Liebe der Menschen geht über Tod hinaus
Nov 02, 2008
Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hat in seiner Predigt zu Allerseelen auf die über den Tod hinaus währende Liebe der Menschen hingewiesen. „Die Liebe unserer Mitmenschen geht weiter“. Das sagte Kardinal Meisner im Kölner Dom. Auch die Solidarität und Dankbarkeit dauerten über den Tod hinaus an. Allerseelen ist im Festjahr der römisch-katholischen Kirche der Tag, an dem durch Gebet, Almosen und Fürbitte die Leiden der sogenannten armen Seelen oder der Verstorbenen im Fegefeuer erleichtert werden sollen.
Predigt zum Allerseelentag am 2. November 2008 im Hohen Dom zu Köln
Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Im Schatten des Allerheiligentages steht der Allerseelentag. Alle Nebel und Dunkelheiten von Allerseelen weichen
vor der Sonne, die uns an Allerheiligen aufgegangen ist. Die Friedhofspforte wird uns dann zum Tor des Lebens.
Das Ego sum unserer Begräbnisliturgie, d.h. „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ ist stärker als das Lied vom
Schnitter Tod. Inmitten der Gräber steht normalerweise das Kreuz. Es reicht weit über den Friedhof hinaus mit
seinen Armen und seiner Liebe. Schützend und bergend hält der Gekreuzigte seine Arme auch über die Gräber
derer, die keine geweihte Unterkunft für ihre müden Leiber gefunden haben. Die Liebe des Kreuzes, in dessen
Zeichen sie starben, hat alle Schuld bezahlt und alle Sünde in Gnade verwandelt. Diese Gnade des Kreuzes wird für
unsere Verstorbenen wirksam durch unsere Gebete und Opfer. Wir feierten an Allerheiligen nicht bloß das Fest
derer, die in den Listen der kanonisierten Heiligen stehen. Wir feierten auch das Fest derer, die der Liebe Gottes ihr
Vertrauen nicht versagten.
Und damit sind wir schon beim Allerseelentag. Wir feiern heute das Gedächtnis derer, die geirrt haben, die
schwach waren, die aber zuletzt doch in die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes hineingestorben sind. Wir
feiern das Gedächtnis derer, die in ihrem Leben ganz schlichte und unbekannte Menschen waren, denen aber der
Herr vielleicht nach der Zeit der Läuterung, die wir Fegefeuer nennen, die Krone des Ewigen Lebens bereitet hat.
Es geht eine große Kraft von diesen beiden Tagen aus, die uns viel von der Ohnmacht des Menschen und der Allmacht
der Liebe Gottes erzählen können.
Wer aus der Dunkelheit in das helle Sonnenlicht gerät, dem wird zunächst schwarz vor den Augen, dessen Augenlicht
muss sich erst langsam an die strahlende Sonne gewöhnen. Das ist im Ewigen Leben nicht anders. Wer
aus dem Dunkel dieser Welt, in der er vielleicht dem Lichte Gottes gegenüber sehr verschlossen war, nach seinem
Tode in das strahlende Licht Gottes kommt, dem wird schwarz vor den Augen, der muss sich erst langsam und
mühsam an das überwältigende Licht der Liebe Gottes gewöhnen. Das nennen wir „Fegefeuer“. Und hier können
wir durch unser Fürbittgebet unseren Verstorbenen helfen, dass ihnen die Augen für die Herrlichkeit der Liebe
Gottes aufgehen, ohne von ihr geblendet zu werden.
Ich habe als Kind noch den Friedhof um unsere Heimatkirche erlebt. Die Sprache eines solchen Friedhofs habe
ich bis heute nicht vergessen. Das Gotteshaus, gebaut um den Tabernakel, in dem das Herz Gottes schlägt, strömt
eine Kraft aus, in deren Geborgenheit die Gräber so ruhig liegen wie Kinder in den Armen der Mutter. Nirgendwo
habe ich die Botschaft vom Ewigen Leben so intensiv empfunden wie auf unserem Friedhof, dessen Gräber sich dicht an die schützende Wand der Kirche heranschmiegten, die das ewige Licht im doppelten Sinne birgt. Die Welt
mag, so lange sie will, außerhalb der Friedhofsmauern ihre Tragödien und Komödien spielen. Auf den Friedhöfen
gelten diese Kulissen nichts. Hier ist in Wirklichkeit der Vorhof des Reiches Gottes. „Die Seelen der Gerechten sind
in Gottes Hand … In den Augen der Toren sind sie gestorben …; sie aber sind in Frieden“ (Weish 3,1-3), sagt die
Heiligen Schrift.
