Das Feuer des Weltjugendtags neu entfachen
Jan 16, 2006
"Vergessen wir nicht unsere Gebetspflicht gegenüber unserem Heiligen Vater!"
KÖLN, 6. Januar 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die Joachim Kardinal Meisner in der Sylvesternacht 2005 im Kölner Dom gehalten hat. Dankbar ließ der Erzbischof das vergangene Jahr Revue passieren und ermutigte alle dazu, den kostbaren Schatz zu bewahren, den "die Jugend aus aller Welt in den Augusttagen hier nach Köln mitgebracht hat (…). Aber Feuer bewahrt man nicht, indem man es vergräbt, sondern indem man ihm neue Nahrung gibt, und das Feuer ruht und rastet nicht eher, bevor alles in Flammen steht."
In Köln habe sich in den Tagen des Weltjugendtages "eine junge Kirche mit einer inneren Vitalität gezeigt, die die Herzen vieler Menschen verwandelt hat. Wir haben allen Grund, an diesem Sylvesterabend 2005 Gott zu danken und zuversichtlich zu bitten, dass wir das Empfangene hochherzig und großzügig weiterleiten."
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Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Die Grundkategorien oder die Grunddaten unseres Lebens sind Raum und Zeit. Wir können uns ein Dasein ohne Raum und Zeit gar nicht vorstellen. Darum können wir auch nur schwer ermessen, was im Grunde die Menschwerdung Gottes bedeutet. Die Kirchenväter sagen, die zweite göttliche Person wird Mensch, indem sie ihre Ewigkeit beim Vater hinterlässt und die Grundkategorie Zeit des Menschen annimmt und indem sie ihre Allgegenwart beim Vater hinterlässt und die Grundkategorie Raum des Menschen annimmt. Gott ist also Mensch geworden, indem er in die Grundbefindlichkeiten des Menschen von Raum und Zeit eingestiegen ist.
Was Raum bedeutet, wird für uns leicht erfahrbar, wenn wir eine größere Reise unternehmen. Wir steigen von einem Lebensraum um in einen anderen und kehren eines Tages wieder zurück zu unserem ursprünglichen Lebensraum. Mit der Zeit ist das ein wenig schwieriger. Hier gibt es kein reales Zurück mehr in frühere Zeiten. Da hilft uns eigentlich der Sylvesterabend, wo es gleichsam mit der Zeit auf Messers Schneide steht: im Abschluss eines vergangenen Jahres und im Beginn eines neuen Jahres treffen Vergangenheit und Gegenwart spürbar zusammen, und Beides lässt sich nicht aufhalten oder beschleunigen. Wenn um Mitternacht dann die Glocken läuten, ist man der Meinung, man könne das fassen, was Zeit ist. Der Ablauf von Zeit ist aber kein harmloses Unternehmen.
Der deutsche Dichter Friedrich Rückert schreibt dazu in einem kleinen Gedicht:
"Nie stille steht die Zeit,
der Augenblick entschwebt,
und den du nicht benutzt, den hast du nicht gelebt.
Und auch du stehst nie still,
der Gleiche bist du nimmer,
und wer nicht besser wird, ist schon geworden schlimmer.
Wer einen Tag der Welt nicht nutzt,
hat ihr geschadet,
weil er versäumt, wozu ihn Gott mit Kraft begnadet."
Wir blicken am heutigen Abend zurück auf den Verlauf des letzten Jahres, das für uns in der Erzdiözese Köln, aber auch für die Weltkirche, mit einer großen geistlichen Fruchtbarkeit gesegnet war.
Wenn Gott nimmt, dann nie, um zu nehmen, sondern immer, um noch mehr zu geben. Das ist letztlich die Erfahrung, die wir beim Leiden und Sterben unseres großen und unvergesslichen Papstes Johannes Paul II. machen durften. Mir bleibt die letzte Begegnung mit ihm in dieser Welt, drei Wochen vor seinem Tod, in der Gemelli-Klinik unvergesslich. Man sah, dass der Papst schwere Schmerzen litt. Aber es kam keine Klage aus seinem Mund, sondern nur eine Frage, nämlich im Hinblick auf den Weltjugendtag: "Wartet ihr noch auf mich in Köln?" Dem Papst ist vom Herrn selbst der Auftrag zugeteilt: "Du aber stärke deine Brüder (und Schwestern)!" (Lk 22,32).
Der Heilige Vater spürte wohl sein baldiges Sterben und wollte meine Erwartung stärken, dass er auf jeden Fall beim Weltjugendtag dabei sein werde – wie auch immer. Und als er dann seine guten Augen auf dieser Welt für immer schloss, begann die intensivste Vorbereitung auf den Weltjugendtag, die wir uns gar nicht haben ausdenken können. Der tote Papst setzte Millionen Jugendlicher in allen Erdteilen in Bewegung, und sie kamen nach Rom, um von ihm Abschied zu nehmen, und sie kamen 19 Wochen später nach Köln, um sein Vermächtnis zu erfüllen.
