Doch es sind nicht die Seher allein, es gibt ein überwältigendes Zeugnis von Menschen aller Völker, dass Maria überall, in allen Ländern der Erde als "Mutter der Barmherzigkeit" aufgesucht und geliebt wird. Weltweit lässt sich sehen, was eines der ältesten überlieferten Mariengebete sagt:
"Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, Heilige Gottesgebärerin. Verschmähe nicht unser Gebet in unseren Nöten, sondern errette uns jederzeit aus allen Gefahren, o du glorwürdige und gebenedeite Jungfrau, unsere Frau, unsere Mittlerin, unsere Fürsprecherin. Führe uns zu deinem Sohne, empfiehl uns deinem Sohne, stelle uns vor deinem Sohne" (Gotteslob Nr. 31,3).
Die ältesten erhaltenen Fassungen dieses Gebets (auf Papyrus) haben eine schöne Besonderheit. Der Beginn lautet nicht "unter deinem Schutz und Schirm" sondern "unter deine Barmherzigkeit fliehen wir, Gottesgebärerin…" (vgl. H. Förster, zur ältesten Überlieferung der marianischen Antiphon "Sub tuum praesidium", in: biblos. Beiträge zu Buch, Bibliothek und Schrift, Bd. 44,2, Wien 1995, 183-192). Das Wort eusplanchnía meint den guten Mutterschoß, die "Eingeweide des Wohlwollens", also das Mutterherz im vollsten Sinn: Zu deinem Mutterherzen flüchten wir, in deinem Mutterschoß bergen wir uns. Alles, was die Mutter ausmacht, ist angesprochen: ihr Blick, ihr Herz, ihr Schoß.
Bei seinem letzten Polen-Besuch sagte Papst Johannes Paul II. in Kalwaria Zebrzydowska, dem von ihm so geliebten Wallfahrtsort nahe seiner Geburtsstadt und nahe Krakau:
Wie oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Mutter des Sohnes Gottes ihre barmherzigen Augen auf die Sorgen des bekümmerten Menschen richtet und ihm die Gnade erwirkt, schwierige Probleme zu lösen, und dass er, in der Kleinheit seiner Kraft, von Staunen erfüllt wird angesichts der Kraft und der Weisheit der Göttlichen Vorsehung" (Homilie am 19. August 2002).
Das ist die Erfahrung des Papstes, der eine so tiefe, innige Beziehung zur Mutter der Barmherzigkeit hatte.
Was ist das Geheimnis Mariens? Warum berührt sie so unvergleichlich die Herzen? Ist sie uns Menschen näher als der Heilige Gott? Näher selbst als der Sohn Gottes? In einer Predigt zum Fest Mariä Geburt sagt der Heilige Bernhard von Clairvaux (†1153) tatsächlich etwas in diesem Sinn. Das mag verwundern und scheint gewisse Vorurteile zu bestätigen, dass die Marienverehrung sich zwischen Gott und uns dränge und so eine Verfälschung des ursprünglich Christlichen darstelle, weil allein Christus der Mittler des Heils ist. Die Predigt des Heiligen Bernhard wird uns weiterhelfen.
7. Aus tiefstem Herzensgrund, mit der ganzen Liebe unseres Gemütes und aller Hingabe wollen wir diese Maria ehren, denn so ist der Wille Gottes: er wollte, dass wir alles durch Maria haben. Ja, das ist sein Wille, doch für uns. In allem und durch alles sorgt er nämlich für die Elenden: er lindert unsere Angst, weckt den Glauben, stärkt die Hoffnung, überwindet das Misstrauen, richtet den Kleinmut auf. Vor den Vater hinzutreten hattest du Angst; schon allein beim Hören erschrakst du und flohst zu den Blättern: So gab er dir Jesus als Mittler. Was würde ein solcher Sohn bei einem solchen Vater nicht erlangen? Er wird sicher um seiner Ehrfurcht willen erhört werden (Hebr 5,7), denn "der Vater liebt den Sohn" (Joh 5,20). Oder zitterst du auch vor ihm? Dein Bruder ist er und dein Fleisch, er wurde in allem in Versuchung geführt, ohne zu sündigen (Hebr 4,15), "um barmherzig zu werden" (Hebr 2,17). Ihn gab dir Maria als Bruder. Doch vielleicht erschrickst du auch bei ihm vor der göttlichen Majestät, denn obwohl er Mensch wurde, blieb er doch Gott. Willst du auch bei ihm einen Fürsprecher haben? Wende dich an Maria! Reine Menschlichkeit findest du bei Maria, nicht nur rein von jeder Befleckung, sondern auch rein, da sie nur diese Natur besitzt. Und ich möchte sagen, ohne zu zweifeln: Auch sie wird um ihrer Ehrfurcht willen erhört werden. Erhören wird doch der Sohn die Mutter, und erhören wird der Vater den Sohn. Meine lieben Söhne, das ist die Leiter für die Sünder, das meine größte Zuversicht, das der ganze Grund meiner Hoffnung! Wieso denn? Kann der Sohn etwa zurückweisen oder eine Zurückweisung erhalten? Dass er nicht hört oder nicht gehört wird - kann das beim Sohn vorkommen? Sicher keines von beiden! "Du hast", sagt der Engel, "bei Gott Gnade gefunden." (Lk 1,30) Welch ein Glück! Immer wird Maria Gnade finden, und nur Gnade ist es, was wir brauchen. Die kluge Jungfrau verlangte nicht nach Weisheit wie Salomo, nicht nach Reichtum, nicht nach Ehren, nicht nach Macht, sondern nach Gnade. Allein die Gnade ist es nämlich, durch die wir gerettet werden. (Werke Bd. VIII, S. 629)
Gott selbst will, dass wir Maria ehren, weil er wollte, dass wir alles durch sie haben. So will Er es für uns. Ist Maria also "die Quelle aller Gnaden"? Sie ist sicher nicht ihr Ursprung. Sie hat Gnade gefunden, nicht verursacht. Aber sie kann als Instrument der Gnade wirken.
Sehr schön sagt Bernhard, das Wort des Engels aufgreifend: "Du hast bei Gott Gnade gefunden." Immer wird Maria Gnade finden - und Gnade, nur Gnade, brauchen wir. Weil sie die ganz Begnadete ist, kann sie auch uns alle Gnaden erbitten. Das ist nicht nur eine theologische Gewissheit, es ist die einhellige Erfahrung des Glaubens. Beiden, der Glaubenslehre und der Glaubenserfahrung, sei daher im Folgenden nachgegangen. Dazu will ich mich in drei Schritten dem Geheimnis Mariens als Mutter der Barmherzigkeit annähern: Zuerst erscheint ihre Erwählung als reines Werk der Barmherzigkeit Gottes, dann der Glaubensweg Mariens als "Schule der Barmherzigkeit" und schließlich ihre vollendete Mutterschaft der Barmherzigkeit, in der wir sie in allen Nöten aufsuchen können.
II.
Die "Immaculata" als reines Werk der ungeschuldeten Barmherzigkeit Gottes: Das Geheimnis Mariens ist zuerst das einer Erwählung. Völlig frei, in einer Wahl reiner Gnade, hat Gott sie vorausbestimmt, vorbereitet und sie der Menschheit geschenkt. Das ist die Basis von allem, was wir im Glauben von Maria bekennen. Sie hat nichts von sich aus dazu getan. Sie hat zur Wahl Gottes ihr freies Ja gesagt, aber die Wahl war Gottes freie Vorgabe.
