Predigt beim Gottesdienst mit dem Zentral-Dombau-Verein im Dom zu Köln am 9. November 2008
Nov 09, 2008
Liebe Schwestern, liebe Brüder!
1. Die Heilsgeschichte ist von Anfang an eine Suche des Menschen nach der letzten Heimstatt. Die Erde
ist bewohnbar, weil Gott sie für den von ihm geliebten Menschen als eine solche Heimstatt bereitet hat. Aber
sobald sich sein Herz umdreht und er seinen Ursprung vergisst, wird die Heimstatt zum Versteck für seinen
Egoismus. Sie öffnet sich dann nicht mehr zum Empfang und zur Begegnung, sondern sie verschließt sich in
Selbstgenügsamkeit und Selbstgerechtigkeit. Und nun macht sich Gott auf den Weg, um den Menschen zu
suchen: „Adam, wo bist du?“ (Gen 3,9), so heißt es am Anfang der Zeiten in der Schöpfungsgeschichte des
Alten Testamentes. Und als die Fülle der Zeiten gekommen war, spricht Jesus: „Der Menschensohn ist gekommen,
um zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19,10).
Darum ist die Geschichte Gottes mit dem Menschen von Anfang an immer auch die Geschichte der Suche
Gottes nach dem Menschen. Gott findet den Menschen dann unverlierbar im Gottmenschen Jesus Christus,
der vom Vater ausgeht, in die Welt kommt, ein menschliches Antlitz annimmt, um uns dann in das Haus Gottes
zurückzuführen. Haben das die beiden ersten Jünger geahnt, als sie auf die Frage Jesu: „Was wollt ihr?“
antworteten: „Meister, wo wohnst du?“ (Joh 1,38). Es war um die zehnte Stunde, fast wie jetzt. Sobald das
Herz Mariens ganz vom Glauben durchwohnt war – „Ich bin die Magd des Herrn“ (Lk 1,38) – wohnt oder
haust der Sohn Gottes in Treue auf dieser Erde inmitten seiner Kirche bis zur Vollendung der Zeiten.
2. Seitdem ist die Kirche der theologische Ort, wo Gott gesucht und gefunden werden möchte. Damit
steigert die Kirche die Bewohnbarkeit dieser Welt. Wie die Ansehnlichkeit unserer Städte und Dörfer durch
die Kirchen gesteigert wird – Was wäre Köln ohne seinen Dom? –, so wird durch die Anwesenheit Gottes in
unserer Welt die Bewohnbarkeit der Erde gesteigert. Denn nur dort gibt es noch Raum für den Menschen, wo
die Welt auch immer noch für die Gegenwart des lebendigen Gottes eingeräumt ist. Das aus Steinen erbaute
Haus Gottes, die Kirche, ist ein Raum unserer Welt. Und doch ist sie durch die Konsekration, durch die Weihe,
zu einem durch die Auferstehung Christi aufgesprengten Raum geworden. In ihm feiern wir das Geheimnis
seines Leibes, die heilige Eucharistie. Diese Stätte wird dabei zu einem Ort, wo die Verheißung „Letzte Heimstatt“
sich erfüllt. Denn der Tod ist letztlich dann nur noch der Umzug von einem Raum dieses Hauses in den
anderen.
3. Das Haus des Vaters wird uns in diesem Raum, in unserem Dom, sakramental, d.h. real zeichenhaft,
erfahrbar. Seine Wände öffnen sich jenseits ihrer selbst auf das kommende Reich Gottes zu. Die Steine, gesalbt
vom heiligen Chrisam, werden die lebendigen Steine des neuen Jerusalem. Der Altar in unserer Mitte
zeigt, dass dieser Raum ein dem kommenden Christus geöffneter Raum, ein wartender Raum und ein erfüllter
Raum ist. Der Raum eines Hauses erwartet die Ankunft seiner Bewohner. Der sakramentale Raum dieser
Kathedrale ist Träger einer ganz neuen Erwartung. Über die feiernde Gemeinde hinweg steht er offen, hin zu
denen, die nicht anwesend sind oder die nicht wissen, dass ihre wahre Heimstatt der Leib Christi, das ist die
Kirche, ist. Für die Nichtanwesenden und für die Nichtwissenden, die aber mit uns berufen sind, wird täglich
seit Jahrhunderten an dieser heiligen Stätte die heilige Eucharistie gefeiert. Als Zeichen für den wartenden
Vater ist dieser Raum Zeichen einer Gegenwart, die reines Geschenk, reine Gnade, Teilhabe, Friede und Freude
im Heiligen Geist ist. Deshalb ist dieser Ort Erwartung und Erfüllung zugleich. Und darum singen wir bei jeder
Eucharistiefeier: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst
in Herrlichkeit“. Die sakramentale Gegenwart von Tod und Auferstehung in unserem Dom ist die Garantie für
die zukünftige Herrlichkeit im Himmel.
