Erste Schreie im Landratsamt
Mar 26, 2008
Walter Kardinal Kasper besuchte gestern seine Geburtsstadt Heidenheim.
(hnp-online.de, 26.3.08) Ein typischeres Wetter hätte sich Walter Kardinal Kasper für seine Visite auf der rauen Ostalb kaum aussuchen können: Pünktlich zum ersten Besuch nach langer Zeit in seiner Geburtsstadt fegte gestern Vormittag ein heftiger Schneesturm über Heidenheim hinweg.
Ein gewaltiges Tempo erforderte auch das Besuchsprogramm, das sich Kasper vorgenommen hatte. Immerhin galt es, drei unterschiedliche Anlässe terminlich unter einen Hut zu bringen. Zum einen blickt die katholische Mariengemeinde heuer auf eine 125-jährige Geschichte zurück, zum anderen gibt es das Ökumenische Gemeindezentrum im Mittelrain seit mittlerweile zwei Jahrzehnten.
Und zudem kam Kasper fast auf den Tag genau vor 75 Jahren in Heidenheim zur Welt, weshalb ihn der erste Teil seiner Visite auch in jenen Raum führte, in dem am 5. März 1933 alles begann: Wo heute der Schreibtisch von Landrat Hermann Mader steht, befand sich seinerzeit ein Teil des Kreißsaals des alten Krankenhauses und somit auch Kaspers Wiege.
Kasper zeigte sich im Kreise etlicher geladener Gäste amüsiert darüber, „dass wir jetzt in dem Raum stehen, in dem ich einst die ersten Schreie getan habe“. Dass dieses Ereignis mit der letzten demokratischen Wahl vor dem Zweiten Weltkrieg zusammenfiel, „lieferte meiner Mutter den unwiderlegbaren Beweis, nicht für Hitler gestimmt zu haben. Sie konnte glaubhaft sagen, an dem Tag verhindert gewesen zu sein.“
Mader sprach angesichts des prominenten und wie stets ohne Personenschutz angereisten Gastes von einem großen Tag für den Landkreis. Die Heidenheimer dürften mit Stolz sagen: „Das ist einer von uns.“ Damit Kasper ein Stückchen Heimat mit nach Rom nehmen konnte, erhielt er eine Replik des weltberühmten Lonetal-Pferdchens. Mader gab dem Kardinal damit den Beleg in die Hand, „dass bei uns einst der kulturelle Urknall stattfand“.
Gleichzeitig versäumte es der Landrat nicht, aus Sicht eines Landkreises mit nach wie vor hoher Arbeitslosigkeit die Rolle der Kirche „als Mahnerin auch für den sozialen Frieden“ zu betonen. Da Kasper ein Mann sei, dessen Stimme gehört werde, schilderte er ihm einige Probleme des „teilweise künstlich hochgehaltenen“ Arbeitsmarktes. Wenngleich sich die Situation in der jüngeren Vergangenheit deutlich gebessert habe, bereiteten die vielen Langzeitarbeitslosen und bei Zeitarbeitsfirmen Beschäftigten Sorge.
Kasper versicherte, der Einsatz für soziale Gerechtigkeit bleibe eine der wichtigsten Aufgaben der Kirche. Daneben komme ihr die wichtige Aufgabe zu, „klarzumachen, dass nach einer längeren Geschichte Versöhnungen und Neuanfänge möglich sind“. So habe er als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, in dessen Zuständigkeitsbereich auch der Dialog der Katholischen Kirche mit dem Judentum fällt, in seinem Leben viele schöne Begegnungen mit Juden erlebt und zahlreiche Freundschaften geschlossen.
Jungen Menschen müsse immer wieder verdeutlicht werden, wie wertvoll es sei, in einem geordneten Staatswesen leben zu können, sagte der Kardinal. Den Kirchen komme die stete Aufgabe zu, Zeichen des Friedens und der Versöhnung zu setzen, insofern seien sie „der älteste Global Player der Welt“.
Mit einem entschiedenen Ja reagierte Kasper auf die Feststellung des evangelischen Dekans Dr. Karl-Heinz Schlaudraff, im Sinne der Ökumene dürfe „unser Reden über Gott kein Tabu sein“. Als Beleg führte Schlaudraff an, er habe sich als Student vor 28 Jahren mittels eines von Kasper verfassten Buches auf sein theologisches Examen vorbereitet (die berufliche Vita Kaspers ist in einem Extra-Artikel auf Seite 11 unserer heutigen Ausgabe beschrieben). Ein weiteres Willkommenswort sprach der katholische Dekan Stefan Cammerer.
Nachdem das Ökumenische Gemeindezentrum im Mittelrain Schauplatz eines Mittagsgebets und eines gemeinsamen Essens gewesen war, trug sich Kasper bei einem Empfang im Rathaus wie zuvor schon im Landratsamt ins Goldene Buch ein. Dabei würdigte Oberbürgermeister Bernhard Ilg Kasper als Vorbild, denn Dialog, Freundschaft, Einfühlung und Verständnis für andere Kulturen und Andersdenkende seien ein lebenslanger Prozess, der die Menschen verbinde.
Kasper lebe vor, so Ilg, „wie man sich mit Respekt und ehrlichem Interesse begegnet, wie man Gemeinsamkeiten herausarbeitet und wie man im offenen Dialog den Weg zur Einheit in Vielfalt beschreitet“. Kaspers Humor und sein ehrliches Herz für die Nöte der Menschen seien Schlüssel, um auf dem Weg der Ökumene immer wieder ein Schrittchen vorwärts zu kommen. Mit einer Spende für die Kardinal-Walter-Kasper-Stiftung verknüpfte Ilg den Wunsch, dass die gelebte Einheit der Christen als Ziel des Lebenswerks Kaspers eines Tages erreicht werde.
Im Anschluss an eine Eucharistiefeier in der Marienkirche sprach Kasper abends im Konzerthaus zum Thema „Im Auftrag des Evangeliums – Ökumenische Herausforderungen in Kirche und Gesellschaft“.