Denken wir heuer, im 150. Jahr der Erscheinungen von Lourdes, an die Heilige Bernadette. Nichts lag ihrer Seite vor, was die Wahl Mariens in unseren Augen begründen würde. Warum wählt Maria Lourdes, um sich zu zeigen? Warum nicht eine bedeutende Stadt? Warum nicht in Lourdes jemanden Gebildeten, aus den "guten Familien"? Warum ein Kind ärmster Leute, die im ehemaligen Dorfgefängnis wohnen? Ein Kind, das nicht lesen und schreiben kann, und nicht einmal weiß, was die Katechismus-Antwort auf die Frage nach der Dreifaltigkeit ist? Es ist die freie, souveräne Wahl Mariens. Im Nachhinein zeigt sich darin eine tiefe Stimmigkeit. Es passt so sehr zu Gottes Handeln in der Bibel, der bevorzugt das Kleine, Unbedeutende erwählt, um die zu beschämen, die "etwas sind" und in der Welt etwas gelten. Der Blick auf Lourdes und auf Bernadette zeigt das, was das Konzil und der KKK (114) die "Analogie des Glaubens" nennen: die Erfahrung der Glaubensgeschichte erhellt den Sinn der biblischen Ereignisse und umgekehrt. Lourdes hilft mir, die Wahl Nazareth besser zu verstehen, und Bernadette die Erwählung Mariens.
Diese freie, souveräne Wahl Gottes ist etwas Wunderbares und Beglückendes, nicht das Ergebnis menschlicher Leistung, nicht durch eine Postenausschreibung, Bewerbungen, eine Jury, ein Auswahlverfahren zustande gekommen, sondern allein durch Gottes freie Wahl.
Freilich verachtet Gott all das, Vorbereitung, Bildung, Kompetenz, Begabtenförderung etc., nicht Wenn Maria Bernadette auswählt, heißt das nicht, dass sie die anderen geringschätzt. Eine Erwählung bedeutet keine Verachtung oder gar "Diskriminierung" der anderen. Die Erwählung Mariens (wie auch die Wahl Bernadettes) ist nicht "Selbstzweck", sondern zugleich Sendung. Bei wem ist das deutlicher als bei Maria? Sie ist nicht von Gott erwählt, um sich einsam eines Privilegs zu erfreuen, sondern um das Instrument des Erbarmens Gottes für alle Generationen zu sein.
Die Wahl Gottes zeigt sich besonders im Geheimnis der Immaculata. So wird sie sich Bernadette gegenüber bezeichnen: "Ich bin die Unbefleckte Empfängnis." Vom ersten Moment ihrer Existenz, vom Augenblick ihrer Empfängnis an ist sie die Begnadete. Père Marie-Eugène de l'Enfant-Jésus, der große Karmelit, dessen Seligsprechung bald erwartet wird, sagt: "Die Barmherzigkeit Gottes hat nie ein schöneres Werk gemacht als das, was sie in der Jungfrau Maria verwirklicht hat. Sie (die Barmherzigkeit Gottes) war nie freier, nie geschenkter. Hier gelten nicht die Gesetze der Gerechtigkeit. Es ist reine Barmherzigkeit, dass die Jungfrau unbefleckt empfangen ist, und dass sie diese unvergleichliche erste Gnade erhält" (La Joie de la Misericorde, hrsg. v. Yvette Périco, Ed. Nouvelle Cité, Bruyères-le-Chatel, 2008, S. 106).
Marias Erwählung ist reine Gnade, völlig ungeschuldet, souveräne Tat der Barmherzigkeit Gottes. Sie ist nicht einfach willkürlich sondern ein von Gott gesetzter Neuanfang mit einer Vorgeschichte. Im Magnificat, ihrem Lobgesang auf Gottes Erbarmen, sagt Maria: "Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht" (Lk 1,50) und sie lobt Gott dafür, dass er sich seines Knechtes Israel annimmt: "Er denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig" (Lk 1,54 f). Maria sieht ihre Erwählung als die Erfüllung einer uralten Verheißung, einer Hoffnung vieler Generationen. Gott löst Sein Versprechen ein und schenkt Seinem Volk Sein Erbarmen. Maria ist dieses Geschenk.
"Maria - nicht ohne Israel. Eine neue Sicht der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis" (Herder, 2008). So heißt ein neues Buch von Gerhard Lohfink und Ludwig Weimer, zwei Theologen der "Integrierten Gemeinde". Zu Recht weisen sie darauf hin, dass Maria nie von ihrem Volk losgelöst gesehen werden kann. Gott hat sie von der Erbsünde bewahrt, aber er hat sie nicht aus der Geschichte des erwählten Volkes herausgelöst. Ihre Begnadung ist reines Geschenk, nicht losgelöst von den vielen Getreuen und Gerechten des Alten Bundes, die wie Maria, "auf die Rettung Israels" (vgl. Lk 2,25), "auf die Erlösung Jerusalems" (vgl. Lk 2,38) warteten.
Maria ist nicht zu trennen von der langen Geschichte Gottes mit Seinem Volk, von der schmerzlichen Erziehung Israels zum Hinhören auf Gottes Wort ("Höre, Israel"…), zum Erkennen und Tun des Willens Gottes, letztlich zu einer Liebe, die total, alles erfassend, alles bestimmend werden sollte: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Denken und deinen Nächsten wie dich selbst" (Lk 10,27; Dtn 6,5).
Es gibt wohl kein beeindruckenderes Zeugnis für diesen radikalen, alles im Menschen beanspruchenden Weg der Liebe des Menschen zu Gott als Antwort auf eine völlig bedingungslose, grenzenlose Liebe Gottes zum Menschen. Das ist einzigartig. Einzigartig ist auch die schonungslose Offenheit, mit der die Abwege und Irrwege des menschlichen Herzens beschrieben werden, die sich dieser Liebesbeziehung entziehen wollen (wir haben davon bereits in der 2. Katechese gesprochen). Ohne die Liebesgeschichte Gottes mit Seinem Volk, ohne Sein unermüdliches Werben um eine Liebe, die immer wieder zu den Götzen abirrt und sich damit prostituiert, ohne die dramatische Vorgeschichte Israels mit der leidenschaftlichen Liebe seines Gottes wäre es nicht möglich, zu erfassen, was es um das wunderbare Geheimnis Mariens ist.
Aber Maria ist nicht einfach "das Endprodukt" einer langen Evolution. "Das es Maria gibt, ist reines Wunder" (op. Cit. S. 385). Sie ist die Morgenröte der neuen Schöpfung. In ihr leuchtet der "Morgenglanz der Ewigkeit", wie ein Kirchenlied singt.
"Tota pulchra es, Maria, et macula originalis non est in te." ("Ganz schön bist du, Maria, kein Makel der Erbsünde ist in dir.") Bruckners Vertonung dieser Antiphon ist von unbeschreiblicher Schönheit und Reinheit. Warum diese unvergleichliche Schönheit Mariens? Maria ist, wie Ida Friedericke Görres es genannt hat, "das unverdorbene Konzept", das, was der Schöpfer mit dem Menschen wollte (so der Titel eines ihrer Büchlein, aus dem Jahr 1968). In Maria schauen wir gewissermaßen den Ursprung, den ursprünglichen Plan des Schöpfers, und zugleich das Ziel, den erlösten Menschen, von dem Paulus sagt: "Er, Gott hat uns der Macht der Finsternis entrissen und uns in das Reich seines geliebten Sohnes aufgenommen" (Kol 1,13). Deshalb ist Maria so unvergleichlich anziehend, so bergend und tröstend wie keine andere menschliche Gestalt.
