Joachim Cardinal Meisner Joachim Cardinal Meisner
Function:
Archbishop of Köln, Germany
Title:
Cardinal Priest of S Pudenziana
Birthdate:
Dec 25, 1933
Country:
Germany
Elevated:
Feb 02, 1983
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German Ansprache von Joachim Kardinal Meisner beim Journalistenempfang zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel am 8. September 2005
Sept 28, 2005
"Kann man neutral bleiben angesichts des in Köln Erlebten? Kann man unberührt bleiben von der Vision, die hier sichtbar wurde und die den 'ganz normalen Wahnsinn' unseres Alltags umso krasser kontrastierte?"

KÖLN, 8. September 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache von Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln, anlässlich des Journalistenempfangs zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, der am heutigen Donnerstag zum 36. Mal begangen wird. In Erinnerung an die unvergesslichen Eindrücke des Kölner Weltjugendtages bittet der 71-jährige Kardinal die Journalisten darum, auch in Zukunft "an einer weltweiten 'Zivilisation der Gerechtigkeit' mitzuarbeiten".

* * *

Sehr geehrte Damen und Herren,

drei Wochen nach dem Weltjugendtag stehen wir noch ganz unter den Eindrücken dieses großen Ereignisses. Die gelöste und heitere Stimmung, die besinnlichen Gottesdienste und Gebetszeiten und natürlich der Besuch unseres Heiligen Vaters Benedikt XVI. mit seinen bemerkenswerten Stationen stehen uns noch lebhaft vor Augen. Der Weltjugendtag in Köln hat eine ganz eigene Faszination ausgestrahlt. Sie hat auch viele Menschen berührt, die nicht unmittelbar dabei sein konnten. Selbst durch die Medien hat sich offenbar diese Strahlkraft vermittelt. Eine Woche lang standen Gebet, Glaube und Kirche in einem bisher nicht gekannten Ausmaß im Zentrum der Berichterstattung. Wie schon der Heimgang unseres verstorbenen Papstes Johannes Paul II., so entfaltete auch der Weltjugendtag mit Papst Benedikt XVI. in der öffentlichen Wahrnehmung eine besondere Wirkung. Er öffnete gleichsam eine Tür zu einem Lebensbereich, der in unserer Gesellschaft gewöhnlich der absoluten Privatsphäre zugerechnet wird: Der Glaube war wieder ein öffentliches Thema. Das ist in unserer Gesellschaft, zumal in den Medien, alles andere als selbstverständlich. Deshalb erwähne ich dies voll Dankbarkeit auch gleich zu Beginn. Und ich freue mich, dass ich heute die Gelegenheit habe, kurz nach dem Weltjugendtag mit Ihnen, den Vertretern der Medien, noch einmal auf dieses Ereignis zurückblicken zu können.

Der Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, den wir heute begehen, hat sein diesjähriges Thema noch von unserem großen verstorbenen Papst Johannes Paul II. erhalten. Es lautet: "Die Kommunikationsmittel im Dienst der Verständigung zwischen den Völkern". Als hätte der verstorbene Heilige Vater geahnt, was wir beim Weltjugendtag erleben durften! In seiner Botschaft zum heutigen Tag schreibt er: "Besonders Bilder haben die Macht, dauerhafte Eindrücke zu vermitteln und Verhalten zu formen." Und welche Bilder haben wir in den letzten Wochen aus Köln gesehen! Junge Menschen aller Sprachen, Hautfarben und Nationen, fröhlich feiernd und andächtig betend, gemeinsam unterwegs auf Pilgerschaft, "gekommen, IHN anzubeten" (Mt 2,2), auf der Suche nach einem tragfähigen Sinn für ihr Leben und für die Zukunft. Ein Fest des Glaubens voll ernsthaftem Tiefsinn und gleichzeitig von geradezu ansteckender Fröhlichkeit.

1. "Das ist nicht normal", so lautete der ungläubige Kommentar vieler erstaunter Beobachter. Und tatsächlich, "normal" ist in unserer Welt ein solches Friedensfest leider nicht. Es ist "nicht normal", dass sich Menschen aus 193 Nationen friedlich treffen. Es ist "nicht normal", dass eine Million Menschen unter freiem Himmel zusammenkommen, um Gottesdienst zu feiern. Es ist "nicht normal", dass Hunderttausende die Mühen der Pilgerschaft geduldig auf sich nehmen. Glaubensfest, Pilgerfahrt, friedliche Feier und Verständigung über Sprachen und Nationen hinweg: all das ist offenbar so ungewöhnlich, dass sich ganz neu die Frage aufdrängt: Was ist denn "normal" in unserer Welt? Haben wir uns nicht schon zu sehr an die "Normalität" von Gewalt und Hass, von Gottes- und Menschenverachtung gewöhnt – bis hin zur Perversion von Terror und Gewalt, "die aus angeblich religiösen Motiven verübt wird", so Bundespräsident Horst Köhler bei der Begrüßung des Heiligen Vaters? Papst Benedikt XVI. legte den Finger in die Wunde, als er auf dem Marienfeld sagte: "Heute gibt es in großen Teilen der Welt eine merkwürdige Gottvergessenheit. Es scheint auch ohne ihn zu gehen. Aber zugleich gibt es auch ein Gefühl der Frustration, der Unzufriedenheit an allem und mit allem: Das kann doch nicht das Leben sein!"

