Predigt Joachim Kardinal Meisners zum ersten Todestag Johannes Pauls II.
Apr 24, 2006
"Der Papst war zuhause ganz im Hause Gottes und ganz im Hause der Menschen"
Am 2. April 2006 betonte Joachim Kardinal Meisner im Hohen Dom zu Köln, dass der vor einem Jahr gestorbene Vorgänger Benedikts XVI. ganz auf Gott und ganz auf die Menschen ausgerichtet gewesen sei. Diese Kombination habe aus ihm den Pontifex gemacht, "den Brückenbauer, der Himmel und Erde und die Erde mit dem Himmel verband".
Johannes Paul II. habe gewusst, "dass man den jungen Menschen immer zu wenig gibt, wenn man ihnen nicht Gott gibt. Und weil den Jugendlichen in aller Welt so wenig Gott gegeben wird, inspirierte ihn der Geist Gottes zur Einberufung der Weltjugendtage. Darin hat ihn die Jugend verstanden. Sie sind zu Millionen zu ihm gekommen und haben ihm das gedankt, indem in den Tagen zwischen seinem Tod und seiner Beerdigung circa drei Millionen junger Menschen an seinem Katafalk vorbeigepilgert sind."
Kardinal Meisner ist davon überzeugt, dass Johannes Paul II. auch beim Konklave im April des vergangenen Jahres mitgewirkt habe. "Ich meine, in Papst Benedikt XVI. haben wir einen Zwillingsbruder von Johannes Paul II. erhalten."
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Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Genau heute vor einem Jahr wurde unser unvergesslicher Papst Johannes Paul II. von Gott heimgerufen. In der Stunde seines Todes, da sein Herz stillstand, hielt auch die Welt den Atem an. Was über den Apostel Paulus gesagt wurde, kann man sicher auch auf Papst Johannes Paul II. sagen: "Cor Pauli cor mundi" – "Das Herz des Paulus ist das Herz der Welt".
Das Herz von Johannes Paul II. war das Herz der Welt. Als es stillstand, hielt die Welt den Atem an. Sie spürte plötzlich das Vakuum, das in ihrer Mitte entstanden war, als Papst Johannes Paul II. seinen Hirtenstab aus der Hand legte und seine Richtung weisende Stimme verstummte, seine segnenden Hände nicht mehr sichtbar waren. In seinem fast 27-jährigen Pontifikat war Papst Johannes Paul II. die personifizierte Säule der Wahrheit für die Welt geworden, wie der Apostel die Kirche definiert.
Ich habe oft von Papst Johannes Paul II. als einem Intellektuellen gesprochen, der zehn Professoren ersetzt, aber gleichzeitig fromm wie ein Erstkommunionkind war. Diese Kombination, ganz auf Gott ausgerichtet zu sein und ganz auf die Menschen, machte aus ihm den Pontifex, den Brückenbauer, der Himmel und Erde und die Erde mit dem Himmel verband. Schon seine äußere Gestalt, namentlich wenn er im Gebet versunken war, zeigte diese Stabilität eines Zeugen Gottes, der unabhängig ist von Menschenlob und von Menschenbeifall, der in Gott ruht und darum tragfähig war, die Lasten der Welt zu tragen, die der Herr ihm durch seine Erwählung aufgebürdet hatte. Wer Papst Johannes Paul II. begegnet ist, wurde immer auch von einem Hauch der Ewigkeit berührt. Der Papst war zuhause ganz im Hause Gottes und ganz im Hause der Menschen.
In Gesprächen mit ihm hatte man immer den Eindruck, er hört seinem Gegenüber ganz und gar zu mit einem Ohr, und mit dem anderen Ohr ist er ganz am Herzen Gottes, und darum konnte er den Menschen ein guter Ratgeber sein. Er wusste auch nicht immer auf jedes Problem eine Antwort, aber er konnte die Richtung angeben, er konnte auf die Möglichkeiten hinweisen, die eine Lösung von Fragen und Problemen beinhalten. Und immer war der Verweis auf das Gebet verbunden, und zwar nicht als ein billiger Hinweis, sondern als die Kraft, die das Herz Gottes bewegt und damit die Welt.
