Joachim Cardinal Meisner Joachim Cardinal Meisner
Function:
Archbishop of Köln, Germany
Title:
Cardinal Priest of S Pudenziana
Birthdate:
Dec 25, 1933
Country:
Germany
Elevated:
Feb 02, 1983
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German Ein neuer Mensch werden, ein "Ostermensch"
May 07, 2006
"Wie im Himmel, so auf Erden. Von hier aus beurteilen wir, was auf Erden passiert". Predigt Joachim Kardinal Meisners zum Osterfest 2006

KÖLN, 28. April 2006 (ZENIT.org).- "Ostern ist der Geburtstag der neuen Schöpfung", erklärte Joachim Kardinal Meisner in seiner diesjährigen Osterpredigt im Kölner Dom, in der er unter anderem zum Aufbau einer "Kultur des Lebens" in Deutschland aufrief.

Der Kardinal wies darauf hin, dass niemand mehr für seine Zukunft tun könne, "als sein Leben im Herrn zu befestigen, an ihn zu glauben, auf ihn zu hoffen und ihn zu lieben. Niemand von uns kann mehr für die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder tun, als sie durch Glaube, Taufe und Eucharistie in Kontakt zu bringen mit dem auferstandenen Herrn."

* * *

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. Mag eine österliche Gemeinde klein oder groß sein, mag ihre Osterversammlung, das heißt ihr Gottesdienst, in einer großen Kathedrale wie unserem Dom oder im afrikanischen Busch in einer Bambushütte stattfinden – wo immer Christen sich heute versammeln, da wird verkündet, was am ersten Ostertag in Jerusalem verkündet wurde und was durch die Jahrhunderte hindurch in Antiochien, Damaskus, Korinth, Ephesus, Rom, Moskau, Genf, Krakau verkündet wurde und verkündet wird: Christus ist auferstanden!

Jede Epoche hat ihre eigenen Fragen, Probleme, Hoffnungen, Verständnisse und Missverständnisse. Jede Generation muss sich deshalb bemühen, in der Sprache der Gegenwart das Evangelium von der Auferstehung Jesu zu verkünden und es so auszulegen, dass es Antwort gibt auf die Fragen der Zeit.

Unsere Zeit spricht viel von der Zukunft. "Die Zukunft hat schon begonnen", lautet der Titel eines Buches. Man fragt leidenschaftlich nach dem, was man heute für das Morgen tun kann. Niemand hat mehr für das Morgen der Welt getan als der, der am Kreuz die Schuld der Welt getilgt hat und am dritten Tag von den Toten auferstanden ist. Diese seine Tat begründet eine Hoffnung, die nicht trügt, eine Zukunft, von der das Credo am Ende spricht: "Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt."

Man darf den Zusammenhang zwischen der Auferstehung Jesu und der Auferstehung der Toten nicht sprengen. Ein Christus, der für sich allein den Tod überwindet, ist für den Apostel Paulus ein Unding, wie ein Auferstehungsglaube ohne Christus ebenfalls undenkbar ist. "Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden" (1 Kor 15,13). Der Glaube an Jesu Auferstehung und die Hoffnung auf unsere eigene Auferstehung sind unteilbar.

2. Der Ostermorgen ist mit dem Schöpfungsmorgen in Parallele zu setzen. Am Schöpfungsmorgen hat Gott die Welt gleichsam wie in einem Keim erschaffen, aus dem sich dann das ganze Universum in seiner ganzen Fülle entwickelt und entfaltet hat – wie der Kastanienbaum aus einer einzigen Kastanie. Alles Leben in der Welt, das wir gerade in diesen Frühlingstagen draußen in der Natur wahrnehmen, hat seine Kraft aus diesem ersten Anfang. Der Ostermorgen ist der Anfang einer neuen Schöpfung. Diese beginnt ebenfalls wie in einem Keim, in einem Anfang, der das Alpha ist. Dieses Alpha, dieses Erste, ist kein Mythos, keine Legende, keine Ideologie. Daraus würden sich keine Wirklichkeiten entwickeln. Dieses Erste ist Jesus Christus selbst, der Gekreuzigte und Auferstandene, der nicht nur das Leben hat, sondern der das Leben ist – unerschöpflich und unermesslich.

Dieses neue Leben, das im auferstandenen Christus wie in einem Keim in unerschöpflicher Fülle enthalten ist, entfaltet sich über Räume und Zeiten vom Alpha zum Omega, bis es am Jüngsten Tag in der Auferstehung der Toten und in dem neuen Himmel und der neuen Erde zur Vollendung kommt.