III.
Maria ist dennoch nicht als "Mutter der Barmherzigkeit" geboren, sondern dazu geworden. Sie ist "den Pilgerweg des Glaubens gegangen" (LG 58). Wie wurde sie zu dem, was sie für alle Menschen geworden ist? Ihr Weg ist für uns Vorbild, wie wir zur Barmherzigkeit gelangen können, wie sie uns zu eigen wird, so wie sie Maria zu eigen wurde. Wie wurde Maria zu der, die am vollkommensten das Wort Jesu verwirklicht: "Seid barmherzig wie es auch euer Vater ist" (Lk 6,36)?
Zwei Einwände tauchen immer wieder auf, wenn es um Maria und ihre Verehrung geht: Wir wissen doch wenig von ihr. Das biblische Zeugnis ist schmal. Und viele stoßen sich immer wieder am affektiven, gefühlsbetonten Charakter der Marienverehrung sowie an gewissen Formen, die sie als übertrieben, ja als ungesund empfinden.
Es stimmt zweifellos: Die neutestamentlichen Aussagen über Maria sind karg - sie stehen in Kontrast zu einer überbordenden Marienfrömmigkeit, die dann als unbiblisch oder gar als heidnisch beeinflusst abgelehnt wird (etwa bei evangelischen oder evangelikalen Christen). Dazu kommt, dass die wenigen Äußerungen Jesu über seine Mutter "von auffallend herber Zurückhaltung" sind, wie Heinrich Spaemann (Drei Marien. Die Gestalt des Glaubens, Freiburg 1985, S. 15) sagt. Dagegen wirken die Ausdrücke der Volksfrömmigkeit über die Innigkeit zwischen Mutter und Sohn wie ein Kontrast: die nüchterne Bibel gegen eine übertriebene Marienfrömmigkeit. Sehen wir uns das ein wenig an. So karg die neutestamentlichen Äußerungen über Maria sind, so sehr geben sie doch einen Zugang zum Inneren der Beziehung Jesu und Mariens, die mit der "Analogie des Glaubens" durchaus tiefe Einsichten ermöglicht.
Die Marienfrömmigkeit hat etwas von der Spontaneität des Herzens. Sie ist nicht "verkopft", sondern ähnelt ein wenig der Reaktion einer Frau aus dem Volk, die einmal Jesus zuruft: "Selig der Leib, der dich getragen, und die Brust, die dich genährt hat" (Lk 11,27). Diese Frau bewundert Jesus, und sie schließt die Mutter in diese Bewunderung mit ein: Was für ein Glück muss es für die Mutter sein, einen solchen Sohn zu haben!
Jesus scheint abweisend zu reagieren: "Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen" (Lk 11,28). Ähnlich herb klingen andere Worte Jesu, seine Mutter betreffend, etwa, als man ihm sagt, seine Mutter und seine Brüder seien draußen vor dem Haus: "Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? … Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter" (Mt 3,33-35). Noch herber das Wort des zwölfjährigen im Tempel: "Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?" (Lk 2,49). Oder bei der Hochzeit von Kana: "Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen" (Joh 2,4).
Nun zeigt gerade die Reaktion Marias auf diese scheinbar abweisenden Worte Jesu, wie Maria ihren "Pilgerweg des Glaubens" ging. Da ist zuerst einfach das "Nicht-Verstehen", schmerzlich steht es da (vgl. Lk 2,50), aber auch ein zustimmendes Sich-Fügen: "Tut alles, was er euch sagt" (Joh 2,5) bei der Hochzeit von Kana.
Jesus verweist seine Hörer - und auch seine Mutter - auf den Willen Gottes. Darum geht es. Der Wille Gottes ist Jesu "Speise" (Joh 4,34), denn Jesu Lebensraum ist der Wille des Vaters. Dort ist sein "Zuhause", dorthin will er uns führen: "Kommt und seht!" Das aber ist auch der Weg der Mutter Jesu: "Mir geschehe nach deinem Wort!" Ihr Weg ist der Wille Gottes, ganze ungeteilte Hingabe an ihn. Für Jesus kommt das erste Gebot vor dem vierten, der Wille Gottes vor dem der Eltern.
Was aufs Erste wie eine Unbarmherzigkeit Jesu seiner Mutter gegenüber aussieht, ist in Wirklichkeit der gemeinsame Weg, in die Schule der Barmherzigkeit Gottes zu gehen. Schritt für Schritt muss Maria den Weg der "sieben Schmerzen" gehen (so die volkstümliche Meditation des schmerzlichen Weges Marias), auf dem Jesus ihr zumutet, die spontanen, natürlichen mütterlichen Reaktionen zu überwinden und in die Perspektive seiner Sendung einzutreten. Nicht dass Marias Liebe zu ihrem Sohn eine sündhafte Anhänglichkeit gewesen wäre. Wir kennen alle die trostlosen Zerrbilder einer symbiotischen Mutter-Sohn-Beziehung (wie sie in der Nachkriegsgeneration der Kriegswitwen häufig vorkamen - und heute wieder durch die oft so schwierigen Situationen der alleinerziehenden Mütter entstehen, wo die Affektivität sich in ungesunder, exklusiver Weise auf den Sohn bezieht und dieser in einer seelischen Abhängigkeit von der Mutter bleibt).
Maria hatte nicht eine solche "symbiotische" Sohnesbeziehung oder gar eine neurotische Mutter-Sohn-Fixierung, wie es etwa der Freud-Schüler Ernest Jones (†1958) annahm. Nebenbei deutete er gleich auch den Zölibat als Resultat einer "ödipalen" Sohn-Mutter-Bindung (Zur Psychoanalyse der christlichen Religion, Frankfurt 1970). Dass es auch neurotische Fehlformen des Christlichen gibt, ist unbestritten. Neurosen können sich gut religiös "kostümieren". Aber sie zeigen ihren Krankheitscharakter sehr bald darin, dass sie unfruchtbar sind, ja lebensbehindernd, sogar zerstörend.
Wenn man schon mit der schwachen Laterne der Psychologie in das Leben Jesu und Marias hineinleuchten will, dann stellt man vor allem fest, dass die Beziehung von Mutter und Sohn sich als (psychologisch) gesund erweist, weil sie fruchtbar ist. Sie ist ein Weg der immer klarer bejahten und angenommenen Sendung. Sie ist ein Weg einer immer weiteren Herzenshaltung. Jesus nimmt seine Mutter in eine immer vollständigere Teilnahme an seiner Heilssendung hinein. Und ihr Ja, das am Anfang ihres Weges stand, wird immer klarer zum Ja zu Gottes Willen, der Seinem Sohn, ihrem Sohn den Weg des Leidens und des Kreuzes zumutet.
Die Volksfrömmigkeit hat das mit feinem Gespür, mit der Intelligenz des Herzens erfasst, wenn sie über die sieben Schmerzen Mariens meditiert, mit Maria leidet, ihr Leid nachfühlt (vgl. etwa das Lied "Christi Mutter stand mit Schmerzen…" oder die Kreuzwegstation: "Jesus begegnet seiner Mutter").
