Joachim Cardinal Meisner Joachim Cardinal Meisner
Function:
Archbishop of Köln, Germany
Title:
Cardinal Priest of S Pudenziana
Birthdate:
Dec 25, 1933
Country:
Germany
Elevated:
Feb 02, 1983
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German „Ich stehe in der Pflicht“
Dec 21, 2008
Der Erzbischof von Köln wird zum Weihnachtsfest 75 Jahre alt. Im RM-Gespräch sagt er, was ihn geprägt hat und heute bewegt.

Rheinischer Merkur: Herr Kardinal, Sie haben mit Vollendung des 75. Lebensjahres die Altersgrenze als Bischof erreicht. Papst Benedikt hat Ihr Rücktrittsgesuch angenommen, Sie aber gebeten, im Amt zu bleiben. Haben Sie damit gerechnet?

Joachim Kardinal Meisner: Als ich die Nachricht bekam, dachte ich: Gut, dann machst du es. Es hätte mich auch nicht beunruhigt, wenn der Papst meinen Rücktritt angenommen hätte. Ich bin ja schon 34 Jahre Bischof und hatte nie eine Schonstelle. Es wäre also nicht unbillig, wenn er gesagt hätte, tritt doch etwas kürzer. Ich habe den damaligen Kardinal Ratzinger vor dem Konklave zweimal besucht und ihn bestürmt, die Papstwahl anzunehmen, wenn sie auf ihn zukomme. Nun nimmt er auch mich in die Pflicht. Und ich bin immerhin sieben Jahre jünger als der Papst.

RM: Am 25. Dezember 1933 sind Sie in Breslau zur Welt gekommen. Wie haben Sie den langen Weg zur Versöhnung zwischen den beiden Völkern erlebt?

Meisner: Dass diese Versöhnung möglich wurde, ist ein Verdienst der unzähligen persönlichen Kontakte, namentlich der ehemaligen Bewohner dieser Gebiete. Schon in den Sechzigerjahren hatte ich als Priester regelmäßige Kontakte nach Polen. Ressentiments habe ich dabei nie erfahren. Wenn ich Kardinal Kominek in Breslau besuchte, dann bellte sein großer Hund immer laut. Und Kominek sagte jedes Mal scherzhaft: „Hörst du, der weiß, dass der Erzfeind da ist.“ Dann lachten wir beide. So unkompliziert war unser Verhältnis. In meiner Heimatgemeinde Breslau-Lissa habe ich eine Statue von Papst Johannes Paul II. auf dem Marktplatz eingeweiht. Am nächsten Tag stand in der Zeitung: Breslau-Lissa hat einen eigenen Papst und einen eigenen Kardinal. Dort bin ich „unser Kardinal“. Manchmal macht mich diese Herzlichkeit richtig verlegen.

RM: Sind Sie noch oft zu Besuch dort?

Meisner: Vielleicht einmal im Jahr. Ich halte dann einen Vortrag und feiere Gottesdienste. Das Kölner Domkapitel schenkt mir jetzt zum Geburtstag eine gemeinsame Reise nach Breslau. Wir besuchen die Orte, die für mich wichtig waren. Ich war elf Jahre alt, als wir dort wegmussten. Ich kam mit meiner Familie nach Thüringen, in ein Diasporadorf ohne Kirche. Wären diese Kriegsereignisse und die Not in der DDR nicht gewesen, wäre ich wohl niemals Bischof geworden. Der liebe Gott aber holt seine Diener nicht vom Podest, sondern aus den Hinterhöfen der Geschichte.

RM: Hatten Sie je eine persönliche Glaubenskrise?