Was sich in diesen drei Tagen der Aufbahrung des toten Papstes vor und in Sankt Peter ereignet hat, das weiß Gott allein. Der tote Papst ist zum Vermächtnis an eine Jugend und an eine Welt geworden, die Heimweh nach Gott, die Sehnsucht nach der göttlichen Vorsehung hat. Im Leben und Sterben dieses großen Papstes wurde den Menschen in allen Erdteilen dazu Inspiration und Orientierung geschenkt. Was hat uns Gott gegeben, als er uns Papst Johannes Paul II. genommen hat!
Dann kam das Konklave, das uns einen Papst geschenkt hat, der nicht nur unser Glaubensgenosse, sondern auch unser Landsmann ist. Er verkörpert die größtmögliche Kontinuität zu seinem großen Vorgänger. Und darum war es selbstverständlich, dass er – wie ein Testamentsvollstrecker – den noch von Papst Johannes Paul II. proklamierten Weltjugendtag in Köln durchgeführt hat. Und wir können nur für dieses unerwartete Geschenk vom 19. April 2005 danken und darüber staunen.
In den letzten Jahren habe ich manchmal bangen Herzens an den gedacht, der die Nachfolge des großen Papstes Johannes Paul II. antreten muss! Aber auch hier gilt: Der Mensch denkt und Gott lenkt. Und wie hat Gott gelenkt! Im Konklave hatte ich meinen Platz neben dem polnischen Primas Josef Glemp. Als wir vom Treueversprechen an unsere Plätze zurückkamen, weinte er vor Freude, dass wir diesen deutschen Bischof nun zum Papst haben, so wie ich beim Begräbnis von Johannes Paul II. weinte, dass wir diesen polnischen Bischof zum Papst hatten. Das ist Katholizität, die über aller Nationalität liegt. Ich hatte in meinem Leben noch nie das Wirken des Heiligen Geistes in so intensiver Weise erlebt, wie in den 2 Tagen des Konklaves. Und nach dem heiligen Augustinus geht der Anfang immer mit. Was wird Gott der Welt mit diesem Papst noch allen geben können!
Die Erzdiözese Köln war sich sehr bewusst, welche Gnade Gott mit dem neuen Papst der Kirche, aber besonders auch unserer Erzdiözese, geschenkt hat. Papst Benedikt XVI. war einige Jahre Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität in Bonn. Er war – wie wir wissen – Berater von Kardinal Frings beim Konzil, und er war regelmäßig aus verschiedenen Anlässen einmal pro Jahr in Köln auf Besuch, noch bis ins letzte Jahr hinein. Darum haben wir in Köln sicher den größten Dankgottesdienst nördlich der Alpen für das Geschenk des neuen Papstes feiern dürfen. Am Samstag, dem 30. April, waren dazu in unserer Domkirche 5.000 Gläubige versammelt mit 1.000 Chormitgliedern, um mit der Krönungsmesse von Mozart den Dankgottesdienst für die erfolgte Papstwahl zu feiern.
Mir wird dieser Gottesdienst unvergesslich bleiben. Bei meiner damaligen Ansprache erinnerte ich daran, dass bei der Wahl Johannes Paul II. 1978 der polnische Primas bei der Abschiedsaudienz dem Papst versprach: "Wenn wir wieder zu Hause in der Heimat sind, werden wir niederknien und für dich, Heiliger Vater, Löcher in die Steine beten." Und meine Frage lautete dann an die Kölner: "Wird denn Papst Benedikt XVI. auch bei uns, seinen Landsleuten, eine solche Gebetssolidarität finden?" Darauf erhoben sich die hier im Dom versammelten Gläubigen und applaudierten minutenlang. Ich habe dem Heiligen Vater eine Tonaufnahme von diesem Gottesdienst mit dem Hinweis übergeben: "Heiliger Vater, wenn es dir sehr schwer wird, dann höre dir diese CD aus Köln an, und du wirst wieder Mut finden, die Probleme der Weltkirche mutig in der Kraft der Gnade Gottes anzugehen." Vergessen wir nicht unsere Gebetspflicht gegenüber unserem Heiligen Vater!
In der langen und ehrwürdigen Geschichte unseres Erzbistums Köln war der Weltjugendtag sicher das größte und herausragendste Ereignis. Papst Johannes Paul II. hat daran gut getan, dass er Köln als Begegnungsort des XX. Weltjugendtages ausgewählt hatte. In der Weltkirche hat Köln einen guten Klang durch die jahrzehntelange materielle effektive Hilfe, gerade an den Orten, wo die Not am größten ist.
