Gotteslinie schneidet Weltlinie
Dec 06, 2008
Die meisten der Heiligen, die im Kölner Dom und in den weiteren Kirchen der Domstadt verehrt werden, stammen von außerhalb. Nicht so der hl. Bruno. Gastautor Joachim Kardinal Meisner erklärt den Sinn des Kreuzes im Kartäuserorden.
Kardinal Josef Frings pflegte die Bezeichnung „Heiliges Köln“ damit zu erklären, dass die vielen Heiligen, die im Dom und in den Kölner Kirchen verehrt werden, von außerhalb kämen. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel: Der hl. Bruno, gestorben am 6. Oktober 1101 in Kalabrien (Unteritalien), war ein Kölner. Er entstammte einer Patrizierfamilie aus dem Kunibertsviertel. Der von ihm gegründete Kartäuserorden ist in der katholischen Kirche der einzige, der noch nie reformiert zu werden brauchte, weil er in großer Treue an seinem Ordensideal festgehalten hat. Und sein Ideal ist das Kreuz. „Stat crux, dum volvitur orbis“ schrieb der hl. Bruno über jede Pforte seiner vielen Klöster: „Das Kreuz steht fest, während die Welt sich dreht.“ Das Kreuz ist, um es formelhaft zu sagen, das Plus gewordene Minus der Welt durch den Einsatz Gottes. Die horizontale Weltlinie wurde von der vertikalen Gotteslinie durchkreuzt, so dass daraus dann das Pluszeichen entstand.
Die Kartäuser beginnen immer am 14. September die große Fastenzeit, die bis zum Osterfest andauert. An dem Datum feiert die Kirche den Tag, an dem die hl. Helena, Mutter Kaiser Konstantins des Großen, der Überlieferung nach im Jahre 320 in Jerusalem das Kreuz Christi auffand. Die lange Fastenzeit hat den Sinn, die Mönche der Gestalt des Kreuzes anzugleichen. Sie haben „horizontal“ die Lasten, Sorgen und Leiden der Welt zu den ihrigen zu machen, um ganz besonders durch ihr Gebet und ihren radikalen Einsatz vor dem Angesichte Gottes die weltliche Minuslinie von oben her „vertikal“ durch die Gotteslinie zu durchkreuzen. Darum sind die schweigenden Mönche, die nie predigen und in der Öffentlichkeit auftreten, so wichtig für das Heil der Welt geworden. Und in Verfolgungszeiten waren sie immer die ersten, die als Christen zu Opfern wurden. Der unheilige Geist wittert wohl die Zentren Gottes in der Welt, die zugunsten der Welt präsent sind.
In Köln gab es immer eine große Kartause. Die Kirche und das Areal des Klosters sind heute noch in der Südstadt erhalten und dienen der Evangelischen Kirche in Köln als Verwaltungszentrum. Das alte Kar-täuserkloster ist im Zuge der Säkularisation untergegangen. Bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts befand sich im Erzbistum Köln noch eine Kartause in Düsseldorf. Sie wich dem Bau des Flughafens. Heute besteht sie in der Marienau in der Nähe von Bad Wurzach (Allgäu) fort - als einziges Kartäuserkloster im deutschsprachigen Raum.
Vor einiger Zeit wurde in unseren Kinos der Film „Die große Stille“ von Philip Gröning gezeigt, der mehr als zweieinhalb Stunden dauert. In ihm wird kaum ein einziges Wort gesprochen, es wird nur das Leben der schweigenden Kartäusermönche dargestellt. Der Film hat eine sehr starke Ausstrahlung. Je-der spürt, dass hier Christentum konsequent gelebt wird. Der Kreuzesmann aus Köln, der hl. Bruno, hat der Welt ein Vermächtnis hinterlassen, das seinesgleichen sucht.