4. Deshalb müssen unsere Kirchen offene Häuser sein! Der versperrte Kirchbau ist Ausdruck einer Kirche,
die nicht mehr von innen her offen sein kann, weil sie dem Ungeist der Zeit von außen nicht mehr gewachsen
ist. Solche Kirchen werden dann zu Museen, wenn sie geschlossen sind, und sie werden ausgeraubt,
wenn sie offen stehen bleiben. Dass unser Dom immer geöffnet ist, vom frühen Morgen bis zum späten
Abend, lassen wir uns etwas kosten. Und damit wird deutlich, dass wir eine „offene Kirche“ sind: für alle
Menschen guten Willens offen.
Der Dom ist nicht nur der Raum, in dem am frühen Morgen etwas geschieht und dann noch vielleicht am
Abend, und dann steht er den ganzen lieben langen Tag leer. – Nein, hier im Dom ist immer Kirche, weil in
ihr das Geheimnis der Eucharistie gegenwärtig bleibt, wie uns der Tabernakel in der Sakramentskapelle anzeigt,
und weil wir im Zugehen darauf immerfort im Gottesdienst der liebenden, der glaubenden und der
betenden Kirche eingeschlossen sind. Das Maß der inneren Offenheit der Kirche wird sich darin zeigen, ob sie
ihre Türen offen halten kann, weil sie auch eine durchbetete Kirche ist. In jedem menschlichen Haus ist der
Raum Vermittler von Gegenwart. In diesem Hause Gottes können wir – Dank seiner grundsätzlichen Offenheit
auf Gott hin – seinem Worte lauschen, können es betrachten, können von ihm gleichsam aufgesogen
werden. Und das Schweigen, das uns dabei umfängt, ist ein integraler Bestandteil des sakramentalen Raumes
dieser Kirche selbst. Das Schweigen des Herzens ist unsere Antwort auf das uns geschenkte göttliche Wort.
Das Schweigen der Augen ist unsere Hingabe an das uns erleuchtende Licht.
5. Alles in unserer Welt unterliegt der Abnutzung, dem Verbrauch, des Alterns. Darum sind hier immer
wieder Gerüste an unserem Dom sichtbar, um den Alterungsprozess der Steine, des Holzes oder des Glases
aufzuhalten. Nur Christus selbst ist diesem Prozess entzogen, denn er ist derselbe, gestern, heute und in
Ewigkeit. Alle Reiche dieser Welt sind begrenzt durch die beiden Geschichtszahlen: von – bis. Nur das Reich
Gottes dauert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Indem Christus hier auf dem Domberg seit fast 2000 Jahren gegenwärtig
ist, bekommt der Domfelsen mit dem Gotteshaus Anteil an der Dauer Christi, der derselbe gestern,
heute und in Ewigkeit ist. Christus ist das Fundament, das diesen Dom trägt.
Die christliche Kunst gibt Christus, dem Kind, schon den schweren Erdball in seine Kinderhände. – Der Herr
trägt. Die Menschen laden ihm später das Kreuz auf seine Schultern. – Der Herr trägt. Und schließlich wälzen
sie dann den Stein, die Last der Sünde auf sein Ostergrab. – Der Herr trägt. Christus gibt in der Person des
Petrus, der der Patron unseres Domes ist, seiner Kirche teil an seiner tragenden Kraft. Von sich aus ist Petrus
nur der Stolperstein. Von Christus aus ist er der tragende Fels. Der Grundstein, der den ganzen Bau trägt, ist
den Blicken der Menschen entzogen. Das scheint mir ebenfalls ein Gesetz im Reiche Gottes zu sein, dass die
eigentlich tragenden Kräfte der Kirche immer verborgen sind. Man sieht sie nicht, aber sie tragen das Ganze.
Das ist nicht nur im Leben der Kirche so, dass ist auch im Leben der einzelnen Christen so. Wir stehen auf den Schultern derer, die vor uns geglaubt, gehofft und geliebt haben. Ich kenne viele bedeutende Menschen in
Kirche und Welt, die nur deshalb eine Rolle gespielt haben, weil sie von irgendeinem anderen entdeckt, gefördert
und getragen wurden. Ohne sie gäbe es diese bedeutenden Persönlichkeiten nicht.
Weil Christus das Fundament dieses Hauses ist, darum haben unsere Vorfahren nicht auf Sand gebaut, und
darum sind die enormen finanziellen Anstrengungen des Zentral-Dombau-Vereins, nicht Geld, das in den
Sand gesetzt ist, sondern das auf dem Felsen aufbaut, der Christus selbst ist und von dem es heißt: „Die
Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18). Amen.
+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln