„Kein gefühliger Seelenbalsam“
Dec 20, 2007
Weihnachten geht auch Atheisten an – davon ist Kardinal Joachim Meisner überzeugt. Das Fest habe auch für Ungläubige eine existenzielle Bedeutung. Denn kein Mensch wolle ungeliebt sein – und Gott lasse keinen Menschen los, sagt der Kölner Erzbischof im Interview.
(bunte.de, 19.12.07) Können Sie einem Atheisten erklären, warum Weihnachten auch für ihn Bedeutung hat?
Kardinal Meisner: Gott lässt keinen Menschen los. Deshalb gibt es – wenigstens von Gott her – keine Gottlosen. Diese Beziehung ist entscheidend. Das wird Weihnachten in der Geburt Jesu Christi deutlich. Er ist wirklich wahrer Gott vom wahren Gott und zeigt damit, dass er den Menschen nicht loslässt.
Kann man sich also nicht von Gott lossagen?
Kardinal Meisner: Auf die Frage, ob ein Mensch den Satz über seine Lippen bringt: „Ich möchte niemanden haben, der mich liebt“, habe ich meistens die Antwort erhalten – auch von Atheisten: „Das wäre ja die Hölle!“ Woher kennen diese Menschen denn diese theologische Definition der Hölle? Der Mensch ist eigentlich nicht Urbild, sondern Abbild, nämlich Abbild Gottes. Darum kann kein Mensch ungeliebt sein wollen.
Hat die christliche Weihnachtsbotschaft überhaupt noch eine Chance in einer Gesellschaft, in der uns Meldungen über vernachlässigte und getötete Kinder immer wieder erschüttern?
Kardinal Meisner: Mit welch angespannten Erwartungen an Harmonie, Liebe und Frieden wird gerade Weihnachten überfrachtet! Angesichts einer Welt voll Krieg und unfassbarer Grausamkeiten sammeln sich hier tiefste Sehnsüchte der Menschen wie in einem Brennglas. Die Antwort von Weihnachten ist aber gerade nicht ein gefühliger Seelenbalsam, sondern die Unbequemlichkeit der Krippe: In diesem Kind hat Gott am eigenen Leib erfahren, was Menschsein heißt. Er macht sich damit gerade mit den Notleidenden gleich, und er appelliert an die Betrachter der Krippe: Lasst euch im Herzen bewegen von diesem Anblick!
Glaube ist keine Vertröstung sondern Lebenshilfe
Und welche Pflichten haben wir an Weihnachten?
An den Heiligen Drei Königen lässt sich beispielhaft ablesen, wie diese entscheidende Bewegung aussieht: Sie gehen vor dem Kind in die Knie. Das heißt: Auch wir müssen uns auf Augenhöhe mit diesem Kind begeben, um weihnachtliche Menschen zu werden. Dann können wir auch Engel für unsere Mitmenschen werden, gerade für die Schwächsten.
Auch Jesus wurde in ärmlichen Verhältnissen geboren – welche soziale Verpflichtung ergibt sich daraus heute für die Kirche?
Kardinal Meisner: In unseren Städten stand schon zu allen Zeiten neben dem Gotteshaus immer das christliche Krankenhaus. Das bedeutet: Glaube will immer in der Liebe aktiv werden. Glaube erweist sich darin eben nicht als eine folgenlose Vertröstung, sondern als konkrete Lebenshilfe mit Hand und Fuß.
Setzen das die Menschen heute auch so um?
Kardinal Meisner: In unserer globalisierten Welt wächst gottlob auch das Bewusstsein der Verantwortung für die fernen Nächsten auf allen Kontinenten, und es muss noch weiter wachsen. Entscheidend bleibt, dass jede hilfreiche Zuwendung getragen ist von der Liebe Gottes, der uns zuerst liebt und uns dadurch zum Guten befähigt.