Der Kardinal aus Marktl wird 78
Apr 16, 2005
Geburtstagsfeiern hat Joseph Ratzinger abgesagt, wegen der Papstwahl. Diesmal also keine Trachtenkapelle und kein bayerischer Defiliermarsch im Vatikan, das gab es nämlich auch schon. Der ansonsten so kühle "Kopfmensch" Ratzinger hat durchaus Freude an solch zünftigen Sachen aus der Heimat, auch wenn seine Kritiker ihm das gar nicht zutrauen.
(Trostberger Tagblatt, 16-04-05) Marktl/Rom. An diesem Samstag wird Ratzinger 78 Jahre alt, dass die "Lebensflamme kleiner wird", davon hat er schon des öfteren gesprochen. Sollte ihm jetzt noch eine ganz schwere Bürde, die schwerste, die die katholischen Kirche zu vergeben hat, aufgetragen werden?
Der Mann aus Marktl am Inn, der schon als Bub Kardinal werden wollte, ist sichtlich gealtert in den letzten Jahren. Wird ihm ein Journalist vorgestellt, reißt er schon mal die Arme in die Höhe und ruft mit aufgerissenen Augen: "Keine Interviews!". Dass er jetzt "papabile", möglicher Papstnachfolger, genannt wird, ist für ihn selbst eine Überraschung. Ob es auch stille Genugtuung ist für erlittene Kritik oder ob ihn die Aussicht nur schreckt - das wissen auch diejenigen nicht, die ihn kennen.
Über 20 Jahre war Ratzinger Präfekt der Glaubenskongregation in Rom, vom Amts wegen also zur Glaubensstrenge verpflichtet, zur Ermahnung der Gläubigen, zur Korrektur von Abweichungen. Härte gehörte mit zum Job. "Nicht alle Nachrichten, die aus Rom kommen, werden angenehm sein", hatte er bei seiner Berufung 1981 prophezeit. Geschockt hat ihn aber, dass die schärfste, die härteste Kritik aus Deutschland kam, dort wurde er schlichtweg zum Symbol für Dogmatismus und Konservatismus. Das er zum "Buhmann" gemacht wurde, habe ihn nicht kalt gelassen, bekannte Ratzinger einmal. In anderen Ländern wurde er, bei aller Kritik, vor allem als "Bewahrer" angesehen - was in Zeiten rasanten gesellschaftlichen Wandels durchaus kein Schimpfwort ist.
Ratzingers Aufstieg in der Kirchenhierarchie war rasant, aber eigentlich war es eher die Wissenschaft, nicht die Seelsorge, die ihn besonders reizte. 1951 wurde der Sohn "einfacher Leute", der Vater war Gendarmeriemeister, zum Priester geweiht, mit 30 Jahren habilitierte er, wurde Dogmatik-Professor an der Freisinger Hochschule. Später lehrte er in Bonn, Münster und Tübingen und Regensburg. 1977 wurde er zum Erzbischof von München und Freising berufen, wenig später zum Kardinal.
Gegen den Zeitgeist zu Felde zu ziehen, die Kirche vor flüchtigen Modeinflüssen zu bewahren, wurde zu seinem Anliegen. Es dürfe sich nicht jeder seine "Kirche selbstmachen"; die christliche Botschaft nicht auf politische und soziale "Fixpunkte" verengen. Schweren Ärger zog er noch kürzlich auf sich, als er gegen die "HomoEhe" zu Felde zog. Homosexuelle Praktiken "gehören zu den Sünden, die schwer gegen die Keuschheit verstoßen." In solchen Verurteilungen folgen ihm nur noch wenige. Selbst diejenigen, die viele seiner Positionen teilen, meinen, seine Dokumente hätten nicht selten einen harten, fast einen schneidenden Ton.
Mit Papst Johannes Paul II. sprach Ratzinger stets Deutsch, wöchentlich mindestens einmal trafen sie sich, niemand aus der Kurie stand dem Papst näher. Dennoch wollte Ratzinger, auch wegen einer nicht ganz robusten Gesundheit, schon aus dem Amt scheiden. Was der Papst ihm verweigerte.
Als Kardinalsdekan gilt Ratzinger jetzt als "Papstmacher", als mächtiger Mann, dessen Wort im Konklave Gewicht hat, der bei der Wahl die Richtung vorgeben kann. Dass das Amt auch auf ihn selbst zulaufen könnte, birgt für ihn durchaus auch Bedrohliches. "Ich warte ungeduldig auf die Zeit, in der ich noch einige Bücher schreiben kann", sagte er schon vor längerem. Und dazu will er nach Bayern zurück.