In der Tiefe betrachtet zeigt sich die Gleichgestaltung des Herzens Mariens mit dem ihres Sohns. Sein Verlangen wird ihr Verlangen: das Heil aller Menschen. Sie hat dafür die spontanen mütterlichen Herzensneigungen zu ihrem Kind hingegeben. Sie hat seelisch ihren Sohn völlig "freigegeben", damit er seine Sendung erfüllen kann. Dazu hat sie selber zum Kreuz ja gesagt, das unvorstellbarste Opfer. Deshalb ist sie am Kreuz von Jesus zur Mutter aller seiner Jünger gemacht worden. Deshalb wurde sie unter dem Kreuz zur "Mutter der Barmherzigkeit".
Die spontanste Reaktion des Mutterherzens wäre gewesen, die zu hassen, die ihren Sohn töten, sie zumindest nicht lieben zu können. Getötet aber haben Jesus nicht in erster Linie die jüdischen Autoritäten, die seine Verurteilung durch Pontius Pilatus erwirkt haben, sondern getötet haben wir ihn: Unsere Sünden haben Mariens Sohn getötet. Daran erinnert ein erstaunlicher Text aus dem Katechismus des Konzils von Trient. Im Einklang mit dem Herzen ihres Sohnes hat Maria die, die ihn töteten, nicht gehasst, sondern für sie gelitten, und seither gilt ihre Liebe - ich wage zu sagen: unverkennbar - besonders den "armen Sündern", für die Jesus gestorben ist, auch wenn er ihretwegen, ja durch sie gestorben ist. Im Katechismus heißt es:
Diese Schuld trifft vor allem jene, die wiederholt in die Sünde zurückfallen. Denn da unsere Sünden Christus den Herrn in den Kreuzestod trieben, so "kreuzigen" tatsächlich jene, die sich in Sünden und Lastern wälzen, "soweit es auf sie ankommt, den Sohn Gottes aufs neue und treiben ihren Spott mit ihm" (Hebr 6,6) - ein Verbrechen, das bei uns noch schwerer erscheinen mag, als es von Seiten der Juden war. Denn diese hätten, wie der Apostel sagt, "den Herrn der Herrlichkeit niemals gekreuzigt, wenn sie ihn erkannt hätten" (1 Kor 2,8). Wir aber behaupten, ihn zu kennen, und dennoch legen wir gleichsam Hand an ihn, indem wir ihn durch die Tat verleugnen (Catechismus Romanus 1,5,11 = KKK 598).
Franz von Assisi schreibt in seinen Ermahnungen an die Gläubigen:
Dämonen sind nicht die, die ihn gekreuzigt haben, sondern du, der du ihn zusammen mit ihnen gekreuzigt hast und immer noch kreuzigst, indem du dich in Lastern und Sünden vergnügst (Franz v. Assisi, Admon. 5,3).
Das ist das Geheimnis der "Mutter der Barmherzigkeit". Sie ist unter dem Kreuz die "Zuflucht der Sünder" geworden, all derer, die durch ihre Sünden Jesus getötet haben, der für ihre Sünden gestorben ist, Er, "das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt".
Ich schließe mit dem Wort eines deutschen Theologen und Dogmatikers, der tief und einfühlsam versucht hat zu formulieren, was das Geheimnis der Mutter der Barmherzigkeit unter dem Kreuz ist:
Je erlösungsbedürftiger (je elender und sündhafter) ein Mensch, um so mehr Anspruch hat er auf das mütterliche Heilsvermitteln Mariens; ist sein Sündenelend noch so groß und tief, der himmlischen Mutter eignet ein Vorrecht, gerade die entscheidensten Wunder der Barmherzigkeit Gottes und Christi zu erflehen. Es eröffnet sich hier ein "Geheimnis des Erbarmens", das wir hienieden nur in etwa erahnen können; In Maria hat uns Christus nicht nur ein Vorbild oder einen weit zurückliegenden Tugendspiegel, sondern einen bis zuletzt gangbaren Weg zum Heil geschenkt: den Weg zur Mutter der Barmherzigkeit, die jedem einzelnen wirklich mit ihrer Herzenswärme begegnet und in untrennbarer Verbundenheit mit dem Gnadenwirken Christi von innen her helfen kann (Johannes Stöhr, Art. Barmherzigkeit. In: Marienlexikon Bd. 1, S. 369).
IV.
Wie werden wir durch Maria, die Mutter der Barmherzigkeit, hingeführt, wie unser Vater barmherzig zu sein, Jesu Barmherzigkeit ins Herz aufzunehmen. Warum hilft die Marienverehrung, uns die Barmherzigkeit Gottes nahezubringen? Es wäre hier angebracht, auf die verschiedenen Botschaften Mariens bei ihren Erscheinungen einzugehen. Wie führt sie die Menschen, meist Kinder, dazu, selber Botschafter der Barmherzigkeit zu werden?
Allen Botschaften ist eines gemeinsam: die Einladung, am Werk der Erlösung mitzuwirken. Maria hat das einzigartig getan und tut es noch. Gnade ist immer auch Ermöglichung, mit Christus zu wirken. Ein Beispiel dafür ist Fatima. Gerade weil ich mir damit ein wenig schwer tue, spreche ich es an.
Gnade eröffnet den Raum des Mitwirkens des Geschöpfes. Die "theologia cordis" betrachtet bevorzugt das Mitwirken Mariens am Heilswerk ihres Sohnes, an seinem Leben und an seiner Sendung: Vom Jawort der Empfängnis bis zum Stehen beim Kreuz. Maria wird darin zum Urbild allen Mitwirkens des Geschöpfes am Wirken Gottes. Ihr Mitwirken am Werk Christi führt sie, wie kein anderes Geschöpf, mitten in das Drama von Sünde und Erlösung, in das Zentrum der Heilsgeschichte.
So schließe ich heute mit dem "Gegrüßet seist du, Maria", heute einmal ausnahmsweise in der alten Form, und denken dabei an das wunderbare Geheimnis der Barmherzigkeit:
Gegrüßet seist du, Maria,
voll der Gnade,
der Herr ist mit dir.
Du bist gebenedeit
unter den Frauen,
und gebenedeit ist
die Frucht deines Leibes, Jesus.
Heilige Maria, Mutter Gottes,
bitte für uns arme Sünder
jetzt und in der Stunde
unseres Todes. Amen.
Gleiches gleich, Ungleiches ungleich behandeln: Kardinal Schönborn fordert Schutz der Ehe
May 25, 2008
Kritik am Gesetzesentwurf für Lebenspartnerschaften gleichgeschlechtlicher Paare.
WIEN, 24. Mai 2008 (ZENIT.org/PEW).- Kardinal Schönborn hat bei der diesjährigen Fronleichnamsprozession (22. Mai) durch die Wiener Innenstadt die von der österreichischen Regierung angestrebte Gleichstellung der Institution Ehe mit der Lebenspartnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare zurückgewiesen. Es sei zu hoffen, dass „der Weg in diese gesellschaftspolitisch falsche Richtung doch nicht begangen wird“, betonte der Kardinal in seiner Predigt auf dem Josephsplatz.
