In Rom vermisst er den Dom
Jun 06, 2008
Zum Beten geht Kardinal Meiser nicht immer in den Dom. Lieber ist ihm die Kirche Maria in der Kupfergasse. Nach Köln wollte er eigentlich gar nicht, Berlin hätte er dem Rheinland vorgezogen.
(Kölner Stadt-Anzeiger, 05.06.08) Kardinal Joachim Meisner redet Klartext. Höflichkeit ist seine Sache nicht. Man weiß bei ihm immer, woran man ist. Das war schon 1988 so, als ihn der Papst gegen den massiven Widerstand des Domkapitels zum Erzbischof ernannte. Meisner stellte sich den Kölnern mit den Worten vor, er habe durchaus Gemeinsamkeiten mit ihnen: "Ihr habt mich nicht gewollt, und ich wollte auch nicht zu Euch." Lieber wäre er nämlich in Berlin geblieben. Mit dieser Äußerung schaffte er es bis in die "New York Times".
Lang ist das her, und mittlerweile will Meisner nicht mehr weg aus Köln. Selbst wenn Papst Benedikt XVI. das Rücktrittsgesuch annehmen sollte, das er zu seinem 75. Geburtstag am ersten Weihnachtstag dieses Jahres stellen muss, würde er in der Stadt bleiben. Ja, manchmal denkt er darüber nach, sich in einem leerstehenden Pfarrhaus im Bergischen Land zur Ruhe zu setzen, einen Hund anzuschaffen und nur noch spazieren zu gehen und zu lesen - er liest viel und querbeet, sogar Bücher von Dieter Bohlen und Hape Kerkeling. "Aber ich würde ja doch in so vielen Gremien weiterarbeiten, dass das nicht realistisch wäre", meint er. Also Köln bis zum Schluss.
Der Kardinal und die Kölner - kein einfaches Kapitel. Von Anfang an hat es geheißen, ein so konservativer Gottesmann passe nicht in die rheinische Metropole mit ihrer betont lebensfroh-liberalen Ausprägung des Katholizismus. Der Psychiater und Bestseller-Autor Manfred Lütz diagnostiziert ein "kulturell-mentalitätsmäßiges Missverständnis" zwischen Meisner und den Kölnern: Als Schlesier habe Meisner "einen viel herberen Humor, als wir Rheinländer das gewöhnt sind".
Immerhin: Meisner hat Humor. Als sich ein Fotograf vor ihm hinkniet, um ihn zusammen mit dem gewaltigen Westportal des Doms aufs Bild zu bannen, witzelt er: "Ach ja, früher haben sie alle vor uns gekniet - jetzt nur noch die Fotografen, und auch die nicht länger als fünf Minuten."
Meisner ist nicht nur Schlesier, er ist auch ein Mann aus dem Volk. Der Vater fiel im Krieg, die Mutter und ihre Kinder verschlug es aus Breslau nach Thüringen, ebenso wie einige ausgebombte Kölner, an deren Küchenschrank Meisner zum ersten Mal ein Bild des Doms sah -auf einer mit Heftzwecken befestigten Postkarte. An katholischen Feiertagen verbot die tiefgläubige Mutter den vier Söhnen den Schulbesuch. "Wir hingen dann auf der Straße herum", erinnert sich Meisner.
Es muss am Dreikönigstag 1946 gewesen sein, als ihnen der Schuster Vogel zurief, sie sollten mal herkommen, da spreche der Erzbischof von Köln im Radio. "Noch heute hab ich das helle Stimmchen vom Kardinal Frings im Ohr", erinnert sich Meisner. "Damals hab' ich mir gedacht: Ich muss auch mal in den Dom."
Nun ist er schon seit 19 Jahren nicht nur regelmäßig im Dom, sondern sitzt dort sogar auf dem erzbischöflichen Stuhl unter seinem eigenen Wappen. Im nördlichen Querschiff hängt für jedes Jahr seiner Amtszeit eine Stange an der Wand. "Da ist schon einiges zusammengekommen, aber andererseits ist auch noch Platz."