Der Papst war ein Meister des Betens. Wenn er über das Gebet sprach, schlug gleichsam sein Herz höher. Hier wusste er um die letzte Möglichkeit des Menschen, vom dreifaltigen Gott erstgenommen und angenommen zu werden. Er wies mich lächelnd einmal darauf hin, dass es leichter sei, mit Gott zu sprechen als mit dem Papst. Im Vatikan müsse man sich erst lange anmelden, ehe man einen Termin bekommt. Bei Gott ist das Gespräch ohne Voranmeldung, ohne Wartezeiten, ohne Terminangaben immer und überall möglich. Wenn wir das doch mehr nutzen würden!
Gerade für junge Menschen war Papst Johannes Paul II. der Anker, an dem sie sich festmachen konnten in aller Verwirrung der Zeit. In unseren modernen Gesellschaften, die inzwischen mutterlos und vaterlos geworden sind, fanden sie in ihm den "Papa", den Vater, auf den sie sich verlassen konnten, weil er ihnen nicht nach dem Munde redete, sondern weil er um ihretwillen Gott nach dem Munde redete, was letztlich immer zugunsten der jungen Menschen war. Darum hörten sie ihn an, auch wenn er ihnen unbequeme Dinge sagte. Er wusste, dass man den jungen Menschen immer zu wenig gibt, wenn man ihnen nicht Gott gibt. Und weil den Jugendlichen in aller Welt so wenig Gott gegeben wird, inspirierte ihn der Geist Gottes zur Einberufung der Weltjugendtage. Darin hat ihn die Jugend verstanden. Sie sind zu Millionen zu ihm gekommen und haben ihm das gedankt, indem in den Tagen zwischen seinem Tod und seiner Beerdigung circa drei Millionen junger Menschen an seinem Katafalk vorbeigepilgert sind. Bis heute werden täglich zwischen 15.000 und 20.000 Menschen gezählt, die an seinem Grab in den vatikanischen Grotten innehalten und still werden.
Von diesem Papst ging nicht nur Segen aus, sondern er ist zum Segen für die Welt und für die Menschheit geworden. Ich selbst konnte in den Tagen zwischen dem Tod und der Beerdigung des Papstes jeden Abend an seiner Bahre in St. Peter beten. Es war die Zeit, in der meistens Staatsoberhäupter dem Heiligen Vater ihre Reverenz erwiesen. Es hat mich schon sehr beeindruckt, als drei amerikanische Präsidenten, der jetzige Präsident Bush, sein Vater als ehemaliger Präsident und sein unmittelbarer Vorgänger, Präsident Clinton, gemeinsam vor dem Katafalk niederknieten und im Gebet verharrten. Diesen Jungen aus Wadowice, der seinen Weg suchen musste zwischen nationalsozialistischer Bedrückung und kommunistischer Verfolgung, dem die Familie buchstäblich weggestorben war, hat Gott geführt und erwählt, so dass bei seinem Begräbnis etwa 200 Staatsoberhäupter präsent waren. "Er stürzt die Mächtigen vom Thron" (Lk 1,52): Wo sind die Hitlers, die Stalins, die Chruschtschows, die Mao-Tsetungs geblieben? "Er erhöht die Niedrigen" (Lk 1,52), heißt es weiter im Magnifikat.
Diesen Jungen aus einer kleinbürgerlichen Familie, aus einer unbedeutenden polnischen Stadt macht er zum Symbol seiner Gegenwart in unserer armen, heimgesuchten Welt. Aus seiner Christusmystik, aus dieser Kontemplation seines Lebensstils, wurde er zum großen Menschen der Aktion, der die Welt wohl wie keiner seiner Zeitgenossen verändert hat. Was ihm im Gebet von Gottes Absichten erschlossen wurde, das bemühte er nach Kräften durchzusetzen. Wie schon so oft erwähnt, wäre der Kommunismus nicht untergegangen, und das ohne eine politische Aktion seitens des Papstes.
