Meisner rügt die Kanzlerin
Apr 29, 2009
Die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende lehnt die vom Kölner Erzbischof geforderte Entschuldigung gegenüber dem gescholtenen und tief verletzten Papst Benedikt XVI. ab. Der Kardinal: Alte Ratzinger-Gegner sehen eine Chance, wieder gegen Benedikt XVI. loszuschlagen.
Köln/Berlin. Ob die ostdeutsche Pfarrerstochter Angela Merkel als Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende ein Gespür für Katholisches entwickelt hat, ist kaum zu ermitteln. Was aber feststeht, ist, dass zwischen Merkel und dem Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, eine spannungsreiche Beziehung besteht. Meisner, der aus Schlesien stammt und als Junge, Priester und Bischof in Thüringen und Berlin (Ost) jahrzehntelang ein innerer Widerständler gegenüber dem DDR-Staatsatheismus war, hat sich erneut in massiv kritischem Ton an Merkel gewandt. Früher hatte Meisner einmal kritisiert, dass Merkels Partei das "C" zu Unrecht im Namen führe; und sogar Merkels persönliche Lebensumstände (geschieden, eine Zeitlang unverheiratet wieder liiert) als einer "C"-Parteichefin nicht gemäß getadelt.
Anlass für Meisners aktuelle Intervention ist die wenige Woche zurückliegende Papst-Schelte, bei der Merkel anlässlich einer Pressekonferenz in Berlin Benedikt XVI. aufgefordert hatte, seine Haltung zum berüchtigten Holocaust-Leugner Williamson klarzustellen. Dies geschah, obwohl Benedikt XVI., was Merkel später einräumte, nie einen Zweifel daran gelassen hatte, dass er jeglichen Antisemitismus verurteilt. Zuletzt hatte der Papst das knapp eine Woche vor Merkels Intervention im Vatikan klargestellt.
Meisner bezeichnete Merkels Verhalten gegenüber der "Bild"-Zeitung als "eine der größten Fehlleistungen". Sowohl inhaltlich als auch im Ton sei die öffentliche Papstschelte völlig unangemessen gewesen. Spitz setzte der Kardinal hinzu, was man bei der CDU seit Wochen registriert: dass nämlich viele ihrer Kirche treu verbundene Parteimitglieder derart irritiert bis erbost sind, dass sie über einen Parteiaustritt nachdenken oder ihn bereits realisiert haben.
Die Irritationen dürften sich noch dadurch verstärken, dass Merkel gestern durch ihren Sprecher verlauten ließ, sie lehne eine Entschuldigung gegenüber dem erklärtenmaßen sich verletzt fühlenden Papst ab. Eine solche Entschuldigung hatte der Kölner Erzbischof Merkel nahegelegt und gesagt: Zeigen Sie Größe und entschuldigen Sie sich, Frau Bundeskanzlerin." Die katholische Deutsche Bischofskonferenz wollte gestern kein neues Öl ins Feuer gießen. Der Vorsitzende, Erzbischof Robert Zollitsch, der nach der Merkel-Schelte gegenüber Benedikt XVI. mit der Kanzlerin gesprochen hatte, sieht weder ungeklärte Fragen noch weiterhin dunkle Wolken in den Beziehungen zwischen Kirche und Kanzleramt. Merkel selbst, offenkundig aufgeschreckt durch die zahlreich in der CDU-Zentrale "Konrad-Adenauer-Haus" eingetroffenen Protestschreiben, hatte mit dem Papst telefoniert und vor wenigen Tagen zusätzlich in der Katholischen Akademie Berlin auffallend deutlich die Bedeutung des christlichen Menschenbildes hervorgehoben, von dem sie sich leiten lasse.
Meisner kritisiert ohne Namensnennung "alte Ratzinger-Gegner", die vier Jahre lang hätten schweigen müssen, weil sie sich davon überzeugen konnten, wie absurd die Karikaturen vom angeblichen "Panzerkardinal" gewesen seien. Nach der Falschinformation, dass es sich bei der Aufhebung der Exkommunikation Williamsons um dessen Rehabilitierung gehandelt habe, habe man die Chance gesehen, wieder gegen den Papst loszuschlagen. "Jetzt", so Meisner, "warf man ihm mal nicht zu große Härte, sondern zu große Barmherzigkeit vor."
Quelle: Rheinische Post