Mehr zu sich selbst sagt er im Weitergehen: "Der Herr holt sich seine Leute nicht vom Podest, er holt sie von den Melkkübeln." So also sieht er seinen Aufstieg vom schlesischen Flüchtlingsjungen zu einem der mächtigsten Männer der katholischen Kirche in Deutschland: Es ist nicht sein Verdienst, es ist das Werk Gottes. Meisner betrachtet sich als Werkzeug des Herrn. Und das ist wohl einer der Gründe, warum er so viele irritiert.
Auch Katholiken verfügen heute meist nicht mehr über die unumstößliche Gewissheit im Leben und im Sterben, die für frühere Generationen selbstverständlich war. Anders Meisner. So wie Don Camillo in den alten Schwarz-Weiß-Filmen Zwiesprache mit dem gekreuzigten Jesus an der Wand seiner italienischen Dorfkirche hält, so bittet auch Meisner in schwierigen Situationen ganz selbstverständlich um den Rat des Herrn.
Einmal zum Beispiel, in der Festmesse zum Domjubiläum 1998, schoss ihm beim Anblick der vielen jungen Familien durch den Kopf, dass er die falsche Predigt vorbereitet hatte - zu verkopft, zu theologisch. "Da habe ich mir einfach gedacht, ach, ich vertraue auf den Heiligen Geist." Er fragte einen Jungen, ob er ihm helfen wolle, stellte ihn auf der Kanzel neben sich auf einen Schemel und unterhielt sich mit ihm über Gott und die Welt.
"Der Leitgedanke war, dass man das Wichtigste im Leben nicht sehen kann. Das Fundament der Säulen im Dom zum Beispiel bleibt unsichtbar, und wenn man draußen an den Fenstern des Doms vorbeigeht, erscheinen sie schwarz, die Schönheit der Kirche sieht man erst von innen." Der Junge gab so muntere und kluge Kommentare, dass es eine Sternstunde gewesen sein soll. "Nachher ist dann die Presse zu ihm hingegangen und hat nach seinem Namen gefragt, und da stellte sich heraus, dass es Konstantin Adenauer war, ein Urenkel des Bundeskanzlers. Da hieß es natürlich sofort: "Das war doch ein abgekartetes Spiel, das haben die vorbereitet." War aber nicht so."
Meisners Lieblingsort im Dom ist die Marienkapelle mit dem "Altar der Stadtpatrone" von Stephan Lochner - ein so berühmtes Gemälde, dass Albrecht Dürer einst Eintritt zahlte, um es sehen zu dürfen. Auch die Glocken des Doms haben es Meisner angetan; er ist davon überzeugt, dass kein Geläut schöner ist. "Wenn ich für einen Tag Papst wäre, würde ich als erstes alle Glocken von hier nach Rom holen, denn da scheppert's ja nur."
Wenn er nur beten will, geht Meisner nicht in den Dom. "Ich liebe ihn sehr, aber meine Kirche ist Maria in der Kupfergasse, da setz ich mich einfach in die Bank." Im Umkreis des Doms wird er überall erkannt. Kaum ist er auf der Domplatte, stürmt schon eine Gruppe von italienischen Priestern auf ihn zu und will sich mit ihm fotografieren lassen. Er verständigt sich in gebrochenem Italienisch. "Das hab ich mir selbst beigebracht, autodidaktisch." Als Verständigungshilfe für seine vielen Vatikan-Aufenthalte.
Etwa 15 Mal im Jahr muss er nach Rom. Er mag die Stadt nicht. Der Verkehr, der Lärm, die Hektik. "Wir haben hier wenigstens den Rhein, die Römer haben nichts als den Tiber. Und dann der ganze Marmor, diese Palazzi, das ist nicht meine Welt." Wenn er auch ähnlich konservativ denkt wie der von ihm bewunderte Heilige Vater, so ist er doch ein völlig anderer Mensch als der "Professor Doktor Papst". "Du mit Deinen antirömischen Affekten", sagt der manchmal scherzhaft zu Meisner, der froh ist, wenn er vom Flugzeug aus wieder den Dom erkennen kann: "Ein Pilot hat mich mal mit ins Cockpit gelassen und mir erzählt, dass er sich immer am Dom orientiert. Da hab ich gesagt: "Ach, da haben wir ja was gemeinsam.""
