Der psychisch kranke Mensch, wahres Abbild Gottes
Mar 15, 2006
Ansprache des Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Krankendienst zum Welttag der Kranken 2006
ROM, 13. März 2006 (Zenit.org).- Wir veröffentlichen einen Auszug aus der Ansprache, die Kardinal Javier Lozano Barragán, Präsident des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Krankendienst, anlässlich des XIV. Welttags der Kranken 2006 in der australischen Stadt Adelaide gehalten hat.
Der Welttag der Kranken wird jedes Jahr am 11. Februar, dem Gedenktag Unserer Lieben Frau von Lourdes (Frankreich), begangen. Diesmal war er den psychisch und geistig Kranken gewidmet, denen man auf ganz besondere Weise "das liebevolle Erbarmen und die Fürsorge des Herrn" bezeugen soll (vgl. Botschaft Benedikts XVI. zum XIV. Welttag der Kranken).
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Ist der psychisch Kranke ein entstelltes Abbild Gottes?
Einige Daten zur psychischen Krankheiten
1. Die gegenwärtige Lage
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es weltweit 450 Millionen Menschen, die an neurologischen oder geistigen Verhaltensstörungen leiden. 873.000 von ihnen begehen jedes Jahr Selbstmord. Psychische Erkrankungen stellen einen echten gesundheitlichen und gesellschaftlichen Notstand dar.
25 Prozent aller Nationen besitzen keine Gesetze zur psychischen Gesundheit, 41 Prozent haben diesbezüglich keine festgeschriebenen Richtlinien; in mehr als 25 Prozent aller Gesundheitseinrichtungen haben Patienten keinen Zugang zu einer elementaren psychiatrischen Behandlung; 70 Prozent der Weltbevölkerung muss damit leben, dass es auf einen einzigen Psychiater mehr als 100.000 Menschen kommen.
Was die Behandlung psychischer Erkrankungen anbelangt, so kann man mit Recht behaupten, dass in den vergangenen 50 Jahren große Fortschritte erzielt worden sind. Dies zeigen etwa die Fortschritte auf technologischem Gebiet, bei der Entwicklung von Medikamenten für Psychosen und Neurosen. Diese Medikamente haben die Lebensqualität der psychisch Kranken beträchtlich verbessert.
Trotzdem ist es mit der Hilfe für psychisch Kranke nicht sehr gut bestellt, da es an der Finanzierung und am Verständnis der Behörden mangelt. Schwerwiegend ist auch die gesellschaftliche Stigmatisierung der Patienten und ihrer Angehörigen. All dies hat sich in vielen Ländern negativ auf das Sozialnetz für diese Kranken ausgewirkt.
Die Zahl der "im Stich gelassenen" psychisch Kranken hat in den reichen Ländern sehr zugenommen. Es ist besorgniserregend zu sehen, dass schwere psychische Störungen nur auf einem rein bürokratischen und juristischen Weg oder mittels gesetzlichen Bestimmungen gelöst beziehungsweise angegangen werden, ohne im Geringsten auf die täglichen Bedürfnisse und die Lebensqualität der Kranken und ihrer Familien einzugehen.
Psychische Krankheiten befallen häufiger den ärmeren, kulturell und bildungsmäßig schlechter gestellten Teil der Bevölkerung. Millionen von Menschen müssen an Leib und Seele die psychischen Folgen von Unterernährung, bewaffneten Konflikten oder Naturkatastrophen erleiden.
Was kann man tun?
1. Psychische Krankheit im christlichen Denken
Im christlichen Denken gelten diese schweren psychischen Krankheiten als beklagenswerter Zustand, gleichsam als eine Entstellung des Bildes Gottes, was mit dem Leiden des Gottesknechts bei Jesaja (53,1-7) verglichen wird. Aber neben dieser Erniedrigung oder vielmehr gerade wegen ihr gleicht der psychisch Kranke unserem Herrn am Kreuz. Und da ja das Kreuz der einzige Weg zur Auferstehung ist, steht der psychisch kranke Mensch sozusagen auf einer höheren Stufe und ist "würdiger"; er erreicht einen solchen Tugendgrad, weil seine Liebe so groß ist, weil er so viel leiden muss.
2. Ist er ein entstelltes Abbild Gottes?
Wenn das eben Gesagte wahr ist, möchte ich einen Schritt weiter gehen und eine gewagte Feststellung machen, die vom Standpunkt der Moraltheologie her Licht auf diese Frage werfen könnte. Die Feststellung lautet: Der psychisch kranke Mensch ist nicht ein entstelltes, sondern vielmehr ein wahres Abbild Gottes, unseres Herrn.
Diese Feststellung findet intuitiv im Gedanken unseres Herrn ihre Bestätigung, wenn er sagt: "Das Reich Gottes ist in euch" (Lk 17,21). "Was aus dem Mund ausgeht, kommt aus dem Herzen, und dies macht den Menschen unrein" (Mt 15,18). "Denn aus dem Herzen gehen schändliche Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut, Unverstand hervor. Alle diese Übel kommen von innen, und sie machen den Menschen unrein" (Mk 7,20).