Wer im Schatten eines solchen Friedhofes, der gleichzeitig auch Kirchhof ist, aufgewachsen ist, der weiß um die
Wucht der Predigt, die stumme Gräber halten können. So ein sonntäglicher Gang zum Gotteshaus mitten durch
die Gräber der Verwandten und Freunde ist die beste Vorbereitung für die Mitfeier der heiligen Messe, in der alle
Rätsel des Lebens und Sterbens ihre Lösung finden, wenn das Kreuzesgeschehen Christi auf dem Altare gegenwärtig
wird. Wie ruhig kann das Auge der aus dem Gottesdienst Heimkehrenden dann auf die schlichten Grabkreuze
mit den bekannten Namen blicken, wenn sein Auge vorher gläubig auf den Kelch mit dem heiligen Blute Christi
geschaut hat. Was hat das Schwere und die Härte des Lebens, was hat die Not des Sterbens dann zu bedeuten,
wenn dahinter die Liebe wartet, von der der Kelch mit dem Blute Christi bei der heiligen Messe gesprochen hat?
Wir trauern um unsere Toten, weil wir auch ihre Liebe und ihre Sorge um uns entbehren. Manche meinen, da
stecke eine große Portion Egoismus darin. Vielleicht stimmt das! Aber der Mensch braucht Liebe und Sorge seiner
Mitmenschen, sonst verkümmert er wie eine Topfpflanze ohne Wasser. Darum bewegt uns in diesen Tagen des so
genannten Allerseelenmonats November die Dankbarkeit im Gedenken und im Gebet gegenüber unseren Verstorbenen.
Dankbarkeit für alles Gute, das wir von ihnen empfangen haben, das wir oft als so selbstverständlich angenommen
hatten und das uns erst in seiner ganzen Bedeutung für uns aufgeht, wenn sich der Sargdeckel über
einem lieben Menschen schließt. Darum bewegt uns oft auch Schuldbewusstsein, das manchmal am Grab zu spät
lebendig wird, weil wir dem Verstorbenen zu wenig für seine Treue und Liebe im Leben gedankt haben.
Freilich lässt uns der Glaube in dieser Situation nicht ohne Trost, weil er für die Dankbarkeit noch Wege über
das Grab hinaus weiß, indem wir für unsere Verstorbenen beten können, und die von Gott Heimgerufenen können
auch für uns vor Gott einstehen. Aber wir brauchen eigentlich gar nicht die Sorge und Liebe unserer Verstorbenen,
um uns nicht auf der Verlustseite unseres Daseins zu sehen, sondern der Allerheiligentag hat uns gezeigt, dass
ihre Sorge um uns wirksamer und kraftvoller wird, indem sie teilhaben an der Liebe Gottes, die nun in Fülle in ihre
Herzen ausgegossen worden ist. Wir leben alle mit dem lieben Gott. „Wer zum Herrn heimkehrt, der bleibt in der
Familie“, sagt der hl. Hieronymus ausdrücklich. Allerheiligen und Allerseelen sind Feste der Völker. Wir feiern und
beten für die, die aus allen Nationen kommen. Diese Tage sind Feste der Schwarzen und der Weißen, der Gelben
und der Roten. Sie sind wirklich Feste der internationalen oder besser der übernationalen Völkerfamilie.
Das Fest des Lebens feiern wir, und zwar des Leben mitten zwischen zwei Jahreszeiten: Der Herbst und der Winter
sind die Zeiten derer, die den Tod noch vor sich haben; der Frühling und der Sommer gehören zu denen, die im
Glauben den Tod überwunden haben. Im Schatten des Allerheiligentages steht darum der Allerseelentag. Wir singen
unsere Todeserfahrung in dem bekannten Kirchenlied: „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“. Aber
seit der Auferstehung Christi muss das Lied andersherum heißen: „Mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen“.
Unsere Heiligenfeste und unser fürbittendes Gedenken an die Verstorbenen wollen uns begleiten, und sie möchten
uns wie liebe Freunde und Mahner sein, damit wir nicht von der Spur abkommen. Die Heiligen und unsere
Verstorbenen sind ein Geschenk Gottes. Wir sollten diese Geschenke in großer Dankbarkeit annehmen. Sie können
uns zu jener ruhigen Gelassenheit verhelfen, die einem gläubigen Christen zu Eigen sein soll. Die Zeit wird uns alle
wieder vor ihren Karren spannen. Wir werden alle Kärrner sein müssen bis zu jenem Tag, da Christus, der König,
kommt, um uns heimzuholen. Aber wir brauchen den Karren nicht allein zu schieben. Die Liebe unserer Mitmenschen,
die uns einmal im Leben beiseite standen, geht weiter. Aber auch unsere Solidarität und Dankbarkeit mit
ihnen gehen weiter, über das Grab hinaus. „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen jubeln und uns
an ihm freuen!“ (Ps 118,24). Amen
+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln