Joachim Cardinal Meisner Joachim Cardinal Meisner
Function:
Archbishop of Köln, Germany
Title:
Cardinal Priest of S Pudenziana
Birthdate:
Dec 25, 1933
Country:
Germany
Elevated:
Feb 02, 1983
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German "Ein Wort der Wegweisung"
Feb 06, 2008
Fastenhirtenbrief von Joachim Kardinal Meisner

(6.2.2008) Liebe Schwestern, liebe Brüder! Die diesjährige Österliche Bußzeit beginnt so früh im Jahr wie selten sonst.

Vielleicht ist das auch ein Fingerzeig Gottes. Denn so finde ich sehr früh Gelegenheit, Ihnen mit meinem Hirtenbrief zur Fastenzeit ein Wort der Wegweisung zu geben zu den strukturellen Veränderungen, die in den kommenden Jahren in unserem Erzbistum anstehen. Mit diesen Veränderungen sind wir oft über die Maßen beansprucht - in unserer Zeit, in unseren Überlegungen und Kräften. Dabei werden wir uns schmerzlich bewusst, dass Wesentlicheres zu kurz kommt.
Bild

   * [Seit 1982 Kardinal: Erzbischof Joachim Meisner ]
     Seit 1982 Kardinal: Erzbischof Joachim Meisner (©dr)

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   * Erzbistum Köln

Mit dem gewählten Leitwort „Wandel gestalten - Glauben entfalten" wollen wir versuchen, wirklich aus der Not eine Tugend zu machen: Es gibt Wichtigeres für jede Gemeinde als ihre Organisationsform! Das Wichtigere ist zugleich auch das Bleibende - unabhängig davon, wie die äußeren Bedingungen des Gemeindelebens aussehen. Wir müssen versuchen, die nötige Gestaltung des Wandels so vorzunehmen, dass diese wichtigeren Inhalte unseres Christseins nicht nur keinen Schaden leiden, sondern sogar deutlicher ins Bewusstsein kommen.  Danach zu leben und zu handeln, sollen wir uns bemühen.

Auf eine wesentliche Eigenart des christlichen Gemeindelebens möchte ich in diesem Hirtenbrief hinweisen: Es ist die missionarische Ausrichtung. Die pilgernde Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch, da sie selbst ihren Ursprung aus der Sendung des Sohnes und der Sendung des Heiligen Geistes herleitet. Sie ist von Gott zu allen Völkern gesandt.  Darum nennt das Konzil sie das „allumfassende Sakrament des Heiles" (Lumen gentium 48). An dieser universalen Heilssendung nimmt jede noch so kleine Gemeinde und Gemeinschaft teil. So soll auch jeder Seelsorgebereich gleichsam wie ein Baum seine Zweige ausstrecken, um vielen Menschen Schatten vor der glühenden Sonne zu schenken. Die Kirche und damit auch unsere Seelsorgebereiche leben nicht aus sich selbst und haben nichts für sich selbst. Was sie haben, haben sie vom Heiligen Geist, und was ihnen gegeben wurde, wurde ihnen gegeben zur Weitergabe.

Was uns zur Weitergabe gegeben ist, zeigt sich in fünf pastoralen Schwerpunkten, die das Leben einer Gemeinde zu jeder Zeit kennzeichnen und deshalb auch bei unserem Erneuerungsprozess in keinem Seelsorgebereich fehlen dürfen: eine lebendige Feier der Liturgie, eine solide Glaubensverkündigung, eine besondere Sorge für unsere Jugend und Familien und das caritative Handeln. Weil uns das alles gegeben ist, um es weiterzugeben, folgt als Konsequenz: die missionarische Ausstrahlung als fünfter Schwerpunkt.  Denn - um ein Wort von Jean Danielou SJ aufzugreifen -: „Der Geist der Mission ist der Geist des Christentums schlechthin". "Wandel gestalten - Glauben entfalten", dazu möchte ich Ihnen drei Gedanken ans Herz legen:

1. Die Priester
Die zwölf Apostel, die Jesus um sich gesammelt hat, sind die Eckpfeiler der Sendung der Kirche. Die Gemeinschaft der Priester eines Bistums, die in einer Stadt, einem Dekanat oder einem Seelsorgebereich ihren Dienst tun, sind heute auch solche Eckpfeiler.  Es besteht keine Hoffnung auf Verwirklichung einer missionarischen Kirche, wenn nicht zuerst die Seelsorger vom missionarischen Geist und von der Energie des Heiligen Geistes tief durchdrungen sind.  Entscheidend ist das Selbstverständnis des Priesters, ob er sich nur als Kultdiener, Stubengelehrter oder Bürokrat betrachtet oder aber als Gesandter, als Missionar, als Apostel, als Prophet. Die Frage, die wir Priester uns immer wieder stellen müssen, heißt:
„Lebt in uns die Weite und die heilige Unruhe des Missionars?". Wenn wir unsere universale Heilssendung ernst nehmen, werden wir eine Neuordnung der Rahmenbedingungen unserer Seelsorge bedenken müssen. Und das tun wir zurzeit.
Wenn derjenige, der dem Presbyterium eines
Seelsorgebereiches vorsteht, im herzlichen Einvernehmen jedem Mitbruder entsprechend seinen Fähigkeiten zu seinem Platz verhilft, hat er eine wichtige Dimension seines Dienstes verstanden. Denn es geht darum, dass alle pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemäß ihrem jeweiligen Charisma und entsprechend der Ordnung der Kirche das Evangelium durch Wort und Tat verkünden. So dienen die vielfältigen Begabungen und Dienste dazu, Christus für die Menschen unserer Zeit berührbar zu machen.

2. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Berater
Paulus hat um sich eine Gruppe von Mitarbeitern geschart: Die Schwester Phoebe, die ihm und vielen geholfen hat; Aquila und Priska, denen alle Heidengemeinden Dank schulden; Maria in der römischen Gemeinde, die sich viel Mühe für andere gegeben hat. Jene Mitarbeiter, also die Laienchristen, nehmen in ihrer Weise an der Sendung der Kirche wesentlich teil. Sie dürfen in der gegenwärtigen Situation der Kirche nie und nimmer fehlen. Wie spontan und fruchtbar dieses Wirken in der Frühzeit der Kirche war, zeigt klar die Heilige Schrift selbst, insbesondere in der Apostelgeschichte sowie in den Apostelbriefen.  Das Presbyterium eines Gebietes oder der Presbyter einer Gemeinde hatte um sich eine größere oder kleinere Zahl von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, denen besonders der Weltdienst anvertraut war. Das ist heute nicht anders. Dazu kommen heute noch Gremien, die eine wichtige Funktion im Leben eines Seelsorgebereiches haben, z.B. der Kirchenvorstand, der Pfarrgemeinderat und andere Gruppierungen und Verbände, die das Leben unserer Gemeinden mitprägen. Mit pastoralen Gremien alleine ist es aber nicht getan, wenn dort nicht der missionarische Geist lebendig ist. Um es sehr deutlich zu sagen: Wo dieser Geist fehlt, schaden sie mehr, als dass sie nützen, sie bremsen dann mehr, als sie voranbringen.  Auch von den Mitarbeiterinnen, den Mitarbeitern und Beratern erwarten wir Weitblick, durch persönliches Glaubenszeugnis, durch Initiative und Verantwortlichkeit. Wer etwa im Pfarrgemeinderat mit über Gottesdienstzeiten berät, aber selbst den Sonntagsgottesdienst nicht besucht, macht seine Mitarbeit unglaubwürdig und unwirksam. Wir brauchen heute in unseren Seelsorgebereichen mehr denn je die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die von der Liebe Christi gedrängt werden, sich für die Schwestern und Brüder in der Gemeinde und darüber hinaus einzusetzen. Ich danke allen, die das schon jahrelang tun und ohne deren Mitwirken wir schon längst Schiffbruch erlitten hätten.  Ich bitte Sie inständig, sich durch ein tiefes Gebetsleben für Ihren weitflächigen apostolischen Einsatz die nötige Kraft zu erbitten. Als Anregung und Hilfe füge ich dem Hirtenbrief ein Gebetsbildchen bei, das sich für das persönliche Gebet und auch als Eröffnungsgebet vor Sitzungen der Gremien und Verbände eignet, ein Gebet, das von der Gemeinde nach den Gottesdiensten abwechselnd gesprochen werden kann. Wir haben viele ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Seelsorgebereichen, die sich das Leben der Gemeinden zu einem Herzensanliegen machen. Wie der Apostel Paulus habe auch ich als Bischof allen Grund, vielen zu danken und ein „Vergelt's Gott" für diesen selbstlosen Einsatz zu sagen.

3. Wir schauen schließlich auf unsere Seelsorgebereiche und Pfarrgemeinden
Wie stellt sich nun das missionarische Bemühen in unseren Gemeinden konkret dar? Dazu gehören zunächst einmal die Beter und die so genannten Stillen unter uns. Als die Jünger den Herrn fragten, warum sie den Dämon von dem kranken Knaben nicht austreiben konnten, antwortete er: „Diese Art kann nur durch Gebet ausgetrieben werden" (Mk 9,29). Das inständige und anhaltende Gebet hat eine große Kraft. „Allein den Betern kann es noch gelingen…", schreibt Reinhold Schneider in einer ausweglosen Situation. Die Seelsorger, aber auch die Gläubigen werden es oft ganz nebenbei erfahren, dass es in unseren Pfarreien Beter gibt, die viel für das Volk beten und sich ganz Gott hinopfern um der Brüder und Schwestern willen. Es gehört sicher zu den großen Erlebnissen in geistlichen Gesprächen, wenn Gott uns in das Herz solcher Menschen schauen lässt. Zu dieser Gruppe gehören die Stillen im Land, die in allen Ständen und Altersgruppen zu finden sind. Ohne Auftrag und Wissen irgendeiner kirchenamtlichen Stelle tun sie Gutes in dem Haus, in dem sie wohnen, an der Arbeitsstelle, wo sie arbeiten, von Mensch zu Mensch, ganz still und selbstverständlich, spontan, angeregt vom Heiligen Geist.  Von diesem verborgenen Kern geht eine große Kraft in die Gemeinde aus.

Dann haben wir die so genannte „Sonntagsgemeinde".  Die versammelte Gemeinde am Sonntag darf kein Ofen sein, der sich selbst wärmt. Es kann dabei auch nicht nur um ein Mahl gehen, in dem man sich nur an der Gemeinschaft untereinander erfreut. Die Gläubigen sind Heilsträger für alle. Wie geschieht das? Wir sollen nicht nur Hörer des Wortes sein, sondern auch Handelnde und Vollbringer. Das Zeugnis im Alltag, das die Frucht der sonntäglichen Verkündigung ist, wird zu einer wirksamen Form der Evangelisierung unserer Umwelt. In den Fürbitten sprechen die Gläubigen ihre Sendung aus und vertreten beim gütigen Gott die Sache des ganzen Menschengeschlechtes.  In der Feier der Eucharistie wird das Werk der Erlösung für unser Heil und das der ganzen Welt vollzogen. Wir werden dann innerlich am Opfer Jesu teilnehmen, wenn wir uns mit ihm für die Schwestern und Brüder hingeben. Von hier aus könnte die sonntägliche Eucharistiefeier neue Impulse bekommen und die Pflicht zur Teilnahme an der Sonntagsmesse neu begründet werden.

Die Gemeinschaft der Gläubigen ist auch zu denjenigen gesandt, die kaum oder gar nicht in die Kirche gehen, die womöglich sogar den Kirchenaustritt erklärt haben, ja sogar zu solchen, die nie katholisch waren und mit der Kirche gar nichts zu tun haben. Es mag vielleicht überraschen, dass es unter diesen Gruppen Menschen gibt, die auf ihre Weise missionarisch tätig sind. Das ist eine Erkenntnis aus der Erfahrung. In irgendeinem Punkt vertreten sie manchmal in ihrer Umwelt die Sache Christi und treten für die Kirche ein. Die Gründe dafür sind vielfältig.  Manchen ist zu irgendeiner Zeit ein Glaubenszusammenhang aufgegangen, und sie haben sich das auch über einen Kirchenaustritt hinaus bewahrt.  Andere haben erfahren, dass der Pfarrer und die Gemeinde sie nicht abgeschrieben haben, sondern sie noch immer dazurechnen. Nichts wäre fataler, als wenn ein falscher Eifer in solchen Mitchristen den glimmenden Docht auslöschen würde. Mit einem glimmenden Docht kann auch ein großes Osterfeuer entzündet werden. Ein gutes Wort an der Tankstelle, im Kaufhaus, auf der Straße, kann einer glimmenden Lampe neues Öl zuführen.
Das Zweite Vatikanische Konzil betont, dass die ganze Kirche missionarisch ist, und dass die Evangelisierung eine Grundpflicht des Volkes Gottes ist. Ob unsere Gemeinden missionarisch sind, wird davon abhängen, ob es Personen und Gruppen in den Gemeinden gibt, in denen der missionarische Geist lebendig wird. „Wandel gestalten - Glauben entfalten", das ist eine ganz realistische Aufgabe, die vor uns steht. Es geht uns dabei nicht in erster Linie um den Umbau der Strukturen, sondern darum, das Evangelium, das wir allen Menschen schulden, in die Welt hineinzutragen. Dafür aber müssen wir unsere Strukturen so gestalten, dass sie uns dabei eine Hilfe sind und nicht ein Hindernis.

Ich bitte Sie alle um Ihr Verständnis und um Ihre Mithilfe! Als Erzbischof habe ich das Projekt nicht aus irgendeiner Laune heraus auf den Weg gebracht.  Ich habe mich mit den mir dafür gegebenen Gremien gründlich darüber beraten und es auch persönlich lange durchbetet. Helfen Sie mit! Ich bitte Sie - um Gottes und der Menschen willen - um Ihr Mitdenken, Ihr Mithandeln und Ihr Mitverantworten!  Dazu segne Sie alle der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.  Amen.

Köln, am Fest der Darstellung des Herrn 2008
+ Joachim Card. Meisner
Erzbischof von Köln
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