Ich selbst habe schon viele Weltjugendtage miterlebt. Manche waren quantitativ größer als der unsrige: Wenn ich etwa an die 5 Millionen Teilnehmer beim Abschlussgottesdienst in Manila denke oder an Rom mit 2 Millionen Teilnehmern. Aber unser Weltjugendtag war sicher mit einer der intensivsten. Auch quantitativ konnte sich Köln sehen lassen: Bei noch keinem Weltjugendtag waren 800 Bischöfe und 10.000 Priester präsent. Hier zeigte sich gleichsam der Genius loci unserer Stadt als eine uralte christliche Pilgerstätte der Weltkirche, in der die ersten Christuspilger der Welt, die Heiligen Drei Könige, ihre letzte irdische Ruhestätte gefunden haben. Vielleicht ist Ruhestätte hier wirklich die falsche Bezeichnung, und vielleicht sollte man hier lieber von einem geistlichen und magnetischen Anziehungspunkt sprechen. Denn eine Million junger Menschen aus aller Welt machten sich auf, um den Spuren dieser drei ersten Christuspilger zu folgen; um mit ihnen Christus zu suchen und zu finden und um zusammen mit ihnen vor ihm niederzufallen und ihn anzubeten.
Diese Kölner Tage im August waren von einer Jugend geprägt, die sich wieder niederknien konnte, um den Herrn anzubeten. Aus dieser Gebetshaltung erwuchs ihnen eine tiefe Glaubensfreude, die unsere Stadt und unser Land für einige Tage verwandelt hat. Hier haben uns erwachsene junge Menschen in einer überaus großen Anzahl weiterhin gezeigt, dass Beichten geht und wie Beichten geht und welche Frucht das Bußsakrament den Menschen gibt, nämlich eine tiefe Glaubensfreude, die vielleicht heute noch ein wenig bei uns in der Luft liegt.
Bei der im Oktober stattgefundenen Weltbischofssynode in Rom war das die einhellige Meinung der Synodenväter, dass es uns Älteren gut ansteht, bisweilen bei unserer Jugend in die Glaubensschule zu gehen, mit ihnen niederzuknien vor dem eucharistischen Herrn und wie sie niederzuknien vor dem Priester als Repräsentant Christi im Bußsakrament, um Vergebung und Gnade zu empfangen. Dann wird es auch uns an Glaubenstiefe und Glaubensfreude nicht fehlen. Junge Menschen sind dem Ursprung ihres Lebens, der Schöpferhand Gottes, noch viel näher verbunden als wir älteren. Und darum wissen sie oft viel ursprünglicher und elementarer, worin die Erfüllung menschlichen Lebens besteht.
Unserer Erzdiözese ist mit diesem Ereignis ein Vermächtnis gegeben, das nicht uns allein gehört, sondern unserem ganzen Vaterland, ja Europa und der Welt. Und wie unsere Domkirche mit dem Dreikönigsschrein das Ziel der Pilger im August dieses Jahres war, so soll auch unsere Solidarität mit den Not leidenden Ortskirchen in der Welt wachsen, und zwar über die materiellen Hilfen hinaus und hinein in die Dimension einer geistlich-spirituellen Verbundenheit. Wenn ich am letzten Abend dieses gesegneten Jahres ein persönliches Zeugnis ablegen darf, dann ist es wie die Bilanz eines Lebens: 43 Jahre als Priester und 31 Jahre als Bischof. Ich habe mir gesagt: "Wenn du jetzt sterben würdest, hätte es sich gelohnt, 72 Jahre über diese Erde gegangen zu sein!"
Uns gilt heute Abend das Wort des Apostels Paulus: "Löscht den Geist nicht aus!" (1 Thess 5,19). Was uns die Jugend aus aller Welt in den Augusttagen hier nach Köln mitgebracht hat, das sollen wir als kostbaren Schatz bewahren. Aber Feuer bewahrt man nicht, indem man es vergräbt, sondern indem man ihm neue Nahrung gibt, und das Feuer ruht und rastet nicht eher, bevor alles in Flammen steht. "Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen" (Lk 12,49). Allen Untergangspropheten in und außerhalb der Kirche zum Trotz, hat sich in Köln eine junge Kirche mit einer inneren Vitalität gezeigt, die die Herzen vieler Menschen verwandelt hat. Wir haben allen Grund, an diesem Sylvesterabend 2005 Gott zu danken und zuversichtlich zu bitten, dass wir das Empfangene hochherzig und großzügig weiterleiten. Wir dürfen somit hoffnungsvoll unserer Zukunft entgegengehen. Und ein jeder von uns darf sich selbst und allen seinen Schwestern und Brüdern sagen: "Gott kennt unser Gestern, schenken wir ihm nun unser Heute. Er sorgt dann für unser Morgen." Amen.