„Nennt das Runde rund und das Eckige eckig. Oder der Staat geht zugrunde“, forderte der Wiener Erzbischof mit einem Konfuzius-Wort. Keine Gesellschaft halte es auf die Dauer aus, wenn „Worte verschleiern statt zu enthüllen, wenn sie vernebeln statt zu klären“. Es solle durchaus für eine „solide rechtliche Absicherung für Menschen gesorgt werden, die einander nahe sind und zusammen leben“, aber dazu bedürfe es nicht eines anderen Gesellschaftsmodells, wie es derzeit „von manchen angestrebt wird und mit großem Druck durchgesetzt werden soll“. Ohne lebensoffene Familie gebe es keine Zukunft", bekräftigte Kardinal Schönborn.
Es gehe darum, „Gleiches gleich und Ungleiches ungleich“ zu behandeln, wobei es in jedem Fall Voraussetzung sei, die Dinge klar zu benennen. Der Entwurf zum Lebenspartnerschaftsgesetz folge insgesamt dem Ehegesetz, der Ort des Eingehens von solchen Partnerschaften soll das Standesamt sein, bloß die Adoption von Kindern sei noch nicht vorgesehen, erinnerte der Wiener Erzbischof. Die Ankündigung, dass in einem weiteren Schritt sogar das Ehegesetz an das Lebenspartnerschaftsgesetz angeglichen werden soll, lasse eine noch weitere Gleichstellung des Instituts der Ehe mit der Lebenspartnerschaft erwarten. Gerade durch die angestrebte Gleichsetzung würde aber Ungleichbehandlung geschehen, denn die Dimension der Ehe im Hinblick auf Zeugung und Erziehung von Kindern werde vernachlässigt, die Bedeutung dieser Institution dadurch bagatellisiert, ihre Beiträge „letztlich gering geschätzt“.
Schön wäre es, wenn die Maßnahmen und Unterstützungen verstärkt würden, „die mancher Frau und mancher Familie ihr Ja zum Kind erleichtern“ könnten, unterstrich Kardinal Schönborn. Alle Energien sollten für junge Familien mit Kindern aufgewendet werden; diese Familien kämen heute oft genug in die Nähe der Armutsgrenze und würden auch noch gesellschaftlich „an den Rand gedrängt“. Und doch seien es diese Familien, die „durch manchen herben Verzicht und durch viele ganz reale Opfer“ die Zukunft sicherten: „Wer sorgt für den sozialen Zusammenhalt im Land, wenn nicht in erster Linie die Familien, die für das Leben offen sind?“
Der Wiener Erzbischof formulierte seine Hoffnung, dass Gott im Sinn des Evangeliums vom Fronleichnamsfest Österreich ein „Wunder der Brotvermehrung“ schenken möge: „Ein neues Ja zum Leben, eine Zukunft, in der Kinder willkommen sind“. Die Äußerungen des Kardinals wurden spontan mit Applaus quittiert – ein Vorgang, den es bisher beim „Stadtumgang“ noch nie gegeben hatte.
Am „Stadtumgang“ nahmen tausende Gläubige teil, unter ihnen der Apostolische Nuntius, Erzbischof Edmond Farhat, der neue Wiener Weihbischof Stephan Turnovszky und der Weihbischof der kalifornischen Diözese San Diego, Salvatore Joseph Cordileone. Auch Repräsentanten des öffentlichen Lebens nahmen an der Prozession durch die Straßen der Inneren Stadt teil, an der Spitze der Zweite Präsident des Nationalrats, Michael Spindelegger, und Wissenschaftsminister Johannes Hahn.
Eine neue Bürgerinitiative macht gegen das viel kritisierte Gesetzesvorhaben mobil und sammelt noch bis zum 4. Juni Unterschriften. Die Anerkennung der unverzichtbaren Leistung, die die Familie für die Gesellschaft erbringt, und das Recht der Kinder auf Vater und Mutter stehen im Mittelpunkt der ökumenischen Initiative Neinzurhomoehe.
„Homosexuell Fühlende haben in unserem Land all die Rechte, die jeder Österreicher hat“, erklären die Initiatoren. „Diese Rechte sollen sie auch haben, es gibt aber keinen Grund, ihnen Privilegien zu geben, die durch keine Leistung für die Gesellschaft begründet sind. Es gibt keine andere Verbindung, die der Ehe als dauerhafter Beziehung zwischen Mann und Frau wirklich gleich sein kann. Daher soll keine andere Verbindung so wie die Ehe behandelt werden. Gleiches soll gleich, Ungleiches ungleich behandelt werden!“
Predigt zu Fronleichnam
May 25, 2008
Wortlaut der Predigt von Kardinal Christoph Schönborn zum Fronleichnamsfest am 22. Mai 2008.
1 Kor 10, 16-17, Joh 6,51-58, Mt 14, 13-21
Einleitung im Dom
Liebe Brüder und Schwestern,
"Nennt das Runde rund und das Eckige eckig. Oder der Staat geht zugrunde". Dieses Wort eines großen chinesischen Weisen, des Konfuzius, stelle ich heute an den Anfang unseres Festes, zu dem uns die Kirche geladen hat. Die Dinge beim Namen zu nennen, die Worte sagen zu lassen, was sie sagen: das ist stets neu die Kraft des Wortes Gottes. Deshalb richtet es auf und rückt das schief Gewordene wieder zurecht, im Weltlichen wie im Geistlichen.
So auch die drei Worte der Heiligen Schrift, die wir jetzt hören werden und zu denen ich kurz hinführen will. Die alttestamentliche Lesung blickt auf die 40 Jahre Wüstenzeit Israels zurück. Sie nennt Ägypten, was es für das Volk Gottes war: ein Sklavenhaus. Sie nennt die Wüste das, was sie war: harte Wüstenerfahrung. Und den Auszug aus Ägypten das, was er war: wunderbare Rettung durch Gott.
Die zweite Lesung aus dem Ersten Korinther-Brief spricht von der Gemeinschaft der Gläubigen. Sie macht keine moralischen Appelle an die Gemeinschaft, sondern nennt deren wahren Grund: "Ein Brot ist es, das wir brechen - darum sind wir vielen ein Leib".
Im Evangelium schließlich, aus der Rede Jesu in der Synagoge von Kapharnaum, ist es die Klarheit der Worte Jesu, an der Anstoß genommen wird: "Mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise, und mein Blut wahrhaft ein Trank...Wer mich isst, wird durch mich leben".
Diese Wirklichkeit, den wahren Leib des Herrn, feiern wir heute. Möge dieses Fest uns helfen, in der Wahrheit zu bleiben und aus ihr zu leben".
Fronleichnamsprozession - Predigt auf dem Josefsplatz
Mt 14,13-21
Liebe Brüder und Schwestern!
"Nennt das Runde rund und das Eckige eckig. Oder der Staat geht zugrunde".
Diese Worte des chinesischen Weisen Konfuzius stelle ich auch hier, am Josephsplatz, an den Anfang, wie schon im Dom. Worte weltlicher und geistlicher Weisheit. Ja, der Staat geht zugrunde, wenn Worte verschleiern statt zu enthüllen, wenn sie vernebeln statt zu klären. Keine Gesellschaft hält das auf die Dauer aus. Und auch nicht die Kirche. Löst sie sich vom klaren Wort der Offenbarung, dann deutelt sie am Wort Gottes so lange herum, bis es harmlos, zum bloßen und blassen Menschenwort geworden ist, seine innerste Kraft verloren hat.
