Joachim Cardinal Meisner Joachim Cardinal Meisner
Function:
Archbishop of Köln, Germany
Title:
Cardinal Priest of S Pudenziana
Birthdate:
Dec 25, 1933
Country:
Germany
Elevated:
Feb 02, 1983
More information:
www.catholic-hierarchy.org
Send a text about this cardinal »
View all articles about this cardinal »
German „Schlesier mit herbem Humor“
Feb 10, 2008
Interview über Kardinal Joachim Meisner von Köln.

(08.02.08) KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Lütz, Sie haben schon die ganze katholische Kirche analysiert. Erklären Sie uns doch einmal das Phänomen Kardinal Meisner!

MANFRED LÜTZ: Es gibt bei kaum einer Person des öffentlichen Lebens einen solchen Gegensatz zwischen einem geradezu monströsen öffentlich-medialen Klischee und der Wirklichkeit. Wenn der Kardinal wirklich so wäre, wie er dargestellt wird, wäre er schrecklich - ist er aber nicht.

Was bezeichnen Sie als „monströses Klischee“?

LÜTZ: Was zum Beispiel auf den Leserbriefseiten des „Kölner Stadt-Anzeiger“ über ihn steht. Das würde über keinen anderen Menschen in Deutschland so veröffentlicht: Blanke Verachtung bis hin zum Hass gegen einen angeblich illiberalen, konservativen Hardliner.

Also ist Kardinal Meisner in Wirklichkeit liberal.

LÜTZ: Nehmen Sie die Bioethik: Da steht der Kardinal in vielen Fragen - abgesehen von der Abtreibung - den Grünen am nächsten. Oder die Familienpolitik: Da hat er sich zu einem Familiensplitting bekannt - gegen die CSU. Aber das wird öffentlich kaum wahrgenommen.

Politik ist das eine, Theologie oder Kirchenpolitik das andere.

LÜTZ: Ja, aber auch da sind falsche Bilder im Umlauf. 15 Jahre lang hat dieser Kardinal aufs Engste mit einem Generalvikar - Norbert Feldhoff - zusammengearbeitet, von dem jeder wusste, dass er in vielen Dingen komplett anderer Meinung war. Das zeugt von einer Liberalität, die kein anderer deutscher Bischof aufgebracht hätte. Auch weiß kaum jemand, dass Kardinal Meisner der deutsche Bischof ist, der am meisten für die Aussöhnung mit Polen getan hat. Oder der im Streit um die Schwangerenkonfliktberatung in seinem Erzbistum jahrelang den Schein ausstellen ließ, obwohl jedermann wusste, dass er dagegen war.

Aber da hatte der Papst ja auch noch nicht entschieden.

LÜTZ: Und als er entschieden hatte, sind alle Bischöfe ihm gefolgt - von Kardinal Lehmann angefangen. Also: Was das betrifft, gab es gar keinen Unterschied zu Kardinal Meisner. Doch die öffentliche Wahrnehmung war anders.

Sie schieben jetzt alles auf Klischees. Aber die kölsch-katholische Ansicht, dass der Kardinal „nicht ins Rheinland passt“, die kann doch nur verfangen, wenn es einen Anknüpfungspunkt in der Wirklichkeit gibt. Ein Klischee von Dieter Bohlen als Ausbund verkopfter Intellektualität - das würde einem ja auch kein Mensch abnehmen.

LÜTZ: Das stimmt. Es gibt da sicher ein kulturell-mentalitätsmäßiges Missverständnis. Zum ersten hat Kardinal Meisner als Schlesier einen viel herberen Humor, als wir Rheinländer das gewöhnt sind.

Ein Beispiel?

LÜTZ: Ich habe einmal auf einem Empfang erlebt, wie jemand den Kardinal mit triefenden Lobhudeleien zu seiner Predigt förmlich überschüttete. Seine Reaktion: „Ach wissen Sie, dafür werde ich bezahlt.“ Da war die Luft raus. Sehr witzig gekontert, finde ich, aber ich habe auch eine westfälische Großmutter. Andere Rheinländer würden sagen, ein bisschen zu heftig. Und zweitens ist der Kardinal „completely politically incorrect“. Er passt sich nicht an, er sagt, was er denkt - und das finde ich gut.

Sie sind ein Fan!

LÜTZ: Kardinal Meisner ist mein Bischof, nicht mein Idol. Aber ich gebe Ihnen ein Beispiel für diese „politische Unkorrektheit“: Zu sagen, das Richter-Fenster im Kölner Dom passe besser in eine Moschee, das war absolut politisch unkorrekt. Korrekt wäre: (fällt in Singsang) „Wie schön ist es doch, dass die moderne Kunst in der Kirche ihren Ort hat“ und so weiter und so weiter. Aber wo kommen wir eigentlich hin, wenn es über moderne Kunst keine kritische Debatte mehr geben darf.

Für die hiesigen Erzbischöfe ist typisch, dass sie den Kölnern in der Erinnerung zunehmend strahlender erscheinen. Was, glauben Sie, werden die Kölner über Kardinal Meisner im Jahr 2033 zum 50. Jahrestag seiner Kardinalserhebung sagen?

LÜTZ: . . . wenn er dann mit seinen knapp 100 Jahren aus dem Bergischen Land herunter nach Köln gerollt kommt (lacht). Hmm, also: Seit der Schlacht von Worringen haben die Kölner mit ihren Erzbischöfen Probleme. Die brauchen das zur Stärkung ihrer gemeinschaftlichen Identität: „Wir da unten gegen die da oben.“ Deshalb glaube ich: Noch in 50 oder 100 Jahren wird es in Köln keinen Personenkult um Kardinal Meisner geben. Was ja auch gut ist - den Starrummel überlassen wir Katholiken anderen. Aber in der von Alexander Mitscherlich prognostizierten „vaterlosen Gesellschaft“ wird Kardinal Meisner als eine von wenigen verbliebenen Vaterfiguren in Erinnerung bleiben - an der man sich reibt, die aber auch Orientierung gibt.

Kardinal Meisner, der Vater der Kölner. Das halten wir fest!

LÜTZ: Ja, und vielleicht ist es zur 50-Jahr-Feier der Kardinalsernennung mit der Erinnerung wie mit der Phase nach der Pubertät: Man kann Dinge gut finden, die der Vater gesagt hat, obwohl sie der Vater gesagt hat.

Das Gespräch führten

Joachim Frank und Matthias Pesch
15 READERS ONLINE
INDEX
back to the first page
printer-friendly
CARDINALS
in alphabetical order
by country
Roman Curia
under 80
over 80
deceased
ARTICLES
last postings
most read articles
all articles
CONTACT
send us relevant texts
SEARCH