Meisner: Im Studium habe ich eine durchgemacht. In der Gotteslehre wurde uns ein unpersönlicher Gott vermittelt, den nichts berühren kann. Da habe ich den Professor gefragt: Warum kann ich Gott nicht eine Freude machen? Meine Mutter hat mir immer gesagt: Wenn du das machst, dann freut sich der liebe Gott. Jetzt soll das nicht mehr gelten? Was hat dann das Beten für einen Sinn? Das ist doch ein Dialog. Eines Tages habe ich die Lösung gefunden und sagte dem Professor: Durch Taufe und Firmung leben wir gar nicht mehr im Externum Gottes, sondern im Internum. Und darum ist Gott für uns auch kein ewig lächelnder Buddha. Ich kann Gott traurig machen, wenn ich sündige, und froh machen, wenn ich ihn liebe und ihm nachfolge. Das geht mir bis heute so: Ich möchte durch meinen Dienst unseren Herrn Jesus Christus froh machen. Um seinetwillen leide ich zum Beispiel schrecklich darunter, wenn ich einen Priester verliere oder wenn eine Frau von ihrem Mann verlassen wird. Untreue ist mit das Schlimmste, was es gibt. Auch zwischen uns und Gott.

RM: Erfurt, Berlin, Köln – waren das für Sie Wegmarken oder Einschnitte?

Meisner: Das waren echte Einschnitte. Ich bin am 22. Dezember 1962, also vor 47 Jahren, in Erfurt zum Priester geweiht worden. Damals sagten wir noch bei der Weihe dem Bischof „adsum“, ich stehe zur Verfügung. Ich habe dann Gott einen ganz persönlichen Blankoscheck ausgestellt und darunter geschrieben: Erfurt, den 21. Dezember 1962, Joachim Meisner, um ihm meine ehrliche und umfassende Verfügbarkeit zu bekunden. Wenn ich gewusst hätte, dass eines Tages auf diesem Blankoscheck Berlin und Köln stehen würden,hätte ich vielleicht nicht den Mut gehabt, ihn auszustellen. 1980 musste ich den todkranken Bischof Aufderbeck verlassen, der mir in Erfurt eigentlich schon alles übergeben hatte. Berlin ist mir als Bischof dann wirklich ans Herz gewachsen. Nach dem Gottesdienst zum 80. Geburtstag des Papstes 2007 in der Hedwigskathedrale kam so ein richtiger Berliner auf mich zu und sagte: „Kardinal Meisner, ick kann dir nie verjessen.“ Das hat mich sehr berührt.

RM: Inzwischen sind Sie fast 20 Jahre Erzbischof von Köln. Wie sehen Siedie Stadt und ihre Menschen heute? Sind Sie einer von ihnen geworden?

Meisner: Heimat kann es nur eine geben, aber Köln ist mein Zuhause. Und wenn umgekehrt selbst der Karneval an mir interessiert ist, dann kann ich ja ganz so „verkehrt“ nicht sein. Wir feiern jedes Jahr an den ersten Januartagen einen Karnevalsgottesdienst im Dom. Das ist keine Kölsch-Messe, wie man so sagt, sondern ein richtiges Pontifikalamt, zu dem alle Karnevalsvereine eingeladen sind. Sie kommen in ihren Uniformen. Am Schluss der Predigt sage ich dann nicht Amen, sondern Kölle alaaf. Bei einigen Karnevalssitzungen bin ich sogar Schirmherr. Eine Büttenrede zu schreiben ist für mich schwerer, als drei Predigten vorzubereiten. Beim Abschluss des Domjubiläums 1998 sagte ein waschechter Kölner vor dem Dom zu mir: „Jung, dat häste joot jemaat.“ Na bitte!

RM: Wenn Sie eine vorläufige Bilanz Ihrer Amtszeit ziehen, worauf sindSie besonders stolz?

Meisner: In der Kirche soll man den Herrn loben, nicht die Bischöfe. Deshalb bin ich nicht stolz, sondern dankbar für das, was mit Gottes Hilfe gelungen ist. Zum Beispiel für den Weltjugendtag. Er wirkt bis heute nach. Die daraus entstandene Nightfever-Bewegung breitet sich inzwischen über Deutschland aus. Kapläne erzählen mir immer wieder, dass sie eine neue Freiheit und Begeisterung für den Glauben unter den Jugendlichen erleben. Wenn 6000 von ihnen so viel Geld sparen oder erarbeiten, dass sie zum Weltjugendtag nach Sydney fahren können, dann ist das ein starkes Zeichen. Ich bin auch sehr dankbar für das 750-jährige Domjubiläum 1998, es war ein großer Erfolg. Und es hat dazu geführt, dass wir jetzt die zentrale Domwallfahrt jedes Jahr im September machen. Auf dem schulischen Sektor hat das Erzbistum in den vergangenen 25 Jahren 17 Ordensschulen übernommen, die sonst geschlossen hätten. Rund 30 000 Jugendliche besuchen unsere Gymnasien.