Ich liebe dieses Evangelium, weil es so klar den Kontrast zwischen der Klarheit Jesu und der Ratlosigkeit der Jünger Jesu zum Ausdruck bringt.
Die Ratlosigkeit der Jünger sagt: "Schick die Leute weg, dass sie sich zu essen besorgen!" Die Klarheit Jesu sagt: "Sie brauchen nicht weg zu gehen. Gebt ihr ihnen zu essen!"
Jesus spricht eine Notwendigkeit an, und eine Überforderung aus: Brot wird dringend gebraucht. Und die, die es geben sollen, haben viel zu wenig davon!
An diese Notwendigkeit und gleichzeitige Überforderung muss ich denken, wenn ich an die Situation unserer Gesellschaft und der Kirche in ihr denke.
Notwendig wie das Brot ist für die Gesellschaft und ihr Leben und Überleben das Ja zum Leben.
Wovon lebt unsere Gesellschaft, unser Staat? Es sind Familien und es sind die Kinder! Und sie verdanken ihr Dasein zum großen Teil der Ehe, der für das Leben offenen Gemeinschaft von Mann und Frau. Dieses einmalige Biotop (im ganz wörtlichen Sinn) von Ehe und Familie ist so notwendig wie das Brot zum Leben notwendig ist. Ohne lebensoffene Familie gibt es keine Zukunft. Um das zu sehen, braucht es keine prophetischen Gaben, es genügt ein Blick auf die Demografie unseres Landes.
Ratlos aber sind wir vor der Tatsache, dass Ehe und Familie heute in höchstem Maß zerbrechlich sind. Wie kann der Familie geholfen werden? Wie kann sie ermutigt, gestärkt werden? Angesichts der Trends, die so massiv gegen die Familie laufen, fühlen sich viele entmutigt, sie haben oft das Gefühl, ohnmächtig einem Lauf der Dinge zuzusehen, der in den Abgrund führt.
Gerade in der letzten Zeit wird man nun aber besonders nachdenklich, wenn man sieht, wie in einem Gesetzentwurf die Lebenspartnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare der Institution Ehe möglichst gleichgestellt werden soll. Der Entwurf folgt insgesamt dem Ehegesetz, der Ort des Eingehens von solchen Lebenspartnerschaften soll das Standesamt sein, gerade die Adoption von Kindern ist noch (!) nicht vorgesehen. Die Ankündigung, dass in einem weiteren Schritt sogar das Ehegesetz an das Lebenspartnerschaftsgesetz angeglichen werden soll, lässt eine noch weitere Gleichstellung des Instituts der Ehe mit dieser Lebenspartnerschaft erwarten.
Schnell ist von einem Anspruch auf Gleichbehandlung die Rede, als ob es irgendein Recht gäbe, dass zwei in vielfacher Hinsicht verschiedene Dinge gleich behandelt werden. Der Grundsatz der Gleichbehandlung hat eben zwei Dimensionen, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. In jedem Fall ist es Voraussetzung, vorher die Dinge klar zu benennen. Brot ist eben Brot und nichts anderes. Vermehrung ist eben Vermehrung und nichts anderes. Die Ehe zwischen Mann und Frau mit ihrer Offenheit für neues Leben und nur sie ist eben Ehe - auch mit ihren spezifischen Beiträgen für Staat und Gesellschaft, insbesondere für den Generationenvertrag. Gerade durch die angestrebte Gleichsetzung würde Ungleichbehandlung geschehen. Denn die generative Dimension der Ehe, Zeugung und Erziehung von Kindern, wird vernachlässigt, ihre Bedeutung dadurch bagatellisiert, ihre Beiträge letztlich gering geschätzt.
Wie lautet nochmals der Spruch des weisen Konfuzius? "Nennt das Runde rund und das Eckige eckig. Oder der Staat geht zugrunde".
Wir hoffen sehr, dass der Weg in diese gesellschaftspolitisch falsche Richtung doch nicht begangen wird. Wir hoffen, dass alle Einwände bedacht werden.
Wie schön wäre es, wenn die Maßnahmen und Unterstützungen verstärkt würden, die mancher Frau und mancher Familie ihr Ja zum Kind erleichtern würden! Alles, was hier in unserem Land bereits geschieht, kann nicht genug bedankt werden! Es wäre doch wirklich eine Herausforderung, alle Energien für junge Familien mit Kindern aufzuwenden, die heute allzu oft in die Nähe der Armutsgrenze kommen und auch noch gesellschaftlich gering geschätzt und an den Rand gedrängt werden. Dabei sind sie es, die durch manchen herben Verzicht und durch viele ganz reale Opfer unsere Zukunft sichern. Denn wer wird einmal Sorge für uns tragen, wenn wir alt und bedürftig sind? Wer sorgt für den sozialen Zusammenhalt im Land wenn nicht in erster Linie die Familien, die für das Leben offen sind?
Es soll durchaus auch für eine solide rechtliche Absicherung für Menschen gesorgt werden, die einander nahe sind, zusammen leben, sich gegenseitig helfen. Aber dazu bedarf es nicht eines anderen Gesellschaftsmodells, wie es zur Zeit von manchen angestrebt wird und mit großem Druck durchgesetzt werden soll.
Die Apostel waren von Jesus Auftrag überfordert: Gebt ihr den vielen Menschen zu essen! Aber dann erlebten sie, wie in ihren Händen das von Jesus gesegnete Brot nicht weniger wurde, für alle ausreichte.
Gott schenke unserem Land ein solches Wunder der Brotvermehrung: Ein neues Ja zum Leben, eine Zukunft, in der Kinder willkommen sind, und das Erstaunen über einen neuen starken Zusammenhalt, und die Freude, die aufkommt, wenn Verzicht und Opfer fruchtbar werden, sich als Segen erweisen. Ein Segen, der sichtbar unter uns ist: die Kinder, besonders die von der Volksschule Judenplatz, die so geduldig ausgeharrt haben! Amen.
Fronleichnamsprozession - Ansprache auf dem Petersplatz
Mt 11, 25-30
Das letzte Wort der Heiligen Schrift auf unserem Weg durch die Stadt mit dem Allerheiligsten, dem Leib Christi, dem Herrn selber, der hier real gegenwärtig ist, ist ein Wort des Trostes, voller Hoffnung und Ermutigung.
Sicher, für die "Klugen" und "Gescheiten", die "Kompetenten", ist es nicht schmeichelhaft. Jene, die sich für die großen Experten halten, sie kommen nicht gut weg. Aber ist es nicht die größere Weisheit, zu bekennen, wie wenig wir wissen? Uns, die wir uns gerne als "mündige Christen" betrachten, stellt Jesus die Unmündigen gegenüber.
"Unmündig" stehen wir vor dem Geheimnis. Nicht als Experten, sondern als Beschenkte! Ist nicht die eucharistische Gegenwart Jesu eine einzige Einladung, sich beschenken zu lassen?
"Kommt alle zu mir" - das ist die Einladung Jesu. Kommt, die ihr mühselig und beladen seid, euch plagt und schwere Lasten tragt!