Das Reich Gottes die Gegenwart der Heiligsten Dreifaltigkeit in jedem von uns kann in unserem Herzen gefunden werden. Unter "Herz" verstehe ich jenen Ort, an dem unsere Entscheidungen im Letzten getroffen werden Entscheidungen, die unsere ganze Existenz prägen, also nicht allein jene Entscheidung, die wir oben als die grundlegende Option definiert haben, sondern auch alles, was zu dieser Entscheidung dazugehört, inklusive all der Taten, die wir vollbringen, um sie umzusetzen. In anderen Worten: Das Herz steht für die gesamte Dynamik, mit der wir dem Auftrag dienen, den uns Gott anvertraut hat.
Das Reich Gottes betrifft unser liebendes Erkennen und jene Entscheidung, die wir im Innersten unserer Seele getroffen haben, die dann aus der Kraft des Heiligen Geistes heraus verwirklicht wird, der uns, die wir Kinder Gottes sind, an der Hand nimmt, sowie aus der vollkommenen Mitwirkung, die unserer gesamten Existenz Gestalt verleiht wie es dem Gesetz Gottes entspricht. Wollen wir uns vom Reich Gottes lösen, brauchen wir ein Herz voller Bosheit wie jenes Herz, auf das sich unser Herr, Jesus Christus, bezieht, und aus dem alle Sünden hervorgehen.
3. Wahres Abbild Gottes
Wenn daher die psychische Krankheit bereits eine solche Störung verursacht hat, dass dem Kranken jegliche Zurechnungsfähigkeit für seine Handlungen genommen ist, so kann der psychisch Kranke nie von Gott getrennt sein selbst dann nicht, wenn seine Handlungen als Trennung vom göttlichen Willen, das heißt als Sünde bewertet würden.
In anderen Worten: Das Bild Gottes in ihm kann nicht entstellt werden, denn in einem solchen Fall reichen seine Erkenntnis und seine willentliche Entscheidung nicht aus, um ihn zu irgendeiner menschlichen Handlung zu veranlassen, die ihn von Gott trennen könnte. Sein körperlicher und seelischer Zustand erlauben es ihm nicht, eine schwere Sünde zu begehen, da er in seinem Zustand der Unausgeglichenheit nicht die volle Erkenntnis und Zustimmungsfähigkeit besitzt, die nötig ist, um zu sündigen.
Wenn wir uns dem Thema von diesem Gesichtspunkt aus nähern dass der psychisch Kranke nicht die Erkenntnis beziehungsweise die Fähigkeit zur Zustimmung hat, die erforderlich ist, um eine Todsünde zu begehen , dann trifft es nicht zu, dass er ein entstelltes Abbild Gottes ist, da dieses Bild nur von der Sünde entstellt werden kann. Sicherlich handelt es sich um ein leidendes Bild Gottes, aber nicht um ein entstelltes Bild. Es handelt sich um ist eine Widerspiegelung des Geheimnisses des siegreichen Kreuzes des Herrn. Inspiriert von dem Bild des leidenden Gottesknechts (vgl. Jes 53,1-7), werden wir im Umgang mit einem solchen Kranken zu einem bewussten Akt des Glaubens an den leidenden Christus hingeführt.
Es ist kein Zufall, dass in der alten mexikanischen Volkssprache der Verrückte "Bandito" genannt wurde, also der "Gesegnete" [ ]. Da er nicht imstande war, seine Vernunft im vollen Maße zu gebrauchen, war er unfähig zu sündigen und somit für das ewige Leben bestimmt.
Es ist zwar wahr, dass im Geisteskranken die objektive Unordnung, die durch die Sünde und ihre Folgen entstanden ist, offenbar wird; gleichzeitig jedoch bleibt in ihm das Gleichgewicht der einzig möglichen Ordnung bestehen, jene Ordnung und jenes Gleichgewicht, das aus der Erlösung hervorgeht.
Mit rein weltlichen Maßstäben ist das alles nicht zu verstehen; es ist nur im Kontext des christlichen Optimismus zu verstehen, der Frucht eines wohl durchdachten Glaubens. Dieser Glaube zeigt uns, auf welche Weise unsere Verpflichtungen gegenüber dem psychisch Kranken einerseits unserer christlichen Pflicht Genüge tun, im Armen und Notleidenden den leidenden Christus zu sehen, und auf welche Weise wir andererseits in diesem Kranken die Liebe Gottes erkennen können, der diesen Kranken als seinen Auserwählten gezeichnet hat, in dem Sinne, dass er nicht von ihm getrennt werden kann.
Dieser Mensch ist daher ein Zeugnis für die gekreuzigte Liebe Gottes. Und das Beste, was wir tun können, ist, ihn liebevoll zu behandeln. Da der psychisch kranke Mensch nicht nur Abbild des leidenden, sondern auch des auferstandenen Christus ist, sind wir dazu verpflichtet, der "barmherzige Samariter" zu sein, das heißt für alles zu sorgen, was er braucht.
