Joachim Cardinal Meisner Joachim Cardinal Meisner
Function:
Archbishop of Köln, Germany
Title:
Cardinal Priest of S Pudenziana
Birthdate:
Dec 25, 1933
Country:
Germany
Elevated:
Feb 02, 1983
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German „Die menschliche Person, Herzmitte des Friedens“
Jan 13, 2007
Predigt Kardinal Meisners beim internationalen Soldatengottesdienst in Köln (11. Januar 2007)

KÖLN, 13. Januar 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner vor zwei Tagen im Kölner Dom gehalten hat.

Der Kardinal lenkte die Aufmerksamkeit der Soldaten darauf hin, dass die „Ehre Gottes im Himmel die Garantie für den Frieden der Menschen auf Erden“ sei und dass dieser Friede im menschlichen Herzen beginne.

„Es stimmt wohl nicht, dass man zuerst die Zustände verändern muss, um dann den Menschen verändern zu können“, fuhr Kardinal Meisner fort. „Es geht genau umgekehrt: Man muss zuerst den Menschen erneuern, damit man dann auch die Welt erneuern kann.“

* * *

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. Der Sinn und der Zweck unserer Bundeswehr bestehen darin, den Frieden in unserem Land und den Frieden in Europa und der Welt sichern zu helfen. Wie aber geht das? Darüber gibt es die verschiedensten Theorien und die sich dann danach richtenden Handlungsmodelle. Papst Benedikt XVI. hat seine Botschaft zum Weltfriedenstag 2007 mit den Worten überschrieben: „Die menschliche Person, Herzmitte des Friedens“.

Der Friede, den wir zu schaffen und zu bewahren haben, hat also etwas mit der menschlichen Person zu tun. Und in der Tat, die Weltgeschichte ist die Geschichte des menschlichen Herzens. Alle guten und alle bösen Geister kommen in die Welt durch die Tür des menschlichen Herzens.

Habsucht, Genusssucht und Ehrsucht fangen im Herzen des Menschen an und bringen Streit, Neid, Krieg, Mord und Tod in die Welt. Die große Gefahr für die Welt ist das – wie der heilige Augustinus sagte – „Cor incurvatum in se“ – „Das in sich selbst verkurvte Herz“. Das Herz kann eine Mördergrube sein, aber auch eine Goldgrube.

Und hier liegt das Einsatzfeld für den Frieden in der Welt: im menschlichen Herzen. Es stimmt wohl nicht, dass man zuerst die Zustände verändern muss, um dann den Menschen verändern zu können. Es geht genau umgekehrt: Man muss zuerst den Menschen erneuern, damit man dann auch die Welt erneuern kann.

2. Der Mensch braucht Himmel, Höhe und Horizont. Als man den Himmel „den Engeln und den Spatzen” überließ, da fielen Welt und Menschen buchstäblich unter die Räuber. Denn wo der Mensch sich nicht mehr nach oben hin übersteigen kann, weil man den Himmel abgeschafft hat, greift er nicht selten zur Droge als einem Mittel der Selbstübersteigung. Letztendlich aber führt die Droge nicht zur Selbstübersteigung, sondern zur Selbstvernichtung.

Ich meine, es ist schon mehr als tragisch, dass der Mensch genau in dem Augenblick zur Droge griff, als man ihm den Glauben an den Himmel als “Opium für das Volk” diffamiert hat. Die Abschaffung des Himmels hatte außerdem zur Folge, dass der Mensch seinen Drang zum Überstieg zum Himmel hin nicht mehr verwirklichen kann, weil – wie erwähnt – der Himmel abgeschafft ist.

Dort drängte ihn aber dann die metaphysische Kraft zur Transzendenz in die horizontale Richtung. Er versuchte nun, seinen Ewigkeitshunger an den Gütern dieser Welt zu stillen. Dabei verzehrte er buchstäblich die Ressourcen der Welt - und wurde davon doch nicht satt. Der Raubbau an der Welt hat seinen Grund im Abbau des Himmels und seiner Reichtümer.

Eine Welt ohne Himmel fällt unter die Räuber. Das ökologische Problem ist ein theologisches. Verlieren wir den Himmel nicht aus den Augen und geben wir unseren Zeitgenossen den Himmel zurück - und damit Höhe und Horizont! Ich frage: Sind denn unsere europäischen Gesellschaften durch Säkularisierung stabiler geworden? Wir werden antworten müssen: Ganz im Gegenteil!

In dem Maße, in dem man Gott zur Privatsache machte, haben unsere Gesellschaften in Europa an wirklicher Lebensqualität, an kulturellem Niveau und an geistiger Substanz verloren. Das kann auch gar nicht anders sein. Wer nicht mehr beten kann “Ehre sei Gott in der Höhe”, wem Gott im Himmel nicht mehr heilig ist, dem kann auch auf Erden nichts mehr heilig sein. Es ist uns als Faustregel in die Hand gegeben: “Wie im Himmel, so auf Erden”.