Welches Mitgefühl spricht aus Jesu Worten! Nicht Anklage, sondern Erbarmen. Einladung, Ruhe für die unruhigen Herzen zu finden, jenes tiefe Ausruhen, nach dem sich die Seele so sehr sehnt, ob wir uns dessen ¿bewusst sind oder nicht, ein Ruhen in Gott, in Jesu heilender Gegenwart!
Ein Wort zum Schluss: Manchmal ist es wirklich ein Leiden, immer wieder Nein sagen zu müssen. Ist die Kirche immer nur die Nein-Sagerin? Nein zu so vielen Trends in unserer Zeit?
Das Nein ist nicht einfach nur ein Nein. Es ist ein Ja zu dem Ja, das Gott zu uns gesagt hat. Ein Ja zu Seinem Wort, ein Ja zu dem, was Er uns zeigt in Christus, Seinem Sohn. Ein Ja auch zu denen, die nur unser Nein hören, das nicht ihnen gilt, sondern dem, was wir als Irrweg bezeichnen müssen, ohne den Irrenden zu verachten. Ich habe anfangs Konfuzius zitiert. Bei der Dichterin Hilde Domin habe ich dieses Zitat gefunden. Von ihr stammt auch dieses andere Wort, mit dem ich schließe: "Dies ist unsere Freiheit/die richtigen Namen nennend/furchtlos mit der kleinen Stimme" (aus "Wort und Ding", zitiert bei Egon Kapellari: "Aber Bleibendes stiften die Dichter", Graz 2001).
Predigt zu Fronleichnam
May 25, 2008
Wortlaut der Predigt von Kardinal Christoph Schönborn zum Fronleichnamsfest am 22. Mai 2008.
1 Kor 10, 16-17, Joh 6,51-58, Mt 14, 13-21
Einleitung im Dom
Liebe Brüder und Schwestern,
"Nennt das Runde rund und das Eckige eckig. Oder der Staat geht zugrunde". Dieses Wort eines großen chinesischen Weisen, des Konfuzius, stelle ich heute an den Anfang unseres Festes, zu dem uns die Kirche geladen hat. Die Dinge beim Namen zu nennen, die Worte sagen zu lassen, was sie sagen: das ist stets neu die Kraft des Wortes Gottes. Deshalb richtet es auf und rückt das schief Gewordene wieder zurecht, im Weltlichen wie im Geistlichen.
So auch die drei Worte der Heiligen Schrift, die wir jetzt hören werden und zu denen ich kurz hinführen will. Die alttestamentliche Lesung blickt auf die 40 Jahre Wüstenzeit Israels zurück. Sie nennt Ägypten, was es für das Volk Gottes war: ein Sklavenhaus. Sie nennt die Wüste das, was sie war: harte Wüstenerfahrung. Und den Auszug aus Ägypten das, was er war: wunderbare Rettung durch Gott.
Die zweite Lesung aus dem Ersten Korinther-Brief spricht von der Gemeinschaft der Gläubigen. Sie macht keine moralischen Appelle an die Gemeinschaft, sondern nennt deren wahren Grund: "Ein Brot ist es, das wir brechen - darum sind wir vielen ein Leib".
Im Evangelium schließlich, aus der Rede Jesu in der Synagoge von Kapharnaum, ist es die Klarheit der Worte Jesu, an der Anstoß genommen wird: "Mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise, und mein Blut wahrhaft ein Trank...Wer mich isst, wird durch mich leben".
Diese Wirklichkeit, den wahren Leib des Herrn, feiern wir heute. Möge dieses Fest uns helfen, in der Wahrheit zu bleiben und aus ihr zu leben".
Fronleichnamsprozession - Predigt auf dem Josefsplatz
Mt 14,13-21
Liebe Brüder und Schwestern!
"Nennt das Runde rund und das Eckige eckig. Oder der Staat geht zugrunde".
Diese Worte des chinesischen Weisen Konfuzius stelle ich auch hier, am Josephsplatz, an den Anfang, wie schon im Dom. Worte weltlicher und geistlicher Weisheit. Ja, der Staat geht zugrunde, wenn Worte verschleiern statt zu enthüllen, wenn sie vernebeln statt zu klären. Keine Gesellschaft hält das auf die Dauer aus. Und auch nicht die Kirche. Löst sie sich vom klaren Wort der Offenbarung, dann deutelt sie am Wort Gottes so lange herum, bis es harmlos, zum bloßen und blassen Menschenwort geworden ist, seine innerste Kraft verloren hat.
Ich liebe dieses Evangelium, weil es so klar den Kontrast zwischen der Klarheit Jesu und der Ratlosigkeit der Jünger Jesu zum Ausdruck bringt.
Die Ratlosigkeit der Jünger sagt: "Schick die Leute weg, dass sie sich zu essen besorgen!" Die Klarheit Jesu sagt: "Sie brauchen nicht weg zu gehen. Gebt ihr ihnen zu essen!"
Jesus spricht eine Notwendigkeit an, und eine Überforderung aus: Brot wird dringend gebraucht. Und die, die es geben sollen, haben viel zu wenig davon!
An diese Notwendigkeit und gleichzeitige Überforderung muss ich denken, wenn ich an die Situation unserer Gesellschaft und der Kirche in ihr denke.
Notwendig wie das Brot ist für die Gesellschaft und ihr Leben und Überleben das Ja zum Leben.
Wovon lebt unsere Gesellschaft, unser Staat? Es sind Familien und es sind die Kinder! Und sie verdanken ihr Dasein zum großen Teil der Ehe, der für das Leben offenen Gemeinschaft von Mann und Frau. Dieses einmalige Biotop (im ganz wörtlichen Sinn) von Ehe und Familie ist so notwendig wie das Brot zum Leben notwendig ist. Ohne lebensoffene Familie gibt es keine Zukunft. Um das zu sehen, braucht es keine prophetischen Gaben, es genügt ein Blick auf die Demografie unseres Landes.
Ratlos aber sind wir vor der Tatsache, dass Ehe und Familie heute in höchstem Maß zerbrechlich sind. Wie kann der Familie geholfen werden? Wie kann sie ermutigt, gestärkt werden? Angesichts der Trends, die so massiv gegen die Familie laufen, fühlen sich viele entmutigt, sie haben oft das Gefühl, ohnmächtig einem Lauf der Dinge zuzusehen, der in den Abgrund führt.
Gerade in der letzten Zeit wird man nun aber besonders nachdenklich, wenn man sieht, wie in einem Gesetzentwurf die Lebenspartnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare der Institution Ehe möglichst gleichgestellt werden soll. Der Entwurf folgt insgesamt dem Ehegesetz, der Ort des Eingehens von solchen Lebenspartnerschaften soll das Standesamt sein, gerade die Adoption von Kindern ist noch (!) nicht vorgesehen. Die Ankündigung, dass in einem weiteren Schritt sogar das Ehegesetz an das Lebenspartnerschaftsgesetz angeglichen werden soll, lässt eine noch weitere Gleichstellung des Instituts der Ehe mit dieser Lebenspartnerschaft erwarten.