Es müssen Behandlungen gefunden werden, dank derer diese Menschen aus ihrer Lähmung herausgeführt werden können, die umso qualvoller ist, je tiefer ihr seelisches Leiden ist. Tatsächlich verlieren diese Kranken oft das Bewusstsein für jede menschliche Beziehungen. Sie fühlen sich in einer feindseligen Umwelt verfolgt, oder aber ihre Wahrnehmung für die Menschen, die sie umgeben, schwindet dermaßen, so dass sie diese für bloße Objekten halten; oder ihnen werden die Menschen gleichgültig, oder sie erleben sie tatsächlich als echte Gefahr.
4. Behandlung von psychisch Kranken
Die Behandlung eines psychisch Kranken sollte von liebender Sorge, Zärtlichkeit und Freundlichkeit geprägt sein. Damit hilft man ihm, in dieser eingebildeten Welt, die von ihm als feindlich wahrgenommen wird und in der er oft zu ertrinken droht, zu Rande zu kommen.
Die Behandlung, die persönlich und von kompetent sein sollte, erfordert auch ein Höchstmaß an Sorgfalt bei der Verschreibung der jeweiligen Behandlungsmethoden sowie der geeigneten Medikamenten. Sie wird sich aller Hilfsmittel bedienen, die die Wissenschaft zur Verfügung stellt, seien es nun medizinische und technologische Fachkenntnisse oder Errungenschaften der Forschung, die sich immer weiterentwickelt und nach Medikamenten sucht, die vom psychosomatischen Standpunkt aus am angemessensten erscheinen.
Leitlinien für die Praxis
Erlauben Sie mir, in diesem Zusammenhang einige Richtlinien zu formulieren, die dazu dienen können, den psychisch Kranken eine liebevolle Betreuung zukommen zu lassen:
Allgemeine vorbeugende und helfende Maßnahmen:
-- In den Bildungssystemen solide religiöse Grundlagen einführen, die dem Menschen helfen, sich klare und dauerhafte Perspektiven zu erarbeiten, denen man ein ganzes Leben lang folgen kann.
-- Sich des Wertesystems bewusst sein, das dem ganzen menschlichen Leben zugrunde liegt, und darauf Bezug nehmen insbesondere wenn es darum geht zu vermeiden, dass die psychische Krankheit mit Angst, Traurigkeit und Verzweiflung erlebt wird.
-- Gegen den Relativismus, den Konsumismus und der Pseudokultur, die den Instinkten die Oberhoheit einräumt, sowie dem Pansexualismus ankämpfen.
-- Für die Würde der psychisch Kranken eintreten.
-- Günstige Bedingungen für eine gesunde Entwicklung im Kindesalter schaffen, zu der auch die Entfaltung der Gehirntätigkeit gehört.
-- Bewusstseinsbildende Lernprogramme entwickeln, damit die Gesellschaft in der Lage ist, sich über psychische Erkrankungen zu informieren und ihnen vorzubeugen.
-- Jene religiösen Orden und Kongregationen, deren Charisma gerade darin besteht, sich der psychisch Kranken anzunehmen, dazu ermutigen, in ihrem Einsatz nicht nachzulassen und sich dieser Menschen angesichts der besonderen Notlage, die diese Art Erkrankung darstellt, besonders zu widmen.
-- Diesen Kranken, soweit es geht, durch die Spendung der Sakramente helfen.
-- Den psychisch Kranken durch das Wort Gottes Trost schenken und sie unterweisen, sofern es ihr geistiger und physischer Zustand zulässt.
-- Sich vor Augen halten, dass die Resozialisierung eines psychisch Kranken Aufgabe der gesamten Gesellschaft ist, und dass die Solidarität besonders all jenen gelten muss, die am meisten in Not sind.
-- Eine soziale und materielle Umgebung fördern, die menschliche Beziehungen begünstigt, und dafür sorgen, dass die psychisch Kranken ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer konkreten Gemeinschaft haben können.
Fazit
Ich möchte meine Betrachtung mit der Erinnerung an den Satz "Infirmis sicut Christo" "Dem Kranken so wie Christus [begegnen]" schließen, der am Türsturz eines deutschen Krankenhauses eingraviert ist. Noch einmal möchte ich auf dieses Bild Christi verweisen, der in der Tiefe seiner Seele leidet und von Schmerzen und Betrübnis erfüllt ist. Aber diese schlimme Qual verwandelt er in eine Quelle des Lebens, da seine Schmerzen und sein Leiden den Wesenskern seiner Auferstehung ausmachen und damit unsere Erlösung bewirken.
An der Art, wie wir mit psychisch Kranken umgehen, zeigt sich, ob unser Glaube echt ist. Diese Menschen angemessen und erfolgreich zu behandeln, ist ein Bekenntnis unseres Glaubens an den leidenden und zermürbten Christus, aber auch an den siegreichen Christus. Das ist der Sinn der heutigen Feier des Welttags der Kranken, der den psychisch Kranken gewidmet ist.
[ZENIT-Übersetzung des vom Päpstlichen Rat für die Pastoral im Krankendienst zur Verfügung gestellten englischen Originals]