Joachim Cardinal Meisner Joachim Cardinal Meisner
Function:
Archbishop of Köln, Germany
Title:
Cardinal Priest of S Pudenziana
Birthdate:
Dec 25, 1933
Country:
Germany
Elevated:
Feb 02, 1983
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German „Nicht vergessen, dem Papst den Rücken zu stärken“
May 16, 2007
Wir veröffentlichen die Ansprache, die der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner am 16. April zur Eröffnung der Papstausstellung im Kölner Maternushaus gehalten hat.

Verehrte, liebe Mitbrüder,
sehr geehrte, liebe Damen und Herren!

Im Zusammenhang mit der Einweihung der Edith-Stein-Statue am Petersdom in Rom im Oktober des vergangenen Jahres sagte mir nach den Feierlichkeiten ein älterer Herr mit Schweizer Dialekt: „Wenn Jesus 79 Jahre alt geworden wäre, würde er aussehen wie unser Papst.“ Ich erwiderte ihm, dass er vielleicht lange Haare und einen Bart hätte. Daraufhin entgegnete er: „Das kann sein, aber die Augen, die Hände, die Stimme und das Herz wären wie bei unserem Papst.“ Vielleicht hat dieser schlichte Christ das tiefste Geheimnis unseres Heiligen Vaters damit aufgedeckt und formuliert.

Als wir am 30. April 2005 um 18.30 Uhr samstags abends im Kölner Dom den Dankgottesdienst für die Erwählung von Papst Benedikt XVI. gefeiert haben, hatte ich zuvor den Domkapellmeister angerufen und gefragt, ob der Chor nicht eine Mozartmesse zu diesem Anlass singen könnte. Dies tat ich nicht nur, weil Kardinal Ratzinger Mozart liebt, sondern weil er selbst ein Mozart der Theologie ist, weil seine Theologie glasklar und von einer Schönheit ist, dass sie uns einfach das Herz abgewinnt. Zum Beispiel ist mir unvergesslich, wie der damalige Präfekt der Glaubenskongregation bei der Bischofssynode kurz vor der Fertigstellung des Weltkatechismus in der Synodenaula dem Weltgremium der versammelten Bischöfe Rede und Antwort stehen musste. In allen Sprachen hat er glänzend geantwortet. Neben mir saß Kardinal Lustiger und sagte: „So einen Menschen habe ich noch nie erlebt. Man wird gar nicht müde, ihm zuzuhören, so klar und in einer solchen Schönheit stellt er unseren katholischen Glauben dar.“

Jeden Menschen, den Gott ins Dasein ruft, betraut er mit einer einmaligen, nicht wegdelegierbaren Aufgabe. Dazu rüstet er den Menschen mit seinen Charismen, Begabungen und Gaben aus. Das wird in der Person unseres Papstes ganz besonders deutlich. Manchmal meint man, er wäre schon als Professor geboren worden. Papst Benedikt XVI. ist dann durch das Leben zu der Aufgabe geformt worden, die ihm die göttliche Vorsehung im Jahr 2005 im Konklave zugedacht hat. Er ist – wie er nach dem Konklave auf der Loggia des Petersdoms sagte – „ein demütiger und einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn“. Das ist er auch als Papst geblieben.

Seine erste Auslandsreise führte ihn zwar zu uns nach Köln, aber es war eigentlich eine Reise in die Weltkirche. Denn hier vor Ort begegnete er beim XX. Weltjugendtag den jungen Christen, die aus allen Erdteilen nach Köln gepilgert waren, um den Herrn anzubeten. Sicherlich war es eine besondere Fügung, dass die erste Auslandsreise den Heiligen Vater nach Deutschland führte. Das hat es dem Papst wohl auch hier so leicht gemacht. Er kam beispielsweise in mein Haus und sagte: „Ich wohne aber wieder im Prälatenzimmer wie immer“. Ich erwiderte ihm: „Heiliger Vater, ich muss dich wohl daran erinnern, dass du jetzt der Papst bist und nicht mehr einfach machen kannst, was du willst“. Zuvor hatte ich den Sicherheitskräften mitgeteilt, dass Kardinal Ratzinger immer in diesem Gästezimmer gewohnt hatte. Sie entgegneten mir allerdings, dass dies diesmal nicht möglich sei, weil dieses Zimmer zu nahe an der Straße gelegen sei. Also musste der Papst woanders wohnen.

Als wir den Besuch in Köln durchgesprochen haben, hatte ich vergessen zu fragen, ob der Heilige Vater im Dom auch die Krypta der Erzbischöfe besuchen wolle, um an den Gräbern von Kardinal Frings und Kardinal Höffner zu beten. Deshalb rief ich nochmals in Rom an. Der Papst zeigte sich völlig erstaunt und fragte mich, warum ich ihn denn anrufe: Das sei doch selbstverständlich. Schon da musste ich ihn daran erinnern, dass er jetzt Papst sei und nicht mehr einfach machen könne, was er wolle. Gerade über die Sicherheitsmaßnahmen könne er sich nicht einfach hinwegsetzen. „Ach so“, sagte er, „du hast ja Recht“. Er ist dieser ganz schlichte Mensch geblieben, der demütige und einfache Arbeiter im Weinberg des Herrn mit dem guten Herzen und dem genialen Kopf. Sofort kommt mir wieder der Ausspruch des Herrn aus der Schweiz in den Sinn: „Wenn Jesus 79 Jahre alt geworden wäre, würde er aussehen wie unser Papst.“ Ich muss sagen, dass er eigentlich Recht hatte.