2. Vor drei Wochen hatten wir das Glück, eine Wirklichkeit gewordene Vision erleben zu dürfen. Viele, auch in den Medien, sprachen von einem Wunder. Der Weltjugendtag hat Köln verändert. Die Stadt war wieder Pilgerziel; sie konnte für einige Tage ihren bloßen Zweck als Einkaufsparadies oder Touristenattraktion abstreifen. Einladend standen Tag und Nacht die Kirchen offen und waren immer auch voller Beter. Das "heilige Köln" bekam ein Gesicht, oder besser: Es bekam die Gesichter der hunderttausendköpfigen Pilgerschar. Ihrem sprichwörtlichen "jugendlichen Leichtsinn" musste jede Schwermut weichen. Sogar die traurige Nachricht von der Ermordung von Frère Roger wandelte sich in eine tiefe Dankbarkeit für diesen großen Zeugen des Evangeliums, der unzähligen jungen Menschen so viel bedeutet hatte. Die Innigkeit der Gottesdienste, der Beichtgespräche und des stillen Anbetens strahlte durch die Gesichter der Jugendlichen aus auf alle, die ihnen begegneten. Und selbst die überall geschwenkten Nationalflaggen – sonst Hoheitszeichen und nicht selten demonstrative Machtsymbole – verwandelten sich in den Händen der Pilger zum dankbaren Signal: "Seht, auch wir sind hier, selbst von weit her!" Das Wort vom "pilgernden Gottesvolk", von dem das Zweite Vatikanische Konzil spricht (LG 48), und die alttestamentliche Vision der "Völkerwallfahrt" (vgl. Jes 2, 3f), beides war in Köln erlebbar.

Und die Pilgerschaft hatte ein Ziel: Zunächst den Dreikönigsschrein im Dom, auf den Spuren der ersten Christuspilger; schließlich aber die gemeinsame Eucharistie auf dem Marienfeld, in der sich buchstäblich alle Welt um den Tisch des Herrn versammelte. Köln erlebte einen Ausnahmezustand ganz besonderer Art. Und diese Ausnahme von der Regel zeigte umso krasser, wie unnormal, ja inhuman unser Alltag in der Regel ist.

3. Welche Konsequenzen müssen wir daraus ziehen? Sind die Erfahrungen des Weltjugendtages nichts weiter als eine bald vergessene Hochstimmung, ein Strohfeuer? Papst Benedikt XVI. hat bei seiner Begegnung mit uns deutschen Bischöfen am 21. August gesagt: Der Weltjugendtag "lädt uns ein, unseren Blick in die Zukunft zu richten. Die Jugendlichen sind für die Kirche und insbesondere für die Hirten, die Eltern und Erzieher ein lebendiger Aufruf zum Glauben und zur Hoffnung." Und weiter sagte er: "Das bedeutet, zukunftsoffene Kirche zu sein, als solche reich an Verheißungen für die nachwachsenden Generationen. Die jungen Leute suchen nämlich keine künstlich sich jung gebende Kirche, sondern eine Kirche, die jung ist im Geist, eine Kirche, die Christus, den neuen Menschen, durchscheinen lässt."

Der Papst macht dabei immer wieder deutlich, dass er den Jugendlichen nicht nur viel zumutet, sondern noch mehr zutraut. Er knüpft an seinen großen Vorgänger an, der die jungen Leute "Baumeister einer Zivilisation der Gerechtigkeit" und "die Wächter des Morgens" genannt hat. Damit stößt der Papst bei den jungen Menschen auf große Resonanz, das bedeutet: Er bringt in ihnen etwas zum Klingen. Denn Jugendliche sind der Schöpferhand Gottes immer näher als wir Erwachsenen. Sie sind deshalb auch "radikaler" im Wortsinn: den Wurzeln näher. Von daher kommen auch ihre Begeisterung und ihr Elan im Einsatz für mehr Gerechtigkeit in der Welt. Diese Begeisterung vermittelte sich beim Weltjugendtag auch über die Medien. Sie ergriff scheinbar unwillkürlich auch jene, für die kühle Distanziertheit zum Berufsethos gehört, die Journalisten. Aber kann man neutral bleiben angesichts des in Köln Erlebten? Kann man unberührt bleiben von der Vision, die hier sichtbar wurde und die den "ganz normalen Wahnsinn" unseres Alltags umso krasser kontrastierte?

Vor diesem Hintergrund steht die Bitte des verstorbenen Papstes, "dass die Männer und Frauen in den Medien ihren Teil dazu leisten, die trennenden Mauern der Feindschaft in unserer Welt einzureißen, jene Mauern, die Völker und Nationen voneinander trennen und dabei Missverstehen und Misstrauen nähren." Und an anderer Stelle schreibt Johannes Paul II. in seiner Botschaft zum diesjährigen Welttag der sozialen Kommunikationsmittel: "In der Tat haben die Medien ein großes Potenzial, Frieden und Brückenschläge zwischen den Völkern zu fördern sowie den fatalen Kreislauf von Gewalt, Unterdrückung und erneuter Gewalt, der heute so weit verbreitet ist, zu durchbrechen." Die Erfahrungen des Weltjugendtags machen uns Hoffnung. Ich bitte Sie, auch in Zukunft mit Ihren Möglichkeiten an einer weltweiten "Zivilisation der Gerechtigkeit" mitzuarbeiten.
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