Wenn Meisner durch den Dom geht, wirkt er nicht wie die "Faust des Papstes", als die ihn die Bild-Zeitung einmal bezeichnet hat. Er sucht Kontakt, vor allem zu jungen Familien. "Ich hatte immer schon einen Draht zu Kindern, über Kinder erreicht man die Eltern", sagt er. Wenn er auf Geschwister trifft, werden sofort Erinnerungen an seine eigene Kindheit mit den drei Brüdern in Schlesien wach. "Wer ist bei Euch der Mittlere?", fragt er drei Jungen aus Bayern, die mit ihrer Mutter den Dom besuchen. "Ich war der Zweite, da muss man sich durchboxen." Ein Mann hält ihm seinen dreijährigen Sohn hin: "Bitte, Herr Kardinal, segnen Sie ihn!" Als Meisner kurz vor dem Dreikönigsschrein stehen bleibt, ergreift eine alte Frau mit echter Ehrfurcht seine Hand und küsst den Bischofsring. Manche Szene im Dom wirkt wie aus einer versunkenen Zeit.
Etwas grübelnd steht der Kardinal anschließend vor dem schimmernden Schrein und stellt sich vor, wie schon im Mittelalter die Pilger darunter hergezogen sind. Die ganze Kathedrale ist nur für den Inhalt dieses Sarges errichtet worden. Einer der größten Bauten der Christenheit - für ein paar Knochen. Die Namen derer, zu denen sie einmal gehört haben sollen, werden von der Bibel nicht überliefert. Heiliggesprochen worden sind sie nie. Dass es drei waren, ist reine Spekulation. Könige waren es gewiss nicht. Und doch werden sie von allen nur die Heiligen Drei Könige genannt.
"Ob die Gebeine echt sind, ist für mich zweitrangig", sagt Meisner lakonisch. "Der mittelalterliche Mensch wollte den Himmel schon auf Erden berühren, daher die große Bedeutung der Reliquien." Was heute verehrt werde, sei die Idee, sich auf eine Reise zu Gott einzulassen - so wie es die Heiligen Drei Könige getan haben. Auch Meisner, der aus einer Tradition tiefer Volksfrömmigkeit kommt, ist nicht so streng in der Lehre, dass er alles aus der Bibel wörtlich nimmt. Aber wie sein ehemaliger Kardinalskollege Ratzinger wehrt er sich dagegen, einen immer größeren Teil des Glaubens nur noch als Metapher, als schönes Bild, zu sehen und je nach herrschender Strömung umzuinterpretieren.
Dazu passt, dass ihm das neue Domfenster von Gerhard Richter zu beliebig ist - er hätte sich an der Stelle eher eine explizit christliche Darstellung vorstellen können, beispielsweise Märtyrer des 20. Jahrhunderts oder den "Kampf zwischen den Mächten der Finsternis und des Lichts": "Das hätte ja gar nicht unbedingt gegenständlich sein müssen."
In der Krypta in den Kellergewölben des Doms wird Meisner selbst einmal seine letzte Ruhestätte finden. Munter zeigt er auf einen leeren Fleck an der Wand: "Da komme ich hin, ich mache da unten die Reihe weiter." Auch seinen Kritikern wird vielleicht etwas fehlen, wenn er einmal verstummt ist - wieder einer weniger, der noch zum Widerspruch reizt. In jedem Fall wird es ungewohnt sein. Der Dom und sein Kardinal gehören schon so lange zusammen, dass man sich einen ohne den anderen kaum noch vorstellen kann. (dpa)