Die Bedeutung von Kardinal Ratzinger für Köln liegt eigentlich nicht so sehr darin, dass er in Bonn Professor für Fundamentaltheologie war. Aus dieser Zeit zwischen 1959 und 1963 rührt die Bekanntschaft, ja die Freundschaft zu Kardinal Frings. Und daraus wiederum resultiert dann seine Berufung zum Konzilsberater. Ich sagte gelegentlich dem Heiligen Vater: „Du bist so eine Art Stiefvater des Konzils. Du warst nicht Konzilsvater, aber hast als einflussreicher Theologe ganz wesentlich die Inhalte des Konzils mitgeprägt.“ Darum sind wir ihm in Köln wirklich zu besonderem Dank verpflichtet, und vielleicht war Köln auch die Startbahn für ihn in die weltkirchliche Dimension hinein.

Ich erwähnte schon, dass ich mich bei unserem Domkapellmeister dafür eingesetzt hatte, dass beim Dankgottesdienst zur Erwählung von Papst Benedikt XVI. im Kölner Dom am 30. April 2005 eine Mozartmesse aufgeführt würde. Unser Domkapellmeister hat sofort alle Chöre in der Erzdiözese Köln angeschrieben, die die Krönungsmesse in ihrem Repertoire haben. So hatten sich an diesem Abend etwa 1.000 Sängerinnen und Sänger im südlichen Querhaus unseres Domes eingefunden. Das war ein Gottesdienst, der mir unvergesslich bleibt. In der Predigt habe ich daran erinnert, was der polnische Primas, Kardinal Wyszyński, bei der Abschiedsaudienz der polnischen Pilger von ihrem nun zum neuen Papst erwählten Landsmann, Karol Wojtyła, dem Heiligen Vater sagte: „Heiliger Vater, wenn wir nach Hause kommen, werden wir niederknien und Löcher in die Steine für dich beten.“ In meiner Predigt im Dom fügte ich die Frage an: „Wird unser Papst aus Deutschland sich auf unser Gebet, auf unsere Solidarität, auf unsere Fürbitte verlassen können?“ Alle Gläubigen im Dom erhoben sich von ihren Bänken und applaudierten minutenlang. Das Domradio hat mir eine Aufnahme auf CD von diesem Gottesdienst angefertigt. Ich habe sie dem Papst mitgenommen und gesagt: „Heiliger Vater, wenn du einmal meinst, du müsstest in den Tiber springen, höre dir erst den Gottesdienst im Kölner Dom an, und dann machst du weiter!“

Der Papst ist auch in der jetzigen Verkündigung glasklar. Er lässt die Darstellung des Glaubens in aller Schönheit aufleuchten. Er bringt den „splendor veritatis“, den Glanz der Wahrheit, zum Strahlen. Das beeindruckt die Menschen, und darum ist unser Papst wirklich ein großes Geschenk, nicht nur für unsere Kirche, sondern für die gesamte Christenheit, ja für die ganze Welt.

Am Vorabend der Inauguration des Heiligen Vaters gab der deutsche Botschafter beim Vatikan einen Empfang für den Bundespräsidenten, den Bundeskanzler und für die deutschen Kardinäle und Bischöfe. Der Bundespräsident sagte mir: „Herr Kardinal, durch die Wahl eines Deutschen zum Papst durch das internationalste Kollegium der Welt hat die Welt uns Deutschen unsere letzten Sünden des 20. Jahrhunderts vergeben.“ Ich entgegnete darauf: „Herr Bundespräsident, ich will dies ein wenig anders formulieren. Die Kardinäle haben den Geeignetsten und Würdigsten gewählt. Das er ein Deutscher war, war kein Hindernis für diese Wahl.“