RM: Wie sieht es mit der Initiative für Ehe und Familie aus?

Meisner: Wir haben eben das 50-jährige Jubiläum der Ehe- und Familienarbeit im Erzbistum gefeiert. Mit Blick auf die Zahlen der Anfangszeit kann man heute eigentlich nur traurig sein. Doch die Sehnsucht der jungen Leute nach einer authentischen Partnerschaft auf Dauer ist sehr groß. Deshalb legen wir auch einen Schwerpunkt auf diese Arbeit, von der die Zukunft von Staat und Kirche wesentlich abhängt.

RM: Das weltkirchliche Engagement des Erzbistums Köln geht auf Ihre Vorgänger, die Kardinäle Frings und Höffner, zurück. Hat sich das unter Ihnen noch ausgeweitet?

Meisner: Ich bin meinen Vorgängern sehr dankbar für ihre Arbeit. Finanziell und personell geht es wohl trotz allem kaum einem Bistum in der Weltkirche so gut wie Köln. Wir geben möglichst viel davon weiter. Das diözesane Programm „Zukunft heute“ reduzierte die Mittel für die Bistumsverwaltung um 30 Prozent, doch der Etat für die Weltkirche ist nicht gekürzt worden. Wir wollen nicht an den Ärmsten der Armen sparen. Als Vorsitzender des Hilfswerks Renovabis bin ich auch die Vertrauensperson für viele Bischöfe in den Ländern Mittel- und Osteuropas. Sie wollen von mir wissen, wie sie mit Entwicklungen umgehen sollen, mit denen sie neu konfrontiert sind, etwa beim Lebensschutz und bei der Bioethik. Am stärksten eingesetzt habe ich mich immer für Polen und Tschechen. Für diese noch mehr, weil sie das nötiger hatten. Als die Tschechen nach 1981 wegen der Ausrufung des Kriegsrechts in Polen nicht mehr dorthin fahren durften, war ich Anlaufpunkt für viele Menschen aus der damaligen Tschechoslowakei. Heute gibt es so viele gute Ansätze dort; ich bin sicher, Tschechien wird rechristianisiert werden. Es bilden sich neue klösterliche Gemeinschaften, so zum Beispiel die Trappisten bei Pilsen, die Trappistinnen bei Prag und andere mehr.

RM: Als Kardinal haben Sie auch viele überdiözesane Aufgaben. Wie teilen Sie sich die Arbeit ein?

Meisner: Überdiözesane Aufgaben machen etwa ein Drittel meines Dienstes aus. Schon Johannes Paul II. hat mich in fünf vatikanische Kongregationen berufen. Mehrmals wurde ich zum päpstlichen Sondergesandten für bestimmte Anlässe ernannt. Die Hauptaufgabe eines Bischofs aber ist, dass er Ortsbischof ist.

RM: Was bereitet Ihnen da die meisten Sorgen?

Meisner: Wo ich zahlenmäßig wenig Erfolg habe, aber die meiste Kraft und Zeit investiere, sind die Priester- und Ordensberufungen. Es gibt nach wie vor genug Berufungen. Doch wenn ein Jugendlicher in der Familie und in der Schule damit allein ist, wenn ihn niemand ermutigt, dann stirbt sozusagen diese Berufung. Auch die Ministrantenarbeit bringt inzwischen selten neue Berufungen hervor.

RM: Wie wollen Sie der alarmierenden Entwicklung bei den Priesterzahlen gegensteuern?

Meisner: Wir haben in Köln immer noch eine hohe Zahl an Priesteramtskandidaten, aber es sind viel zu wenig. Hier kommen verschiedene Krisen zum Tragen: Eine davon ist die Veränderung der Familie. Vor 30 Jahren hatte eine katholische Kölner Familie noch drei bis vier Kinder, heute eines.

RM: Könnte die Weihe von verheirateten „viri probati“ die Lösung für den Priestermangel sein?