Er hat seinen Landsleuten und den anderen unterdrückten Völkern nicht zugerufen: Macht euch auf die Barrikaden und vertreibt die Diktatoren aus ihren Regierungspalästen! – Nein, er verkündete die Botschaft Gottes vom Menschen, der von Geburt aus Kind Gottes ist und darum angeborene Rechte hat, die kein anderer Mensch ihm streitig machen darf, nämlich das Recht auf Freiheit und die Pflicht zur Solidarität mit allen Mühseligen und Beladenen. Damit hatte der Papst eigentlich dem Kommunismus den Boden unter den Füßen weggezogen.
Die Menschen haben ihn verstanden, denn er redete nicht aus der Distanz wie die vielen Weltverbesserer, sondern er sprach als Mann der Tat mitten unter dem Volke, der am eigenen Leib die Stigmata der beiden größten Diktaturen des 20. Jahrhunderts trug. Darum war er so ernst zu nehmen. Es wäre keinem Politiker damals eingefallen – wie 60 Jahre vorher Stalin, der auf eine Intervention des Papstes lakonisch antwortete: "Wie viele Divisionen hat denn der Papst?" Aus solchen Fehleinschätzungen sind so katastrophale Fehlentscheidungen erfolgt, die Europa und die Welt in den furchtbaren letzten Weltkrieg gestürzt hatte.
Mir persönlich bleibt die Beerdigungsfeier auf dem Petersplatz unvergesslich, wo inmitten der halben Million Mitfeiernden plötzlich die Transparente mit den beiden Worten "Santo subito!" – "Heilig sofort!" –, hochgehalten wurden. Damit ist gemeint: "Sprechen wir ihn jetzt noch bei der Beerdigung selig und heilig!" Selig- und Heiligsprechungsprozesse sind eigentlich nur eine Bestätigung der Selig- und Heiligsprechungen durch das Volk Gottes. Das Volk Gottes hat damals das Signal gegeben, das von seinem Nachfolger Papst Benedikt XVI. aufgenommen wurde, indem er sofort den Seligsprechungsprozess einleiten ließ.
Wir haben Papst Johannes Paul II. nicht verloren. Er ist uns geblieben. Ich wiederhole und bezeuge das, was ich schon mehrmals gesagt habe: Meine letzte Begegnung mit dem Heiligen Vater war drei Wochen vor seinem Sterben in der Gemelli-Klinik, dort fragte er, ob wir noch auf ihn in Köln zum Weltjugendtag warten. Auf meine Antwort: "Wir warten mit innerer Gewissheit, dass Sie auch kommen!" – Und als ich ihn an der Hand fasste und sagte: "Ich lasse Sie erst los, wenn Sie mir versprechen: Ich komme!", lächelte der von Schmerzen gezeichnete Papst und sagte: "Ich komme, aber wie, das bestimmt Gott!" – Und er kam!
Wir hatten den ersten Weltjugendtag mit zwei Päpsten: einer von oben, vom Himmel her, der andere von unten her, von der Erde her. Und ihre Zusammenarbeit war perfekt, und das Ergebnis haben wir alle im August des vergangenen Jahres hier in Köln und in der ganzen Welt erlebt. Ich persönlich bin auch zutiefst überzeugt, dass er uns beigestanden ist im Konklave im April des vergangenen Jahres. Ich meine, in Papst Benedikt XVI. haben wir einen Zwillingsbruder von Johannes Paul II. erhalten.
Heiliger Vater Papst Johannes Paul II., steh vom Himmel her deiner und unserer geliebten Kirche weiterhin bei! Nimm dich besonders unserer Jugendlichen an und stärke deinen Nachfolger durch dein fürbittendes Gebet. Hilf uns, dass wir einmal wie du Krankheit und Sterben bewältigen in der österlichen Überzeugung, dass der Tod nicht Untergang, sondern Hinübergang ist in die unaussprechliche Herrlichkeit Gottes. Amen.