Kardinal Ratzinger wollte mit seinem 75. Geburtstag in den Ruhestand gehen. Dies sollte allerdings kein klassischer Ruhestand sein, sondern er wollte nun endlich einmal die Bücher schreiben, die er noch für dringend notwendig für das Leben der Kirche ansah. Papst Johannes Paul II. sagte mir seinerzeit: „Reden Sie doch einmal mit Kardinal Ratzinger, dass er mir an der Seite bleibt.“ Der Papst sagte wörtlich: „Die theologische Qualität meines Pontifikates habe ich besonders auch Kardinal Ratzinger zu verdanken.“ Ich habe dann mit dem Präfekten der Glaubenskongregation gesprochen, der mir entgegnete: „Ich will doch nicht faulenzen, ich will wichtige Bücher, besonders das mir sehr am Herzen liegende Jesusbuch schreiben.“ Ich entgegnete ihm darauf: „Joseph, dazu hast du dann in deinem Ruhestand Zeit.“ Der Heilige Vater hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis: Als ich nach dem Konklave zum Treueversprechen vortrat, sagte er mir: „Du bist ein schlechter Prophet. Was ist denn jetzt mit meinem Ruhestand? Wann soll ich die Bücher schreiben?“ Ich bin froh, dass ich in dieser Weise ein schlechter Prophet bin. Als ich von der Huldigung zurückkam, weinte mein Nachbar im Konklave, der polnische Primas Kardinal Glemp, und auch mir liefen natürlich die Tränen. Ich sagte zu ihm: „Josef, warum weinst du denn?“ Er erwiderte: „Ist das nicht unglaublich: Ein halbes Jahrtausend hatten wir italienische Päpste gehabt. Der erste Nichtitaliener ist ein Pole, und der zweite ist ein Deutscher. Damit will uns doch die Vorsehung etwas sagen. Deutschland und Polen liegen beide im Herzen Europas. Müsste nicht wieder der europäische Kontinent so etwas werden wie das Noviziat für die Völker in den anderen Erdteilen? Und ich bin davon überzeugt: Der Novizenmeister war Johannes Paul II. und ist jetzt Benedikt XVI.“ Diese Deutung hat mich tief beeindruckt, und ich glaube, er hat weitgehend Recht behalten.

Kardinal Ratzinger habe ich durch unsere Situation in Ostdeutschland erst relativ spät persönlich kennen gelernt. Erst als ich Bischof von Berlin war, durfte ich an der einen oder anderen römischen Veranstaltung teilnehmen. Dort traf ich dann auf Kardinal Ratzinger. Ich kannte ihn natürlich durch seine Bücher schon lange. Seine „Einführung ins Christentum“ ist gleichzeitig meine Einführung in die katholische Theologie gewesen und geblieben. Es war eines der wichtigsten Bücher meines Lebens, und ich habe mich sehr gefreut, als wir dann im Jahr 1987 Kardinal Ratzinger beim berühmten Katholikentreffen in Dresden begrüßen durften. Er hatte sich zu uns aufgemacht und hat vor dem Treffen den versammelten Priester einen sehr schönen Priestertag gehalten. Das blieb uns unvergesslich. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass der damalige Vorsitzende der Berliner Bischofskonferenz, Kardinal Bengsch, 1977 von der Bischofsweihe Joseph Ratzingers in München zurückkehrte und uns sagte: „Joseph Ratzinger hat das großartig gemacht, wie es nicht anders zu erwarten war.“ Daran musste ich wieder bei seiner Inauguration denken: Er hat es großartig gemacht, wie es eigentlich nicht anders von ihm zu erwarten war.

Ich bin sehr froh, dass unser Erzbistum Köln aus dieser inneren Verbundenheit mit dem Heiligen Vater heraus eine Ausstellung organisiert hat, die dann auch in unsere Diözese und in unser Land hineingehen wird. Ich muss immer daran denken: „Werden denn unsere Kölner ihr Versprechen, das sie am 30. April 2005 im Dom abgegeben haben, nicht vergessen? Sie haben zwar nicht gesagt, dass sie niederknien und Löcher in die Steine beten werden, aber dass sie das Pontifikat dieses Papstes mit ihrem Gebet begleiten werden. Diese Ausstellung soll ein solches Memento sein, dass wir nicht vergessen, dem Papst den Rücken zu stärken. Wie die polnische Nation ganz hinter Johannes Paul II. stand, so sollte das auch ein wenig mit uns sein. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir auch heute noch Grund haben in Deutschland zu sagen: „Wir sind Papst geworden!“ Darum hat auch die katholische Kirche in Deutschland einen neuen Qualitätsstand erreicht. Denn Bischöfe aus aller Welt fragen: „Wie geht ihr denn mit diesem oder jenem Problem im Mutterland des Papstes um?“ Hier können wir wirklich sein Pontifikat unterstützen, indem wir versuchen, seine Intention in unsere kirchliche Praxis umzusetzen. Darum danke ich allen, die sich bemüht haben, diese Ausstellung zusammenzustellen, und ich wünsche ihr eine weite Verbreitung und viel Erfolg. Vielleicht ist sie eine Einladung, einmal selbst nach Rom zu fahren, um den Heiligen Vater zu besuchen und ihm bei einer Generalaudienz zu begegnen. Diese Mittwochsaudienzen sind wirkliche Ereignisse geworden, sodass das römische Fremdenverkehrsamt dem Papst sogar eine besondere Auszeichnung zukommen lassen will, da er wie ein Magnet auf die Pilger aus aller Welt wirkt.

„Wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm“ (1 Kor 12,26), sagt Paulus im 1. Korintherbrief, und das gilt ganz besonders für uns Deutsche. Wir sind wirklich Papst geworden! Dazu heute nochmals: Herzlichen Glückwunsch!

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln
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