Meisner: Das ist keine Lösung, denn dann müsste man zum Beispiel als eine Konsequenz sofort die Unauflöslichkeit der Ehe aufheben, weil ein geschiedener Priester ja nicht im Amt bleiben könnte. In der evangelischen Kirche ist, so höre ich, inzwischen ein Viertel derAmtsträger geschieden. Früher verlor ein solcher Pfarrer sein Amt, später dann musste er in eine andere Gemeinde umziehen, und heute bleibt er da, wo er ist. Beim Weiheamt wäre das unmöglich und nicht denkbar.

RM: Es gibt aber doch verheiratete Priester mit Familie, die aus anderen Kirchen übergetreten sind …

Meisner: Das sind jeweils individuelle Fälle, die anders gelagert sind und die Grundfrage nicht beantworten.

RM: Durch die Strukturreform im Bistum werden Gemeinden fusioniert oder in Pfarrgemeinschaften zusammengefasst. Viele Menschen haben den Eindruck, dass damit Kirche am Ort abgebaut wird. Ist das so?

Meisner: Zunächst müssen wir erkennen: Was wir gewohnt waren, ist erst 50 Jahre alt. Zu Zeiten von Kardinal Frings war genug Geld und Personal vorhanden. So hat man die bestehenden großen Pfarreien etwa in jeweils drei bis vier aufgeteilt, die Mutterkirche wurde restauriert und drei neue Kirchen wurden dazugebaut. Das Ideal war die Pfarrfamilie. Jetzt geht die Entwicklung umgekehrt. Kardinal Frings hat zirka 400 Kirchen konsekriert, ich acht in 20 Jahren, und 20 wurden abgegeben an andere christliche Gemeinden. Die Geschichte zeigt, dass es immer mal hoch und mal runter ging. Trotzdem ist es schwer, Gewohntes aufgeben zu müssen.

RM: Müssen Gläubige künftig 40 Kilometer fahren, um am Sonntag einen Gottesdienst zu besuchen?

Meisner: Im Erzbistum Köln nirgends. Wir bleiben auch in der Fläche präsent, selbst wenn hier und da Wege weiter werden. Die Sache ist immer relativ. Ich will meine Erfahrungen nicht idealisieren, aber als wir aus Schlesien vertrieben worden waren, kamen wir in ein Dorf, in dem es keine Kirche, keine Kapelle, kein Pfarrhaus gab. Der Gemeindeverband umfasste 30 Dörfer, für die ein Pfarrer zuständig war. Wir waren die Kirche der weiten Wege und langen Straßen. Wir hatten nur alle 14 Tage eine heilige Messe. Am anderen Sonntag mussten wir bei Wind und Wetter acht Kilometer zu Fuß zum Gottesdienst gehen. Wenn ich als Seminarist in den Ferien zu Hause war, musste ich zur täglichen Messe 22 Kilometer zurücklegen, elf hin und elf zurück. Dabei habe ich unterwegs Rosenkranz und Kreuzweg beten gelernt. Heute meint man wohl, solche weiten Wege nicht mehr zurücklegen zu müssen, obwohl die Menschen viel mobiler geworden sind.

RM: Bedarf Deutschland der Mission? Es gibt Papiere der Bischofskonferenz dazu und in Frankfurt bald ein neues Institut zu diesem Zweck. Sind das die richtigen Ansätze?

Meisner: Die Kirche ist nie durch Strukturen, Organisationen und Pläne reformiert worden, sondern durch Heilige. Das waren immer Leute, die in die Welt gingen. Ein Christ ist Missionar oder er ist kein richtiger Christ. Viele solcher Christen haben eine Gemeinschaft um sich geschart und mit ihr die Kirche erneuert. Ein gutes Beispiel dafür sind die Reformorden. Ich setze eher auf die neuen geistlichen Gemeinschaften als auf Institute und Einrichtungen. Das Missionarische kommt in Deutschland zu kurz. Hier gibt es eine verbreitete Skepsis gegenüber solchen Gemeinschaften, weil sie mitunter nicht in unsere Vorstellungen passen. Ich versuche, so viele geistliche Impulse in die Diözese hereinzuholen wie möglich. Eine geistliche Gemeinschaft muss sich aber vom Bischof dorthin schicken lassen, wo sie gebraucht wird und wirksam werden kann.
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