Schnell ist von einem Anspruch auf Gleichbehandlung die Rede, als ob es irgendein Recht gäbe, dass zwei in vielfacher Hinsicht verschiedene Dinge gleich behandelt werden. Der Grundsatz der Gleichbehandlung hat eben zwei Dimensionen, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. In jedem Fall ist es Voraussetzung, vorher die Dinge klar zu benennen. Brot ist eben Brot und nichts anderes. Vermehrung ist eben Vermehrung und nichts anderes. Die Ehe zwischen Mann und Frau mit ihrer Offenheit für neues Leben und nur sie ist eben Ehe - auch mit ihren spezifischen Beiträgen für Staat und Gesellschaft, insbesondere für den Generationenvertrag. Gerade durch die angestrebte Gleichsetzung würde Ungleichbehandlung geschehen. Denn die generative Dimension der Ehe, Zeugung und Erziehung von Kindern, wird vernachlässigt, ihre Bedeutung dadurch bagatellisiert, ihre Beiträge letztlich gering geschätzt.
Wie lautet nochmals der Spruch des weisen Konfuzius? "Nennt das Runde rund und das Eckige eckig. Oder der Staat geht zugrunde".
Wir hoffen sehr, dass der Weg in diese gesellschaftspolitisch falsche Richtung doch nicht begangen wird. Wir hoffen, dass alle Einwände bedacht werden.
Wie schön wäre es, wenn die Maßnahmen und Unterstützungen verstärkt würden, die mancher Frau und mancher Familie ihr Ja zum Kind erleichtern würden! Alles, was hier in unserem Land bereits geschieht, kann nicht genug bedankt werden! Es wäre doch wirklich eine Herausforderung, alle Energien für junge Familien mit Kindern aufzuwenden, die heute allzu oft in die Nähe der Armutsgrenze kommen und auch noch gesellschaftlich gering geschätzt und an den Rand gedrängt werden. Dabei sind sie es, die durch manchen herben Verzicht und durch viele ganz reale Opfer unsere Zukunft sichern. Denn wer wird einmal Sorge für uns tragen, wenn wir alt und bedürftig sind? Wer sorgt für den sozialen Zusammenhalt im Land wenn nicht in erster Linie die Familien, die für das Leben offen sind?
Es soll durchaus auch für eine solide rechtliche Absicherung für Menschen gesorgt werden, die einander nahe sind, zusammen leben, sich gegenseitig helfen. Aber dazu bedarf es nicht eines anderen Gesellschaftsmodells, wie es zur Zeit von manchen angestrebt wird und mit großem Druck durchgesetzt werden soll.
Die Apostel waren von Jesus Auftrag überfordert: Gebt ihr den vielen Menschen zu essen! Aber dann erlebten sie, wie in ihren Händen das von Jesus gesegnete Brot nicht weniger wurde, für alle ausreichte.
Gott schenke unserem Land ein solches Wunder der Brotvermehrung: Ein neues Ja zum Leben, eine Zukunft, in der Kinder willkommen sind, und das Erstaunen über einen neuen starken Zusammenhalt, und die Freude, die aufkommt, wenn Verzicht und Opfer fruchtbar werden, sich als Segen erweisen. Ein Segen, der sichtbar unter uns ist: die Kinder, besonders die von der Volksschule Judenplatz, die so geduldig ausgeharrt haben! Amen.
Fronleichnamsprozession - Ansprache auf dem Petersplatz
Mt 11, 25-30
Das letzte Wort der Heiligen Schrift auf unserem Weg durch die Stadt mit dem Allerheiligsten, dem Leib Christi, dem Herrn selber, der hier real gegenwärtig ist, ist ein Wort des Trostes, voller Hoffnung und Ermutigung.
Sicher, für die "Klugen" und "Gescheiten", die "Kompetenten", ist es nicht schmeichelhaft. Jene, die sich für die großen Experten halten, sie kommen nicht gut weg. Aber ist es nicht die größere Weisheit, zu bekennen, wie wenig wir wissen? Uns, die wir uns gerne als "mündige Christen" betrachten, stellt Jesus die Unmündigen gegenüber.
"Unmündig" stehen wir vor dem Geheimnis. Nicht als Experten, sondern als Beschenkte! Ist nicht die eucharistische Gegenwart Jesu eine einzige Einladung, sich beschenken zu lassen?
"Kommt alle zu mir" - das ist die Einladung Jesu. Kommt, die ihr mühselig und beladen seid, euch plagt und schwere Lasten tragt!
Welches Mitgefühl spricht aus Jesu Worten! Nicht Anklage, sondern Erbarmen. Einladung, Ruhe für die unruhigen Herzen zu finden, jenes tiefe Ausruhen, nach dem sich die Seele so sehr sehnt, ob wir uns dessen ¿bewusst sind oder nicht, ein Ruhen in Gott, in Jesu heilender Gegenwart!
Ein Wort zum Schluss: Manchmal ist es wirklich ein Leiden, immer wieder Nein sagen zu müssen. Ist die Kirche immer nur die Nein-Sagerin? Nein zu so vielen Trends in unserer Zeit?
Das Nein ist nicht einfach nur ein Nein. Es ist ein Ja zu dem Ja, das Gott zu uns gesagt hat. Ein Ja zu Seinem Wort, ein Ja zu dem, was Er uns zeigt in Christus, Seinem Sohn. Ein Ja auch zu denen, die nur unser Nein hören, das nicht ihnen gilt, sondern dem, was wir als Irrweg bezeichnen müssen, ohne den Irrenden zu verachten. Ich habe anfangs Konfuzius zitiert. Bei der Dichterin Hilde Domin habe ich dieses Zitat gefunden. Von ihr stammt auch dieses andere Wort, mit dem ich schließe: "Dies ist unsere Freiheit/die richtigen Namen nennend/furchtlos mit der kleinen Stimme" (aus "Wort und Ding", zitiert bei Egon Kapellari: "Aber Bleibendes stiften die Dichter", Graz 2001).
Schönborn: "Das Böse kommt meistens in banaler Gestalt daher"
May 11, 2008
Wiens Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn über den heiligen Geist und die Willensfreiheit, Amstetten und das Böse, Konflikte zwischen Kirche und Politik und das neue Pfingsten des Johannes XXIII.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2008) Die Presse: Pfingsten ist das Fest des Geistes. „Geist“ ist ja ein schwieriger Begriff geworden. Wovon spricht ein intellektueller Priester heute, wenn er vom Geist spricht?
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Kardinal Christoph Schönborn: Er spricht von dem, was grundsätzlich immer Priorität hat. Am Anfang war das Wort, heißt es im Johannes-Evangelium, der „logos“ ist also der Geist, der Sinn, die Vernunft. Es ist eben nicht so, wie manche meinen, dass Geist nur das Epi-Phänomen der Materie ist, dass Geist das Produkt von physischen Vorgängen wäre. Aber das ist eine große Debatte, die sich durch alle Bereiche zieht, von den Naturwissenschaften bis hin zur Philosophie, zur Psychologie, zur Theologie.
Das ist in Ihrer Sprechweise der Geist Gottes. Um den geht es in der Debatte Schöpfung versus Evolution. Im Zuge der Diskussion über die Willensfreiheit ist auch der menschliche Geist unter Druck gekommen. Zunächst sind das aber zwei ganz unterschiedliche Dinge.
Schönborn: Ja und nein. Wir haben natürlich keine direkte Vorstellung vom Geist Gottes, wie wir von Gott keine direkte Vorstellung haben, weil das Geheimnis Gottes sich aller Begrifflichkeit und allem Begreifen entzieht. Aber wir haben Analogien, wir haben Verständnisbrücken. Und zweifellos ist die stärkste Verständnisbrü