3. Ohne Gott kein Mensch! Die Wahrheit des Menschen ist Gott. Ich meine, wir haben lange genug vom Menschen geredet: Lasst uns endlich wieder von Gott reden! Denn nicht der Mensch ist menschlich. Wer will denn das am Anfang des 21. Jahrhunderts noch allen Ernstes nach Auschwitz und all den Leiden, die die Welt durchmachen musste, behaupten!

Nur Gott ist menschlich, nämlich gott-menschlich in seinem Sohn Jesus Christus. Der österreichische Literat Franz Grillparzer sagte daher: “Humanität ohne Divinität ergibt Bestialität”. Menschlichkeit ohne Gottesglauben verkommt in Brutalität. Wer von Gott spricht, spricht immer auch vom Menschen. Gott hat uns in seinem Sohn Jesus Christus das Bild vom Menschen gegeben.

Im Grunde hat der Mensch deshalb eigentlich nur eine Alternative: entweder Bruder in Christus zu sein oder Genosse im Antichrist! Ich weiß, was ich damit sage. Der Gottmensch wirkt das göttliche Wunder der Brotvermehrung und der Lebenserhaltung. Der Menschengott dagegen wirkt das dämonische Wunder der Brotverminderung, d.h. der Lebensverminderung. Das ist keine Horrorvision der Zukunft: das ist todernste Gegenwart.

Abtreibung und Euthanasie sind gesetzliche Festlegungen in manchen so genannten zivilisierten europäischen Gesellschaften. Ich sage es noch einmal: Nicht der Mensch ist menschlich, nur Gott ist menschlich. Der heilige Irenäus von Lyon kann deshalb sagen: “Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch”. Lebendig ist der Mensch dort, wo er Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes, Raum in seinem Dasein gibt.

„Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11), sagt das Johannesevangelium zur Geschichte der Ankunft Gottes in der Welt. Christus Einlass und Wohnrecht in unserem Dasein zu gewähren, ist das Gebot der Stunde. Geben wir der Welt wieder Christus, damit sie eine Gesellschaft des Lebens wird.

4. Der Mensch ist als Ebenbild Gottes erschaffen, und darum ist er gottfähig. Das zeigt sich in der Anbetung Gottes durch den Menschen. Den Menschen begründet in seiner unantastbaren Würde, dass er die Fähigkeit besitzt, Gott anzubeten.

Die Anbetung hat ihren Grund allein darin, dass Gott ist. Darum ist Anbetung immer und überall möglich. Sie befreit den Menschen aus dem, was gegen Gott steht. Und das sind zunächst die Götter, heute wie damals. Darum muss man Gott allein anbeten und niemand sonst. „Aber sind die Götter nicht ohnehin längst tot?“, werden wir vielleicht einwenden.

Wer wach in seine Umwelt blickt, muss hier auf eine Gegenfrage antworten: „Gibt es in unserer Wirklichkeit nichts mehr, was angebetet wird neben Gott oder gegen Gott?“ – Worauf vertrauen wir? Woran glauben wir? – Sind nicht Erfolg, Image, soziale Würde, politischer Einfluss und öffentliche Meinung zu Mächten geworden, vor denen sich die Menschen beugen und denen sie wie Göttern dienen?

Würden unsere europäischen Gesellschaften nicht ganz anders aussehen, wenn diese Götter vom Thron gestürzt würden? Gott ist! Das bedeutet, es gibt die Hoheit der Wahrheit. Es gibt die Würde des Rechts über alle Zwecke und über alle Interessen hinaus. Es gibt den unantastbaren Wert des irdisch Wertlosen, z.B. den Wert des unheilbar Kranken, die unantastbare Würde des ungeborenen Kindes.

Es gibt die Anbetung Gottes selbst, die den Menschen vor der Diktatur der Zwecke und der Zwänge schützt und allein imstande ist, ihn vor der Diktatur der Götzen zu schützen. Was entsteht hier für eine Welt? Wahrlich trifft hier das Herrenwort zu: „Wie im Himmel, so auf Erden!“.

5. Was eröffnet sich hier für ein Einübungsfeld für die Angehörigen der Bundeswehr! Sie müssen Spezialisten in Sachen Würde des Menschen sein. Das ist das Ziel aller Friedensbemühungen. Es geht also nicht so sehr um die Umstände der Welt und ihrer Verhältnisse, sondern es geht um den Menschen.

Das ist auch der Inbegriff der Weihnachtsbotschaft, die von den Engeln auf den Fluren von Bethlehem verkündet wurde: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden (vgl. Lk 2,14). Die Ehre Gottes im Himmel ist die Garantie für den Frieden der Menschen auf Erden. Vielleicht ist dieser Gottesdienst im Hohen Dom zu Köln zum Weltfriedenstag 2007 ein größerer Beitrag zum Frieden, als wir ahnen. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln
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