3. Wo immer ein Mensch durch die Taufe in Christus hineingetaucht wird in seinen Tod und in seine Auferstehung, da wird ein neuer Mensch geboren, da empfängt er sein österliches Leben. Von diesem Tage ab ist "sein Leben mit Christus verborgen in Gott" (Kol 3,3). Wo immer ein Mensch sich im Glauben an den auferstandenen Herrn wendet und seinen Namen anruft und in der Feier der Eucharistie sich in das Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung hineinnehmen lässt, da wird er teilhaft der Kraft und der Macht seiner Auferstehung, sodass er alle Not bestehen kann. In ihm kann er alles! "Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt" (Phil 4,13), bekennt Paulus. Wo immer jetzt ein Mensch im Herrn entschläft, da wird er nicht sterben, auch wenn er gestorben ist, sondern er wird leben in Ewigkeit. Unsere Verstorbenen gehen nicht weg von uns, sondern sie gehen uns voraus. Wir werden sie Wiedersehen. Am Ende der Tage aber, "wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit" (Kol 3,4). Er wird dann den Leib unserer Niedrigkeit umwandeln und ihn gleich gestalten der Gestalt seines verherrlichten Leibes (vgl. Phil 3,21). Darum ist uns Ehrfurcht vor unserer Leiblichkeit geboten.

Der Apostel Paulus sagt: "Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt?" (1 Kor 6,19). Und der Heilige Geist ist ein Ostergeist, der zum Leben erweckt, der uns am Leben erhält. Deshalb ist Ehrfurcht vor dem eigenen Leib als eine Konsequenz der Osterbotschaft angesagt. Hier wird der so genannten sexuellen Revolution, die den Menschen entwürdigt, der Boden entzogen. Wenn der österliche Christus mit großer Macht und Herrlichkeit erscheinen wird, dann wird er alles neu machen. Es wird weder Tod, noch Trauer, noch Klage, noch Mühsal sein, so sagt es uns die Apokalypse, das letzte Buch der Bibel ausdrücklich (vgl. Offb 21,3). "Der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen" (Offb 21,1). Und es wird ein neuer Himmel und eine neue Erde sein, eine neue Stadt, eine neue Schöpfung. Darum sind wir eingeladen, ein neuer Mensch zu werden, das heißt ein Ostermensch, ein neues Lied zu singen, das ist das Oster-Halleluja, eine neue Hoffnung zu haben, die über das Grab hinausgeht.

4. Wir feiern Ostern im Jahr 2006. Wir stehen damit in der Zwischenzeit des ersten Ostertages im Jahre 33 und des letzten Ostertages, den wir noch nicht datieren können. Rückschauend auf den Anfang, auf das Alpha, auf den Erstling der Entschlafenen, schöpfen wir Hoffnung und Kraft, die Herausforderungen der Gegenwart zu bestehen. Im Vorwärtsschauen auf die Vollendung, auf das Omega, auf die Auferstehung der Toten, auf das Leben der zukünftigen Welt, ist uns die Möglichkeit der Treue und der ersten Liebe gegeben, die sich von den Abnutzungserscheinungen der Gegenwart nicht berühren lässt. Im Aufwärtsschauen zu dem, der zur Rechten Gottes sitzt, werden wir erfüllt mit heiligem Selbstbewusstsein und demütigem Siegesbewusstsein. Auf ihn hin richten wir unseren Sinn aus, auf alles, was von ihm kommt, was von oben kommt, nicht auf das, was von der Erde kommt. Wie im Himmel, so auf Erden. Von hier aus beurteilen wir, was auf Erden passiert.

Was wir seit den Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. die "Kultur des Todes" nennen, hat ihre Wurzel im Verlust von Ostern, im Schwinden des Himmels. Der größte Mangel bei uns in Deutschland ist der Mangel an Leben, an Menschen, an Kindern. Was nützen alle materiellen und ideellen Erfolge dort, wo es keine Menschen mehr gibt? Was hier Selbstverwirklichungspropheten und –prophetinnen angerichtet haben, kann man fast täglich in den Zeitungen lesen. War dabei unser Zeugnis für das Leben als Christen und Kirche immer eindeutig genug? Wer sein Leben verliert, der gewinnt es (vgl. Mt 16,25), ist das Resultat von Ostern. Heute, am Ostertag, geht es um die Zukunft, um unsere Zukunft und um die Zukunft der Welt. Niemand kann mehr für seine Zukunft tun, als sein Leben im Herrn zu befestigen, an ihn zu glauben, auf ihn zu hoffen und ihn zu lieben. Niemand von uns kann mehr für die Zukunft unserer Kinder und Kindeskindern tun, als sie durch Glaube, Taufe und Eucharistie in Kontakt zu bringen mit dem auferstandenen Herrn. Ostern ist der Geburtstag der neuen Schöpfung. Diesen Tag feiern wir. Der Ostertag kennt keinen Abend, da seine Sonne – Christus, der Auferstandene – nicht mehr untergeht.

Die Kirche betet heute in einem Hymnus: Erschienen ist der herrlich' Tag, daran niemand genug sich freuen mag. Das ist der Tag, der uns den Sieg gebracht und der eine neue Welt geschafft. Darum: Frohe Ostern! Amen.
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